Eisfuchs

 
 
Antje Kunstmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2020
  • |
  • 200 Seiten
 
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978-3-95614-371-7 (ISBN)
 
Ein Städtchen am Rande des Eismeers im Norden Kanadas. Eine Kindheit, geprägt von der übermächtigen Natur und einem sich auflösenden Zusammenhalt. Ein mutiges Mädchen, das die alten Mythen entdeckt und erwachsen wird. Tanya Tagaq erzählt poetisch, sinnlich, mit großer Kraft.
Der Winter ist vorbei und damit die Zeit, die die Kinder im Haus verbringen müssen, weil es draußen bitterkalt ist, hoch im Norden Kanadas, am Rande des Eismeers. Im Frühling haben die Kinder das Städtchen in der Hand, streunen auf der Suche nach Abenteuern durch die Straßen und durch die Tundra. Nach so wilden Abenteuern, dass sie dabei sogar das Leben riskieren. Die Erwachsenen sind mit eigenen Problemen beschäftigt und können keinen Halt bieten. Im Gegenteil.
Tanya Tagaq erzählt in diesem atemberaubenden Debüt von der Kindheit und Jugend eines Mädchens in der Arktis: von einer übermächtigen Natur, von den allgegenwärtigen Füchsen, den majestätischen Polarbären und den Mythen der Inuit. Unter den furchterregenden und verzaubernden Polarlichtern verschwimmen für das Mädchen die Grenzen zwischen Mensch und Natur, Zeit und Raum, und sie begibt sich auf eine verstörend sinnliche Selbstsuche, um die Wunden zu heilen, an denen in einer sich auflösenden Gemeinschaft alle tragen.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 1,08 MB
978-3-95614-371-7 (9783956143717)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Tanya Tagaq wurde 1975 in Cambridge Bay im heutigen Nunavut, Kanada, geboren. Als Performerin, Komponistin und Sängerin wurde sie mit ihren preisgekrönten Alben »Animism« und »Retribution« international bekannt. »Eisfuchs« ist ihr belletristisches Debüt.

EIN TAG IM LEBEN

Neun Uhr morgens, bin viel zu spät

Die fünfte Klasse ist hart

Steige hektisch in die Hosen

Vergesse das Zähneputzen

Hab Angst vor der großen Pause

Die Jungs jagen uns und drücken uns zu Boden

Begrapschen unsere Muschis und nicht vorhandenen Brüste

Ich will gemocht werden

Wahrscheinlich muss ich das mögen

Zurück ins Klassenzimmer

Der Lehrer bohrt seine Finger in meinen Slip

Unter dem Tisch

Er sieht sich um und tut so, als wäre nichts

Ich tue, als wäre nichts

Er geht zum nächsten Mädchen, plötzlich bin ich eifersüchtig

Die Luft wird dünner und schmeckt nach Verwesung

Die Schule ist aus

Ich gehe zur Spielhalle

Obacht vor dem alten Walross

Der Alte fasst gern kleinen Mädchen an die Muschi

Wir versuchen uns fernzuhalten

Möchte wissen, warum ihn niemand rauswirft

Zu Hause läuft es jetzt besser

Herzbube mit zwei Damen und keine dicke Luft

Archie-Comics und Lego

Gutenacht

DIE GERÜCHE, die von der Frühlingsschmelze freigesetzt werden, entfachen in uns eine fieberhafte Gier nach Bewegung. Die Luft ist so sauber, dass man den Unterschied zwischen glattem und bröseligem Fels riechen kann. Man riecht das über hellen Schiefer fließende Wasser.

Flechten haben einen süßen Geruch. Die grünen Flechten riechen anders als die schwarzen. Im Frühjahr riecht man, was im vergangenen Herbst gestorben, was in diesem Jahr gewachsen ist; die älteren Flechten zeigen den jungen, wie das Wachsen geht.

Der Frost bringt alles zum Stillstand, Leben und Zeit. Das Tauwetter bringt es wieder zum Fließen. Man riecht die Schritte vom letzten Herbst und die einsetzende Verwesung von allem, was in den Klauen des Winters umgekommen ist. Durch die Erderwärmung kommen die tieferliegenden Gerüche an die Oberfläche und entlocken dem Permafrost seine Geschichten. Wer weiß, welche Erinnerungen tief im Eis begraben liegen? Welche Flüche? Das Flüstern der Erde zurück in die Atmosphäre zu entlassen, kann nur Unheil bringen.

Die ersten grünen Sprösslinge schieben sich zaghaft durch die Eisdecke. Die Rufe der Zugvögel sind wie ein Wecker, der uns aus der Winterstarre reißt. Das Leben ist wieder da! Widerwillig zieht sich das Eis zurück und droht: In ein paar Wochen komme ich wieder und räche mich. Der Winter gewinnt immer. Die Sonne verspottet ihn. Nichts kann die Kakofonie aus Völlerei und Fortpflanzung stoppen, die jetzt loslegt.

Das Meereis ist immer noch dick, aber die Tümpel sind schon vollständig aufgetaut. Die Mückenlarven zucken in Form einer Acht durchs Wasser, hypnotisierend und schön. Ganz anders als in einigen Tagen, wenn sie sich in einen blutrünstigen Wirbelsturm verwandelt haben werden. Hätte ich je Gelegenheit, einen Feind zu foltern, dann würde ich ihn in der Mückensaison nackt in die Tundra schicken, die Hände auf dem Rücken gefesselt.

Wir Kinder dürfen im Frühling frei durch den Ort streifen. Wir sind das ständige Zusammensein mit den Eltern genauso leid wie sie, die ein halbes Jahr lang unser Herumtoben im Haus aushalten mussten. Die nie untergehende Sonne wärmt uns und nährt unsere Fantasie. Auf der Suche nach Abenteuern ziehen wir durch die staubigen Straßen. Große Kinderbanden und ebenso große Rudel frei laufender Hunde streunen durch die Stadt. Ich frage mich, vor welcher Gruppe man sich mehr in Acht nehmen muss. Alle meine Freundinnen dürfen so lange draußen bleiben, wie sie wollen, alle, nur ich nicht! Um elf Uhr müssen wir mit unserem Abenteuer fertig sein.

Wir verlassen den Ort und finden einen kleinen See. Er ist ungefähr fünfzig Meter lang und halb so breit. Blaue Styroporteile liegen herum, die in der letzten Bausaison hierher geweht worden sind. Wir wollen Helden sein und benutzen die instabilen Styroporplatten als Boote. Bedenken - die kräftigen Böen, die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und die Tiefe des Sees - schlagen wir in den Wind, der sie fortweht wie Styropor. Über so etwas denken Elfjährige nicht nach.

Keiner von uns kann schwimmen. Abwechselnd paddeln wir hinaus, mit einem Stock als Ruder, unsere kleinen Körper halten auf dem wackligen blauen Gefährt mit Mühe das Gleichgewicht. Der Wind wird stärker. Einer von uns wird unweigerlich zu weit hinausgetrieben, und das selbst gemachte Paddel ist völlig unzureichend, um ans Ufer zurück zukommen. Er ist der Kleinste in der Gruppe. Immer ist es der Kleinste. Still, unterwürfig, ein ewiges Lächeln auf den Lippen. Die Wölfe lassen ihn in Ruhe, weil er so lieb ist. Er ist der hübscheste von den Jungs, und die Mädchen wollen ihn entweder bemuttern oder sind insgeheim in ihn verknallt. Einmal habe ich ihn geküsst; sein Mund war klein und weich, seine Zunge träge.

Der Wind bläst ihn weiter hinaus. Fällt er ins Wasser, ertrinkt er. Das wissen wir alle. Niemand sagt ein Wort. Wir überlassen das Heulen dem Wind. Das kleine Gesicht des Jungen wird immer besorgter. Jetzt treibt er in der Seemitte. Seine dünne Windjacke flattert hoch, offenbart magere Rippen und ein leichtes Schaudern. Ich sehe seine Schwäche, spüre seine Verletzlichkeit. Nichts ist zu hören als der Wind und der flatternde Stoff unserer Kleidung. Der Junge wird vollkommen ruhig, noch ruhiger als sonst. Er sieht aus wie ein gelassener alter Mann; er sieht aus, als sei alles in Ordnung. Eine Windbö, das Styropor kippelt, erst auf die eine Seite, dann die andere. Aber sein Körper weiß, was zu tun ist. Der Kleine holt tief Luft, und mit dem Atem wird sein Floß wieder stabiler. Jetzt ist er fast am gegenüberliegenden Ufer. Ich sehe, wie seine Hände zittern, als er den Stock ins Wasser taucht. Er ist in Sicherheit. Er hat das Ufer erreicht. Sein Blick wirkt erwachsener. Wir sind gerade Zeugen geworden, wie er zum Mann geworden ist. Alle jubeln! Es ist nach elf; ich rase heim.

Das war unser Styroporspiel. In der Woche danach benutzten sieben Kinder auf einem größeren See nahe beim Flugplatz einen in der Mitte durchgeschnittenen Wassertank als Boot und ertranken. Wir haben unser Styroporspiel nie wieder gespielt.

Atme kleine Ängste ein daraus werden Zweifel werden Worte wird Meinung wird Wut wird Hass wird Gewalt.

Atme große Ängste und große Worte aus sie fallen auf dich zurück wie leicht wird man unter den eigenen Spiegeln begraben.

Atme kleine Ängste ein sie flüstern und kriechen in deinen Kopf achte sie und danke ihnen dass sie dich schützen wollen.

Atme Anerkennung aus für die Schönheit deiner Instinkte und den Mut kleine Ängste zu lieben.

Atme bleierne Liebe ein wie einen Duft und ernte den Lohn iss kaue schlucke verschlinge die viele Güte und Liebe die man dir schenkt.

Atme Ruhe aus in Anerkennung der Schönheit des Mutes den es braucht die Liebe nicht zu fürchten.

EINE STAUBIGE SOMMERNACHT in der Hocharktis. Hell steht die Sonne am Himmel. Die Sonne bringt Leben und Lust auf Streiche, Heiterkeit und Träume. Es ist zwei Uhr morgens und ich kümmere mich nicht mehr darum, wann ich zu Hause sein muss. Das werde ich bitter büßen müssen, wenn ich heimkomme und die donnernden Schritte meines Vaters das Haus mit einem Zorn erschüttern, wie nur er ihn aufbringt.

Es lohnt sich, ungehorsam zu sein und zusammen mit meinen Brüdern und Schwestern prickelnde Freiheit und Neugier zu zelebrieren. Mit zittrigen Fingerspitzen und schwankenden X-Beinen beschwören und verschwören wir uns; wir verscheuchen die Zweifel und überlassen uns der Lebenslust. Der Winter war lang und bedrückend. Wir wissen alle, dass wir bald Teenager sein werden - die Zeit ist kostbar. Alle Kinder an der Schwelle zur Pubertät verstehen instinktiv, dass diese magische Zeit bald vorbei sein wird. Sie begrüßen die Zukunft und sehnen sich nach dem Erwachsensein, leben aber noch in der kindlichen Fantasiewelt. Im Jungsein schwelgen, wünschen, es würde nie enden. Nie weiter als bis zur eigenen Nasenspitze blicken, während der mächtige Blitzschlag wachsender Zellen und vermeintlicher Unsterblichkeit durch unsere Körper fährt. Wir zeigen es der Zeit, wir pflücken uns gegenseitig das Lächeln von den Gesichtern. Kitzeln Kichern aus den Rippen, werfen mit Beleidigungen um uns, als seien es Komplimente.

In unserem kleinen Ort hört man mittags um zwölf und abends um zehn eine Sirene. Sämtliche Schlittenhunde fallen in das Sirenengeheul mit ein; wahrscheinlich stellen sie sich vor, es sei ein großer, lauter Hundegott, der mit seinem Jaulen über das Land herrscht. Das erinnert mich an Religion - der kurzsichtige und verzweifelte Versuch, in einem Universum, das wir unmöglich verstehen können, Vernunft und Ordnung herzustellen. Dabei ist die Wahrheit ganz einfach: Wir haben alles der Sonne und ihrer Energie zu verdanken. Wir sind wunderbarer Ausdruck der Macht des Universums. Wir sind die Fingerspitzen der Kraft, die die Sterne antreibt, also tut gefälligst, wozu ihr da seid, und FÜHLT.

Unser schwarzhaariges Menschenrudel treibt sich an der Hintertreppe der Schule herum....

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