Bis zum letzten Atemzug

Roman
 
Anne Swärd (Autor)
 
Suhrkamp Verlag AG
1. Auflage | erschienen am 1. Juni 2011 | 347 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-74750-6 (ISBN)
 
Spiel nicht mit dem Feuer, nimm dich in acht vor der Liebe, warnt die Mutter, aber sie sagt nie, warum. Lo, die Tochter, muß es selbst herausfinden. Sie ist ein Wildfang, ein Hippiemädchen ohne Hippieeltern. Als Kind lernt sie Lukas kennen, der doppelt so alt ist wie sie; gemeinsam gehen sie durch dick und dünn. Sie wissen: Wir sind füreinander bestimmt. Es brennt im Dorf, als sie sich begegnen, und es wird wieder brennen, wenn sie sich trennen. Denn sie wird Lukas verlassen, wie sie auch Yoel verlassen wird und all die anderen Männer, denen sie in der Welt begegnet und eine Weile folgt. In Stockholm, Krakau, Budapest, New York. Sie weiß, daß sie Lukas, ihre große Liebe, verraten hat. Und macht sich auf die Suche nach ihm.

Anne Swärd, geboren 1969 in Südschweden, studierte in Stockholm Sozialanthropologie und Kunst, als Austauschstudentin verbrachte sie einige Zeit in Irland. Seit 1993 lebt sie mit ihrer Familie an der Küste von Österlen, im Südosten Schwedens. Zu ihren großen Interessen zählt sie das Reisen, zuletzt war sie in China, Kuba und im Osten Europas unterwegs, ihre nächste Tour soll sie nach Vietnam führen. Das Schreiben beschreibt sie als eine lebenslange Ver-liebtheit, der sie sich über Kunststudien, die Arbeit als Künstlerin, Illustratorin und Bildpädagogin sowie über Creative-Writing-Seminare genähert hat.

Der von den Kritikern sehr gelobte Roman Polarsommer ist Anne Swärds erstes Prosawerk, zuvor veröffentlichte sie Gedichte in verschiedenen literarischen Magazinen. Als eines der sechs besten schwedischen Werke im Jahr 2003 wurde Polarsommer für den prestigereichen Augustpreis nominiert, 2004 erhielt Anne Swärd das Literaturstipendium der Sparbankstiftung Skånes.
Sabine Neumann
Deutsch
1,54 MB
978-3-518-74750-6 (9783518747506)
3518747509 (3518747509)
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Sonnenstunden Jeden Tag saß sie auf dem Altan in einem Liegestuhl, zählte die Sonnenstunden, trank Eiswasser, schlief. Versuchte nicht an Zigaretten zu denken. Den süßen Geruch von frischem Tabak, den milden Rauchgeschmack, das angenehme Knistern eines frisch geöffneten Pakets Silk Cut und die sinnliche Wärme, die den Mund füllte. Sie sah aus, als wäre sie schwanger mit einer gigantischen Aprikose. Ihr gespannter, gewölbter Bauch war flaumig und hatte eine widerspenstige Weichheit, wenn der werdende Vater und seine Brüder mit ihren schmutzigen Fingern hineindrückten. Er roch nach sonnenwarmer, erntereifer Frucht, sie hätten so gern einen Bissen davon genommen, aber sie hielt sie zurück: Nein! Noch nicht richtig reif. Noch drei Wochen in der Sonne. Drei Wochen? Sie hatten schon eine halbe Ewigkeit gewartet, sollten sie jetzt noch mehr Geduld aufbringen? Aber sie stieß ihn und seine Brüder zurück, sie mussten sich mit Schauen zufriedengeben. Eine Weile noch gehörte die magische Frucht allein ihr.

Sie saß da und sah den Bauch dunkler werden, schwellen, sich in einem hohen Bogen ins Licht spannen. Genoss die letzte verschwenderische Wärme des Sommers, versuchte nicht an Zigaretten zu denken und nicht an die Zukunft und nicht an ihn. Den anderen. Verliebt sein ist eine folie à deux, das hatte sie irgendwo gelesen. Und jetzt wusste sie es aus eigener Erfahrung. Das Schlimmste war, dass es reichte, wenn beide halb verrückt wurden – und zweimal halb verrückt war vollständiger Wahnsinn.

Ihr Verliebtsein war langsam angewachsen, bis es seine Weichheit verloren hatte, und so war es auch mit dem Bauch. Es war, als gehörten sie jemand anderem: der Mondberg über ihren Hüften und der Abgrund der unglücklichen Verliebtheit, so tief, dass sie ihren Boden nicht sehen konnte. Reiß dich zusammen, sagte sie zu sich selbst. Reiß dich zusammen, reiß dich zusammen … Denk nicht an ihn. Aber jedes Mal, wenn sie versuchte, nicht an ihn zu denken, dachte sie ja schon an ihn.

Liebe ist etwas, das einen erwischt wie ein Fieber oder ein Konkurs, nein, ein Fieber war es, das im Körper wütete, sosehr sie sich auch anstrengte, es außen abzukühlen. Die Liebe kennt keine Gesetze, sie bewegt sich zwischen Liebenden, wie es ihr gefällt. Sie hasste ihn. Liebte ihn. Liebte ihn so sehr, dass sie ihn hasste. Dafür, dass es ihn gab – das war schlimm genug – so nahe, dass sie in manchen Nächten glaubte, sie müsste verrückt werden, wenn sie es nicht schon war, sie war sich da nicht so sicher.

 

Der Altan wurde in jenem Sommer ihr Zuhause. Der Rest des Hauses war zu warm, ganz zu schweigen von den Nächten, wenn die Hitze durch das Eternitdach gekrochen war und das obere Stockwerk in eine Sauna verwandelt hatte. In den Steinwänden saß die gesammelte Hitze des Sommers, es war unmöglich, im Innern des Hauses zu atmen, deshalb hatte David in einer Ecke des Altans, die am Morgen im Schatten lag, ein Bett für sie hergerichtet. Sie schliefen aneinander gedrängt auf einer Matratze, zum Geräusch des schwachen Nachtverkehrs von der fernen Autobahn, der dünnen Laute der Laubfrösche von dem überwachsenen Teich hinter dem Haus, hin und wieder eines Güterzugs und einer einsamen Nachtschwalbe über den Feldern. Bis in die Träume hinein versuchte sie, nicht an ihn zu denken. Es gelang ihr nicht, so fest David sie auch in seinen Armen hielt. Sosehr sie sich auch in Selbstüberwindung geübt hatte, wenn sie in den kühlen Keller hinuntergegangen war, um Malzbier zu holen, obwohl sie sich panisch vor Fledermäusen fürchtete und wusste, dass sie dort von der niedrigen Decke herunterhingen. Dies hier war so viel schwerer. Der Wille reichte nicht aus, um den Gedanken an ihn abzuwehren.

In den Nächten war die Gegenwart Davids lindernd, sein Arm um sie hinderte sie daran, in einen kalten dunklen Kosmos hinauszuschweben, mit ihrem Bauch als prall gefülltem Heliumballon. Doch an den Tagen saß sie in einer stolzen Erhabenheit da und wollte nur, dass man sie in Ruhe ließ. Verscheuchte ihn und seine Brüder, wenn diese wie Hunde um sie herumstrichen. Sie brauchte sie nicht mehr, wollte ihre lüsternen Blicke, ihre Neugierde nicht. Als glaubten sie, dass sie die Trägerin eines Geheimnisses sei, wo doch jeder sehen konnte, was kommen würde: eine Aprikose, King Size. Sie fing an, unfassbar dick zu werden.

 

Sie war Tage und Wochen über der Zeit. Die strotzende Frucht wurde überreif. Der Nabel, zunächst nur ein kleiner bleicher Knopf, entfaltete sich zu einer Rose aus dünner Haut und färbte sich bis in die kleinste Falte braun. Die Beine, die sie nicht mehr sehen konnte, füllten sich mit Wasser, und ein Flussdelta aus Adern verzweigte sich, schwoll an, schlängelte sich auf den Innenseiten der Oberschenkel hinab.

Björn, der zukünftige Großvater des Kindes, gab ihr Tigerbalsam, mit dem sie die schwellenden Fußknöchel einreiben sollte, aber sie kam nicht bis an ihre Füße heran. Alle Abstände und Proportionen war verschoben, und er musste es für sie tun. Sie ließ ihn machen, akzeptierte die zärtliche Handlung als das, was sie war. Fühlte sich wie Farah Diba auf ihrem Pfauenthron, auch wenn ihre Füße kaum nach Jungfrauenmilch dufteten. Sie waren schwarz und rissig nach einem langen Sommer im Freien. Idun, die künftige Großmutter, hatte stabile Büstenhalter aus Swegmarks Versandhaus bestellt. Sie hatte sich nie um etwas wie Büstenhalter gekümmert, aber Idun erklärte ihr, dass sie spätestens jetzt nicht mehr umhinkönne. Nicht nur ihr Bauch wuchs, habe sie das nicht bemerkt? »Bleiben die auch hinterher?«, fragte David und nickte in Richtung ihrer neuen Reize. »Ich hoffe nicht«, antwortete sie mit Nachdruck. Sie hatte nicht die geringste Lust, sie den Rest ihres Lebens mit sich herumzutragen, war vollauf zufrieden mit der handlichen Größe, die sie bisher gehabt hatten.

 

Trotz ihrer neuen Schwere hatte sie den langen schwülen Sommer genossen, in einem seltsamen Zustand, über alle Trivialitäten erhaben. Hitze, Hunger, Übelkeit, Rastlosigkeit, Fliegen, nichts von dem, wovon sie normalerweise gereizt wurde, brachte sie jetzt aus dem Gleichgewicht. Da sie noch kein Kind bekommen hatte, war sie nicht unruhig. Es war etwas Natürliches, dachte sie. Tiere tun es mehr oder weniger nebenbei, und sie hatte sich immer wie ein Tier gefühlt, ein Fuchsweibchen, gelenkig und naturhaft. Sie tun es einfach, und dann gehen sie wieder auf die Jagd. So, stellte sie sich vor, würde es auch für sie sein. Wenn es so weit wäre, falls sie Zeit dazu hätte, falls es nicht zu schnell ginge, wollte sie vor ihrem inneren Auge das Bild eines Fuchsweibchens entstehen lassen, das in seiner Einsamkeit im kühlen Dunkel des Fuchsbaus seine Jungen warf.

Es kostete sie große Anstrengung, nicht an Zigaretten zu denken. Vor allem nicht an Silk Cut, den hellen Tabak mit dem leichten Baconduft. Wäre sie nicht so dick gewesen und hätte sie nicht Beine wie Mangrovenbäume gehabt, hätte sie sich jederzeit an die Autobahn stellen können, per Anhalter zur Küste fahren, die Fähre über den Sund nehmen, um ein Päckchen zu kaufen und per Anhalter wieder heimzufahren. Wie gefährlich konnte es sein? Werdende Mütter hatten zu allen Zeiten geraucht, soviel sie wusste. Warum war plötzlich so vieles gefährlich, was früher nicht gefährlich gewesen war? Wahrscheinlich, weil ein Jahrzehnt dabei war, in ein anderes überzugehen. Es lag eine Art hoffnungsvolle Mobilisierung in der Luft. War es moralisch? Sie hatte jedenfalls keine Lust, daran teilzunehmen. Wollte mit ihren Zigaretten und Gewohnheiten ihre Ruhe haben, wie früher. Erst wenn einem etwas verwehrt wurde, fing man an, die ganze Zeit daran zu denken.

 

Die Tage wurden heißer und trockener, bis sie schließlich in etwas übergingen, das aussah wie Herbst. Herbst bedeutet Ernte, dachte sie. Bald kommt es. Je länger eine Aprikose an einem Baum hängt, desto leichter fällt sie. Björn, der Vater des werdenden Vaters, hatte auf der Sonnenseite des Hauses drei Aprikosenbäume an einem Spalier gezogen, und jetzt im Spätsommer waren die Früchte so prall, so süß, so reif, so vollkommen, dass ein Blick ausreichte, damit sie sich lösten und einem in die Hand fielen. Die Dinge geschehen, wenn die Zeit für sie reif ist. Man brauchte nicht religiös zu sein, um daran zu glauben.

Sie wartete, während sie die letzte Wärme des Jahres genoss, sie sammelte sie, wie man Kraft sammelt, ohne zu wissen, wie sehr man sie brauchen wird.

 

Es wurde eine lange Geburt.

Das Kind, das schließlich herauskam, ähnelte weniger einer rosa schimmernden, goldflaumigen Aprikose als einem Eskimo. Das Gefühl, dass es das wert gewesen war – die Monate des Wartens, die schockartige Verwandlung des Körpers, die Angst, die bereits mit den ersten Wehen einsetzte, die Wahnsinnsfahrt im dichten Nebel zur Frauenklinik, die unbeschreiblichen Schmerzen, das Gefühl der Verlassenheit, als sei sie der letzte Mensch auf der Welt und liege mutterseelenallein in einem fremden Entbindungssaal in einem leeren Krankenhaus, wo sie gebar so gut sie konnte, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie man Kinder zur Welt brachte. Die Lügen hinterher, als alle behaupteten, dass sie nicht...

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