Bruno Manser

Die Stimme des Waldes
 
 
Zytglogge (Verlag)
  • erschienen am 21. November 2017
  • |
  • 344 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7296-2294-4 (ISBN)
 
Bruno Manser war ein Vielbegabter, ein Multitalent, der auch als Naturforscher, Handwerker, Sportler verblüffte. Er war Maler, Kommunikator, Schriftsteller. Ein Querdenker, hellwach, aneckend und unbequem. Was ist mit ihm passiert? Ruedi Suter geht dieser Frage nach und versucht sie zu beantworten. In einem hervorragend geschriebenen, minutiös recherchierten Report, der sich mit kritischem Respekt dieser ausserordentlichen Persönlichkeit annähert.
3., Aufl.
  • Deutsch
  • Basel
  • |
  • Schweiz
  • Für Jugendliche
zahlr. schw.-w. Fotos u. Zeichn.
  • 7,00 MB
978-3-7296-2294-4 (9783729622944)
weitere Ausgaben werden ermittelt
  • Intro
  • Über das Buch
  • Kurztitel
  • Titel
  • Impressum
  • Inhalt
  • Die Suche
  • Kindheit und Schulzeit
  • Wehrdienst und Gefängnis
  • Alpzeit und Selbstfindung
  • Im Bauch der Erde
  • Handwerk und Sinnesschulung
  • Denkwelten
  • Einsamkeit statt Zweisamkeit
  • Bildteil I
  • Bei den Penan
  • Staatsfeind Nr. 1
  • Widerstand und Blockaden
  • Frauen, Schlangen, Flucht
  • Rückkehr, Rastlosigkeit, Reisen
  • Sanftmut und Radikalität
  • Staatsfeind trifft Staatsführer
  • Bildteil II
  • Der Körper als Waffe
  • Vom Abwürgen einer Liebe
  • Bruno im Kongo
  • Kritik aus dem Innern
  • Die Friedensoffensive
  • Himmelfahrtskommando
  • Nachforschungen und Rätselraten
  • Der Wald ist unsere Haut
  • Über den Autor
  • Backcover

Die Suche

Von der Schweiz in den Urwald Sarawaks · Mit den Penan auf Spurensuche ·

Im Reich der trunkenen Pflanzen · Vom Gehen und Torkeln · Das letzte Lager ·

Verschollene verfolgen die Suchenden

Dunkler, triefender Wald. Nichts zu hören ausser dem eigenen Keuchen und dem Prasseln des Regens auf dem Blätterdach. Alles ist nass, Hemd, Hose, Gepäck. In den Schuhen schmatzt eine rotbraune Brühe aus Wasser, Blut und Dreck. Bei jedem Halt müssen die Schuhe ausgeleert werden. Keine halbe Stunde später sind sie wieder voll.

Mit der dauernden Nässe, den Blutsaugern, den Wunden, dem Hunger und vielen weiteren Schwierigkeiten eines wochenlangen Marsches durch den Dschungel Borneos musste ich rechnen. Auch mit Myriaden stechender Moskitos und jener dumpfen Hitze, die mir schon in afrikanischen oder südamerikanischen Tropenwäldern begegnet sind. Doch Stechmücken und Schwüle liessen uns bis dahin unbehelligt. Die Heimat der letzten Penan-Waldnomaden ist ein Bergland; je höher wir steigen, desto angenehmer sind die Temperaturen.

Zum Glück hat sich über die schmale Schlucht ein müder Baumriese gelegt. Das erspart einen weiteren Umweg. So kann unser Suchtrupp hinüberbalancieren. Die Penan tänzeln samt ihren schweren Rückenkörben in kurzen Schritten auf die andere Seite. Für Erich und mich wird diese offensichtlich einfache Überquerung zu einer Mutprobe. Ein Ausrutschen auf dem glitschigen Stamm, ein Sturz in die Tiefe - und die Expedition wäre schon in ihren Anfängen gescheitert. Hier, in dieser letzten Abgeschiedenheit des Regenwalds von Sarawak, diesem märchenhaften Universum aus urweltlichen Pflanzen jeder Grösse und wundersamen Tieren, aus steilen Bergen, tiefen Schluchten und jählings an- und abschwellenden Flüssen, lauern viele Gefahren, selbst für geübte Waldläufer wie die Penan. Hier verlieren sich auch die letzten Spuren von Bruno Manser.

Was ist passiert? Mit diesem vielseitigen Querdenker, dem Menschenrechtler, Mahner und Umweltschützer, der 1984 dem Wohlstandsstaat Schweiz den Rücken kehrte, um bei einem der letzten jagenden und sammelnden Regenwaldvölker der Erde sechs entbehrungsreiche Jahre lang die Kunst der Bedürfnislosigkeit zu erlernen und zu einem der ihren zu werden? Bis zu jenem Tag, als das erste Kreischen von Kettensägen, das erste Dröhnen von Bulldozern die Ruhe des Waldes zerrissen und den , der sein Paradies gefunden zu haben glaubte, zum Wider-standskämpfer, zum von den Holzkonzernen und der malaysischen Regierung am meisten gehassten Ausländer machten.

Bruno, was ist mit dir geschehen? Die Frage hat sich eingenistet. Ein Ungeheuer, das unablässig neue Fragen gebiert und bislang mit keiner erlösenden Antwort vertrieben werden konnte. Ist BM ermordet worden? Oder verunfallt? Hält man ihn gefangen? Wählte er den Freitod? Oder ist er einfach untergetaucht, um zum letzten Mal mit einer spektakulären Tat die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf die bedrohte Welt der Penan zu lenken? Ein beklemmendes Rätsel.

Die Lösung müsste irgendwo in diesem Land liegen. Mit grösster Wahrscheinlichkeit in diesem Wald. Und sei es auch nur in Form eines Fundgegenstands, eines Rucksacks, eines Kleidungsstücks oder einer in Rinde oder Stein geritzten Botschaft. Er hätte ein Zeichen gesetzt, ohne Zweifel, sofern er dazu in der Lage gewesen wäre - und es auch gewollt hätte. Davon ist Erich Manser überzeugt. Felsenfest.

Erich, 49, kennt seinen zwei Jahre jüngeren Bruder wie kein anderer. Er hat jahrelang mit ihm in den Bündner Bergen Alpen bewirtschaftet und könnte sein Zwillingsbruder sein. Beide zäh, eigenwillig, verantwortungsbewusst. Erich hat sich für die Gründung einer Familie entschieden, Bruno für die Selbstverwirklichung, die ihn schliesslich in diesen Kampf um die Erhaltung der Lebensgrundlagen führte.

Dass Bruno einfach so verschwunden sein soll, lässt Erich keine Ruhe. Nächtelang versuchte er, sich in die Lage seines Bruders einzufühlen.

Er will der Sache auf den Grund gehen.

Doch dazu muss er zu den Freunden seines Bruders reisen. Seine erste Reise nach Borneo, seine erste Expedition in einen Regenwald. Und wir, die wir uns zuvor nicht gekannt hatten, beschlossen, gemeinsam auf die Suche zu gehen.

Von Zürich über Kuala Lumpur sind wir nach Miri in Sarawak geflogen, um heimlich auf schlammigen Holzfällerpisten, braunen Flüssen und durch gerodete Einöden in die kläglichen Überreste dieses einst gigantischen Urwalds vorzudringen. Stets in der Furcht, von Armee, Polizei oder den privaten Sicherheitskräften der Holzkonzerne aufgespürt und verhaftet zu werden. In Sarawak ist der Name ein rotes Tuch. Dort gilt Bruno als Staatsfeind. Offiziell. Auf ihn wurde geschossen, auf ihn wurde eine hohe Kopfprämie angesetzt. Deshalb musste er sich in den letzten Jahren bei geheimen Besuchen oft wochenlang allein durch die Wälder des benachbarten Kalimantan und Sarawak kämpfen, um zu seinen Freunden gelangen zu können. Der Beamte am Einreiseschalter vom Miri-Airport verzog bei der Prüfung unserer Pässe keine Miene. Hat er den Namen überhaupt gelesen? Oder hat der Name bei den Behörden seinen Schrecken verloren, weil der lästige Unruhestifter endgültig ausser Gefecht gesetzt worden ist?

Wir erreichten Penanland - unbehelligt und ohne Zwischenfall.

Das letzte schriftliche Lebenszeichen des Bruno Manser erhielt eine Frau im Schweizer Jura. Es war im Juni 2000, als der Postbote von Pruntrut Charlotte Bélet ein Couvert überbrachte. Mit Marke, doch ohne Stempel. Trotzdem wurde das Schreiben aus dem malaysischen Gliedstaat Sarawak in die Schweiz befördert.

Charlotte Bélet, die Freundin des Umweltaktivisten BM, eine ruhige, lebensfrohe und gefasste Frau, kann nicht mehr rasch etwas erschüttern. Vor Bruno hatte sie bereits zwei Männer verloren, den Ehemann durch einen Autounfall, den späteren Freund durch Suizid.

Charlotte öffnete den Brief, erwartungsvoll, freudig und wie immer auch in leiser Sorge. Bruno hatte ihn am 23. Mai 2000 datiert und wie gewohnt das Papier mit seiner malerischen Handschrift beschrieben. Das einseitige, auf Französisch verfasste Schreiben verrät, dass der Verfasser müde war, sich in einem Buschversteck beim Urwaldort Bareo verkrochen hatte und dort die Dunkelheit abwartete, um in Bareo zu übernachten und dann auf Holzfällerstrassen ins Waldesinnere weiter vor-zustossen. Den Zärtlichkeiten am Ende des Blatts folgt aber keine Namensunterschrift, nur der witzig gezeichnete Kopf eines Männleins. Es streckt die Zunge heraus und dreht jemandem eine lange Nase. Wem? Den Behörden Sarawaks? Den Holzkonzernen? Der Welt? Auch diese Antwort müsste hier irgendwo in der Tiefe dieses Waldes liegen.

Wieder einer dieser halsbrecherischen Steilhänge. Sam, der im Moment den Such-trupp anführende Häuptlingssohn, bleibt stehen. Er versucht, mit den Augen die besten Abstiegsmöglichkeiten auszukundschaften. Hinter ihm halten sein Vater Na, Erich und dann die Stammesangehörigen Ibrahim, Simon an. Gisa, Bruce, Henni, Lian, Mutang, Lawing und ich folgen. Die Vordersten beraten sich kurz. In dieser Wildnis gibt es keinen ausgetretenen Pfad. Die Penan folgen den Wildwechseln. Oder sie schlagen sich mit dem Buschmesser ihre eigenen Wege durchs Dickicht. An dieser Stelle ist der Wald aber licht, nur wenig Unterholz.

Sam, wie alle Penan schwer beladen mit einem voll gepackten Traggestell aus Rattan, ergreift die Zweige eines Buschs und lässt sich einen Tritt hinunter. Die wie bei einem Kickerschuh mit Zapfen versehene Sohle seiner Gummischlappen bohren sich in die getränkte Erde. Wanderschuhe mit einem guten Profil sind hier wertlos. Der Dreck verstopft im Nu die Rillen des Sohlenprofils. Beim nächsten Tritt trifft Sams Fuss auf einen Stein. Dieser rutscht, er muss springen. Dicht hinter ihm folgen Erich und die anderen Penan.

Neben dem Jagen und Sammeln ist das Gehen die wichtigste Überlebenstechnik eines Waldnomaden. Barfuss bewegt sich nur noch Lawing durch den Regenwald. Er scheint das Erspüren der Erde nicht dem Fortschritt einer künstlichen Sohle opfern zu wollen. Hautnahe, direkte Bodenberührung. Wirkt sich diese auf die Lebenshaltung eines Menschen aus? Ich denke an meine Socken, die Schuhsohle und den Asphaltbelag daheim in Europa. Wann habe ich das letzte Mal den Fuss nackt auf Erde, Gras oder Stein gesetzt?

Unsere Welt, die technische Zivilisation mit all ihren Bequemlichkeiten, hat BM nicht aufgehört zu betonen, entwurzle sich fortlaufend selbst. Sie sei abgehoben, habe den gesunden Bezug zu den lebenswichtigen Elementen verloren. Vor allem zur Erde, zum Wasser, zur Luft. Darum die blinde Zerstörung der Existenzgrundlagen.

Wäre dies auch der Fall, wenn wir - wie die alten Penan - barfuss geblieben wären? Kann es sein, dass die einfach gebliebenen Zivilisationen der Jäger und Sammler die rücksichtsvollste Daseinsform ist, weil sie nur das der Natur entnimmt, was sie braucht? Oder hat Manser die...

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