Die Handelsherrin

Roman aus der Hansezeit
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Januar 2015
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98192-7 (ISBN)
 
Ende des 14. Jahrhunderts in Stockholm: Die junge Anne hat nach dem Tod ihres Mannes ein großes Handelshaus übernommen. In der schwedischen Hauptstadt herrschen die Vitalienbrüder, die Seeräuber der Ostsee, mit eisernem Regiment- und sie haben es auf Anne und ihren Besitz abgesehen. Zwar gelingt ihr zusammen mit ihrer kleinen Tochter die Flucht in ihre Heimatstadt Lübeck. Doch auch dort ist sie nicht sicher vor ihren Verfolgern . Packend und lebendig fängt die erfolgreiche Autorin Catharina Sundberg die farbige Welt der Hansezeit ein.
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 3,70 MB
978-3-492-98192-7 (9783492981927)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Catharina Sundberg arbeitete viele Jahre als Meeresarchäologin und Historikerin. Nach Tätigkeiten in mehreren skandinavischen Museen besuchte sie die Journalistenhochschule in Göteborg und begann historische Romane zu schreiben, zuletzt »Gebrandmarkt«, »Die Handelsherrin« und »Die Kupferhändlerin«. Heute lebt sie in Stockholm und arbeitet als Journalistin bei der Tageszeitung Svenska Dagbladet.

3. Kapitel

Die Haare peitschten ihr ums Gesicht. Der Anblick der Toten verfolgte sie mit jedem Schritt, sie wurde vom Grauen geschüttelt. Maria weinte in ihren Armen, und obwohl Anne sie hörte, war ihr, als komme das Kindergeschrei aus weiter Ferne, aus einer anderen Welt. Bleib jetzt ganz ruhig, redete sie sich selbst zu. Fang nicht an zu rennen, verrat dich nicht. Doch sie konnte ihre Angst nicht bezwingen. So lief sie mit raschen Schritten, klopfendem Herzen und schweißverklebten Händen durch die Gassen. Elin hatte tot auf dem Boden gelegen - in Annes Kleid. Die arme Magd hatte niemals auch nur einer Fliege etwas zuleide getan, die Mörder mussten sich getäuscht haben. Hinter Anne waren sie her gewesen, Anne Persdotter, der Besitzerin des Handelshauses!

Sie sah sich um, als könnten ihr die Mörder hinter der nächsten Ecke auflauern. Scheu musterte sie alle, die ihr entgegenkamen. Männer in Harnischen grölten vor einer Kneipe, ein Bettler saß mit ausgestreckter Hand an einer Straßenecke, und ein Bauer war mit seinen Kühen zur Weide unterwegs. Niemand schien ihr Beachtung zu schenken.

Sie eilte weiter, bog rasch um die Ecke und sah schließlich die Stange mit dem aufgesteckten Wirtshauskranz vor dem Weinkeller. Maria war mittlerweile verstummt und schlang ihr die Ärmchen um den Hals. Anne drückte sie fest an sich. Als sie die Tür erreicht hatte, klopfte sie zwar, riss sie aber gleich auf, ohne abzuwarten, dass ihr jemand öffnete.

Auf der obersten Stufe hielt sie inne. Ganz hinten, neben dem Ofen, entdeckte sie ihre Freundin, die die Arme um Herman Möller geschlungen hatte, den reichen deutschen Bürger, der auch im Rat saß. Anne zögerte. Widerstreitende Gefühle befielen sie. Am liebsten wäre sie zu ihrer Freundin gestürzt und hätte ihre Verzweiflung hinausgeschrien, aber der Anblick der beiden verwirrte sie. Als sie sich leise zurückzog, stieß sie gegen einen Eimer, der umfiel und die Treppen hinunterpolterte.

»Anne, bist du das?« Valborg befreite sich aus der Umarmung und glättete den Rock.

»Wie schön! Komm doch herein, bleib nicht da oben stehen!«

Mit wackligen Knien stolperte Anne die Treppe hinunter und schritt durch das niedrige Kellergewölbe.

»Aber Anne - wie siehst du denn aus? Was ist geschehen?«

»Elin ist tot.«

»Was sagst du da?« Valborg kam ihr entgegen.

»Als ich nach Hause kam, fand ich sie am Boden. Man hat sie erstochen«, fuhr Anne mit bebender Stimme fort.

»Erstochen? Das ist ja schrecklich!«

Anne setzte sich mit Maria auf eine Bank, und Valborg ließ sich daneben nieder. Sie atmete schwer und war ganz bleich.

»Irgendjemand ist ins Haus eingebrochen und hat sie umgebracht«, berichtete Anne. »Und sie hatte meine Kleider an. Ich glaube, man hat sie ermordet, weil man sie mit mir verwechselt hat.«

Valborg nahm Anne in den Arm und streichelte ihr den Rücken. Anne begann zu schluchzen.

»Aber warum sollte dir jemand etwas Böses wollen?«, fragte Valborg.

»Ich weiß nicht. Aber ich habe an den Mob gedacht, der Alf gelyncht hat. Irgendjemand muss dahintergekommen sein, dass ich seine Frau war, und trachtet mir nach dem Leben. Oder es waren die Vitalienbrüder, die das Handelshaus plündern wollten.«

»Ja, die wollen sich sicher das Handelshaus unter den Nagel reißen«, stimmte Valborg zu.

Herman Möller verließ seinen Platz am Ofen und gesellte sich zu ihnen. Er war mittelgroß und ziemlich dünn. Seine Haltung wirkte so aufrecht, als hätte er einen Schürhaken verschluckt, und er ging mit kurzen, entschlossenen Schritten. Sein Gesicht war glatt rasiert, und gelocktes, helles Haar umrahmte ein ovales, kleines Gesicht. Seine Augen waren hellblau und forschend. Als er Anne sah, lächelte er ihr zu.

»Alf war reich und unterhielt gute Geschäftsverbindungen. Könnte es nicht sein, dass die Hanse das alles übernehmen will? Vielleicht stecken ja gar nicht die Vitalienbrüder dahinter«, gab er zu bedenken.

Anne hörte ihm zu, wusste aber nicht, was sie glauben sollte. Sie konnte das Bild der Toten und der riesigen Blutlache nicht loswerden, und ihr wurde immer elender zumute. Hätte sie Elin doch nur ihre Kleider nicht angeboten, hätte sie sie doch nicht allein gelassen! Sie schniefte und wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Maria quengelte wieder, und Anne wiegte sie sanft, während sie ihr das Haar streichelte. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich die Kleine beruhigt.

Herman ging im Zimmer auf und ab. Anne war nicht sicher, ob es so klug war, in Anwesenheit des Kaufmanns über die Geschehnisse zu sprechen, aber früher oder später würde er ja sowieso erfahren, was sie Valborg erzählte.

Nachdem ihre Freundin Witwe geworden war, hatte sie allein gelebt, doch schon bei Hermans erstem Besuch im Weinkeller hatte sie ein Auge auf ihn geworfen. Und als sie sich die Leinenbluse zu bügeln pflegte und die Haare sorgfältig hochsteckte, begriff Anne, dass es ernst war. Mittlerweile wartete Valborg den ganzen Tag nur noch auf ihn, und wenn er erst durch die Tür getreten war, konnte man kaum mehr ein vernünftiges Wort mit ihr wechseln. Anderen hörte sie nur zerstreut zu, doch sobald Herman etwas sagte, horchte sie gespannt auf. Offensichtlich war auch er ihr sehr zugetan. Mit seinem Gutshof vor den Toren der Stadt war er bestens gestellt und deshalb sicher nicht hinter Valborgs Vermögen her.

»Wie auch immer, jetzt müssen wir erst mal was in den Magen kriegen.« Valborg stand auf und räumte den Tisch frei. »Das mit Elin werden wir aufklären. Aber mit leerem Magen sollte man keine Entscheidungen treffen.«

Anne konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wie ernst die Lage auch sein mochte, Valborg dachte immer ans Essen. Sie war kugelrund, und ihre Formen erinnerten Anne an ein wandelndes Federbett. Nicht umsonst trug sie den Spitznamen Essenundtrinken.

Die Freundin trat an den Ofen, schöpfte einige Kellen Suppe in eine Schüssel und kehrte an den Tisch zurück.

»Hier, iss!«

Anne nahm die Schale dankbar entgegen und kostete. Die Freundin trocknete sich die Hände an der Schürze ab, setzte sich wieder neben sie und nahm Maria auf den Schoß.

»Ich glaube, es ist zu gefährlich, wenn ihr zwei im Handelshaus bleibt«, meinte sie.

Annes Hand mit dem Löffel erstarrte auf halbem Weg zum Mund.

»Ja, du musst aus Stockholm verschwinden«, stimmte Herman zu. »Deine Feinde könnten einen weiteren Angriff planen.«

»Ich soll unser Heim verlassen? Und die Geschäfte, die Maria und mich vorm Verhungern bewahren? Die entwickeln sich jetzt nämlich wieder gut.«

»Du hattest es früher auch schon schwer und hast es trotzdem immer geschafft. Du wirst es auch diesmal wieder schaffen. Wir helfen dir, nicht wahr, Herman?« Valborg sah ihren Freund auffordernd an.

Er setzte sich neben sie. »Deine Geschäfte gehen also wieder gut nach Alfs Tod?«, wollte er wissen. Anne nickte.

»Ich weiß nicht, wie viel Valborg dir erzählt hat, aber ich habe lange im Auftrag der Hanse Handel getrieben«, erklärte Herman. »Ich habe immer noch viel mit Lübeck zu tun, vielleicht kann ich dir ja irgendwie helfen.«

Anne lauschte seiner schleppenden Stimme. Warum hatte er früher nie etwas davon erwähnt?

»Früher war ich meistens in Lübeck, aber nach den Morden auf Käpplingeholmen habe ich meine Geschäfte hierher verlegt«, erklärte er, als hätte er ihre Gedanken erraten.

»Ja dann«, sagte Anne und dachte an die vielen neu angekommenen Kaufleute, die die Stadt bevölkerten. Die schwedischen Bürger hatten eine Lücke hinterlassen, die die deutschen Händler jetzt zu füllen versuchten.

»Vielleicht kannst du mit Hermans Kompagnons in Lübeck zusammenarbeiten. Das wäre doch schön, oder nicht?«, schlug Valborg vor. »Und er kann sich hier um dein Handelshaus kümmern, solange du weg bist.«

Anne warf Herman einen Blick zu. Der nickte zustimmend.

»Das kann ich, natürlich.«

Valborg nahm seine Hand und sah ihn verliebt an. Anne wusste, dass ihre Freundin seine ruhige Art liebte. In seiner Gesellschaft musste sie nicht immer die Starke spielen, und er gab ihr Rückhalt und kümmerte sich um sie.

»Ich kann dich mit meinen Geschäftsverbindungen in Lübeck vertraut machen, und dann können wir zusammenarbeiten«, fuhr Herman fort. Er sprach jetzt etwas lauter. »Wenn du meine Interessen in Lübeck wahrnimmst, kann ich hier in Stockholm dein Handelshaus weiterführen.«

»Das hört sich doch großartig an!«, rief Valborg, bevor Anne auch nur den Mund öffnen konnte. »Wenn das Haus leer steht, wird es früher oder später nur ausgeplündert.«

Anne faltete die Hände. Plötzlich kam es ihr in dem Weinkeller stickig heiß vor. Jemand hatte sie umzubringen versucht. Sie musste mit Maria fliehen. Aber das Handelshaus einem anderen überlassen? Herman, Valborgs Geliebtem? Er war Ratsherr und kein Vitalianer, also konnte sie ihm eigentlich vertrauen. Und während sie noch Vermutungen über seinen Geschäftssinn anstellte, wurde ihr bewusst, dass sie sowieso keine Wahl hatte. Schließlich konnte sie das Haus nicht einfach unbewohnt zurücklassen. Sie warf einen Blick auf ihre Tochter. Sie musste an einen Ort, an dem Maria und sie außer Gefahr waren und sie ihr Kind versorgen konnte. Natürlich war es ein Wagnis, sich mit Geschäften in Lübeck zu versuchen. Sie dachte zurück, wie schwer sich ihr Vater damals getan hatte.

»Wir arbeiten zusammen«, fuhr Herman Möller lächelnd fort. »Hier in Stockholm brauchen wir Salz und Stoffe. Ich kenne Männer in Lübeck, die dir mit allen erforderlichen Genehmigungen und Stempeln helfen werden. Und dann kannst du uns...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen