Die Wunderwelt der Bienen

Ein Rundgang durch die Honigfabrik
 
 
Penguin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2019
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25083-6 (ISBN)
 
Alles über unser LieblingsinsektWer Bienen beobachtet, schaut auf einzigartige Weise dem Leben beim Leben zu. Doch auch wenn es so aussieht, als herrsche bei den Bienen vor allem anarchische Krabbelei: Sie haben einen Plan, den sie mit erstaunlichem Geschick, faszinierenden Fähigkeiten und in bemerkenswerter Teamarbeit umsetzen. Wie dieses Leben in einem Bienenvolk funktioniert, davon erzählt dieses Buch. Es lädt ein zu einem Gang durch die Honigfabrik - eine Wunderwelt voll eigenwilliger Typen, cleverer Praktiken und verblüffender Regelwerke. Und es macht uns bewusst, dass der Mensch ohne die Bienen nicht überleben kann. Das Hardcover ist 2017 unter dem Titel »Die Honigfabrik« beim Gütersloher Verlagshaus erschienen.Mit farbigem Bildteil.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Penguin
mit 16-seitigem, vierfarbigem Bildteil
  • 7,91 MB
978-3-641-25083-6 (9783641250836)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jürgen Tautz, geboren 1949, ist Verhaltensforscher, Soziobiologe und Bienenexperte. Er ist Professor em. am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seit 2006 entwickelt und leitet Tautz das interdisziplinäre Projekt HOneyBee Online Studies (HOBOS). Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und wurde für die populäre Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2012 mit dem Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

KAPITEL II

SAISONARBEIT IM RHYTHMUS DER JAHRESZEITEN -

TEAMWORK IN DER HONIGFABRIK

Die Honigfabrik ist ein Saisonbetrieb. Im Winter ruhen die meisten Aktivitäten und das Personal beschäftigt sich in erster Linie damit, sich gegenseitig warm zu halten. Wenn die Tage wieder länger werden, kommt dann nach und nach neues Leben in die Bude. Die Königin fängt nach der Brutpause im Winter wieder mit der Eiablage an und bald schlüpfen die ersten jungen Bienen. Das Volk nimmt an Zahl zu, es »wächst«. Etwa im Juli, wenn die Blütezeit in der Natur zu Ende geht, hat es seine größte Stärke erreicht. Im Hochsommer und im frühen Herbst nimmt die Volksstärke wieder ab, bis schließlich nur die Winterbienen übrig sind. Um sie soll es im ersten Abschnitt dieses Kapitels, der von den Arbeiterinnen in der Honigfabrik erzählt, zuerst gehen.

1. Frauenpower im Bienenvolk - von dicken Mädchen, Geschwisterliebe und wütenden Amazonen

An einem Tag im späten September oder im frühen Oktober ist es soweit: Eine Arbeiterin beginnt, sich mühevoll in ihr Dasein buchstäblich durchzubeißen. Drei Wochen nachdem die Königin das Ei gelegt hat, aus dem die junge Biene entstanden ist, nagt sie den Wachsdeckel auf, mit dem ihre älteren Schwestern ihre Puppenstube geschützt haben. Ist das Loch groß genug, presst und zieht sie sich aus der eng gewordenen Zelle. Etwas wackelig, mit noch leicht verknautschten Flügeln steht sie dann auf der Wabe, umwuselt von den Schwestern, die die Neue nur beiläufig zur Kenntnis nehmen. Sie ist schließlich nur eine von vielen, die an diesem Tag, wie an jedem Tag des zurückliegenden halben Jahres auch, geschlüpft ist.

Winterbienen

Und dennoch sind unsere kleine Biene und all die anderen, die in diesen Tagen ihre Brutzellen verlassen, besonders: Es sind Winterbienen. Sie werden nicht, wie ihre Schwestern, die im Frühjahr oder Sommer schlüpften, nur sechs bis acht Wochen leben. Ihre Lebenserwartung ist mit sechs bis sieben Monaten um ein Vielfaches höher. Erst im März oder April des Folgejahres werden sie eine nach der anderen von einem Sammelflug nicht mehr in den Stock zurückkehren.

Zuvor aber haben sie besondere Aufgaben in einer besonderen Zeit. Es ist Herbst. Draußen blüht nur noch wenig. Die Königin legt jetzt deutlich weniger Eier als im Frühjahr und im Sommer. Die Zahl der Bienen im Stock nimmt ab und das Volk bereitet sich auf den Winter vor. Sammelflüge bringen gerade so viel Nektar und Pollen, dass die Stockbienen und die heranwachsende Brut versorgt werden können. Der Wintervorrat - 20 kg Zuckersirup, mit dem die Bienen gefüttert wurden, nachdem der Imker dem Volk den Honig entnommen hatte - muss noch nicht angebrochen werden. Aber das wird sich bald ändern.

Im fortgeschrittenen Jahr, spätestens ab Anfang Dezember, gibt es für ein Volk in unseren Breiten draußen nichts mehr zu holen. Es blüht nichts mehr und es ist so kalt, dass an Flüge nicht zu denken ist. Alles, was das Bienenvolk braucht, um den Winter zu überleben und im Frühjahr wieder wachsen zu können, muss jetzt in den Waben lagern. Denn lange bevor draußen die Blüten des Frühjahrs neue Nahrung versprechen, beginnt für ein Bienenvolk schon das neue Bienenjahr. Nach der Wintersonnenwende, spätestens mit den ersten wärmeren Tagen Ende Februar und Anfang März, beginnt die Königin von neuem mit der Eiablage. Aus den Eiern schlüpfen nach drei Tagen die Larven und diese brauchen für ihre Entwicklung nicht nur die Energie, die in Form von Kohlenhydraten im eingelagerten Zucker vorhanden ist, sie brauchen vor allem auch Eiweiß und Fette.

Und hier kommen die Winterbienen ins Spiel. Die erste wichtige Aufgabe, die sie nach dem Schlupf haben, ist, sich ein Bäuchlein zuzulegen. Das fällt ihnen nicht schwer, denn es ist wie bei den Menschen auch: Wer wenig Energie verbraucht und dennoch »normal« isst, der bekommt eine Wampe. Die Winterbienen brauchen fast keine Brut mehr zu pflegen und müssen, weil es draußen nichts mehr zu holen gibt, auch keine anstrengenden Sammelflüge mehr machen. Was sie zu sich nehmen, wird darum zum größten Teil als Eiweiß- und Fettreserve in ein Speichergewebe eingelagert. Dieses Gewebe umschließt die Organe der Bienen im Hinterleib. Winterbienen sind dicke Mädchen.

Rudelkuscheln in der Kiste

Für die Ruheperiode des Winters ist das keine schlechte Sache. Denn mit einem etwas rundlicheren Körper ist bekanntlich angenehmer kuscheln als mit einem spiddeligen. Genau das aber machen Bienen im Winter: Rudelkuscheln. Anders nämlich als andere staatenbildende Insekten wie z.B. Hummeln und Wespen überwintern Bienen mit einem ganzen Volk. Bei Hummeln und Wespen schlüpfen im Herbst viele Königinnen und verlassen, von männlichen Wespen noch begattet, die sterbende Gemeinschaft. Die jungen Königinnen dieser Insekten sind mit einem biologischen Frostschutz ausgestattet. In der Erde oder versteckt unter loser Rinde an einem Baumstamm verschlafen sie den Winter, um im Folgejahr ein neues Volk zu gründen.

Bei den Honigbienen ist dagegen an Winterschlaf nicht zu denken. Stattdessen rücken die Mädchen - und zu dieser Zeit gibt es tatsächlich nur Frauen im Volk - zusammen. Die Bienen bilden die »Wintertraube«. Konkret heißt das: Wenn die Außentemperatur sinkt, dann verlassen die Bienen die meisten Waben und ziehen sich in wenige »Wabengassen« zurück. Das Volk zieht sich zusammen. Ab einer Außentemperatur von etwa plus 6 Grad Celsius bildet es eine feste Einheit, die man - etwas idealisiert betrachtet, denn Bienen nehmen es mit der Geometrie nicht so genau - als Kugel bezeichnen könnte. Je nach Größe des Volkes rücken die Bienen in fünf bis acht Wabengassen eng zueinander, wobei sich in den mittleren davon die meisten befinden und in den Wabengassen rechts und links die Bienen etwas weniger werden. Dabei herrscht aber kein Stillstand, die einzelnen Bienen hocken also nicht an einem festen Platz, an den es sie bei der Bildung der Wintertraube zufällig verschlagen hat. Sie bleiben vielmehr in Bewegung: Wer an den Rand der Traube geraten ist, ruckelt sich wieder nach innen. Andere werden dadurch nach außen gedrängt und so geht es in einem fort, bis es wieder wärmer wird und die Traube sich auflöst. Warum aber dieses ständige Umeinanderherumgewusel?

Eng aneinander gerückt halten die Winterbienen sich und die Königin warm, indem sie ihre Flügel ausklinken und - sozusagen im Leerlauf - die Flugmuskulatur arbeiten lassen. Dadurch entsteht Wärme. Aber mit dieser Wärme heizen die Bienen nicht die ganze Wohnung, sondern sich nur gegenseitig. Und deshalb müssen sie sich ständig umeinander herum bewegen: Im Inneren der Wintertraube ist es einfach wärmer als an deren Rand. Wer dauernd am Rand sitzt, wird irgendwann erstarren und aus der Kugel fallen. Das wäre das Ende. Wenn aber alle einmal an den Rand und dann wieder mehr in das Zentrum der Traube kommen, dann bleiben alle warm genug, um zu überleben.

Im HOBOS-Projekt am Smart HOBOS AUDI-Aufbau in Münchsmünster (www.hobos.de) lassen sich diese Vorgänge - live und mit Hilfe der gespeicherten Aufzeichnungen - über eine Wärmekamera und eine normale Videokamera beobachten (vgl. Bild 5).

Wie leistungsstark dieses Verhalten in der Wintertraube ist, zeigt ein verblüffendes Experiment: Bienen sind besonders kälteempfindliche Insekten. Eine einzelne Biene wird bei einer Temperatur von etwa plus 10 Grad Celsius bewegungsunfähig und stirbt bei etwa plus 4 Grad Celsius. Hängt man allerdings eine ganze Bienenkolonie in eine Kühlkammer, geht es dem Volk bis zu Temperaturen von minus 40 Grad Celsius und darunter sehr gut. Vorausgesetzt, zwei Bedingungen sind erfüllt: Die Wintertraube darf erstens nicht auseinandergerissen werden und die Bienen dürfen zweitens auf keinen Fall den Kontakt zu ihren Honigvorräten verlieren. Denn für die Aktivität ihrer Flugmuskulatur benötigen sie die Kohlenhydrate aus dem Honig. Ist dieses Heizmaterial aufgebraucht, können die Bienen keine Wärme mehr produzieren und erfrieren.

Darum ist es auch wichtig für ein Bienenvolk, sparsam mit seinen Energiereserven umzugehen. An der Beheizung der Wintertraube lässt sich studieren, wie ein Volk seine Brennstoffvorräte optimal nutzt. Denn in der Wintertraube ist es keineswegs die ganze Zeit bei voll aufgedrehter Heizung muckelig warm. Platziert man in den Wabengassen Thermometer, die eine Dauermessung der Temperatur ermöglichen, so zeigt sich, dass die Temperatur der Wintertraube nicht nur an deren Oberfläche recht weit abfällt. Auch in ihrem Inneren bewegt sie sich die meiste Zeit nur wenig oberhalb von plus 10 Grad Celsius. Alle paar Tage jedoch wird einmal richtig eingeheizt. Dann steigt die Temperatur im Inneren der Traube auf bis zu 30 Grad Celsius und darüber (Tautz 2015). Danach sinkt sie wieder auf das niedrige Niveau. Es ist klar: Diese Form der Intervallheizung spart enorm an Energie im Vergleich zu einem Heizverfahren, bei dem den ganzen Winter über die Temperatur in der Traube sehr hoch gehalten würde. Aber warum heizen die Bienen dann nicht gleich die ganze Zeit über nur so, dass die Temperatur bei etwas über 10 Grad Celsius liegt und sie so gerade eben bewegungsfähig bleiben? Das würde ja noch mehr Energie sparen. Wir wissen es nicht genau. Aber der Grund könnte in der Konsistenz von Honig liegen. Dieser ist bei 10 Grad sehr steif, sodass die Bienen ihn schlecht aufnehmen können. Eine richtig aufgeheizte Wintertraube wärmt auch die Wabe und macht den Honig geschmeidiger. Die Warmtage in der...

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