Erben des Todes

Kriminalroman
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. März 2017
  • |
  • 278 Seiten
 
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978-3-8392-5386-1 (ISBN)
 
Kurz hintereinander sterben in einem Seniorenheim mehrere Menschen. Dem Zivildienstleistenden Franz Benedikt Zacher kommen die Todesfälle höchst seltsam vor. Er glaubt nicht, dass es sich dabei um eine zufällige Häufung handelt. Franz fängt an, sich näher für die verstorbenen Bewohner zu interessieren, bis er merkt, dass auch er Teil einer Intrige ist. Seine eigene Vergangenheit und die seiner Familie scheinen mit den Verstorbenen zusammenzuhängen.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sobo Swobodnik ist aufgewachsen auf der Schwäbischen Alb und absolvierte sein Abitur in Aalen, studierte anschließend Schauspiel in München und arbeitete als Regisseur an mehreren deutschen Theatern sowie als Rundfunk-Redakteur bei verschiedenen Hörfunkanstalten. Er hat mittlerweile über 25 Bücher veröffentlicht, darunter eine mehrteilige Krimireihe. Dafür erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen u. a. den Mimi-Krimi Publikumspreis des deutschen Buchhandels. Als Filmemacher hat er verschiedene Dokumentarfilme fürs Kino gedreht und erhielt hierfür u. a. den Max-Ophüls-Preis für den besten Dokumentarfilm sowie den BR-Publikumspreis beim Filmfest München.

zwei


Das Seniorenheim Marienstift kenne ich seit meiner Kindheit. Im Alter von sieben muss ich jeden Tag auf dem Weg zur Schule daran vorbei. Die ersten Jahre besteht das Marienstift für mich nur aus einem hohen Bretterzaun, der mir die Sicht auf etwas nimmt, was offenbar nur im Verborgenen, im Geheimen einen Platz hat. Später bleibe ich oft vor dem Zaun stehen und blicke zwischen den Holzlatten hindurch. Ich sehe ein altes, um die Jahrhundertwende gebautes, riesiges Haus mit einem großen Garten davor. Der Rasen ist gepflegt. Schatten spendende Bäume, die ähnlich alt wie das Haus sein müssen, ragen hoch in den Himmel. Pappeln, Kastanien, Birken. Nahe am Bretterzaun wachsen hoch aufgeschossene Tannen. Auf der aus quadratischen Steinplatten bestehenden Terrasse stehen weiße Liegestühle aus Plastik, dazu passend vereinzelte Tische. Dazwischen Rollstühle. Darin Menschen. Anfänglich, als vielleicht Zehnjähriger, denke ich, es wären Puppen, so unbeweglich sitzen sie in ihren Stühlen. Ich erschrecke geradezu, als ich nach Tagen der Beobachtung eine erste Bewegung wahrnehme. Der Kopf einer Frau fällt zur Seite. Gleichzeitig rutscht das Bein einer anderen Person von der Fußstütze des Rollstuhls. Eine junge Frau in einem weißen Kittel kommt angerannt und richtet den zur Seite gefallenen Kopf wieder auf. Stellt den Fuß zurück auf die Stütze. Von da an weiß ich, es sind keine Puppen. Es sind Menschen. Alte Menschen, die meist völlig apathisch, in dicke Wolldecken eingehüllt vor sich hinstarren. Ab und an brabbelt eine Alte oder schreit laut auf, um sofort wieder zu verstummen. Manchmal lacht eine oder weint scheinbar grundlos vor sich hin. Ich stehe vor dem Bretterzaun und starre durch den Spalt, gleichzeitig angezogen und abgestoßen von so viel Leid, Krankheit und siechendem Verfall. Einmal ertappt mich eine der Schwestern am Zaun und wirft mit Steinen nach mir.

Als ich dann älter werde, meine Stimme plötzlich brüchig ist und ein weicher Flaum auf meiner Oberlippe sprießt, interessiere ich mich immer weniger für die dahinvegetierenden Alten in ihren Rollstühlen. Meine Neugierde gehört von nun an den jungen, geschäftig agierenden Schwestern. Ich stehe nach wie vor am Bretterzaun, mit dem Gesicht nah am Holz, und beobachte durch den Spalt, wie sie in ihren weißen Kitteln, mit anmutigen Bewegungen durch den Garten tanzen. Ja, es ist eine Art Tanz, den sie vor meinen Augen vollführen: mein Schwanentanz. Sie schieben die Rollstühle vom Schatten in die Sonne, dann wieder in den Schatten, bringen Schnabeltassen, Kuchenteller, schwingen Wolldecken in der Luft, wischen Speichelfäden aus den Gesichtern, heben Beine hoch und richten zur Seite gefallene Köpfe wieder auf. Ich tanze mit. Ich schließe die Augen und lege meine Hände um ihre Hüften, schmiege meinen Kopf auf ihre weißen Kittel, drücke mein Gesicht zwischen ihre Brüste und höre ihr Herz schlagen. Ich umkreise sie, glaube ihren Geruch zu riechen - ein Duft aus Schweiß, Haarspray und billigem Parfüm - und werde ganz betört davon. Ich tauche ein in diese, mir bis dahin völlig fremde Welt, aus schüchterner Pennäler-Leidenschaft und naivem Begehren und der Gewissheit, dass noch Wunder geschehen. Meine Fantasie trägt mich auf den flatternden Kittelschürzen fort und katapultiert mich hoch über die Tannenwipfel hinaus und geradewegs in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das nur in meinen Vorstellungen so real wie der Bretterzaun ist. Dennoch bin ich nicht erregt, sexuell erregt, meine ich, so wie Jahre später vielleicht: Ich bin glücklich. Mit jedem Schlag der Schwester-Herzen werde ich weiter fortgetragen. Weg von mir, hin zu ihnen.

Später, als der Flaum auf meiner Oberlippe harten Stoppeln weichen muss und auch die Stimme wie die eines Mannes klingt, ist es nur noch eine Schwester, die meine Blicke anzieht. Sie heißt Annemarie, ist sicher 15 oder 20 Jahre älter als ich, nicht sonderlich hübsch und etwas dicklich. Sie trägt schwarze lange Haare, die zu einem Dutt geflochten sind. Ich weiß nicht, warum gerade sie meine Aufmerksamkeit erregt. Andere Schwestern sind durchaus hübscher, attraktiver, auch jünger als sie. Vielleicht ist es ihr voluminöser Brustumfang, der mir keine Wahl lässt. Ich weiß es nicht. Ein 17-jähriger Junge denkt in anderen Kategorien. Dem Hirn eines 17-Jährigen ist sechs Jahre später nicht mehr beizukommen. Was ich heute noch weiß, ist, dass ich damals in Annemarie verliebt war.

*

Ein Student verlässt, noch ehe die Leiche aufgedeckt ist, den Seziersaal und muss sich übergeben. Allein der Geruch verursacht bei ihm Übelkeit.

»Das ist normal«, sagt Professor Dr. Homberg, der die Irritation seiner Studenten sichtlich genießt.

»Gleich kommen noch welche dazu.«

Er grinst in die bleichen Antlitze der Umherstehenden.

»Beim zweiten Mal werden es dann weniger. Und beim dritten Mal essen Sie nebenbei eine Wurstsemmel. Wetten?!«

Niemand kann sich das in diesem Moment auch nur vorstellen.

»Wenn nicht, haben Sie hier nichts verloren.«

Homberg grinst wieder und blickt jedem Einzelnen von uns für einen kurzen Moment in die Augen. Seine Drohung wird dadurch noch bedeutungsvoller, auch unheimlicher.

»Wer hat von Ihnen schon einmal eine Leiche gesehen?«

Ich bin der Einzige, der schüchtern den Arm hebt.

»Dann ist das für Sie jetzt die zweite.«

Professor Homberg zieht mit einem Ruck das weiße Laken vom Seziertisch. Ich erschrecke. Nein, erschrecken ist nicht der richtige Ausdruck. Ich bin vielmehr überrascht. Es ist Silvia. Oder Marita. Oder Susan. Es ist auf jeden Fall eine von Ralfs Eroberungen, mit der er mich - ich auf meiner Luftmatratze im Flur, er in seinem Zimmer - um den Schlaf brachte. Mit dem Anblick der jungen, hübschen Frau ist sofort wieder ihre anschwellende, rhythmische Atmung, die den Flur entlang hallte, in meinem Kopf zurück. Ihre spitzen Schreie fallen mir ein. Ihr leidenschaftliches »Jaaaa!«. Ich merke, wie sich eine Erektion unter meinem weißen Kittel bemerkbar macht. Aber nicht nur ich betrachte mit wehmütigem Blick diese schöne Leiche.

So ein Mädchen hätte jeder männliche Student, der jetzt um den Seziertisch steht, gern - und nicht nur zum Essen - eingeladen. Auf ihrem Innenschenkel prangt eine geldscheingroße Tätowierung. Es ist ein Edelweiß. Ich denke an das Wettersteingebirge. An Mittenwald. An Opa. An Pfingsten. Ich muss grinsen.

»Das ist nicht zum Lachen«, schreit Professor Homberg. Der Tod ist nicht zum Lachen. Im Angesicht des Todes wird vielmehr alles lächerlich.«

Das ist nicht von ihm, denke ich, der Satz ist nicht von Homberg, und überlege, wer das gesagt haben könnte. Ich komme nicht drauf.

»Ich wollte Ihnen, zumindest beim ersten Mal und wenigstens zu Beginn der Sektion, den angenehmsten Anblick präsentieren, der möglich scheint.«

Das ist ihm gelungen. Die Brüste der Leiche schimmern marmorn. Ihr Bauch wölbt sich wie ein Kuchenteller nach oben. Ihre Haut ist weiß-grünlich. Ihre Schambehaarung zu einem dünnen Strich rasiert. Wie aus Wachs gegossen wölbt sich ihre Vulva unseren Blicken entgegen. Bei manchen Studentinnen füllen sich die Augen mit Wasser. Bei manchen Studenten der Mund. Es ist eine schöne Leiche, eine begehrenswerte Tote. Nekrophilie ist plötzlich eine Option, eine normale Spielart der Sexualität. Homberg ist in meinen Augen sofort verdächtig. Die Blicke meiner Kommilitonen bestätigen meinen Verdacht. Ich schließe kurz die Augen und sehe ihn, bei heruntergelassener Hose, sich an der Leiche vergehen. Ich reiße die Augen wieder auf und denke: Ist Homberg ein Schwein oder bin ich es?

»Schade um dieses Geschöpf könnte man denken«, sagt der Professor und streicht zärtlich mit den Gummihandschuhen über die Haut der Toten. »Oder aber auch: selber schuld. Hier sehen Sie, was passiert, wenn Sie mehr wollen, als Sie vertragen können: Amphetamine, Derivate, Ecstasy, Atemnot, Herzstillstand, tot.«

Wieder sieht er jedem Einzelnen für einen kurzen Moment in die Augen. Homberg ist nicht nur Mediziner; offenbar fühlt er sich auch in der Rolle des Moralapostels sehr wohl. Der Professor wird mir immer unsympathischer. Die anfängliche Überlegung, dass Homberg uns bei unserer ersten Sektion mit dieser schönen Leiche schonen möchte, verwerfe ich sofort wieder. Ich weiß jetzt, das Gegenteil ist der Fall. Er will uns sogar über das übliche Maß hinaus quälen. Gerade deswegen weil diese Leiche so schön ist, so begehrenswert, wird jeder Schnitt in ihr Fleisch umso schmerzhafter für den Betrachter. Homberg ist ein Sadist. Homberg ist Zyniker. Homberg ist das Schwein! Vielleicht will er aber auch nur von Anfang an die Unfähigen, die Zu-zart-Besaiteten, die Sensiblen unter den Studenten herausfiltern. Dafür scheint ihm jede Methode, jedes Mittel recht zu sein. Als Professor Homberg ein unscheinbares Skalpell an der Kopfhaut der jungen Frau ansetzt und der erste Tropfen Blut über die Stirn der Leiche rinnt, merke ich, wie einige meiner Kommilitonen neben mir die Hände vor den Mund halten und mit unterdrückten Brech-Lauten den Seziersaal verlassen.

Ich kneife die Augen zu und denke an Opa.

*

Die Schulferien verbringe ich immer bei meinen Großeltern im Allgäu. Ich kann es nie erwarten, bis die Schule zu Ende ist und die Ferien endlich beginnen. Noch am selben Tag bringt mich Vater zum Bahnhof, setzt mich in den Zug, der mich zu Opa und Oma schafft. Ich fahre - es ist zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches - allein mit dem Zug von meiner Heimatstadt nach Mittenwald, wo meine Großeltern einen Bauernhof und...

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