Sils Maria

Kriminalroman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11762-7 (ISBN)
 
Eine mörderische Kur

Plotek ist krank, er hütet das Bett. Ein unstetes Leben hat seinen Tribut gefordert, so geht das nicht weiter. Und so schickt ihn der Hausarzt zu einem befreundeten Kollegen, der im Engadin eine Privatklinik leitet, genauer in Sils Maria. Da soll es sich Plotek gut gehen lassen. Aber allein mag er nicht. Also kommt sein beinamputierter Kumpel Vinzi mit, der kann auch etwas Pflege vertragen. Doch aus der himmlischen Kur wird natürlich nichts. Erst überfahren sie ein Reh, dann finden sie eine junge Anhalterin ermordet auf, und bald erwischt es auch einen Elvis-Imitator.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,78 MB
978-3-641-11762-7 (9783641117627)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Jetzt saß Plotek nicht am Tresen vom Froh und Munter, seiner Lieblingsgaststätte in München, Stadtteil Neuhausen. Wie normalerweise immer. Er trank auch kein Weißbier. Kein Unertl, auch sonst nichts. Jetzt war alles anders. Wenn er nicht achtgab, würde alles anders bleiben. Plotek saß auch nicht, sondern lag, ausgestreckt in einem Bett wie auf einem Seziertisch. Um ihn herum war alles weiß. Laken, Decke, Wände. Als wäre er nicht bei vollem Bewusstsein, sondern mitten in einem Werbespot für Waschmittel.

Gleich kommt Klementine hinter dem weißen Vorhang hervor, dachte er, und schmeißt mit Bunt-, Voll- und Feinwaschmittel um sich. Nicht nur sauber, sondern rein! – und der ganze Dreck. Aber keine Chance. Klementine kam nicht, weil Klementine auch schon tot war. Dafür tauchte jemand anderes in seinem Blickfeld auf, und Plotek hatte auf einmal das Gefühl, dass diese Person schon länger da war. Susi!

Was macht die denn hier?, dachte er und wunderte sich, dass die Wirtin vom Froh und Munter nicht hinter dem Tresen ihrer Kneipe stand, sondern hier, neben seinem Bett, in diesem … er stockte.

Wo befand er sich eigentlich? In einem Krankenzimmer, klar, so sah es zumindest aus. In einem Krankenzimmer in einem Krankenhaus. Er, Plotek, war der Patient und Susi die Besucherin. Und noch einer stand am Bett und sah auf Plotek herunter wie auf ein leckeres Schweineschnitzel, das er gleich mit einem Plattiereisen ordentlich in die Mangel nehmen würde.

Was macht denn mein Hausarzt in diesem Krankenhaus?, dachte Plotek, als Dr. Hohenthaler mit belegter, auch besorgter Stimme sagte: »So geht das nicht weiter, Herr Plotek.« Er machte eine kurze Pause und sah ihn dabei an, als wäre das Bindegewebe wegen dem Fleischklopfer schon ziemlich hinüber.

»Sie müssen etwas verändern, Herr Plotek. Mit sich und Ihrem Leben.«

Das klang jetzt wie ein Ratschlag aus einem dieser Gesundheitsratgeber von den Wühltischen bei Hertie oder aus der kostenlosen Apotheken Umschau. Hohenthalers Stirn kräuselte sich dabei, und seine Stimme rutschte in einen Tonfall ab, der auszudrücken schien, dass es für eine Veränderung längst zu spät und dieses Leben bereits zu Ende sei. Wie zur Bestätigung waren plötzlich entsetzliche gutturale Laute neben Ploteks Bett zu hören. Es klang, als wäre im Bett nebenan jemand mit dem Tod in eine kleine Meinungsverschiedenheit geraten und als könnte er sich nur unzureichend verständlich machen, warum er noch ein bisschen am Leben bleiben wollte. Oder anders ausgedrückt: Allem Anschein nach biss hier gerade jemand ins Gras. Plotek drehte den Kopf und konnte im anderen Bett einen alten Mann erkennen. In diesem Augenblick fiel ihm ein, dass der Alte schon dort gelegen hatte, als er selbst zum ersten Mal aufgewacht war. Nur dass er da noch deutlich besser ausgesehen hatte. Jetzt erinnerte seine Gesichtsfarbe an den eines Zigarettenfilters. Der Mund war weit aufgerissen, und die hervorquellenden Augen suchten die Decke hektisch nach was auch immer ab. Auch Dr. Hohenthaler schien von dem Alten irritiert. Susi wiederum nahm das Röcheln des Wracks offenbar zum Anlass, um die Befürchtung Hohenthalers noch ein wenig zuzuspitzen.

»Sonst ist bald nichts mehr mit dir und deinem Leben.« Sie sagte es mit Blick auf den Alten und einer Stimme, die weniger besorgt als entschlossen klang.

Der Mann im Bett nebenan verstummte schlagartig. Nur die Augen rasten nach wie vor an der Decke hin und her.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, versuchte sich Dr. Hohenthaler nicht weiter ablenken zu lassen. »Ein früherer Kommilitone von mir, Dr. Matteo Wehrli, betreibt eine Privatklinik in der Schweiz. Er ist ein Experte, schulmedizinisch, aber auch was die Alternativmedizin anbetrifft. Sie wissen schon: komplementärmedizinische Behandlungsmethoden, also Naturheilverfahren, Körpertherapie, Entspannung, Osteopathie, Chirotherapie, Akupunktur und das alles. Ganzheitlich halt.«

Plotek schaute offenbar, als referiere der Doktor über eklige menschliche Abgründe, denn schnell ergänzte dieser: »Ich bin sicher, mein Kollege kann Ihnen helfen. Lassen Sie sich mal zwei bis vier Wochen verwöhnen, und Sie werden sehen, Ihr Körper und Ihr Geist sind anschließend wieder auf der Höhe.«

Die Falten auf Dr. Hohenthalers Stirn waren wieder verschwunden, als würde ihn allein der Gedanke an die Behandlung beim Schweizer Experten entspannen.

»Was halten Sie davon?«

Noch ehe Plotek reagieren konnte, meldete sich Susi zu Wort.

»Gute Idee«, sagte sie. Seit wann ist sie mein Vormund?, fragte sich Plotek. Sie schien denselben Gedanken zu haben und hängte noch ein entschuldigendes, auch vermittelndes »Nicht wahr?« dran.

Ohne eine Antwort von Plotek abzuwarten, griff Dr. Hohenthaler in seine Anoraktasche und zog sein neues Mobiltelefon heraus, das seiner Aussage zufolge »alles« konnte. (Außer vielleicht ficken.) Er streichelte den kleinen elektronischen Alleskönner zärtlich mit der Kuppe seines Zeigefingers, als wäre es die Wange seiner Geliebten, und sagte – oder hauchte vielmehr, wie man eben der Geliebten etwas Schönes ins Ohr haucht: »Dann ruf ich gleich mal den lieben Dr. Wehrli an, einverstanden?«

Susi nickte anstelle von Plotek, während Dr. Hohenthaler den beiden den Rücken zudrehte und leise in sein Mobiltelefon hineinsäuselte, als hätte er mit diesem ein Liebesverhältnis. Soll heißen: verbaler Kuschelsex. Oder besser: Telefonsex. Noch besser: Objektophilie. Gibt’s! Ist Sex mit Objekten. Zum Beispiel dem Eiffelturm. Wie das geht? Keine Ahnung. Es klang bei Dr. Hohenthaler auf jeden Fall alles wie haarscharf im genitalreferenziellen Bereich und gleichzeitig so, als sollte Plotek nicht allzu viel davon verstehen. Verstand er aber trotzdem. Obgleich es da nicht viel zu verstehen gab.

»Ja, ich bin’s. Alles klar. Gut. Ich dank dir. Bis bald. Kussi.«

Das war alles. Dennoch zog das Gespräch jede Menge Gedanken nach sich. Erstens: Hat der Doktor jetzt tatsächlich »Kussi« gesagt, dachte Plotek, oder »Tschüssi«? Zweitens: Hatte er eigentlich eine Frau? Und schließlich drittens: Entweder hatte der Herr Dr. Wehrli nicht viel zu fragen, oder die Fragen wurden bereits vorher gestellt und geklärt. Soll heißen: Das Gespräch zwischen Dr. Hohenthaler und seinem alten Studienkollegen Dr. Wehrli klang so, als wäre alles schon vorher arrangiert gewesen.

»TCM-Privatklinik«, sagte Dr. Hohenthaler freudestrahlend, was so klang wie »BDSM-Privatorgie«. Er drehte sich wieder zu Plotek um. »Danach sind Sie wie ein neuer Mensch.«

Er streichelte sein Telefon ein letztes Mal und steckte es wieder zurück in den Anorak, wie Mann sein bestes Stück hinterm Hosentürl aufbewahrt.

TCM?, dachte Plotek. Was ist das denn? Ich kenne nur THC. TSV. TSG. TBB, BVG, GDL, LPG, GEZ, ZDF, FKK, KPD, DDR, RTL, LKA, ADAC

»Traditionelle chinesische Medizin«, sagte Susi, als wisse sie Bescheid.

»Danach sind Sie wie ein neuer Mensch«, beschwor Dr. Hohenthaler erneut. Ist das ein Mantra oder so?, überlegte Plotek. Will er sich damit die eigenen Zweifel an der Genesung seines Patienten ausreden?

Ich will kein neuer Mensch sein, dachte Plotek dann, ich will nur noch ein wenig der alte bleiben dürfen. Aber keine Chance. Susi mischte sich wieder ein und brachte es in ihrer unverwechselbaren Art und Weise auf den Punkt.

»Generalüberholung!«, sagte sie und lachte. Das erste Mal, seit sie neben Ploteks Bett in diesem Krankenzimmer stand.

Bin ich ein Auto oder was?, dachte Plotek, bei dem erst gar kein Lachen entstehen wollte. Er hustete dabei, als wäre der Auspuff nicht hinten, sondern vorne.

»Weil wenn nicht«, sagte Susi, der nun das Lachen wieder verging, »ist es mit dir bald vorbei!«

Sie warf erneut einen Blick hinüber zum Alten im anderen Bett, dessen Zunge wie ein lebloser Fleischfetzen aus dem Mund hing und aussah wie eine Krawatte am Hemdkragen. Die Worte von Susi klangen nun schon dramatischer – so als wäre sie ein Orakel und Plotek die Projektion ihrer Prophezeiung. So sah Susi auch aus. Ihr Gesicht verdüsterte sich. Wie um das Gesagte zu untermauern, zählte sie auf: »Leber, Herz, Nieren, Lunge, Bronchien, Cholesterin, Bluthochdruck, Eisenmangel und das Ganze eben.« Dabei schossen ihre Finger aus den Fäusten wie Böller an Silvester. Das klang nicht gut. Das klang tatsächlich nach Totalschaden.

»Plotek, du bist am Ende.« Es schien unabwendbar.

Plotek schüttelte den Kopf, am liebsten hätte er gefragt: »Und was ist dann der Kollege da nebenan?« Er wollte sich mit Susis Urteil nicht abfinden. Und schon gar nicht wollte er in die Behandlung bei diesem Schweizer.

»Aber ich könnte mich doch auch hier erholen«, sagte er kleinlaut und hoffte auf Susis und Hohenthalers Verständnis.

»Schon klar!« Susi lachte erneut, dieses Mal hinterhältig. »Du meinst am Tresen vom Froh und Munter, mit Weißbier, Tequila und ab und zu einem Schweinsbraten …«

Plotek schüttelte abermals den Kopf. Zaghaft, auch eingeschüchtert. Und für den Fall, dass seine nonverbale Reaktion nicht genügte, fügte er hinzu: »Da muss ich doch nicht gleich in die Schweiz …«

»Vergiss es, Mann!«, schnauzte Susi ihn an. Dann drehte sie sich zu Dr. Hohenthaler um, hielt die Hände in einer Geste der Resignation nach oben und sagte: »Der kapiert es einfach nicht!« Sie hörte sich dabei an wie eine Mutter, die zum Vater über den...

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