Liebe Sophie!

Brief an meine Tochter
 
 
Verlag Herder
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Juli 2013
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-451-80017-7 (ISBN)
 
Ein Vater schreibt seiner zwölfjährigen Tochter einen Brief, der sie auf ihrem Weg durch Kindheit und Jugend begleiten soll; manchmal sorgenvoll, manchmal komisch, manchmal zornig, manchmal optimistisch, aber immer voller Zuneigung und Zutrauen zu seiner Sophie.

Henning Sußebach erzählt von der zunehmenden Unterwerfung der Kindheit - auch der seiner Tochter - unter Leistungsdenken, Zeitknappheit und Konkurrenzdruck, und versucht Sophie zu erklären, warum das so ist. Vor allem aber ermutigt er sie (und mit ihr alle Kinder und Eltern), die äußerlichen Erwartungen und Zumutungen nicht fraglos zu erfüllen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Henning Sußebach bringt das Lebensgefühl der heutigen Kinder und Eltern auf den Punkt. Dem Buch zugrunde liegt ein Artikel von Henning Sußebach in der ZEIT. Ein kluges und bewegendes Plädoyer, die Kindheit, überhaupt das Leben, nicht mit Ängstlichkeit, Vor-Sorge und Eile, sondern mit Zuversicht, Neugier und Gelassenheit zu gestalten.
  • Deutsch
  • Freiburg im Breisgau
  • |
  • Deutschland
  • 4,25 MB
978-3-451-80017-7 (9783451800177)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Henning Sußebach, geb. 1972, ist Redakteur bei der ZEIT. Er wurde für seine Artikel und Reportagen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. Henri-Nannen-Preis 2006, CNN Journalist Award 2007, Egon-Erwin-Kisch-Preis 2007, Theodor-Wolff-Preis 2009, Deutscher Sozialpreis 2010.
  • Intro
  • [Impressum]
  • Liebe Sophie
  • Sehr seltsam: Nicht ihr Kinder seid Angsthasen, sondern wir Eltern sind es
  • Auch komisch: Wir Erwachsenen sind dauernd in Eile und stehlen euch Kindern die Zeit ...
  • Kaum zu glauben: Warum aus zu viel Liebe ein goldener Käfig werden kann
  • Irgendwie irre: Wir Eltern wissen fast alles von euch, ihr Kinder aber wenig von uns
  • Kleiner Tipp: Dehne die Gegenwart aus, anstatt sie zu schrumpfen - das geht nämlich!
  • Echt jetzt: Die schönsten Entdeckungen machst Du beim Gehen von Umwegen
  • Wirklich: Eure Zukunft ist ein Meer von Möglichkeiten, super Sache!
  • Ganz wichtig: Ihr seid mehr als die Summe eurer Leistungen!
  • Was ich für den Brief gelesen habe

Sehr seltsam: Nicht ihr Kinder seid Angsthasen, sondern wir Eltern sind es


Ich habe gerade ein Experiment gemacht, Sophie. Ich war im Internet, auf Google, der Suchmaschine, die sich merkt, wonach wir Menschen sie fragen, die unsere Neugier misst wie ein Thermometer steigendes und sinkendes Fieber.

Ich habe das Wort „Zuversicht“ eingegeben: 3 Millionen Treffer. Das Wort „Spaß“: 44 Millionen. Das Wort „Freude“: 71 Millionen. Und dann das Wort „Angst“: 116 Millionen.

Derzeit, habe ich gelesen, haben wir Deutschen besonders große Angst vor der Euro-Krise, vor einer Inflation (also dass man für sein Geld immer weniger kaufen kann, weil alles teurer wird) und vor Altersarmut. Dazu kennen wir noch Zukunftsangst, Kriegsangst, Terrorangst, Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor Überfremdung und Angst vor dem Islam. Es gibt außerdem Flugangst, Höhenangst, Platzangst, Prüfungsangst und Verfolgungsangst, Angst vor Hunden, vor Menschenmassen, vorm Zahnarzt, vor Wasser, Spinnen und stechenden Insekten.

Auf einer medizinischen Fachseite habe ich eine Aufzählung von insgesamt achtzig Phobien – „Phobie“ ist das Fremdwort für Angst – gefunden. Das reicht von der Aelurophobie (Angst vor Katzen) über die Bacteriophobie (Angst vor Bakterien), die Coulrophobie (Angst vor Clowns), die Gephyrophobie (Angst vor dem Überqueren von Brücken), die Gynäkophobie (Angst vor Frauen), die Halitophobie (Angst vor Mundgeruch), die Neophobie (Angst vor Neuerungen), die Nomophobie (Angst, keinen Handyempfang zu haben) und die Paraskavedekatriaphobie (Angst vor Freitag, dem 13.) bis hin zur Vaccinophobie (Angst vor Impfungen). Und dann gibt es auch noch die Phobophobie. Das ist die Angst vor der Angst.

Beim Notieren dieser Wortungetüme war ich ein wenig von Vertippophobie befallen. Der Angst, mich zu verschreiben.

Ich will mich nicht lustig machen, Sophie, es sind ja anerkannte Krankheiten darunter. Aber ist Dir schon einmal aufgefallen, im Geschichtsunterricht vielleicht, dass es in unterschiedlichen Jahrhunderten und unterschiedlichen Kulturen immer auch unterschiedliche Krankheiten gab? Zum dreckigen Mittelalter gehörte die Pest, zur ausbeuterischen Industrialisierung die Knochenkrankheit Rachitis, zu den fetten Wirtschaftswunderjahren der Herzinfarkt. Ich glaube sogar: Manchmal ist Krankheit auch Definitionssache, hin und wieder sogar Mode. Mit der Angst vor Mundgeruch hätte sich vor hundert Jahren kein Mensch zum Arzt getraut. Und die Furcht, keinen Handyempfang zu haben, konnte noch niemand kennen. Das ist wichtig, Sophie: Wir behaupten so gern, die Eskimos hätten mindestens zwanzig Worte für „Schnee“, und wir schließen daraus auf ihr Gefühlsleben. Wenn wir noch viel mehr Arten von Angst kennen, was sagt das dann über uns? Die Eskimos sind von Schnee umgeben, wir offenbar von Ängsten.

Jetzt willst Du natürlich wissen, was das mit Dir zu tun hat und mit mir als Vater, mit Deinem vollen Terminkalender, mit der verkürzten Schulzeit und Begriffen wie „Vernutzung“ und „Sitzkindheit“.

Lass uns dafür eine Expedition in die Seelenlandschaft der Erwachsenen unternehmen. Lass uns schauen, wie wir Eltern die Welt sehen, in der Ihr Kinder groß werdet. Ich glaube nämlich, es ist so: Deine Freundinnen und Du wachsen in einem Zeitalter der Verzagtheit auf. Viele Erwachsene haben heute das Gefühl, die Welt sei unsicherer, die Zukunft ungewisser als früher. Ich sage nicht, dass es so ist, aber es kommt vielen Menschen so vor. Ihre Angst sickert in den Alltag, sucht sich dort ihre Ausdrucksformen – und macht Euch so womöglich: Angst.

Das klingt sehr theoretisch. Deshalb ein Beispiel, eine dieser unscheinbaren Alltäglichkeiten, ein winziger Mosaikstein nur: Vor drei Jahren haben wir ein neues Auto gekauft. Wann immer wir jetzt irgendwo hinfahren – und sei es nur zum Getränkeholen –, verriegeln sich alle Türen automatisch von innen, sobald die Tachonadel 20 Stundenkilometer übersteigt. Wir sind keine hundert Meter von zu Hause entfernt, haben noch nicht mal den Spielplatz an der Straßenecke erreicht, da verwandelt sich unser Auto – „klack!“ – in eine Art rollenden Tresor. Als verließen wir sicheren Boden.

Warum ist das so? In unserer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein springen keine Plünder-Banden auf die Straße, sondern nur Eichhörnchen. Und ich behaupte, dass das an 1000 von 1000 Orten in Deutschland nicht anders ist. Die Arbeitslosenquote in unserem Landkreis liegt bei vier Prozent. Die Kreisverwaltung vermeldet mehr Einnahmen als Ausgaben. Die meisten großen Schlagzeilen in der Lokalzeitung lauten trotzdem:

Finanzielles Fiasko vermeiden, Tatort Friedhof: Callboy vor Gericht, Tote im Kleiderschrank: Erster Hinweis auf das Tatmotiv, Windpark bekommt Gegenwind, Im Visier der Einbrecher, Polizei fragt: Wer kennt den Triebtäter?

Nichts als Niedertracht und Niedergang.

Wenn ich in diesem Augenblick die Homepage von SPIEGEL ONLINE, die Startseite auf meinem Computer, öffne, herrscht auch dort Daueralarm:

Euro-Zone: Deutscher Export in Krisenländer bricht ein, Schwache Konjunktur: Arbeitslosenzahl steigt auf 2,9 Millionen, Teure Energie: Inflation klettert auf zwei Prozent, Die Spur des Geldes: Deutschland ist erpressbar geworden, Angst vor dem Euro-Zerfall: Deutsche Banken flüchten aus Krisenländern, Rhesusaffen: Diät verlängert das Leben nicht.

Klingt nicht gut, was?

Für einen Journalisten schreibt sich das nicht leicht, aber wenn in der Zeitung steht: Zahl der Straftaten im Jahr 2011 gestiegen, wirst Du womöglich nicht erfahren, dass die Kriminalitätsrate in den sieben Jahren davor stets gesunken ist. Und wenn es im Radio heißt: In Deutschland sterben 3 von 1000 Kindern, bevor sie fünf Jahre alt werden, fehlt der Hinweis, dass es in meinem Geburtsjahr noch 25 waren.

Die Welt besteht also nicht nur aus schlechten Nachrichten, Sophie. Wir Erwachsenen mit unseren achtzig Arten von Angst haben das aber schon fast vergessen. Umso wichtiger ist, dass ein Kind wie Du das weiß. Damit Du die Möglichkeit hast, die Welt mit eigenen Augen zu entdecken. Mit dem Optimismus – und auch mit dem Überschwang und dem Leichtsinn – der Jugend. Du hast ein Recht darauf!

Also los: Hast Du zum Beispiel gewusst, dass seit dem Jahr, in dem ich geboren wurde, die Lebenserwartung der Männer von 67 auf 77 Jahre gestiegen ist? Und die der Frauen von 74 auf 83? Es gibt fünfmal mehr Hundertjährige als vor dreißig Jahren. Es gibt auch wieder Lachse im Rhein und Elche in Brandenburg. Und schon 25 Prozent des Stroms in Deutschland werden aus Sonne, Wind und Wasser gewonnen. Fühlt sich verwegen an, das hier hinzuschreiben, fast wie was Verbotenes. So schwer fällt es uns Erwachsenen, auch mal was zu loben! Aber früher war eben nicht alles besser, auch wenn das zu fast jeder Zeit von fast allen Menschen behauptet wird. Würde das stimmen, säße die Menschheit auf einer Rutschbahn ins Elend – aber das, liebe Sophie, stimmt einfach nicht.

Den lustig-klügsten Satz dazu hat der Komiker Karl Valentin gesagt: „Früher war sogar die Zukunft besser.“

Ich weiß nicht, ob es Dir schon aufgefallen ist, weil Du es ja nicht anders kennst: Aber wenn man uns Deutsche über unser Land und unser Leben reden hört, klingt es trotzdem häufig so, als sprächen wir über Somalia oder Sierra Leone. Unsere Politiker? Alle korrupt! Unsere Krankenhäuser? Völlig heruntergekommen! Unser Geld? Nichts mehr wert! Unsere Kinder? Schlecht gerüstet für die Zukunft!

Erstaunlich ist: Besonders gern und laut wird bei Kaffee und Kuchen gemotzt, auf Kreuzfahrtschiffen voller Pensionäre, bei Tempo 250 im ICE oder auf der Terrasse vor dem abbezahlten Haus, also immer dort, wo es den Leuten gut geht oder gut gehen könnte. Wir nehmen unseren Wohlstand nicht mehr wahr. Wir haben verlernt, unser Glück zu schätzen.

Jetzt würde ich gerne von Dir wissen: Wie klingt der Soundtrack, die Begleitmusik Deiner Kindheit? Worüber hörst Du uns Erwachsene reden, beim Abendessen, am Telefon, beim Gartenzaunplausch mit den Nachbarn? Wie oft sprechen wir in Deinem Beisein über die Zukunft als etwas Bedrohliches – und wie oft schildern wir sie Dir als ein phantastisches Abenteuerland, das es unbedingt zu entdecken gilt? Wie oft hörst Du, dass die Menschen schlecht sind, und wie oft von freundlichen Begegnungen? Welche Art von Seufzer hörst Du bei uns zu Hause öfter: „Auch das noch …“ oder „Wie gut es uns geht …“? Schildern wir einem Kind wie Dir die Welt noch als ein staunenswertes Wunder?

Wissenschaftler grübeln seit langem über den Missmut der Erwachsenen. Philosophen glauben, es könnte daran liegen, dass wir in einer Zeit „rasenden Stillstands“ leben. Damit meinen sie: Wir Menschen haben gerade keine Idee für das Morgen, die Zukunft, uns fehlt so etwas wie eine Anleitung zum Leben. Die Kirche nehmen wir nicht mehr so ernst wie unsere Großeltern das noch taten. Der Kommunismus, von dem Du bald im Geschichtsunterricht hören wirst, ist erledigt. Der Kapitalismus fordert dauernd neue Opfer. Zum Mond will auch keiner mehr fliegen. Schon gegen neue Postleitzahlen gibt es ja Proteste.

Es ist nur eine Vermutung, aber ich glaube, wenn wir eine Zeitreise in die Vergangenheit machen könnten und dort Männer in meinem Alter fragten, was sie sich von ihrer Zukunft erträumten, hätten deren Antworten so geklungen: „Neue Kontinente erobern!“ Oder:...

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