Traumland

Roman
 
 
Hoffmann und Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2011
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81009-7 (ISBN)
 
Der Bestseller aus Norwegen. "Eine Klasse für sich!" Dagbladet

Lance Hansen, Polizist und Ranger rund um den Lake Superior, kann sich nicht erinnern, dass es in der Gegend jemals einen Mordfall gegeben hat. Arglos geht er einem Hinweis auf Wildcamper nach und stößt auf einen jungen Mann, der, nackt und verwirrt, in einer fremden Sprache stammelt. Nicht weit davon liegt ein zweiter - übel zugerichtet und für immer mundtot.

Lance Hansen hat norwegische Wurzeln, wie so viele Bewohner am Lake Superior in Minnesota, wo sich im 19. Jahrhundert viele Einwanderer aus Skandinavien ansiedelten. Deshalb merkt er bald, dass es sich bei dem verwirrten Nackten um einen Norweger handelt. Der junge Mann, dessen Freund brutal erschlagen wurde, steht unter Schock. Und Hansen hat ein Problem: Es ist nicht nur der erste Mordfall in der Gegend, dessen Zeuge er geworden ist, er hat am Abend zuvor das Auto seines Bruders in der Nähe des Tatorts gesehen - und schweigt darüber. Statt sich dem Konflikt zu stellen, vergräbt sich Hansen in die Historie der Gegend und stößt am Ende doch noch auf einen weiteren Mordfall - der ein Jahrhundert zurückliegt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,53 MB
978-3-455-81009-7 (9783455810097)
3455810098 (3455810098)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1    Der See glitzerte in der Sonne. Scheinbar endlos floss er weit draußen mit dem Himmel zusammen.

Es war früher Morgen, so gut wie kein Verkehr. Ein schwarzer Jeep Cherokee fuhr den See entlang Richtung Süden. Der Fahrer trug wegen der gleißenden Morgensonne eine Sonnenbrille. Auf dem Beifahrersitz lagen der Cook County News-Herald von dieser Woche, eine fast leere Tüte Old Dutch Kartoffelchips und eine Kappe der Minnesota Vikings. Die Fotografie eines dunkelhaarigen Jungen mit fehlenden Vorderzähnen war an der Ecke des Rückspiegels befestigt.

Bald wäre die Straße voll mit Touristen in ihren Geländewagen und Wohnmobilen, noch hatte er sie allerdings nahezu für sich allein. Die wenigen Menschen, denen er begegnete, waren Ortsansässige auf dem Weg zur Arbeit. Sie grüßten sich, so wie sie es jeden Morgen taten. Er wusste, welche Vorfahren sie hatten und woher sie gekommen waren. Er kannte die Namen der Städte und Dörfer in Schweden und Norwegen, in denen ihre Familien Jahrhunderte gelebt hatten, bevor endlich jemand die befreiende Idee hatte, in die Neue Welt auszuwandern. Aber daran dachte er im Moment nicht. Er dachte daran, ob er seinen Bruder in Two Harbors schon anrufen könnte oder ob es noch zu früh wäre. Eigentlich war es immer zu früh, um Andy anzurufen. Zu früh oder zu spät. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal mit ihm telefoniert hatte. Möglicherweise vor der Hirschjagd im letzten Herbst, also vor sieben oder acht Monaten. Aber heute hatte er einen besonderen Grund, anzurufen. Trotzdem zögerte er.

Solche Gedanken gingen dem Mann in dem schwarzen Jeep an diesem Morgen durch den Kopf.

Er kam am Schrottplatz des Orts vorbei – eine beeindruckende Landschaft aus Autowracks rechts der Straße – und fuhr den Hügel hinunter in Richtung des Zentrums von Tofte, wo das Bluefin Bay Hotel morgendlich ruhig an der Bucht lag. Wenige Meter von dem modern wirkenden Gebäude mit all seinen Winkeln und Glasflächen ragten die Reste der alten Landungsbrücke aus dem Wasser. Nur die fünf Steinfundamente standen noch. In ihrem verfallenen Zustand ähnelten sie Wirbeln eines gebrochenen Rückgrats, als befände sich direkt unter der Wasseroberfläche das Skelett eines großen Urzeitungeheuers. Gleichzeitig schienen sie aber auch lächerlich klein im Verhältnis zu dem großen Hotel, das vor einigen Jahren gebaut worden war.

Er hatte das alles schon tausend Mal gesehen, der Morgen unterschied sich nicht von den anderen sonnigen Sommermorgen, an denen er den Hügel nach Tofte hinunterfuhr. Er kam am Hotel vorbei, an Mary Janes Garn-Shop, dem Postamt, der Kirche, am AmericInn Motel und der Tankstelle, dann lag das Zentrum von Tofte hinter ihm. Vor ihm erstreckte sich die Straße als eine lange schnurgerade Strecke mit Birkenwäldern an beiden Seiten. Zwischen den weißen Stämmen glitzerte auf der linken Seite der See. Mitten auf der langen, geraden Straße wies ein Schild nach rechts: »Superior National Forest. Tofte Ranger District.«

Die Rangerstation sah aus wie ein Militärlager – mehrere flache, braune Holzhäuser, dazwischen Grasflächen und asphaltierte Wege. Er fuhr in die den Mitarbeitern vorbehaltene Einfahrt und parkte unter einer großen Birke. Dort stand ein Wagen, den er noch nie gesehen hatte, vermutlich gehörte er dem neuen Chef der Station.

Die Sekretärin Mary Berglund und ein Mann, den er nicht kannte, standen sich an der Informationstheke gegenüber und unterhielten sich, als er eintrat. Zwischen ihnen dampften zwei Pappbecher. Unter der Decke schwebte ein ausgestopfter Weißkopfseeadler an beinahe unsichtbaren Fäden. Eine Schnee-Eule saß auf einem Ast. An der Wand hinter Mary Berglund hing ein Traumfänger, ein billiges Exemplar aus der Massenproduktion, aber dennoch ein Tribut an die lokale Indianerpopulation – ein Zeichen, dass auch ihre Kultur vom US Forest Service respektiert wurde. Neben dem Publikumseingang stand ein großer Bär, dem die Zunge aus der Schnauze hing.

»Guten Morgen, Lance«, sagte Mary, eine Frau in den Sechzigern mit Brille und Dauerwelle.

Der Fremde, bei dem es sich wahrscheinlich um den neuen Ranger handelte, drehte sich um und sah ihn mit einem offenen und neugierigen Blick an.

»Lance Hansen?«, fragte er.

Hansen nickte.

»John Zimmerman, District Ranger«, stellte sich der Fremde vor und streckte die Hand aus.

Sie begrüßten sich. Zimmermans Händedruck kam schnell und fest.

»Kaffee?« Der Ranger nickte in Richtung Kaffeespender, der auf einem Tisch hinter dem Infotresen stand. »Ja, danke«, sagte Lance Hansen.

Mary Berglund holte einen Pappbecher aus dem Behälter, goss ein und stellte den Becher auf den Tresen. »Lance ist unser lokaler Ahnenforscher«, sagte sie zu Zimmerman.

»Ist das wahr?«, fragte der Ranger. Er hörte sich an, als würde es ihn nur mäßig interessieren.

»Nur so ein Hobby«, erwiderte Lance. Er versuchte zu trinken, aber der Kaffee war noch zu heiß, er stellte den Becher wieder ab. »Und was ist mit Ihnen?«, wollte er wissen. »Wo kommen Sie her?«

»Im Moment aus Kentucky. Daniel Boone National Forest.«

»Aber ursprünglich sind Sie nicht aus dem Süden?«

»Nein, ich stamme aus dem Osten. Geboren und aufgewachsen in Massachusetts.«

Zimmerman war ein braungebrannter, schlanker Mann, ungefähr Anfang fünfzig, bei dessen Anblick Lance Hansen sich aufgedunsen und schwer vorkam. Sie trugen identische Uniformen. Grüne Hose und sandfarbenes Hemd. Der einzige Unterschied bestand in den Namensschildern, auf denen »District Ranger« beziehungsweise »Law Enforcement Officer« stand, außerdem trug Lance Hansen eine Waffe. An seiner rechten Hüfte hing eine Pistole im Holster.

»Es tut mir leid, dass ich mich nicht schon früher vorgestellt habe«, sagte Lance. »Normalerweise komme ich mindestens einmal in der Woche ins Büro, aber schönes Wetter bedeutet eine Menge Leute im Wald. Es gab von morgens bis abends etwas zu tun.«

»Irgendwas Besonderes?«

»Hm, nein, das Übliche. Saufereien und Krawall auf ein paar Campingplätzen. Rücksichtsloses Fahren. Illegales Angeln. Übrigens, willkommen an The North Shore«, sagte er lachend.

»Danke«, sagte Zimmerman. »Und was steht heute Morgen auf dem Programm?«

Als Polizist mochte es Lance nicht, wenn er gefragt wurde, womit er sich gerade beschäftigte, aber da er zum ersten Mal mit Zimmerman zusammentraf, antwortete er so ausführlich wie nötig. »Irgendjemand hat in der Nähe von Baragas Cross illegal ein Zelt aufgestellt. Ich habe die Meldung gestern erhalten, hatte aber keine Zeit mehr, mich darum zu kümmern. Ich werd mal nachsehen, ob sie immer noch da sind.«

»Steht das Kreuz denn auf Bundesgelände?«

»Ja, sicher.«

»Das wusste ich nicht«, sagte Zimmerman. »Ich habe wohl noch viel zu lernen.«

»Es ist ein ziemlich großes Gebiet«, erwiderte Lance Hansen. »Ich arbeite jetzt seit über zwanzig Jahren hier, aber es gibt noch immer Teile der Gegend, in denen ich noch nie gewesen bin. Es ist eine vollkommen eigene Welt.«

Vorsichtig trank er einen Schluck Kaffee. Und noch einen. Eigentlich eher, um höflich zu sein. Dann stellte er den Becher wieder auf den Tresen.

»Na, ich muss sehen, dass ich loskomme«, erklärte er.

Er ging die Kellertreppe hinunter, über sich an der Decke das Gemälde eines Wolfsrudels im Schnee. Unten im Flur winkte er wie immer den Frauen im Großraumbüro zu. Er sah die weichen Gesichtszüge von Becky Tofte, seiner Freundin aus Kindertagen. Dann betrat er sein eigenes kleines Büro.

Die Arbeit bestand überwiegend darin, darauf zu achten, dass die Leute nicht große Abfallmengen an unzugänglichen Stellen abluden oder auf den einsamen Wegen wild drauflosfuhren. Außerdem durfte niemand ohne Angelschein angeln, obwohl das in Anbetracht der Größe des Gebiets ein hoffnungsloser Kampf war. Manchmal verirrte sich auch jemand, und es musste eine Suchaktion eingeleitet werden. Oder es wurde an einer verbotenen Stelle ein Lager aufgeschlagen. Zelten durfte man nur auf den Campingplätzen der US Forest Services. Im Großen und Ganzen hatte er es also mit ziemlich undramatischen Vergehen zu tun. Hin und wieder musste er allerdings auch wirklichen Verbrechen nachgehen, zum Beispiel illegalem Holzeinschlag. Und bereits zweimal hatte er im Wald Produktionsstätten für Methamphetamin entdeckt.

Streng genommen hätte er aus ermittlungstechnischen Gründen auf Zimmermans Frage, was an diesem Morgen auf dem Programm stand, gar nicht antworten dürfen. Jedenfalls definierte Lance Hansen so seine Rolle als Polizist des US Forest Service. Es war ein Posten, der von Polizisten mit einem etwas intensiveren Dienstplan eher abschätzig betrachtet wurde; mit anderen Worten, also von den meisten. Lance Hansen war ein »Waldbulle«. Aber da er keine Lust hatte, erschossen zu werden oder jemanden zu erschießen, zog er diesen Job den Fußstreifen in Duluth oder Minneapolis bei weitem vor.

Er nahm die Schlüssel seines Dienstwagens vom Haken. Einen Moment überlegte er, seinen Bruder jetzt anzurufen, entschied sich aber dagegen. Hätte er gestern Abend daran gedacht, könnte er sich die Fahrt zum See, um nach diesen Touristen zu sehen, vermutlich sparen. Er hatte Andy eigentlich sofort anrufen wollen, als er aus Duluth nach Hause kam, aber stattdessen hatte er den Fernseher angeschaltet und sich aufs Sofa gelegt, und als er ein paar Stunden später erwachte, noch immer vollkommen verschlafen, hatte er das Telefonat völlig vergessen. Jetzt musste er halt selbst dorthin fahren und die Anzeige überprüfen.

 

Er parkte am Ende der Straße und stieg aus. Die Uhr zeigte zwei Minuten vor halb acht. Vor ihm...

»wunderbar erzählt [...] wird bei der Lektüre an Filme wie 'Fargo' erinnert.«
 
»Ein mitreissender Skandinavienkrimi, der ausnahmsweise einmal nicht in Skandinavien spielt. [...] Ein sehr gelungenes Krimi-Debüt!«
 
». unterhaltsame Thrillerkost, flott und spannend, ein Buch mit großem Bogen und glaubhaften Ausflügen in die Psyche des Protagonisten.«
 
»Gut geschriebenes Deutschlanddebüt des norwegischen Schriftstellers.«
 
». nachdenklich und spannend«
 
»außergewöhnlicher Kriminalroman«
 
»Feinfühlig, litararisch anspruchsvoll .«
 
». ein eindringliches Buch. Einmal angefangen, lässt es einen nicht mehr los.«
 
»Er fasziniert nicht nur durch den Kriminalfall und dessen Aufklärung, sondern auch durch eine Fülle von spannenden historischen Hintergründen.«
 
». schöner, ruhiger Krimi, der ohne große Schockeffekte auskommt.«

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

7,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung dieser Web-Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok