Gauland

Die Rache des alten Mannes
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. September 2018
  • |
  • 176 Seiten
 
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978-3-406-72711-5 (ISBN)
 

Vom konservativen Gentleman zum rechten Scharfmacher - kann man so den politischen Weg von Alexander Gauland beschreiben, der die Bundesregierung vor sich hertreiben will? Was treibt ihn um? Was für politische Erfahrungen bringt er mit? Was ist dieser Mann für eine Persönlichkeit? Und warum flirtet er so vollkommen schamlos mit den Ultrarechten?

Alexander Gauland pflügt die politische Landschaft in Deutschland um, indem er das rechte Lager hinter sich herzieht. Doch der Eindruck, er habe erst als alter Mann den Weg in die Politik gefunden, trügt. Jahrzehntelang war er Diener des Systems, das er heute bekämpft. Erst die Summe seiner Erfahrungen in Politik, Verwaltung und Medien hat die AfD zu einer Bewegungspartei und einer Herausforderung für die Demokratie werden lassen. Was sucht dieser bekennende Konservative und Englandliebhaber am rechten Rand? Und warum will er die CDU zerstören, der er fast 40 Jahre angehört hat?

Olaf Sundermeyer bringt Licht in das Vorleben des AfD-Frontmanns und zeigt, wie bewusst und strategisch Gauland den Griff nach der Macht plant.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 2,52 MB
978-3-406-72711-5 (9783406727115)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Olaf Sundermeyer gehört zu den profiliertesten Kennern der rechten Szene in Deutschland. Er arbeitet als ARD-Reporter im Investigativteam des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Wegen seiner Expertise zu Extremismus und innerer Sicherheit ist er häufig in Rundfunk und Fernsehen präsent, seine Fernsehreportagen wurden mehrfach ausgezeichnet. Bei C.H.Beck erschien zuletzt "Bandenland - Deutschland im Visier von organisierten Kriminellen" (2017).

Inhalt

1. Lotse der Bewegung
Gauland hat das rechte Lager bis zu dem Punkt geführt, an dem aus dem Traum von der Machtübernahme ein Szenario wurde

2. Fleisch vom Fleische der CDU
Niemand empört sich mehr über Gauland als seine langjährigen Parteifreunde aus der Union, und das nicht ohne Grund

3. Den Zeitgeist reiten
Gauland wusste schon immer, was politisch ankommt. Als die Stimmung dafür günstig war, hat er dem Land einen Rechtsruck abgetrotzt

4. Ost-West-Versteher
Gauland gehört zu dem exklusiven Kreis von Politikern, die in beiden Teilen Deutschlands ankommen, als DDR-Flüchtling in Hessen ebenso wie als West-Import in Brandenburg

5. Das Pegida-Moment
Gaulands Selbstradikalisierung begann auf einem Spaziergang an einem nasskalten Montagabend durch die Dresdner Altstadt

6. Frankfurter Schule
Im Frankfurter Römer hat Gauland den Umgang mit der schärfsten Waffe kultiviert, die die Demokratie vorhält. Heute missbraucht er die Sprache für die Jagd auf andere

7. Er war Tronkenburg
Martin Walser hat schon 20 Jahre vor Gründung der AfD einen luziden Schlüsselroman über Gauland geschrieben

8. Sein Spiel mit der «Lügenpresse»
Gauland hat Freude am Umgang mit Journalisten und an der Zeitungslektüre. Das ändert nichts an der Verachtung der freien Presse in seiner Partei

9. Club der schönen Seelen
Es gab eine Zeit, in der Gauland gemeinsam mit Cohn-Bendit, Bubis, Enzensberger und Gauck etwas Gutes für Deutschland tun wollte

10. Unter alten Männern
Als Gauland in das Alter kam, in dem andere ihren Enkeln die Nasen putzen, gründete er mit anderen enttäuschten Rentnern eine neue Partei

11. Auf der Lauer
Was tut Gauland, wenn es den Anschein hat, als döse er vor sich hin?

12. Am Beispiel der Grünen
Die Partei von Ditfurth, Fischer und Trittin dient Gauland als Vorbild für die AfD

13. Unter Rechten
Gauland ist einer der wichtigsten Türöffner für Rechtsextremisten. Ihre Ziele unterstützt er wahlweise durch Zustimmung oder Schweigen

14. Stresstest für die Demokratie
Gauland geht es schon lange nicht mehr um das Wohl Deutschlands. Hält unsere Demokratie diesen Belastungstest aus?

Dank
Anmerkungen
Literatur

1. Lotse der Bewegung

 

Gauland hat das rechte Lager bis zu dem Punkt geführt, an dem aus dem Traum von der Machtübernahme ein Szenario wurde

Endlich steht er auf der großen Bühne vor dem Brandenburger Tor. Im Blick die Siegessäule, obenauf die golden glänzende Viktoria, eingerahmt vom satten Himmelsblau. Hinter ihm marschieren Polizisten in schwerer Montur durch die Säulen des Triumphtors. Sie drängen die Tausenden zurück auf den Pariser Platz, die gekommen sind, um ihn auszupfeifen, seine Botschaft zu übertönen. Weil sie die Zwietracht fürchten, die er sät zwischen denen, die er zu Deutschen erklärt, und allen anderen. Weil er denen eine starke politische Stimme gibt, die sich fremd im eigenen Land fühlen, deren Angst in Wut umgeschlagen ist. Sie sind es, die er in diesem Augenblick vor sich sieht: Menschen, die Deutschlandfahnen schwenken, eine wogende Masse vor der Siegesgöttin mit ihrem Lorbeerkranz in der einen Hand und dem Eisernen Kreuz in der anderen. Im Kopf erklingt dazu die preußische Volkshymne: Heil dir im Siegerkranz/. die hohe Wonne ganz/Liebling des Volks zu sein!

In diesem Bild verdichtet sich eine Momentaufnahme der Nation, so wie er sie sich zurückwünscht. Für diesen Traum will er Hitler und die Nationalsozialisten endlich vergessen machen. Diese zwölf Jahre waren, verkündet er, nicht mehr als ein «Vogelschiss» in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Deshalb sei es gut, dass der Schatten Hitlers hierzulande endlich verblasst.[1] Alexander Gauland will sich Weltkrieg und Völkermord nicht mehr vorhalten lassen, behauptet deshalb, sie beträfen die Identität der Deutschen nicht mehr.[2] Er sieht die jubelnden Menschen vor der Bühne deshalb im Recht, sich ihr Land zurückzuholen und die Vergangenheit nach den eigenen Vorstellungen zu zeichnen. Deshalb sind sie alle hier, sie wollen dabei sein, wenn er dieses Recht einfordert und Stück für Stück durchsetzt. Im Bundestag, auf der Straße, im Fernsehen. Sie wollen sich bei ihm das Wir-gegen-die-Gefühl abholen, er soll ihr Deutschlandbewusstsein stärken, wenn er gleich wieder vom Europa der Vaterländer spricht und «Deutschland den Deutschen» meint.

Bei 30 Grad Hitze wischt er sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und nestelt sein Redemanuskript aus der Innentasche der Tweedjacke. Darunter das nasse Hemd, den obersten Knopf geöffnet. Heute keine Krawatte. Es ist ungewöhnlich heiß in diesem Frühsommer. Aber er mag das Licht und die Wärme. Sie hellen sein Gemüt auf. Gauland hat einen anstrengenden Tag vor sich. Abends wird er noch drüben in Adlershof als Studiogast bei Anne Will über das Thema sprechen, dem er so viel zu verdanken hat: die Flüchtlingskrise, ohne die sich all das hier nicht zutragen würde. Der Glücksfall, der ihn berühmt gemacht hat, seinen Namen und sein Gesicht. Dieses großflächige wächserne Antlitz, die wässrigen blauen Augen, die leicht gekrümmte römische Nase. Jetzt streicht er sich das lichte, klatschnasse Haar mit der flachen Hand in Strähnen über den Kopf. Gleich ist er dran. Noch klingt die Stimme seines Vorredners über den Platz, verhallt dort wirkungslos. Seine Vorstandskollegin Beatrix von Storch ist längst schon durch. Sie läuft in ihrer weißen Jeanshose hibbelig am Bühnenrand entlang und fährt die Menge mit der Kamera ihres Smartphones ab, mit dem sie seit Jahren die Welt betrachtet. Gaulands Welt dagegen ist das, was er wirklich vor sich sieht. Er verschränkt die Hände auf seinem Bauch und wartet ab. Sein Herz ist schwach, es hat ihm schon einmal den Dienst versagt. Sein Arzt sagt, er solle Situationen wie diese unbedingt meiden. Der Arzt sagt auch, dass er nicht so viel Wein trinken soll. Seine Tochter sagt ihm das ständig. Manchmal, wenn es wieder zu viel Rosé war, verpetzt sie ihn sogar bei seinem Arzt, einem alten Bekannten, der die ganze Familie behandelt. Sie sagt auch, dass er endlich aufhören solle, die Menschen aufzuhetzen. Aber er hört nicht auf seinen Arzt, auch nicht auf seine Tochter. Nicht beim Wein und nicht beim Hetzen. Gauland hört auf niemanden mehr.

Er ist weit weg von den Menschen, die ihm früher wichtig waren. Hat sie hinter sich gelassen. Sie fühlen sich von diesem Alexander Gauland abgestoßen, die alten Freunde, die Familie seiner Ehefrau, alte politische Weggefährten. Für seine neuen Parteigänger ist er die Identifikationsfigur und das alterskluge Gesicht der Bewegung. Der Lotse, ohne den diese Bewegung nicht bis zu dem Punkt gekommen wäre, an dem sie das Land verändert hat. Die Politik, die Stimmung, die Gesellschaft. Andere sehen in ihm den «Gauleiter», den «Nazi-Opa», für sie ist sein Gesicht eine Provokation. Beides, Bewunderung und Ablehnung, geben ihm das Gefühl der Anerkennung und Wertschätzung: Es erfüllt ihn wie eine Droge.

Auch in diesem Moment kriecht dieses Gefühl durch seinen alten schweren Körper, dringt bis zu seiner kranken Seele vor. An Tagen wie diesem vergisst er seine schwere Depression, hat er keine Magenschmerzen. Die Droge macht ihn schmerzfrei, lässt ihn diese Ochsentour ertragen. Er ist der letzte von acht Rednern. Einer rief ihn gar zum kommenden Bundeskanzler aus. Dazu verzog er missbilligend die Miene. Die große Anerkennung und Bewunderung, die seine Anhänger ihm entgegenbringen, verstellen ihm nicht den Blick auf die Realität. Darin unterscheidet er sich von vielen der Menschen, die ihn seit einiger Zeit umgeben und den Platz derjenigen eingenommen haben, die er in seinem alten Leben zurückgelassen hat. Gauland hat seine Menschen ausgetauscht.

Eine Stunde dauerte der Fußmarsch, den er in sengender Mittagshitze an der Spitze des Demonstrationszugs bis hierher angeführt hat. Zehntausende Menschen um ihn herum, die wütend sind, pfeifen, jubeln. «Ganz Berlin hasst die AfD» schreien die einen, «Volksverräter» und «Lügenpresse» die anderen. Dazwischen Polizisten zu Pferd, andere zu Fuß, das Visier vor den Gesichtern. Es weht ein Hauch von Weimarer Republik durch das Regierungsviertel, dazu der beißende Gestank von Reizgas. Alles dreht sich um Gauland, die Boote auf der Spree mit den riesigen Lautsprechern, der wummernden Technomusik und den tanzenden Gegendemonstranten an Deck, der Polizeihubschrauber, die Dutzenden Kamerateams, die immer wieder ihn suchen. Den körperlichen Mittelpunkt dieser Kakophonie. Sein Gesicht, auf das sich alles fokussiert, wird später in den Abendnachrichten um 20 Uhr in der ARD das Aufmacherbild.

Zurück zum Nachmittag am Brandenburger Tor: Nach drei Stunden ist es endlich so weit. Er wird angekündigt wie von einem Ringsprecher vor dem großen Kampf: «Uuund zum Schluss der Höhepunkt - Aaaalexander Gauland!» Die Menge skandiert «Gauland! Gauland! Gauland!». Dann legt er los mit heiserer Stimme: «Unsere Kinder, unser Land, unsere Zukunft!» Jubel, Fahnenschwenken. Wenn ihn seine Tochter jetzt sehen würde, die Pastorin mit der Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, was würde sie denken? «Die erspart sich meine Auftritte», hat er vorher lapidar gesagt. Aber an diesem hier wird sie kaum vorbeikommen, überall ist er zu sehen: im Fernsehen, in der Zeitung, im Internet, auf den Bildschirmen in der U-Bahn.

«Der Unterschied zu den Konsensparteien ist - sie lieben unser Land nicht!» So erklärt er Politiker unter lautem Jubel zu Volksverrätern, wiederholt seine Botschaft, damit sie verfängt: «Sie lieben die Fremden, nicht uns, nicht die Deutschen, denen dieses Land gehört. Sie lieben nicht dieses Land, nicht das deutsche Volk und nicht seine Geschichte.» Mit solchen Sätzen erreicht er die Seele der Partei. Das ist sein Ausdruck für eine gelungene Ansprache vor den eigenen Leuten. Alle anderen erklärt er zu Feinden. Nicht direkt, das ist nicht sein Stil. Die letzte Schlussfolgerung überlässt er stets seinen Zuhörern. Also denen, die hier und jetzt «Volksverräter!» skandieren. Gauland hat es ihnen in den Mund gelegt. Das ist seine Art, sich als Redner aus der Verantwortung zu stehlen. So hat er es schon immer gemacht. Auch früher, als er noch für andere die Reden schrieb. Jetzt tut er es für sich und nutzt sein vor langer Zeit erlerntes Handwerk, den gekonnt manipulativen Umgang mit der deutschen Sprache, als Waffe bei der Jagd auf die anderen. Wenn er sie zur Hand nimmt, dann trifft er auch. «Deutschland schafft sich nicht ab, solange wir den Deutschlandabschaffern im Nacken sitzen.» Jubel, Applaus, Pfiffe.

Nur wenige Meter vom ihm entfernt wird ein anderer alter Mann von einem wütenden Mob als «Volksverräter» beschimpft und bedrängt. Zwei zufällig anwesende Kamerateams schützen ihn. Wolfgang Thierse ist wie Gauland ein Kriegskind, geboren in Breslau, er hat schon viel erlebt. Aber der Hass, der ihm hier...

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