Mittagsschlaf mit Murmeltier

Erstaunliche Beziehungsgeschichten zwischen Tier und Mensch
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. April 2021
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43852-0 (ISBN)
 
Echt wahr: ein tierisches Lesevergnügen

Ein Murmeltier, das in der Hütte einer Alphirtenfamilie ein- und ausgeht und es sich den Sommer über im Federkissen auf dem Kanapee bequem macht; ein Pferd, das seinem Reiter eine Lektion in Sachen Selbstvertrauen erteilt; der hässliche Waldrapp, der mit seiner inneren Schönheit das Herz eines Vogelschützers erobert - Jürgen Teipel hat berührende, skurrile und verblüffende Geschichten zusammengetragen, die allesamt zeigen, welch ausgeprägte Persönlichkeiten in Tieren stecken und wie nah sie uns in ihrem Empfinden sind. Trauer und Schmerz, Liebe und Eifersucht, Angst und Mut gibt es bei ihnen genauso wie bei uns Menschen. Kein Wunder, dass wir sie als Lebensbegleiter und Verbündete wahrnehmen. Um nicht zu sagen: als Glücksbringer.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Format: EPUB
  • 3,64 MB
978-3-423-43852-0 (9783423438520)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jürgen Teipel, geboren 1961, kam 1980 durch die Herausgabe einer Punk-Zeitschrift zum kreativen Schreiben. Das Zuhören lernte er als Journalist, vor allem für >Frankfurter Rundschau<, >Spiegel<, >Rolling Stone< und die >Weltwoche< aus Zürich - was 2001 zu >Verschwende Deine Jugend< führte. Dieser Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave wurde zum Bestseller und Auslöser eines Punk-Revivals. Seitdem gibt er mit seinen Büchern den unterschiedlichsten Menschen eine Stimme; zuletzt in dem von der Presse gefeierten Tiergeschichtenband >Unsere unbekannte Familie<. Der Autor lebt am Ammersee im Alpenvorland. Besuchen Sie seine Webseite zu >Mittagsschlaf mit Murmeltier<.

Glücksklee


Erzählt von René Nebas, Buchloe/Ostallgäu

Das Ganze war ne echte Schnapsidee von mir. Meine Frau hatte das Kostüm für die hiesige Faschingskönigin gemacht. Und dann waren wir hier bei der Eröffnung von diesem Faschingsball mit einem Freund beim Schnapstrinken und ich denk: »Jetzt könnte ich mir hier draußen« - wir waren drei Jahre zuvor aus München hergezogen - »doch auch mal ganz was anderes halten als den üblichen Hund.« Und unser Freund hat halt jemanden gekannt, der Hängebauchschweine gezüchtet hat.

Ein paar Tage später bin ich zu dem Stall von diesem Züchter gefahren - und war erst mal ganz schön betroffen. Die Schweine hatten's echt nicht schön da. Enge Verschläge, in die sie gerade mal so reinpassten. Die wurden gehalten, damit sie geschlachtet werden. Punkt! Das war ganz klar. Die sind am Spieß gelandet. Das waren Spanferkel.

Jetzt lag dieser Stall aber in einer Gegend, in der viele Wildschweine unterwegs waren. Und eines der Hängebauchschweine hatte Junge von einem Wildschwein-Eber gekriegt. Mischlinge also. Mit längeren Schnauzen als reine Hängebauchschweine. Und ganz kurzen Beinen. Aus diesem Wurf holte ich mir ein wirklich winziges und superfreches Schweinchen. Wutz. Bis dahin hab ich gar nicht so viel Erfahrung mit Tieren gehabt - musste mich jetzt also richtiggehend reinschaffen in die Materie. Weil, es gibt ja auch keine Erziehungsanleitung für Schweine. Das hat lange gedauert, bis ich mir ihr Vertrauen erarbeitet hatte. Die hat sich am Anfang sehr zurückgezogen. Das war, warum auch immer, so eine Art Grundscheu dem Menschen gegenüber. Immerhin durfte ich ihr was zu essen geben. Aber danach war's gleich wieder so: »Okay, und jetzt hau ab.« Das brachte sie mit einer derartigen Bestimmtheit rüber - ich hab einen Riesenrespekt bekommen vor dieser Instinktschlauheit, die sie an den Tag gelegt hat.

Oder, ähnliche Situation: Kohl oder Pilze mochte sie überhaupt nicht. Das wurde beschnuppert: »Nee!« Ich dacht' mir oft: »Mann, das ist doch lecker! Das kannst du doch mal probieren!« Aber da war nichts zu machen. Da hat sie ihren eigenen Kopf gehabt. Total. Und sie war auch in keiner Weise unterwürfig. Noch dazu hat sie ganz schnell gecheckt, wo meine eigenen Unsicherheiten waren. Die hat mich echt getestet. Zum Beispiel wollte ich unseren Garten ja auch zu ihrer Heimat machen. Zu ihrem Revier - in dem sie sich frei bewegen kann. Aber sie hat ständig alles aufgewühlt. Klar. Aber ich hatte halt erst kurz zuvor jeden einzelnen Baum, jeden Strauch, jedes einzelne Pflänzchen, das hier steht, selber eingepflanzt. Da war ich mit ihr echt oft am Rand des Wahnsinns. Es hat einfach nicht funktioniert. Dann hab ich gesagt: »Okay, wenn das nicht aufhört, kann ich dich nicht mehr laufen lassen. Dann muss ich dich einsperren. Obwohl ich das gar nicht will. Das musst du jetzt endlich checken, verdammte Scheiße!«

Im Grunde ging es da um ne klare Ansage: Da ist die Grenze! Und zwar ne richtige Grenze. Das ist mir teilweise schwergefallen. Auch wegen dieser romantischen, naiven, manchmal auch einfach dummen Sicht auf Tiere, zu der viele Menschen neigen. Bis mir klar wurde: Schweine brauchen das! Die gehen ja teilweise ganz schön ruppig miteinander um. Hier am Lech gibt's einen Wildpark, in dem ich das öfter beobachten konnte. Das ist fast archaisch. Als Mensch rempelst du einen nervigen Zeitgenossen nicht einfach aus dem Weg. Schweine tun genau das. Und akzeptieren auch nur das. Die können ja nicht sagen: »Hier ist mein Platz! Schluss! Punkt!« Also stellen sie Körperkontakt her. Aber dann ist' auch wieder gut. Das hat eine große Eindeutigkeit und Klarheit. In der Rotte gibt es nichts, was unterschwellig oder hintenrum eine Rolle spielt. Und deswegen ist das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Schweinen elementar. In der Rotte sind die unschlagbar. - Was dann auch ein wesentlicher Faktor in der Beziehung zwischen der Wutz und mir gewesen ist. Ich war in gewisser Weise ihre Rotte. Und sie war meine. Natürlich gab's für mich immer noch meine Familie. Ich bin ja kein isolierter Mensch. Aber sie und ich waren eine eigene Gemeinschaft.

Wichtig war da auch das gemeinsame Spazierengehen. Heute ist hier alles zugebaut. Aber damals konnte man noch vom Garten aus über einen Trampelpfad auf die Weide gehen. Da kam sie dann hinter mir hergelaufen. Und die Katze hintendrein. Das war oft wie so ne kleine Prozession.

Rückblickend war das vielleicht eine meiner glücklichsten Zeiten im Leben. Wir haben uns ins Gras gelegt. Ich konnte Gras und Erde riechen. Es war alles sehr sinnlich. Das Wort »Glücksschwein« bekam auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Ich konnte das, was damit gemeint ist, ganz direkt erfahren. Ich fand auch auf einmal ständig vierblättrige Kleeblätter. Über die Jahre eine absolut irre Zahl. Ansonsten bin ich eher ein luftorientierter Mensch. Aber dadurch, dass ich mit einem durch und durch erdverbundenen Tier unterwegs war - ein Schwein gräbt in der Erde, es wühlt in der Erde -, bekam ich auch selber viel mehr Bezug zu diesem Element.

Und das drückt unsere Beziehung auch insgesamt aus. Ich war ja hier als Künstler mit einem für die hiesige Umgebung völlig absurden Haus eingeschwebt. Und zwar hatte ich die drei Grundbereiche des menschlichen Lebens - Körper, Geist und Seele - in drei Grundformen übertragen: Kreis, Quadrat und Pyramide. Das durchzieht unser Haus bis ins kleinste Detail, bis in die Waschbecken, in die Säulen. Ganzheit! Für die Leute hier waren wir natürlich erst mal Außerirdische. Das hat eine Weile gedauert, bis wir akzeptiert wurden. Und deswegen war ich oft einsam. Trotz der Familie. Da war die Wutz ein großer Trost. Sie bedeutete für mich: einzuwurzeln. Ich hab mir zwar oft vorgestellt, ich wachse mit den Bäumchen im Garten mit; aber sie hat das noch mal auf eine ganz andere, emotionale Weise geschafft.

Deshalb hat's mich dann auch sehr irritiert, dass ihr schon relativ früh die Augen zugewachsen sind. Sie bekam immer mehr von diesen schweren Hautwülsten im Gesicht und konnte dadurch immer weniger sehen. Da habe ich noch ein Bild im Kopf - da war sie eineinhalb Jahre oder so was. Sie war weggelaufen und ich war eigentlich stinkig. Aber dann seh ich sie hinten auf dem Feld stehen und alle Kühe um sie rum. Was sie sicherlich nur undeutlich erkennen konnte. Sie merkte nur: »Da sind irgendwie diese großen Schatten und die wollen mir anscheinend was.« Und sie immer - ganz todesmutig: zwei Schritte vor! Und wieder zu- rück! Und wieder vor! Das war wie bei David gegen Goliath; gegen eine ganze Herde von Goliaths! Da kam auch wieder ihre archaische Einstellung rüber: »Ich gebe hier keinen Zentimeter preis. Leckt mich am Arsch! Ich werde mich wehren, bis zum Letzten.« Die Kühe waren wahrscheinlich nur neugierig. Aber sie hat sich halt bedroht gefühlt. Und dann musste ich ihr natürlich helfen.

Mit alldem war's aber ab dem dritten Jahr ganz vorbei. Dann hat sie nämlich gar nichts mehr gesehen. Was dann noch übrig war, das waren ihr Geruchssinn - der war aber wirklich extrem gut ausgebildet - und ihr Gefühl für Stimmungen. Sie war da wie ein Seismograf. Schweine spüren ja genau, welche Stimmung du hast. Ähnlich wie Katzen. Aber sie lassen sich davon noch weniger beeinflussen. Sie bleiben sie selbst. Oder auch ihr Genussgefühl. Wenn die Wutz manchmal in ihrer Suhle lag - im Sommer haben wir ihr mit dem Gartenschlauch immer so ne kleine Schlammecke gemacht -, dann war das Happiness pur. Zweihundert Prozent! Das war für mich wie so ne Botschaft an uns Menschen: So funktioniert Glück. Die Hingabe an den Moment - bei ihr war die absolut. Ich hatte ihr eine schöne große Hütte aus Holz gebaut. Richtig gut isoliert. Und wenn ich ihr da frisches Stroh vom Bauern reingelegt hab: Das war ihr Paradieschen. Oder der Malerfilz, den ich ihr vor die Tür gehängt hab, damit's nicht so zieht. Den hat sie zu sich reingezerrt, sich darin eingewickelt, ihn geradezu zerlegt, drauf rumgekaut . Und dieses Schmatzen, das sie dabei von sich gegeben hat - du hast gemerkt: Sie liebt das!

Und so ging das immerhin insgesamt dreizehn Jahre - in denen sie's meistens gut hatte, glaube ich. Im Sommer lagen wir auf dem warmen Terrassenboden . Es war richtig muppig. Richtig family-mäßig. Nur, irgendwann gab's halt körperlich immer mehr Einschränkungen für sie. Mit acht kam sie wegen ihrem Umfang - sie war inzwischen unglaublich voluminös - so langsam nicht mehr ins Haus. Aber vorher - die konnte jede Tür aufmachen! Natürlich kam sie nicht an die Klinke, aber sie wusste, wie sie mit der Schnauze das Schloss so zum Vibrieren bringen kann, dass die Tür aufgeht. Ich hab mich oft gefragt: »Wie kriegt die das hin? Das wären ja geniale Einbruchsmethoden!« Sie konnte auch die Tür zu meinem Atelier öffnen. Dort war sie besonders gern; auch während der Malkurse, die ich gebe. Die Kinder haben das geliebt. Aber in den letzten Jahren hat sie die Stufe von der Terrasse nach drinnen nicht mehr gepackt. Und ganz am Schluss hat sie sich auch sonst zurückgezogen und wollte kaum noch an unserem Leben teilnehmen.

In den letzten sechs Monaten fing sie dann an zu schreien. Ein ganz hoher Ton, den sie vorher nie von sich gegeben hatte. Und der kam immer wieder. Der Arzt sagte: »Da können wir nicht viel machen, weil, man weiß nicht, was es sein könnte. Das kann Krebs sein .«, sie hatte hinten schon ein Geschwür. Und dann sagte er: »Das macht...

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