Gebrandmarkt

Roman aus der Hansezeit
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Januar 2015
  • |
  • 358 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98191-0 (ISBN)
 
Die Zeiten sind unruhig, als die junge Bürgersfrau Anne im Jahr 1391 aus Lübeck nach Stockholm reist. Mit ihrem Mann und dem Kind, das sie erwartet, will sie einen Neuanfang wagen. Doch Claus kommt bei einem Schiffbruch ums Leben, während Anne sich nach Stockholm retten kann, wo sie sich allein durchschlagen muss. Dabei sind ihr offenbar gefährliche Verfolger auf der Spur . Vor dem Hintergrund der Hansezeit in Schweden erzählt Catharina Sundberg die spannende und atmosphärisch dichte Geschichte einer jungen Frau, die im mittelalterlichen Stockholm ums Überleben kämpft.
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 3,46 MB
978-3-492-98191-0 (9783492981910)
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Catharina Sundberg arbeitete viele Jahre als Meeresarchäologin und Historikerin. Nach Tätigkeiten in mehreren skandinavischen Museen besuchte sie die Journalistenhochschule in Göteborg und begann historische Romane zu schreiben, zuletzt »Gebrandmarkt«, »Die Handelsherrin« und »Die Kupferhändlerin«. Heute lebt sie in Stockholm und arbeitet als Journalistin bei der Tageszeitung Svenska Dagbladet.

1. Kapitel

Es musste der Geruch gewesen sein, der ihr als Erstes verriet, dass etwas nicht stimmte. Der stechende, angstgeschwängerte Geruch des Kapitäns, der ihr plötzlich ganz fremd vorkam. Sein Lächeln war einer finsteren Miene gewichen, und er lief mit hastigen, ruckartigen Schritten über das Deck.

»Frau Anne!« Kapitän Heinrich Volder eilte vorbei und bedeutete ihr, sie solle sich unter Deck begeben. Sein Mund war nur noch ein schmaler Strich, und sein Blick huschte immer wieder gehetzt zum Horizont.

Dunkle, bleigraue Wolken zogen über den Himmel, und die See, die sich bisher glatt und ruhig bis zum Horizont erstreckt hatte, türmte sich bedrohlich vor ihnen auf. Auf einmal wirkte das Meer so groß und das Schiff so erschreckend klein. Ein Mast, ein Rahsegel und ein jämmerlicher Schiffsrumpf gegen ein Wellengebirge.

Anne sah dem Kapitän hinterher, der rasch nach achtern verschwand. Sie dachte an die undichte Kajüte. Ganz unten an der Wand hatte sie einen Rand aus braungrünem Schimmel entdeckt. Wenn schon die Kajüte so aussah, wie mochte es dann um den Rest des Schiffes bestellt sein? Besorgt blickte sie über das Wasser. Der Himmel war so dunkel, dass kein Festland mehr auszumachen war. Gerade als sie sich umwandte und unter Deck gehen wollte, geriet das Schiff heftig ins Schlingern, und ein Schwall Meerwasser überschwemmte den Bug. Sie duckte sich, griff nach der Reling und kauerte sich an die Relingstützen. Eine weitere Windbö folgte, gesättigt mit Salz und Regen. Anne drehte sich zu ihrem Mann um.

»Claus, ich habe Angst!«

»Du bist auf See, Anne. Auf dem Meer weht nun einmal ein kräftiger Wind«, antwortete ihr Gatte gereizt. Wie immer ärgerte sie sich über seine herablassende Art. Sie betrachtete seine fetten Wangen und seine verkniffene Miene. Er glaubte ihr nie. Was immer sie sagte, er behandelte sie grundsätzlich mit einer gewissen Überheblichkeit. Er war eben viel älter und erfahrener als sie, und damit Schluss. Sie hätte seine Tochter sein können, aber sie waren Mann und Frau. Claus hatte sich eine junge, schöne Frau gewünscht, und daher war seine Wahl auf sie gefallen, die Tochter aus einer schwedischen Familie.

Er hatte sie in ihrem zarten Alter nur deshalb heiraten können, weil ihre Eltern es sich nicht leisten konnten, sie noch länger bei sich zu behalten. Claus war ein reicher Kaufmann mit untadeligen Manieren, und als er um ihre Hand angehalten hatte, waren Vater und Mutter ohne Weiteres einverstanden gewesen. Damals war sie vierzehn Jahre alt gewesen, Claus bereits vierunddreißig.

Eine riesige Welle schwappte über den Bug und überschwemmte das Deck. Anne biss die Zähne zusammen und versuchte sich zu beherrschen. Ihr wurde klar, dass es eine beschwerliche Seereise werden würde, jetzt, da sie sich den Untiefen und den Inseln im Schärengarten näherten. Gleichzeitig war sie aber auch froh, bald wieder zu Hause zu sein. In Schweden wollten sie ganz neu anfangen. Bisher war das Leben mit Claus, der die Finger nicht vom Branntwein lassen konnte, ein Albtraum gewesen. Langsam, aber sicher waren seine Geschäfte in Lübeck immer schlechter gegangen, und das Geld schwand dahin. Daraufhin hatte sie ihn zu überreden versucht, mit ihr nach Schweden zu ziehen. Dort standen deutsche Kaufleute in hohem Ansehen und konnten schalten und walten, wie es ihnen beliebte. Die mächtige deutsche Hanse bestimmte den Handel, und als Deutscher würde er dort die besten Bedingungen für seine Geschäftstätigkeit vorfinden. Außerdem hatte auch sein Bundesgenosse Alf Gerhardt sein Handelshaus in der Stadt. Mit seinem Einfluss im Rat konnte er ihnen gewiss behilflich sein.

Als Anne schwanger wurde, gelang es ihr schließlich, sich durchzusetzen. Sie wollte, dass das Kind in Schweden aufwuchs, in der ländlicheren Umgebung Stockholms. Außerdem arbeiteten Claus' Gildebrüder ständig in allernächster Nähe, sodass er sich um seine Geschäfte kümmern und sich zwangsweise von Bier und Wein fernhalten müsste.

Ein plötzlicher Brecher warf ihr eine Gischtwoge ins Gesicht, und sie trat rasch einige Schritte zurück. Im selben Augenblick war ein heftiges Zischen zu hören, und sie blickte nach oben. Über dem Bug erschien ein seltsames Licht, das anwuchs, immer deutlichere Konturen annahm und sich über dem Meer ausbreitete. Der blasse Schein verwandelte sich in einen leuchtenden Feuerball, der sich langsam übers Wasser bewegte, wie ein von Pferden gezogener Wagen. Als würde man die Sonne bei ihrer Wanderung über die Erde beobachten, von der Nacht des Weltalls zum hellen Tag.

»Claus, hast du das gesehen?! Dies ist kein gewöhnlicher Sturm!«

Der Himmel nahm eine blauschwarze Färbung an, die dunklen Wolken schienen von einer mühsam gebändigten Kraft niedergedrückt zu werden, und wo der helle Lichtschein funkelnd über die Wellen glitt, war nur noch Regen zu erkennen. Das Schiff schaukelte in ein Wellental, der Rumpf erzitterte und bebte. Anne faltete die Hände und drückte sie gegen die Brust.

»Siehst du? Das ist ein Zeichen.«

»Ach was, nur ein kleines Unwetter!« Claus bedachte seine Gattin mit einem finsteren Blick. »Du faselst doch immer von Vorzeichen und schlechten Omen. Nein, die Hindin ist eines der besten Schiffe der Hanse und hat schon viele Stürme überstanden. Und dies ist nichts weiter als ein ganz gewöhnliches kleines Unwetter.«

»Aber Claus, das Schiff ist alt, verstehst du nicht? Ich habe die Seeleute untereinander flüstern hören, dass der Rumpf schon ganz verrottet ist. Stell dir nur vor, wenn das Schiff von den Wellen nach oben gehoben wird und dann in ein Wellental fällt und 

»Du musst ständig irgendwelches Unglück prophezeien! Halt den Mund! Ein besseres Schiff als dieses gibt es nicht.«

Eine heftige Bö riss an ihren Kleidern, und das Großsegel peitschte im Wind. Die nächste Woge schwappte über Deck, und das Schiff krängte. Während Anne sich rasch an der Reling festklammerte, konnte sich der Schiffsjunge nicht mehr in Sicherheit bringen und stürzte kopfüber auf die Planken. Als sich das Schiff wieder aus dem Wellental erhob, sah Anne, dass der Junge regungslos liegen blieb, und ohne zu überlegen, rannte sie zu ihm hinüber. Sie beugte sich zu ihm hinab und entdeckte, dass er aus einer Wunde an der Stirn blutete.

»Du Armer!«, rief sie voller Mitgefühl, riss sich einen Streifen Stoff vom Rocksaum und verband ihn. Trotz des heftigen Seegangs gelang es ihr, ihm den Kopf zu bandagieren. »Das sollte vorerst reichen«, erklärte sie und strich ihm über die Wange. Sie blickte dem Jungen in die großen, erschrockenen Augen, dann stand sie auf, streckte ihm die Hand hin und half ihm hoch.

»Danke«, murmelte er, tastete mit einer Hand nach dem Verband und machte sich dann eilig davon. Lächelnd blickte sie seinem flatternden Kittel nach. Eines Tages würde sie vielleicht auch so einen kleinen Jungen haben, ja, in Stockholm würde sie endlich die große Familie bekommen, von der sie immer geträumt hatte.

Das Schiff wurde erneut erschüttert, und Claus eilte zu ihr.

»Am besten gehen wir unter Deck«, forderte er sie auf.

Anne starrte ihn an. »Durch die Luke und unter Deck? Du bist wohl nicht ganz gescheit, niemals steige ich dort hinunter 

Claus versuchte sie mitzuziehen.

»Nein, nicht in dieses Rattenloch!«

Er packte ihre Hand noch fester, und seine Fingernägel gruben sich in ihr Fleisch. »Fang jetzt keinen Streit an, komm mit!«

Anne riss sich los, umklammerte die Reling mit beiden Händen und hielt sich fest. Ihre Muskeln spannten sich, und die Wut lief ihr wie in Wellen durch den Körper.

»Ich habe Nein gesagt! Hörst du nicht?«, schrie sie.

»Schnell, du kannst jeden Augenblick über Bord gespült werden!«

Die nächste Welle türmte sich auf, es krachte im Schiffsrumpf, und gewaltige Wassermassen überfluteten das Deck. Sie spürte, wie ihr das kalte Wasser um die Beine strudelte, und hoffte inbrünstig, dass sie bald ruhigere Gewässer erreichen würden. Schon seit mehreren Tagen war das Festland in Sicht, und wenn sie nur hinter irgendwelchen Inseln Zuflucht fanden, waren sie gerettet. Der Kapitän hatte von Landsort, dem Danziger Gatt und den Gewässern in diesen Breiten gesprochen.

Da spürte sie, wie sich Claus' Arme um ihren Körper schlangen, und als er sie mit aller Kraft von der Reling wegzog, konnte sie sich nicht länger festhalten. Grob schleifte er sie zur Luke. Anne wehrte sich nach Kräften, rutschte aus und wurde im nächsten Moment von einem riesigen Brecher erfasst. Mit voller Wucht wurde sie nach achtern gespült und schlug gegen die Treppe, die auf den erhöhten Teil des Decks führte. Erschrocken legte sie sich die Hand auf den Bauch. Als sie aufstehen wollte, merkte sie, dass sich das Schiff nicht mehr bewegte wie zuvor, sondern tief im Wasser lag. Die Kogge musste leckgeschlagen sein, und nun konnte alles ganz schnell gehen. Sie hatte von großen Schiffen gehört, die gesunken waren, bevor es alle Mann auch nur an Deck geschafft hatten.

»Claus, warte!«, rief sie, rappelte sich hoch und bewegte sich einige schwankende Schritte vorwärts. »Claus!«

Eine Kaskade Seewasser ging auf sie nieder, und verzweifelt kämpfte sie darum, auf den Beinen zu bleiben. Die Wucht der Wellen nahm ihr fast den Atem, und die Arme schmerzten. Lange hielt sie das nicht mehr durch, jeden Augenblick konnte sie über Bord gespült werden.

Auf einmal fiel ihr das Rettungsboot ein, das mit Segeltuch abgedeckt war. Wenn sie unter die Persenning kröche, wäre sie geschützt. Zwar fühlte sie sich mit ihrem Bauch schwer und unbeholfen, aber wenn sie ihre ganze Willenskraft zusammennahm, würde sie es...

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