Die sieben Todsünden

Mein Leben mit Slipknot und Stone Sour
 
 
Hannibal Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. November 2011
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-85445-353-6 (ISBN)
 
Über kaum eine Band wird so kontrovers diskutiert wie über die US-amerikanische Nu-Metal- und Alternative-Metal-Formation Slipknot. Der Name ist Programm: "Slipknot" ist das englische Wort für den Henkersknoten. In der Öffentlichkeit tritt die Band in einheitlichen Overalls auf, nur die gruseligen Gesichtsmasken sind individuell gestaltet. Die insgesamt neun Musiker sind von 0 bis 8 durchnummeriert, nur so sind sie bei ihren spektakulären Bühnenauftritten zu unterscheiden: 2006 gewann Slipknot einen Grammy für die beste Heavy-Metal-Performance. Das martialische Auftreten ist keinesfalls nur Fassade, es spiegelt auch den echten Lebenswandel der Band wider: Corey Taylor, Sänger und Frontmann der Band, trägt die Nummer "8". Er ist gleichzeitig auch Sänger und Gitarrist der Band Stone Sour, die - im Gegensatz zu Slipknot - eher melodischen Hardrock spielt und zuletzt 2010 bei "Rock am Ring" auftrat. Taylor ist berühmt für seine mitunter verstörende Bühnenshow. Er führt ein ausschweifendes Leben mit Alkohol, Medikamenten, Drogen und Sex. Mit wachsender Berühmtheit nahmen diese Exzesse immer weiter zu. In Taylors erstem Buch geht es um die vom Christentum gefürchteten "sieben Todsünden": Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Feigheit. Corey Taylor beschreibt, wie er selbst zu diesen Sünden steht und wie er sie alle begangen hat. Er selbst hält diese Sünden für eine menschliche Schwäche, die jeder einmal durchleben muss. Eine spannende autobiografische Geschichte, die durch das Prisma der sieben Todsünden erzählt wird.
1., Aufl.
  • Deutsch
mit zahlreichen Fotos
  • 4,61 MB
978-3-85445-353-6 (9783854453536)
3854453531 (3854453531)
Corey Todd Taylor (* 8. Dezember 1973) ist ein amerikanischer Musiker aus Des Moines, Iowa. Er ist vor allem bekannt als Sänger der Nu-Metal-Band Slipknot sowie als Sänger, Gitarrist und Gründungsmitglied der Hardrock-Band Stone Sour, die zusammen mehr als 20 Millionen Tonträger verkauft haben. Taylor war bislang für insgesamt 10 Grammys nominiert und hat diesen Preis einmal auch erhalten. Vor seiner musikalischen Karriere arbeitete er in einem Sexshop, seit 2001 schreibt er für das englische Magazin Rock Sound eine monatliche Kolumne.

Ich wollte schon immer ein Buch schreiben.

Ich wusste, eines Tages würde ich mich hinsetzen und mir die Wörter unterwerfen – Fäden spinnen, aus einem Knäuel einen Teppich weben und Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen, Geschichten von kummervollen Tagen, gefärbt mit bittersüßen Freuden. Ich würde gebeugt über dem Papier hocken und liebevoll die Buchstaben zu einem Ganzen verknüpfen, in der Hoffung der nächste Hunter S. Thompson zu werden … oder zumindest ein so bekannter Autor wie der legendäre Anonymus. Aber ich nahm mir den feierlichen Schwur ab, nicht nur irgendetwas Wertvolles zu schreiben, sondern ein Thema zu behandeln, dem sich vor mir noch kein Autor angenommen hatte. Ich wollte das Undenkbare verwirklichen: Der Welt eine Botschaft verkünden, ein vollkommen neues Genre gebären. Die Revolution sollte die weißen Seiten besiegen. Ich wollte den Satz töten, damit daraus etwas Neues entstehen kann. Ich wollte die Welt neu erschaffen.

Offensichtlich kann so ein Vorhaben nicht sofort gelingen. Auf einer masochistischen Ebene kam ich damit klar. Ich musste noch den Unterleib meiner Seele von emotionalen Läusen befreien, nach der Rasierklinge greifen, den Mist absäbeln und anschließend wegspülen. Wenn jemand die letzte Metapher nicht versteht, kann er sich auf die Schulter klopfen und „sauber“ seines Weges ziehen. Jeder, der sich mal mit einer Stripperin getroffen oder mit Dreckskerlen zusammen gelebt hat, wird dieses Szenario nur zu gut kennen. Vielleicht treffen wir uns ja mal auf einem oder zwei Veteranentreffen?

Egal, irgendwo zwischen Tony Robbins [populärer und umstrittener Verkünder neuer Psychotechniken] und Dianetik [Buch von L. Ron Hubbard, auf dem Scientology basiert] existiert eine literarische Welt, die ich überhaupt nicht mehr verstehe. Leute preisen „Wie-werde-ich-reich“-Taktiken im Late-Night-TV an, die im Grunde genommen nur zur Steuerhinterziehung taugen oder sogar von der Regierung gefördert werden. Möchtegern-Prominente lutschen einem Verkehrspolizisten ein oder zwei Mal den Schwanz und schon werden ihnen Autorenverträge hinterher geworfen, die einem Fischfang in Sea World gleichkommen. Wenn Paris Hilton die Bestsellerliste anführt, trennen uns nur noch wenige Züge bei „Vier gewinnt“ vom Armageddon. Ich wünschte, ich wäre witzig, bin es aber absolut nicht. Ein so verehrungswürdiger Typ wie ich, regt sich nicht grundlos auf. Zumindest keiner in meinem Postleitzahlenbereich.

Ich hoffte, den mehrsilbigen Vergeltungsschlag auf den schlechten Geschmack zu initiieren. Statt dessen hoffe ich jetzt, nicht sofort vom globalen Buchmarkt weggeblasen zu werden. Na, komm schon: Kann ich etwas schreiben, worüber noch niemand geschrieben hat? Zwischen den Kennedys und den Royals – kann ich da noch etwas ausdrücken, was noch keiner zuvor von sich gegeben hat? Wenn ich keine Wortneuschöpfungen kreiere, muss ich dann mit dem Althergebrachten hantieren? Ich habe vor kurzem mal nachgeschaut – das geschriebene Wort gibt es schon, seitdem diese verrückten keltischen Hippies diese komischen Baumsymbole in alles Flache geritzt haben und ein angelsächsisches Heldengedicht aus dem 7. Jahrhundert „Beowulf“ nannten. Und genau hier liegt mein Problem: Werde ich genau wie Cialis [Medikament gegen Potenzstörungen] das Richtige bewirken, wenn die Zeit reif ist?

Schnellvorlauf. Einige Jahre später. In einem dunklen und verfluchten Land mit dem Namen Los Angeles. Ich fand mich an einem schmuddeligen, hölzernen Tisch in einem exotischen Lokal wieder, einem mysteriösen Gelehrten gegenüber. So saß ich da und wartete auf eine Portion Sushi. In diesem japanischen Restaurant brütete ich über der Idee zu dem Buch, das ihr gerade in den Händen haltet. Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr zurückkonnte, aber auch nicht vorwärts kam. Der Mann, der mir gegenüber saß, riet mir, etwas über die Sieben Todsünden zu verfassen. Ich erwiderte ihm, dass so ein Thema, welches regelmäßig wie ein Kreuz in den Boden gerammt wird, nur einen Sinn ergibt, wenn man ihm einen einzigartigen und provokativen Dreh gibt. Er erwiderte, dass ich mit dem Anfang beginnen sollte.

Ich dachte einige Sekunden nach. So an das Buch heranzugehen, bedeutete, dass ich tiefer in meine Vergangenheit abtauchen musste, als je zuvor. So fragte ich ihn:

„Ganz zu Beginn?“

Er antwortete: „Hey, das sind meine gewürzten Thunfischröllchen!“

„Oh, sorry. Ich dachte es wären meine B.C.S.-Röllchen.“

„Sehen sie etwa aus wie B.C.S.-Röllchen?“

„Tja, wenn man blinzelt und sie von der Seite ansieht …“

„Was zum Teufel quatschst du denn da?“

„Moment mal, wie lautete die Frage?“

Ich weiß, was ihr denkt. Ihr fragt euch, was der ganze Wortwechsel zu bedeuten hat. Der Schlüssel zu diesem ganzen Desaster liegt genau in dem Tête-à-tête. Für Anfänger – es waren tatsächlich seine gewürzten Thunfischröllchen, und vergesst das bloß nicht! Die Begegnung bedeutete mir sehr viel, denn durch sie wurde mir die Startrampe geschenkt, sozusagen ein akademisches Cape Canaveral, mit der ich meinen kleinen Sputnik in das Herz einer Welt schießen konnte, die vielleicht noch nicht bereit war für so ein riesiges Großmaul.

Von Anfang an? Holt ganz tief Luft, atmet langsam und dramatisch aus … und beginnt zu lesen.

Es begann alles in einer saukalten, verfluchten Nacht im Jahre 1995.

Ich war 22, ein harter Pimmel mit einem Puls, draufgängerisch und den Kopf voller Flausen … zu viel Energie zum Verbrennen und zu wenig Zeit dafür, denn eine Stunde hat nur 60 Minuten. Das Jahr 1995 bestand aus 365 Tagen voller Saufen, Ficken, Austicken und Austesten. Es war die Zeit dieser ganzen egozentrischen Scheiße: Selbstgefälligkeit, Ichbezogenheit, Luxusgeilheit und Selbstsüchtigkeit. Ich war der einzige Mensch in der bekannten Galaxie und wollte verflucht noch mal meine Wünsche erfüllt sehen, je eher desto besser. Das Geschenk des Lebens bedeutete mir so viel wie ein Haufen Pferdescheiße, denn ich musste einfach alles haben, und zwar so schnell es ging. Es gibt heute noch Tage, an denen ich morgens die Atmosphäre jenes Jahres in meinen Knochen und auf der verfetteten Haut meines Rückens spüre. Hätte ich die Möglichkeit, das alles zu wiederholen (ich weiß, das klingt verrückt), dann würde ich heute noch mehr über die Stränge schlagen als damals und es richtig knallen lassen.

Ich war eine Herumtreiber ohne Kohle, der keine Grenzen kannte und sich um nichts scherte. Ich schlief dort, wo ich mich fallen ließ, manchmal aus reiner Erschöpfung, manchmal weil mich die Leute, mit denen ich zur Party gekommen war, einfach mitten im Nirgendwo aussetzten. Im Englischen bedeutet Nirgendwo ja „Nowhere“, also eine simple Kombination aus „Now“ [Jetzt] und „Here“ [Hier]. Grammatikalisch gesehen ist das natürlich falsch, aber wenn du dein ganzes Leben im Nirgendwo verbracht hast, weißt du ja auch nichts.

Wenn du in einer vertrackten Situation feststeckst und Scheuklappen hast, kommen dir Themen wie Sünde oder Hölle weder in den Sinn, noch steigern sie den Druck deines Moralbarometers. Irgendwelche Konsequenzen sind dir scheißegal, so lange du nur abspritzen kannst und zwar so heftig wie möglich! Vor deinem geistigen Auge schwebt natürlich ein Bild von dem, was richtig und was falsch ist, aber wenn nicht der Heilige Geist höchstpersönlich kommt, dir eine geladene 38er in die Visage hält und dich zur Sühne zwingt, dann ist die Chance, dass du dich fügst, ungefähr so groß wie die Wahrscheinlichkeit, den Hades lebend zu durchqueren. Wenn deine Welt scheinbar aus einem Vakuum besteht, entstehen die Psychosen, die irgendwann später ausbrechen. Aber erst mal auf zur Besinnungslosigkeit, und schalte bloß nicht einen anderen Kanal ein!

1995 war ich ein völlig abgedrehter Typ. Ich fing mir zwei Mal einen Tripper ein. Auf Parkplätzen begann ich mit dem Stage-Diving, stürzte mich von Kleinbusdächern einfach auf Unbekannte. Ich provozierte Streit mit Lesben, die offen mit Waffen hantierten. Wie du siehst, kann das nicht als ein gemütlicher Nachmittag im Bridge-Club durchgehen, sondern als Rumgemache eines hoffnungslos Durchgeknallten, eigentlich ein Mix aus Mad Max und Gummo [Kultfilm aus den Neunzigern, der das nihilistische Leben von Jugendlichen zeigt]. Es gab für uns ein Motto: Zieh alles durch, bevor du in einem Fluss voller Scheiße absäufst. Es war doch sowieso alles egal. Viele meiner Freunde starben oder mussten in den Knast. Schon bald wäre niemand mehr da, mit dem man eine Party schmeißen könnte. Mach was du willst, und zwar mit deiner ganzen Seele – wenn ich schon im Fegefeuer verkokeln soll, dann aber zu meinen Bedingungen.

Eines Nachts in jenem Jahr gab es eine Party. Ich weiß, das zu erwähnen ist eigentlich unnötig, weil jeden Tag irgendwo eine Party abging. Aber diesmal sollte alles anders sein. Der Gestank des Schicksals durchdrang den Rauch. Gleich an der nächsten Ecke lauerte der Stoff, aus dem Legenden entstehen. Und aus irgendeinem Grund steckte ich damals immer im Zentrum der Geschehnisse. Bis zum heutigen Tag könnte ich dieses Haus nicht mehr auf dem GPS finden, auch nicht, wenn mir jemand eine Knarre an den Kopf hielte. Aber...

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