Gullivers Reisen

Roman
 
 
Manesse Verlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 20. November 2017
  • |
  • 704 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-22500-1 (ISBN)
 
Nie war er aktueller als heute - Swifts «Gulliver» in der gültigen deutschen Übersetzung zum Jubiläum!

Gullivers Reisen nach Lilliput und zu den Riesen kennt jedes Kind. Und doch ist Swifts Fantasy-Saga vor allem ein eindrucksvolles Leseabenteuer für Erwachsene - tiefsinnig, amüsant, subversiv und desillusionierend -, eine zeitlos gültige Generalabrechnung mit menschlicher Dummheit und Selbstüberschätzung, ja eine besonders frühe Form der Polit-Satire: Die mit unerschöpflicher Fabulierlust bis ins Detail realistisch gestalteten Erlebnisse Gullivers in fremden Reichen sind gespickt mit polemischen Seitenhieben auf Staat, Kirche oder Rechtswesen.

Zum 350. Geburtstag des Autors am 30. November 2017 erscheint Christa Schuenkes kongeniale Übersetzung nun in der neu gestalteten Manesse Bibliothek - für alle, die den Menschen immer noch für die Krone der Schöpfung halten. Ein Klassiker, wie er gegenwärtiger gar nicht sein könnte!

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Manesse
  • 8
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  • 8 s/w Abbildungen
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  • 8 schwarz-weiße Abbildungen
  • 2,82 MB
978-3-641-22500-1 (9783641225001)
3641225000 (3641225000)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jonathan Swift (1667-1745) studierte Theologie in Dublin und wurde anglikanischer Geistlicher. Mit zahlreichen Flugschriften und ersten satirischen Erzählungen nahm er Stellung zu kirchlichen und politischen Themen. «Gulliver's Travels», die 1726 zunächst anonym erschienen, wurden zu einem überwältigenden Publikumserfolg und machten ihn zum bis heute bedeutendsten englischsprachigen Satiriker.

1. Kapitel

Der Verfasser gibt Auskunft über seine Person und seine Familie sowie über seine ursprüngliche Veranlassung zu reisen. Er erleidet Schiffbruch und schwimmt um sein Leben, erreicht sicher die Küste von Lilliput, gerät in Gefangenschaft und wird ins Landesinnere verbracht.

Mein Vater besaß ein kleines Gut in Nottinghamshire; von seinen fünf Söhnen war ich der dritte. Als ich vierzehn Jahre alt war, schickte er mich nach Cambridge auf das Emmanuel College3, wo ich drei Jahre blieb und mich in meine Studien vertiefte. Indes belastete mein Unterhalt (obschon der mir gewährte Zuschuss äußerst knapp war) seine beschränkten Mittel allzu schwer, weshalb er mich bei dem berühmten Londoner Wundarzt Mr. James Bates in die Lehre gab, bei dem ich mich vier Jahre aufhielt, während deren mir mein Vater ab und an kleinere Summen Geldes zukommen ließ, welche ich darauf verwandte, die Navigation zu erlernen und mir noch andere mathematische Kenntnisse anzueignen, die einem jeden, der zu reisen vorhat, nützlich sind, war ich doch seit jeher überzeugt, dass früher oder später das Reisen mein Los sein würde. Nachdem ich den Mr. Bates verlassen hatte, kehrte ich zurück zu meinem Vater, verschaffte mir mit seiner und der Hilfe meines Onkels John sowie dank einiger anderer Verwandter vierzig Pfund nebst der Zusage auf weitere dreißig Pfund im Jahr - für meinen Lebensunterhalt in Leiden.4 Dort widmete ich mich zwei Jahre und sieben Monate lang dem Studium der Heilkunde, denn ich war überzeugt, dass mir dieselbe auf ausgedehnten Seereisen von Nutzen wäre.

Nicht lange nach meiner Rückkehr aus Leiden empfahl mich mein gütiger Lehrmeister Mr. Bates dem Kapitän der «Swallow», Abraham Pannell, als Schiffsarzt; dort blieb ich dann drei Jahre und ein halbes und nahm an mehreren Fahrten nach der Levante und anderen Gegenden teil. Wieder daheim, fasste ich auf Zureden meines Lehrmeisters Mr. Bates, der überdies nicht wenige Patienten zu mir schickte, den Entschluss, mich in London niederzulassen. Ich mietete ein kleines Haus in der Old Jewry5, und weil man mir zu einer Änderung meines Familienstandes geraten hatte, heiratete ich Mrs. Mary Burton6, die zweite Tochter des Strumpfwarenhändlers Mr. Edmond Burton aus der Newgate Street, von dem ich eine Mitgift von vierhundert Pfund erhielt.

Allein, zwei Jahre später starb mein braver Meister Bates, und weil ich nur wenige Freunde besaß, so gingen meine Geschäfte allmählich immer schlechter, denn mein Gewissen wollte es nicht dulden, dass ich mich der üblen Gepflogenheiten allzu vieler meiner Zunftgenossen befleißigte. Nachdem ich mich also mit meinem Weibe und einigen Bekannten beratschlagt hatte, beschloss ich, abermals zur See zu gehen. Ich heuerte nacheinander auf zwei Schiffen als Wundarzt an und machte sechs Jahre lang mehrere Reisen nach den beiden Indien7, was mir zu einem gewissen Zuwachs meines Vermögens verhalf. Die freien Stunden brachte ich mit der Lektüre der besten Schriftsteller des Altertums sowie der Neuzeit zu, war ich doch allemal mit einer stattlichen Anzahl von Büchern versehen; weilte ich indes an Land, so unterhielt ich mich damit, die Sitten und die Wesenszüge der Menschen zu beobachten und ihre Sprachen zu erlernen, was mir dank meines ausgezeichneten Gedächtnisses mit Leichtigkeit gelang.

Doch meine letzte Reise stand unter keinem guten Stern, und darum verging mir die Lust an der Seefahrt, und ich beschloss, fortan daheim zu bleiben bei meinem Weibe und den Meinen. Ich gab das Haus in der Old Jewry auf und zog erst in die Fetter Lane und dann nach Wapping8, denn ich hoffte, dort unter den Seeleuten Patienten zu gewinnen, doch diese Rechnung ging nicht auf. Nachdem ich drei Jahre lang vergeblich darauf gehofft hatte, dass sich die Dinge zum Besseren wenden möchten, nahm ich ein vorteilhaftes Angebot von William Prichard, Kapitän der «Antelope» an, der eine Reise in die Südsee plante. Am 4. Mai 1699 stachen wir von Bristol aus in See, und zunächst verlief unsere Fahrt auch durchaus glücklich.

Nun schickt es sich aus manchen Gründen nicht, den Leser mit den Einzelheiten unserer Abenteuer auf jenen Meeren zu behelligen. Es mag also genügen zu berichten, dass uns, als wir unsere Fahrt fortsetzten und auf Ostindien Kurs hielten, ein gewaltiger Sturm gen Nordwesten trieb, hinüber nach Vandiemensland9. Nach unseren Berechnungen befanden wir uns 30 Grad 2 Minuten südlicher Breite. Zwölf unserer Männer starben von der harten Arbeit und dem schlechten Essen; der Rest war sehr geschwächt. Am 5. November - in jenen Breiten der Beginn des Sommers -, es war ein ungemein diesiger Tag, erspähten die Matrosen etwa eine halbe Kabellänge10 voraus ein Riff, doch war der Wind so heftig, dass er uns unausweichlich darauf zutrieb und augenblicks daran zerschellen ließ. Rasch setzten wir zu sechsen, fünf der Matrosen und ich selbst, ein Boot aus und schafften es mit größter Anstrengung, von Bord zu kommen - und auch weg von diesem Riff. Wir ruderten nach meiner Berechnung an die neun Meilen, bis wir nicht mehr konnten; steckte uns doch die Plackerei vorher an Bord noch in den Knochen. So überließen wir uns denn der Gunst der Wogen, bis ungefähr nach einer halben Stunde ein jäher Windstoß, der von Norden kam, unser Boot packte und es zum Kentern brachte. Was aus den Gefährten geworden ist, die mit mir in dem Boot gewesen, oder aus denen, die an Bord und auf dem Riff zurückgeblieben waren, vermag ich nicht zu sagen, doch kann ich mir nichts anderes denken, als dass sie allesamt verloren sind. Ich für mein Teil schwamm, von Wind und Flut getrieben, dorthin, wohin das Schicksal mich geleitete. Ein ums andere Mal streckte ich die Beine nach unten aus und spürte keinen Grund, doch als ich fast schon am Ende meiner Kräfte war und nicht mehr weiterkonnte, da hatte ich mit einem Male wieder Boden unter den Füßen, und auch der Sturm war mittlerweile beinah gänzlich abgeflaut. Das Gefälle war so schwach, dass ich bald eine Meile gehen musste, bis ich ans Ufer kam, was nach meiner Vermutung gegen acht Uhr abends war. Alsdann ging ich noch etwa eine halbe Meile weiter, konnte jedoch nirgendwo ein Haus noch irgendwelche Eingeborenen entdecken oder war jedenfalls viel zu geschwächt, als dass ich überhaupt noch in der Lage gewesen wäre, dergleichen zu bemerken. Ich war unendlich müde, und diese Müdigkeit bewirkte denn zusammen mit der Hitze und dem guten Viertel Branntwein, welches ich genossen hatte, ehe ich von Bord gegangen war, dass ich nur mehr schlafen wollte. Und so legte ich mich in das sehr kurze, sehr weiche Gras und sank in den wohl tiefsten Schlummer meines Lebens und schlief nach meiner Schätzung neun volle Stunden lang, denn als ich wieder aufwachte, dämmerte schon der Morgen. Ich wollte mich erheben, doch vermochte ich kein Glied zu rühren, sondern lag auf dem Rücken ausgestreckt und merkte nun, dass meine Arme und Beine auf beiden Seiten fest an den Boden geheftet waren, und auch mein langes, dichtes Haar war in gleicher Weise nach unten gezogen. Desgleichen spürte ich, dass mein Körper von den Achselhöhlen bis hinunter zu den Oberschenkeln mit allerlei dünnen Binden umwickelt war. Ich konnte nur nach oben schauen; die Sonne, die allmählich immer heißer brannte, blendete mich. Ringsumher vernahm ich aufgeregten Lärm, doch in dieser Lage, in der ich mich befand, sah ich nichts weiter als den Himmel über mir. Nach einer kleinen Weile spürte ich, wie mir etwas Lebendiges am linken Bein hochkrabbelte, langsam meine Brust überquerte und beinahe bis hinauf ans Kinn kam; als ich, so gut es ging, die Augen senkte, erkannte ich einen Menschen, der nicht einmal ganz sechs Zoll maß, Pfeil und Bogen in der Hand hielt und auf dem Rücken einen Köcher trug. Unterdessen merkte ich, wie mindestens vierzig von seiner Sorte (so vermutete ich jedenfalls) dem ersten folgten. Ich war aufs Äußerste verwundert und brüllte so laut, dass sie alle miteinander ängstlich davonliefen, und wie man mir später erzählte, wurden einige gar verletzt, als sie rechts und links von meinem Leib hinuntersprangen und zu Boden stürzten. Sie kamen indes gleich wieder zurück, und einer, der sich so weit vorgewagt hatte, dass er mir ins Antlitz schauen konnte, hob voller Verwunderung die Hände, wandte den Blick aufwärts und rief mit schriller, aber klarer Stimme: «Hekinah Degul.»11 Die anderen wiederholten diese Worte mehrmals hintereinander, doch wusste ich dazumalen noch nicht, was sie bedeuteten. Wie sich der geneigte Leser wohl vorstellen mag, lag ich die ganze Zeit in großem Unbehagen da und versuchte die Fesseln abzustreifen, und nach und nach gelang es mir auch glücklich, die Stricke zu zerreißen und die Pflöcke herauszuwinden, mit denen mein linker Arm am Boden befestigt war, und wie ich ihn hochhob und ihn betrachtete, entdeckte ich auch das Verfahren, womit sie mich gefesselt hatten, und lockerte zugleich mit einem mächtigen Ruck, der wilden Schmerz hervorrief, um ein weniges die Stricke, welche mein Haar linkerseits festhielten, sodass ich in der Lage war, den Kopf just zwei Zoll anzuheben. Doch ehe ich die kleinen Kreaturen noch zu packen kriegte, rannten sie ein zweites Mal davon, worauf sich ein großes und überaus schrilles Geschrei erhob; sobald sich dasselbe wieder gelegt hatte, hörte ich, wie ein paar von ihnen laut «Tolgo Phonac» riefen, und gleich darauf trafen mehr als hundert Pfeile meine linke Hand und durchbohrten mir die Haut wie lauter Nadeln, und da...

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