Ahoi Polaroid

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2013
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11297-4 (ISBN)
 
Klar Schiff - Land unter!

Urlaub machen, Seele baumeln lassen. So haben sich Plotek und Vinzi das vorgestellt, als sie zu ihrer Reise mit dem Hurtigruten-Schiff in Richtung Nordkap aufbrechen. Aber nichts da. Schon bei der Anreise im Nachtzug werden beide mit einer Leiche im Zugabteil konfrontiert, und kaum haben sie den Hafen verlassen, verschwinden auf mysteriöse Art und Weise mehrere Mitreisende. Der Urlaub scheint dahin, die beiden fortan mit Nachforschungen beschäftigt. Und dann tauchen auch noch diese Polaroidfotos auf...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,80 MB
978-3-641-11297-4 (9783641112974)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2


Die Glocke ertönt scheppernd. Ring frei zur achten Runde. Alle sitzen wie Hühner auf Stangen um den Boxring herum und klatschen. Jubeln, kreischen, pfeifen. Vinzi, Susi, das ganze Froh und Munter und die gesamte badische Kleinstadt nach dem Theatereinsturz. Sogar Frau Doktor Hering ist da und schreit und klatscht. Es geht zu wie im Bierzelt auf dem Oktoberfest. Das ist hier aber nicht irgendein Kampf. Es ist exakt der Weltmeisterschaftskampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman am 30. Oktober 1974 in Kinshasa. Der sogenannte Rumble in the Jungle. Mit einem Unterschied: Wo im historischen Kampf Ali in bewährter Rope-a-dope-Manier in den Seilen hing und damit sein Gegenüber zur Verzweiflung trieb, lehnt jetzt Agnes in den schlaffen rot-weißen Seilen zurück, wippend und lächelnd. Zumindest ist es ihr Gesicht, alles andere ist Ali, wie er leibt und lebt. Also schwarz, ohne Brüste und alles. Der völlig verzweifelte Foreman vor ihm sieht ebenfalls nur bis zum Hals wie George Foreman, der amtierende Schwergewichtsboxweltmeister, aus. Der Kopf ist eindeutig der von Plotek. Und auf den redet Agnes unentwegt ein, als seien die Worte ihre Fäuste. Sie flüstert ihm »Is that all you can, Plotek?« ins Ohr. Immer wieder, immer lauter. Was Plotek noch mehr demoralisiert. Er wird immer schwächer. Er muss schmerzliche Konterschläge von Agnes einstecken. Harte Punchs gegen Kopf, Leber und Nieren. Er baut konditionell immer mehr ab. Er hechelt und schwitzt, während die Zuschauer jetzt »Agnes, töte ihn!« brüllen. Und Frau Doktor Hering, die er doch so sehr in sein Boxerherz geschlossen hat, brüllt am lautesten. Was Plotek-Foreman noch mehr entmutigt. Dann knallen kurz vor Ende der Runde zwei schnelle Links-rechts-Kombinationen von Agnes-Ali gegen seinen Kopf, gefolgt von neun weiteren Treffern an den Schädel, die dort bimmeln wie ein Zeichen zur Mariä Himmelfahrt. Er taumelt. Hat Pudding in den Knien. Er sinkt nieder, wie in Zeitlupe, schlägt schließlich auf dem Boden auf, schreckt hoch und fragt: »Wo bin ich?« Wie man fragt: »Ist das Licht im Kühlschrank aus?«

 

»Paradies«, sagte eine Stimme. Es war aber nicht die des Ringrichters. Auch nicht die von Ali. Oder Agnes.

»Nein!« Plotek riss die Augen auf. Es war Vinzi.

»Jena Paradies, um genau zu sein.« Vinzi lachte. »Im ICE nach Berlin.«

Plotek rieb sich die Augen, gähnte. Sein Genick war gestaucht. So versteift, als zöge alles Schlechte der Welt daran.

»Schlecht geträumt, was?«

»Ganz schlecht.«

»Siehst auch so aus.«

Ploteks Kopf schmerzte, auch die Rippen, das blaue Auge, die Schrammen im Gesicht. Dazu kam der Kater von den unzähligen Weißbieren und Tequilas am Vorabend. Zusammengenommen fühlte es sich an, als hätte Agnes die Blessuren noch einmal ordentlich aufgefrischt. Zu allem Übel war ihm ein bisschen schlecht. Sein Magen rumorte, und in seinen Beinen grabbelte eine Armee von Mistkäfern auf dem Weg zur Schlacht.

»Das war knapp«, sagte Vinzi. »Verdammt knapp. Aber wir haben es geschafft.« Er lächelte erneut. Er lächelte Plotek die Erinnerung wieder ins Gedächtnis zurück.

Sie hatten bis zum Morgengrauen im Froh und Munter gesoffen und waren anschließend am Tresen eingeschlafen. Um Punkt zehn Uhr war Vinzi plötzlich durch das Glockengebimmel des St.-Theresia-Karmeliterklosters ein paar Straßen weiter wach geworden. Kein normales, entspanntes Wachwerden, sondern ein aus allen Wolken fallendes, mit Donner. Nicht schön. Gar nicht schön. Aber als er auf die Uhr über dem Tresen geschaut hatte, wusste er, dass ihr Zug in einer halben Stunde abfahren würde. Also: Plotek wach kriegen, Taxi bestellen und dann mit Karacho zum Bahnhof. Das war trotz Restalkohol, oder gerade deswegen, wie am Schnürchen gelaufen. Und Glück war auch noch hinzugekommen. Mit dem Pfiff des Zugbegleiters hatte Plotek Vinzi samt Rollstuhl in den Zug gewuchtet. Sich selbst hinterher. Tür zu. Abfahrt.

 

Es klingelte schon wieder ein Handy. Als hätte sich die Pfeife des Zugbegleiters zusammen mit den Glocken vom Karmeliterkloster in den Ohren der beiden heimisch eingerichtet.

»Ja. Hallo, ja, ich fahr jetzt von Paradies los. Ja, nur fünf Minuten Verspätung. Nein, er hat mich überwiesen. Was? Nein, zum Proktologen«, krakeelte eine Frau schamlos in ihr Telefon. »Das erkläre ich dir später. Ja, ich habe die Spaghettisauce für dich in den Kühlschrank gestellt. Der Gemüseauflauf ist im Backofen, musst du nur einschalten, nein, auf 220 Grad und dann .« Da kann das Paradies der einen schnell zur Hölle für die anderen werden.

»Proktologe?« Plotek fragte es ähnlich laut wie die Frau am Telefon.

»Analfi ssur, Stuhlinkontinenz, Hämorrhoiden«, kam es von Vinzi genauso laut zurück. Die Frau erschrak, und sprach dann etwas gedämpfter weiter.

Schräg ihnen gegenüber wurde ebenfalls ein Mobiltelefon besprochen wie eine Warze. Oder Gürtelrose. Und zwei Sitze weiter versuchte ein Investmentmanager per Handy seiner Sekretärin, die offenbar stark schwerhörig war, Termine zu diktieren. Vielleicht war es aber auch sein Wunsch, das ganze Zugabteil mit zum Termin einzuladen. Als Zeugen, Verhandlungspartner, oder einfach als moralische Stütze. Neben ihm wiederum saß eine junge Frau in einem beigen Kostüm und mit modischer Brille, die einer Freundin bis in die kleinsten Details ihr komplettes Wochenende erzählte. Die Größe der geilen Sommerbluse zum Beispiel, die sie bei H&M dann doch nicht gekauft hatte. Es musste wirklich wahnsinnig lustig gewesen sein, beim Shoppen und Bummeln am Wochenende in der Münchner Fußgängerzone.

»Was hast du gesagt?«, fragte Plotek, dessen Schädelbrummen von dieser wabernden Kakophonie noch heftiger wurde. Auch Vinzi fühlte sich wie auf einem ostanatolischen Jahrmarkt unter grobschlächtigen Marktschreiern, die ihr verhunztes Leben wie Fallobst für fast umsonst anboten. Wie zur Bestätigung klingelte das nächste Telefon. Die Melodie, irgendein technogeschredderter Defiliermarsch, beschallte immer lauter werdend das Abteil. Da der Handybesitzer, ein ostdeutscher Bundeswehrsoldat mit Dosenbier, sich gerade in maximaler Lautstärke den Böhsen Onkelz auf seinem Billigkopfhörer hingab, dauerte es einige Strophen, bis er endlich das Gespräch annahm und das komplette Abteil von seinem »geilen dreitägigen Übungsmanöver in Mittenwald« unterrichten konnte. Dabei behielt er in einem Ohr die Böhsen Onkelz, während er den anderen Hörerknopf bereitwillig allen anderen Mitreisenden zur Verfügung stellte.

»Einer von vielen mit rasiertem Kopf / Du steckst nicht zurück, denn Du hast keine Angst / Shermans, Braces, Jeans und Boots / die Deutschlandfahne, denn darauf bist Du stolz / Man lacht über Dich, weil Du Arbeiter bist/Doch darauf bin ich stolz, ich hör' nicht auf den Mist.«, gröhlte der Sänger, während der picklige sächselnde Soldat die Schießübungen seines Manövers mit lauten Knallgeräuschen veranschaulichte. Damit es sich »Mensch Alder« in der Leitung auch besonders gut vorstellen konnte.

»Du bist Skinhead / Du bist stolz / Du bist Skinhead / schrei's heraus« - man hörte es -, »Du hörst Onkelz, wenn Du zu Hause bist / Du bist einer von ihnen, denn Du bist nicht allein / Du bist tätowiert auf Deiner Brust,/denn Du weißt, welcher Kult für Dich am besten ist .« Er war tatsächlich nicht allein. Der Infanteriebeschuss aus dem Rachen des Sachsen wurde nun von einem Kollegen drei Sitze weiter eskortiert. Quasi militärischer Begleitschutz von einem rosagesichtigen Wehrpfl ichtigen, der, ebenfalls Dosenbier trinkend, beim Counter-Strike-Spiel auf seinem Computer herumballerte, als wäre Mittenwald überall. Vinzi und Plotek wünschten sich beide ostdeutschen Kämpfer fürs Vaterland auf direktem Wege nach Afghanistan. Auf Streife mit geilem Taliban-Beschuss. Oder in den Irak. In einen ganz fiesen Al-Qaida-Hinterhalt.

Der Zug war schon fast in Naumburg, und die Krieger der Bundeswehr trugen noch immer ihre Kämpfe aus. Auch der Investmentmanager und die junge Frau gaben nicht auf. Handys über alles. Waffen am Ohr. Bis Vinzi irgendwann die Schnauze voll hatte. Er erhob sich ganz langsam und stellte sich mit seinen Stummelbeinen auf den Sitz, so dass er gerade über die Lehne hinwegschauen konnte. Er holte aus seiner Jackentasche ein kleines Büchlein heraus, schlug es auf und begann zu lesen. Aber nicht wie gewöhnlich, also leise und für sich. Sondern im Gegenteil. Für alle und ziemlich laut. Es hörte sich an wie eine proktologische Proklamation. Ein Sportplatzgebrüll während eines Gurkenkicks. Das alles andere im Abteil übertönte.

»Mein armes Herz speit Galle auf den Dreck, / mein Herz von Tabak bitterschwarz gebeizt. / Die Schiffer tanzen um den Mast am Heck, / als hätte Rum die Schädel überbeizt. / Mein armes Herz speit Galle auf den Dreck, / mein Herz von Tabak bitterschwarz gebeizt / es schmeißt dem Kapitän ins Maul den Dreck / und wird noch mehr gereizt.«

Game Over beim Counter-Strike-Spiel. Abgeblasenes Manöver in Mittenwald. Die Böhsen Onkelz waren nicht mehr stolz, Skinheads zu sein.

Dann die zweite Strophe. Noch lauter, noch eifernder.

»Unzüchtig und barbarenhaft grölt die Musik; / die Witze machen mich zum Schwein / in dieser freien Wasserrepublik: / mein armes Herz kann nur >Herr Jesus< schrei'n. / Unzüchtig und barbarenhaft grölt die Musik, und unten starrt das Meer wie schwarzer Stein, / der schwarze von Mosambik / und wäscht mich Schwein nicht rein.«

Offene Münder, staunende Gesichter, eingerissene Ärsche. Stumme Telefone. Der Manager würgte seine Sekretärin ab. Die junge Frau ihr...

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