Midwinter

Roman
 
Matthew Sturges (Autor)
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 18. Februar 2011 | 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0244-5 (ISBN)
 
Mauritane ist Hauptmann in der Elbenarmee der Seelie. Einst als Kriegsheld gefeiert, sitzt er nun wegen Verrats im Kerker, zu lebenslanger Haft verurteilt. Trotz seiner Unschuld sind seine Tage gezählt. Doch dann unterbreitet die Königin ihm ein einmaliges Angebot: Mauritane soll eine Elitetruppe zusammenstellen und einen geheimen Auftrag für sie erledigen. Hat er Erfolg, will sie ihn und seine Gefährten begnadigen. Doch die Sache hat einen Haken. Der Auftrag ist ein Himmelfahrtskommando ¿
Allgemeine Reihe
1. Aufl. 2011.
Michael Neuhaus
Deutsch
0,37 MB
978-3-8387-0244-5 (9783838702445)
3838702441 (3838702441)
weitere Ausgaben werden ermittelt

DAS GEFÄNGNIS VON CRERE SULACE UND EINIGE SEINER BEWOHNER


Dumesne, riesengroß und irre, machte einen Schritt auf Raieve zu und fletschte seine hässlichen Zähne. Dann zeigte er auf die Klinge eines schmalen Messers in seinem Gürtel und grinste.

Raieve sah sich suchend nach der Gemeinen Wachgarde um und stellte fest, dass die nirgends in Sicht war. Also stampfte sie auf den gefrorenen Boden des Innenhofs auf, der die Türme von Crere Sulace voneinander trennte, und trat Dumesne entschlossen entgegen.

Es hatte wieder zu schneien begonnen. Wirbelnde Flocken tanzten in dem zugigen Hof, senkten sich auf Kleidung und Haar und bepuderten die Hofmauern. Manch einer der hier versammelten Gefängnisinsassen in seinen zerlumpten Fellen und schäbigen Stiefeln klatschte in die nackten Hände und feuerte Dumesne an. Einige der anderen, das feinere Volk, hielten sich zurück und verfolgten die Szene mit ostentativem Desinteresse.

Mauritane, der eisern Schweigsame, schaute direkt zu Raieve hinüber. Sie spürte seine Blicke, die ihren Bewegungen folgten, sie taxierten.

Wütend funkelte Raieve ihren Angreifer an. »Siehst du das hier?«, rief sie, während sie drei ihrer Haarzöpfe packte und demonstrativ nach vorne hielt. »Jeden einzelnen hiervon hab ich mir damit verdient, dass ich einem bewaffneten Gegner mit bloßen Händen Trotz geboten hab.«

Dumesne fuhr sich mit den behandschuhten Fingern über seinen vor Kurzem kahl geschorenen Kopf, seine Ohrenspitzen ragten gerade eben über seine Schädeldecke hinaus. »Ich hatte mal mehr von den Dingern, als du zählen kannst, Fremde. Pass auf, dass ich dir nicht die Zunge rausschneide, bevor ich dich töte.«

Jäh wirbelte Raieve ihre mit Metallspitzen bewehrten Zöpfe wie Peitschenschnüre herum. Einer erwischte Dumesne am Auge. Er taumelte zurück und schlug sich die Hände vors Gesicht. Dann griff er nach seinem Messer, doch es war schon nicht mehr da. Als er es schaffte, wieder beide Augen zu öffnen, hielt Raieve ihm seine eigene Waffe vors Gesicht.

Aus der Ecke, in der die feinen Leute standen, war höflicher Applaus zu hören. Raieve sah aus den Augenwinkeln heraus, wie zwischen einigen von ihnen Münzen gewechselt wurden. Man schloss Wetten ab auf sie. Mauritane allerdings rührte sich nicht.

»Du kämpfst wie ein Weib«, höhnte Dumesne.

Raieve pflanzte ihm das Messer in den Schenkel und zog es schräg wieder heraus. Torkelnd wich Dumesne zurück, unnachgiebig rückte sie nach. »Da wo ich herkomme«, sagte sie, »kann man jemandem kein größeres Kompliment machen.« Sie ließ ihr linkes Bein nach vorne schnellen, und Dumesne ging, die Hände auf die Wunde gepresst, zu Boden. »Muss ich dich jetzt töten«, rief Raieve über das Johlen der Menge hinweg, »oder bezeugst du mir nun deinen Respekt?«

»Lieber bin ich tot, als dass ich einer Frau und Fremden meinen Respekt zolle.«

»Deine Entscheidung«, erwiderte sie. Sie hob das Messer.

»Halt!«, ertönte in diesem Moment eine Stimme. Mauritane stand auf und kam auf sie zu. Mit erhobenem Messer hielt Raieve inne.

»Das hier geht dich nichts an«, sagte sie.

Mauritane trat zu ihr und nahm ihr das Messer aus der Hand. Unvermittelt fühlte sie sich wie ein kleines Mädchen; es kam ihr gar nicht in den Sinn, sich ihm zu widersetzen.

»Ich muss von dir nicht gerettet werden, Hauptmann«, sagte Dumesne, wobei er den Titel des anderen spöttisch betonte.

»Gelobe«, forderte Mauritane ihn auf, »nimm deine Demütigung hin und lebe. Andernfalls überlasse ich euch beide eurem Geschäft.« Zornig starrte er Dumesne an.

Dumesnes Blick ging zwischen ihnen hin und her. Dann senkte er den Kopf. »Ich gelobe. Bei Eiche und Dorn, ich schwöre. Durch meine Hand wird der Frau kein Leid zugefügt.«

»Kluge Entscheidung«, lobte Mauritane. Er half Dumesne wieder auf die Beine. »Jetzt geh«, sagte er, »oder ich filetiere dich persönlich.« Den Griff nach vorne gerichtet, gab er Dumesne das Messer.

»Du hast mich kleiner gemacht, als ich bin«, sagte Raieve, nachdem Mauritane sie zurück zum Feuer geführt hatte. Die Menge zerstreute sich wieder, und die zerlumpten Zaungäste machten um Mauritane einen gebührlichen Bogen.

»Nein, ich hab dir das Leben gerettet«, erwiderte Mauritane. »Dumesne hat mit mindestens zwanzig anderen Insassen den Bluteid geschworen. Irgendeiner von ihnen hätte es als seine Ehrenpflicht angesehen, dich zu töten, falls du ihn heute umgebracht hättest.«

»Ich hätt's ihnen allen gezeigt«, entgegnete Raieve mit vor Stolz glühendem Gesicht.

»Keine Frage«, sagte Mauritane und strich sich, als er sich über das Feuer beugte, seine Zöpfe aus dem Gesicht. »Was hier allerdings eine ziemlich schlechte Überlebensstrategie wäre. Du bist neu. Du musst lernen, Geduld zu haben.«

»Warum hat er dich Hauptmann genannt?«, fragte Raieve nach einer kurzen Pause. »Bist du ein Offizier der Unseelie-Armee?«

»Nein«, sagte Mauritane.

»Was dann?«

»Die Anrede steht mir nicht mehr zu, also spielt es keine Rolle. Du kannst mich Mauritane nennen, wenn du willst.«

Dann schwieg er. Er holte eine Pfeife hervor, zündete sie an, spähte hinauf in den Himmel. Auch Raieve hob den Blick, konnte jedoch nichts anderes sehen als Grau. Um die Brüstung des Ostturms flatterten ein paar Krähen durch die wirbelnden Schneeflocken.

Wieder betrachtete sie Mauritane, und er ließ es zu. Er war nicht mehr jung, doch auch weit entfernt von alt. Die feinen Linien in seinem Gesicht stachen rötlich in der eisigen Luft hervor. Seine Zöpfe waren lang und akkurat nach Art des königlichen Militärs geflochten. Ganz im Gegensatz zu denen Raieves, die sich ihre Haarstränge ohne die Hilfe eines Spiegels geknüpft hatte, noch während sie über den Leichen der Männer stand, die sie getötet hatte, um sie sich zu verdienen. Von kompaktem Körperbau, überragte Mauritane sie bloß um eine Fingerlänge, wirkte aufgrund seiner Haltung jedoch wie ein deutlich größer gewachsener Mann. Seine Schultern waren kräftig und breit.

»Und? Finde ich deine Zustimmung?«, fragte Mauritane, ohne sie anzusehen.

Mürrisch verzog Raieve das Gesicht und ging davon. Sie fluchte erst leise in sich hinein, als sie sicher war, dass er sie nicht hören konnte.

Einst war das Gefängnis der Sommersitz von Prinz Crere Sulace gewesen, dem Faelord von Zweibirkenbruch, doch die Königin hatte es in ferner Vergangenheit wegen irgendwelcher längst vergessenen Verfehlungen beschlagnahmt, und seinen Lord dort eingekerkert.

Über die Jahre war Crere Sulace für die Königin zum bevorzugten Schuttabladeplatz avanciert, trostlose Heimat für jene, denen nicht der Galgenstrick oder das Henkersbeil vorbestimmt war. Ein Kerker für Adlige, die nicht länger die Gunst des Hofes genossen, für hochrangige Amtspersonen, die man mit den Händen im Staatssäckel erwischt hatte, und für auswärtige Würdenträger, die es geschafft hatten, den Zorn der Königin auf sich zu ziehen. Sträflinge aus niederen Ständen wurden zusammen mit Hochgeborenen in dieses Gefängnis geworfen, aus reiner Boshaftigkeit, wie man sich erzählte.

Die Kulisse von Crere Sulace, zwischen den Granitklippen und den von Heide bewachsenen Kanalseelanden gelegen, ist schon in den heiteren Jahren trübselig genug, doch im Midwinter singen die schneebedeckten Gipfel und aschgrauen Brüstungen ein ewiges Lied von Düsternis und Enttäuschung. Im Midwinter können die Gefangenen ihren eigenen Atem sehen; im eisigen Innenhof tragen sie ergatterte Felle; sie lungern herum bei den Kohlenbecken an den Wachhaustoren und tauschen Geschichten mit den Hilfswärtern und Wachen.

In den Zeiten der Unseelie-Kriege war der Südturm der Hauptamtssitz von Prinz Crere Sulace. Die alten Gefängnisinsassen glaubten sogar, er streife noch immer durch die zauberverwandelten Turmsäle und singe Gespensterlieder von Tod und Fäulnis.

Die Türme hatten in der Vergangenheit Dutzende, wenn nicht Hunderte magische Umbauten erfahren, und inzwischen war es nicht mehr einfach, zu sagen, welcher Raum sich neben welchem befand oder wie weit ein Zimmer vom anderen entfernt lag. In den letzten Jahren hatten die geisterhaften Erscheinungen und sich schwindelerregend verdrehenden Stiegen im Südturm schließlich genug Unheil angerichtet, sodass der Gefängnisdirektor sich gezwungen sah, Notiz von ihnen zu nehmen. Ausgenommen für die Lagerung sperriger Güter sowie die Aufrechterhaltung des Seeleuchtfeuers in der Kuppel machte er den Turm kurzerhand dicht.

Jem Alan, der Vizedirektor, kontrollierte im obersten Turmstock gerade das Lampenöl für das Leuchtfeuer und schwenkte den Reflektorspiegel aus für den Fall, dass ein paar Fischer aus Weißendorn noch im Norden auf See waren, die dortigen Fanggründe durchforstend nach Stör und nach Lachs. Es war kurz vor Sonnenuntergang, oder was auch immer in dieser verdammten, eisigen Zeit dafür galt, und er wollte im Südturm ungern vom Einbruch der Dunkelheit überrascht werden. Während er sich seinen Fellumhang zuknöpfte, stieg er vorsichtig die schlüpfrige Treppe an der Innenwand des Turmes hinab. Mattgrünes Hexenlicht warf vielfache Schatten über die Stufen, und da es kein Geländer gab, liebkoste Jem Alan die Wand, während er seine Fackel wie einen Schutzbefohlenen vor sich trug. Dabei versuchte er die ächzenden Geräusche, die auf jedem Treppenabsatz hinter den verriegelten Türen hervordrangen, nicht zu beachten.

Unten angekommen schloss er die Innentür des Turms und versiegelte sie mit seiner Rune, bevor er die äußere Tür öffnete. Auf der anderen Seite des Haupthofs sah er eine Gruppe Gefängnisinsassen, die mit Graugänger, dem Unteraufseher der Wache, Seemannslieder sangen. Graugänger...

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