Abbildung von: Gewalt und Poesie - Frohmann Verlag

Gewalt und Poesie

Ein literarischer Dialog
Frohmann Verlag
1. Auflage
Erschienen am 29. Januar 2024
124 Seiten
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ePUB ohne DRM
978-3-947047-97-0 (ISBN)
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Die Diskussion um explizite Gewalt in ästhetischen Darstellungen kennt man vor allem als eine sehr emotional geführte zwischen Eltern und Kindern oder Pädagog*innen und Schüler*innen. Seit Beginn des Gaming-Zeitalters markiert sie eine der härtesten Fronten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Weitgehend unverbunden damit wird künstlerisch dargestellte Gewalt philosophisch innerhalb der Ästhetik des Erhabenen diskutiert. Mit der Erfahrungsrealität von Millionen Menschen, die ästhetisierte Gewalt konsumieren und in manchen Fällen auch produzieren, hat beides wenig zu tun.
»Gewalt und Poesie« macht in der Zwischenwelt des Gewaltgenusses ein kleines Versuchslabor auf: Zwei befreundete Erwachsene, ein Horrorcore-Rapper und eine Dichterin, setzen sich dialogisch mit ihrem persönlichen Blick auf Konsum und Produktion ästhetisierter Gewalt auseinander. Es geht dabei nicht um das ob, sondern um das wie. Wie muss ästhetisierte Gewalt gestaltet sein, damit sie nicht unerträglich, sondern individuell goutierbar, reizvoll, unterhaltsam ist?
Sprache
Deutsch
Dateigröße
1,73 MB
ISBN-13
978-3-947047-97-0 (9783947047970)
Schlagworte
Schweitzer Klassifikation
DNB DDC Sachgruppen
BISAC Klassifikation
Warengruppensystematik 2.0
Jess Tartas ist Schriftstellerin, Dichterin und Bildungswissenschaftlerin. Sie ist Mitgründerin und Koordinatorin der Autor*innengruppe Wortkollektiv. Seit 2010 setzt sie sich für Bildungsgerechtigkeit ein, ihr aktueller Schwerpunkt liegt auf Inklusion im Kulturbetrieb. Sie schreibt u. a. als freie Autorin für Kindermagazine, unterrichtet Schreiben und organisiert Kulturveranstaltungen. Jess Tartas veröffentlicht seit 2002 Texte im Internet, 2019 ist ihre Erzählung »Lange laut lachen« bei SUKULTUR erschienen. Ihre Kurzgeschichten, Lyrik und Prosa sind auf DownbyBerlin, dem Blog des Herzstück-Verlags, und in verschiedenen Zines (zuletzt in mischen, 2022) zu finden.

GEWALT UND POESIE


Ein literarischer Dialog


Jess


VORSEHUNG


Zu lieben ist immer wieder das Mutigste, das ich tun kann, denn mit meiner Hingabe begehe ich Selbst-Mord. Mein Herz gehört mir nicht mehr allein; Stücke von ihm habe ich anderen eingepflanzt. Der in meiner Brust verbliebene Rest ist bereit für alles, was geschieht, aber durch offene Herzen zieht manchmal der heftigste Wind.

Das Leichteste, das ich je tat, war es, den Stecker zu ziehen. Ihr wisst schon, zu bestimmen, dass jemand sterben darf. Die Entscheidung traf ich nicht für mich, sondern für einen Menschen, von dem ich wusste, dass er sterben wollte. In dem Moment habe ich gespürt, wie selbstlos ich sein kann. Und wie wenig Kraft es am Ende wirklich braucht, die eigenen Ängste für andere zu ignorieren, wenn es um Leben und Tod geht.

Ich begehe Selbst-Mord, indem ich schreibe und euch meine Texte zur Verfügung stelle. Sobald ich etwas von mir teile und nicht mehr für mich behalte, dürft ihr damit machen, was ihr wollt. Ihr könnt meine Texte lesen, sie essen, zu ihnen masturbieren, euch verknallen, sie traurig oder peinlich finden. Sobald meine Texte in euren Köpfen sind, gehören sie mir nicht mehr.

Dennoch glaube ich nicht an den Tod der Autorin, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass der Tod der Schreibenden überholt ist.

Ich glaube daran, für immer mit all dem hier verknüpft zu sein, aber dass die Bilder, die ihr nun seht, ganz allein eure sind. Ich glaube daran, über Text und Kunst echte Verbindungen herzustellen, obwohl wir uns nicht einmal gegenüberstehen. Ich denke, das ist Magie.

Als Christiane Frohmann im Sommer 2022 Raffi und mich fragte, ob wir ein Buch über Gewalt und Poesie für ihren Verlag schreiben möchten, sagten wir ohne zu zögern zu. Es war sofort plausibel.

Während sich in Raffis Kunst die Gewalt zumeist vordergründig im Auf-die-Fresse-Stil vollzieht, steckt sie in meinen Texten im Dazwischen. Ihr müsst euch also trauen und spüren.

Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr beim Lesen genauso leidet wie ich beim Schreiben. Ich hoffe, dass ihr euch schneller von meinen Texten erholt als ich mich vom Erleben mancher meiner Geschichten. Autofiktion ist das, was meine Texte ausmacht. Von einigen wurde das Genre belächelt, oder wird es vielleicht noch immer, keine Ahnung, ich bekomme viele Menschen zum Glück nur noch am Rande mit. Dennoch wird autofiktionales Schreiben von den Mutigsten weiterhin radikal betrieben. Ich danke allen, die mich immer wieder an ihren Geschichten teilhaben lassen. Manchen danke ich im hier und heute, anderen in der nächsten Séance.

Dieses Buch ist entstanden durch ein Ausloten und Freischreiben meiner aktuellen individuellen Grenzen. Und es war ein großer Spaß.

Die Playlist zu meinen Texten


Resetless Beats - Muay Thai WSS Intro Wai Kru & Ram Muay

Suede - Dead Bird

Kælan Mikla - Sólstöður

Vive la Fête - Noir Désir

Motionless in White - Masterpiece

Kiki Rockwell - Burn Your Village

Amyl and The Sniffers - Knifey

Slipknot - Psychosocial

HIM - When Love and Death Embrace

SCHWARTZ


VORGESCHICHTE


Als Frau Frohmann im Sommer 2022 bei ihrer Garty Party auf Jess und mich zukam und sagte, sie würde sich wünschen, dass wir beide als Team ein Buch zum Thema Gewalt und Poesie machen, war ich dreierlei: völlig perplex, zutiefst geehrt und ein bisschen panisch.

Perplex, weil ich nie damit gerechnet hätte, dass eine feministische Verlegerin - egal, wie gut Frau Frohmann und ich uns privat verstehen - mal mit so einer Aufforderung an mich herantreten würde.

Geehrt, weil Frau Frohmann ihre Entscheidung mit einer chiastischen Punchline der Extraklasse begründete, als sie sagte »Du, Raffi, machst dieses brutale Zeug, und darunter schimmert immer so eine tiefsitzende Zartheit durch; und bei dir, Jess, ist es genau umgekehrt.« Ich glaube, schöner kann man Jess' und meine so ähnlichen wie unterschiedlichen Arbeiten nicht zusammenfassen.

Und panisch, weil ich nun vor der Herausforderung stand, gemeinsam mit Jess Tartas, einer außerordentlich talentierten und fähigen Schriftstellerin, ein Buch zu schreiben.

Jess und ich saßen also im wunderschönen Garten unserer upcoming Verlegerin und tranken Spaten, ein bayrisches Bier. Seit August Graf von Platens »Sonett 57« ist das sonst doch ziemlich unlyrische Wort »Spaten« für mich untrennbar mit diesem Gedicht verbunden, einem der schönsten Sonette deutscher Sprache, das mit dem Vers »Denn jedes Herz zerhackt zuletzt ein Spaten« endet.

Die Genialität dieses Verses haben andere bereits hinreichend professionell gewürdigt, also lassen wir das und bleiben auf der Party, wo ich auf das Etikett der Bierflasche starrte, an Platens Sonett dachte und vorschlug, wir sollten unser Buch Jedes Herz zerhackt zuletzt ein Spaten nennen. Mehr Gewalt und Poesie konnte nicht in einen Titel passen. Begeistert von meiner Idee betrank ich mich (aber nicht so schlimm wie im Jahr davor, ihr wisst schon, Höllensturz).

Ein paar Tage später sagte Jess, sie habe darüber nachgedacht, und so wunderbar sie diesen Vers auch fände, erscheine es ihr falsch, unser Buch mit einem geklauten Titel zu schmücken. Das tat mir wirklich in der Seele weh, mein Herz wurde quasi von einem Spaten zerhackt, aber ich verstand, was Jess meinte, und stimmte ihr zu. Wie viel diese Anekdote mit dem Rest des Buches zu tun hat, möge jeder selber entscheiden.

Die Playlist zu meinen Texten


Bushwick Bill - Already Dead

Eazy-E - Creep N Crawl

Esham - Slug From A .45

C-Bo - Murder That He Ritt

Brotha Lynch Hung - Return of the Baby Killer

N.W.A - Fuck Tha Police

Natas - Natas

Simken Heights - Kingdom Of Shellz

Cap One - Ashes To Ashes

Sutter Kain - Cannibal Ferox

Eine einzige Content Note


Jess


Er sticht, sie hackt, es bricht und knackt - so einiges, was an Gewalt und Poesie in literarischen Formen praktiziert wurde, soll in diesem Buch beschrieben, durchdacht und auch bespielt werden.

Dazu stelle man sich beim Lesen auf Gespräche, auf Begebenheiten, auf gewaltsame Worte und wortreiche Gewalt ein. Wir, Raffi und Jess, bewegen uns im Folgenden als Grenzgänger*innen im Dazwischen: Gewalt in der Kunst, künstlerische Gewalt, analysiert und dargeboten in literarischen Gattungen, mal poetischer, mal wissenschaftlicher. Gewalt und Poesie sollen multiperspektivisch als miteinander korrespondierende Weisen menschlichen Ausdrucks betrachtet werden, die gemeinsam Grenzen von Ästhetik und Ethik herausfordern. Hochakademisch wird es nicht zugehen, denn wir wollen uns im Dialog dem Flow überlassen und beim Schreiben auch sehr viel Spaß haben.

Als Ausgangspunkt nehmen wir die Begrifflichkeiten der Gewalt und der Poesie, die wir in einem diversen Gebrauch kulturwissenschaftlicher Methodik und ästhetisch-produzierender Praxis »sampeln«. Wir kombinieren bekannte Elemente neu, um dadurch neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das vitale Denken in Form dialogischen Austauschs hat unser Schreiben beeinflusst und den grundlegenden Aufbau des Buches vorgezeichnet.

Wenn wir uns Gewalt auf der Begriffsebene ansehen, lässt sich schnell feststellen, dass für Kultur und Natur nicht die gleichen Anwendungsregeln gelten. Frisst sich der Pilz Fette Henne durch einen Fichtenforst und durchsetzt dabei Bäume bei lebendigem Stamm oder tötet ein Löwe die Nachkommen eines Kontrahenten, dann sprechen wir nicht von Gewalt im klassischen Sinne. Bei destruktiven Angriffen, die als Natur wahrgenommen werden, wird den »Täter*innen« kein Gewaltvorsatz zugeschrieben. Freier Wille hat in der Natur keinen Raum. Von Gewalt spricht man nur, hierin folge ich Walter Benjamin, wo ein Mensch moralisch darüber entscheiden kann, ob er einem anderen Lebewesen Schaden zufügt.

Gewalt scheint also etwas genuin Menschliches zu sein, ebenso wird auch Poesie vor allem Menschen zugesprochen. Eine anthropologische Untersuchung wird dies hier aber nicht oder, besser gesagt, nur performativ, indem sich zwei Menschen mit ihnen zur Verfügung stehenden Kulturtechniken mit Gewalt auseinandersetzen. Also los.

SCHWARTZ


Der Roman Big Head von Edward Lee beginnt damit, dass ein Mann ein Baby mit einer Pfanne erschlägt und es anschließend darin brät.

Meine erste Reaktion beim Lesen: Uff. Krass! Als es aber die nächsten 250 Seiten auf diesem Level weiterging, war meine Reaktion kein extended technobeat-artiges UffKrassUffKrassUffKrass, sondern eher so: meh, mja, gähn. Der gleiche Effekt, der sich bei mir auch beim Lesen der Bücher des berüchtigten Marquis de Sade einstellt: Dauergeschocke langweilt.

Trotzdem: In Texten abgebildete physische Gewalt, daz my thang. Eingeschlagene Schädel, gebrochene Jochbeine, durchschossene Stirnen, rausgerissene...

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