Das Leben, natürlich

Roman
 
 
Luchterhand Literaturverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. September 2013
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10805-2 (ISBN)
 
Das Leben könnte so einfach sein - doch die Menschen sind es nicht

In einer Kleinstadt in Maine zu leben, mag romantisch klingen, aber die Wirklichkeit sieht meist anders aus. Die Brüder Jim und Bob Burgess sind deswegen so bald wie möglich nach New York gezogen. Als ihre Schwester Susan, die zu Hause geblieben ist, ihre Hilfe braucht, kehren ihre Brüder widerstrebend in die Heimatstadt zurück. Mit ungeahnter Macht holt sie dort jedoch die Vergangenheit wieder ein . Eine aufwühlende Familiengeschichte, vollkommen unsentimental und dabei tief berührend - eine echte Strout eben.

Shirley Falls ist eine typische Kleinstadt in Maine: hohe Arbeitslosigkeit, viele Alte, wenige Junge, wirtschaftlicher Niedergang, in neuester Zeit auch noch Aufnahmeort für muslimische Flüchtlinge aus Somalia. Als einzige der drei Burgess-Geschwister ist Susan hiergeblieben, ihr Mann hat sie schon lang verlassen, der 19-jährige Sohn Zachary wohnt bei ihr in dem eiskalten, ungemütlichen Häuschen. Als der verschlossene, einsame Junge eines Tages einen halb aufgetauten Schweinekopf in die behelfsmäßige Moschee rollen lässt, ist die kleine Gemeinde erschüttert. Ein rassistisches Verbrechen? Auf jeden Fall ein Skandal, mit dem Susan allein nicht fertig wird. Und so bittet sie ihre Brüder Jim und Bob um Hilfe, die als Anwälte in New York arbeiten. Unterschiedlicher könnten diese beiden Brüder nicht sein: Jim, der reiche Karriere-Jurist, lebt mit seiner Frau Helen in einem schönen großen Haus. Bob hingegen war noch nie besonders erfolgreich, ist geschieden, und seine beste Freundin ist immer noch die Exfrau. Nichts zieht die Brüder mehr nach Shirley Falls zurück. Aber natürlich folgen sie dem Hilferuf der Schwester, nicht ahnend, dass ihre Rückkehr nach Maine ihr bisheriges Leben vollkommen umkrempeln wird ...

  • Deutsch
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Luchterhand
  • 0,54 MB
978-3-641-10805-2 (9783641108052)
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Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Für ihren Roman »Mit Blick aufs Meer« bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. »Die Unvollkommenheit der Liebe« wurde für den Man Booker Prize 2016 nominiert. »Alles ist möglich« wurde 2018 mit dem Story Prize ausgezeichnet, erhielt ein überwältigendes Presseecho in den USA und stand in allen großen Medien auf den Empfehlungslisten. Die Übersetzungsrechte ihres neuen Romans wurden in bisher 17 Länder verkauft. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Prolog

Wir redeten oft von den Burgess-Geschwistern, meine Mutter und ich. »Die Burgess-Kinder«, so hießen sie bei ihr. Für gewöhnlich redeten wir am Telefon über sie, weil ich in New York lebte und meine Mutter in Maine. Aber wir sprachen über sie auch, wenn ich zu Besuch kam und im Hotel wohnte. Meine Mutter ging nicht oft ins Hotel, und das war immer etwas ganz Besonderes für uns: in einem Hotelzimmer zu sitzen - die Wände grün mit rosa Rosenborte - und über die Vergangenheit zu reden, darüber, wer aus Shirley Falls weggegangen und wer geblieben war. »Gerade musste ich wieder an die Burgess-Kinder denken«, sagte sie dann und schob den Vorhang zur Seite, um auf die Birken hinauszuschauen.

Die Burgess-Kinder beschäftigten sie vor allem deshalb so, glaube ich, weil alle drei am Pranger gestanden hatten; dazu kam, dass meine Mutter sie vor Jahren als Viertklässler in der Sonntagsschule unterrichtet hatte. Die Jungen waren ihr lieber. Jim, weil er schon damals diesen Zorn in sich hatte, den er aber im Zaum hielt, und Bob, weil er so gutherzig war. Für Susan hatte sie nicht viel übrig. »Aber das ging allen so.«

»Als kleines Mädchen war sie sehr hübsch«, erinnerte ich mich. »Mit ihren Locken und den großen Kulleraugen.«

»Und dann hat sie diesen gestörten Sohn bekommen.«

»Traurig«, sagte ich.

»Vieles im Leben ist traurig«, sagte sie. Meine Mutter und ich waren da schon beide verwitwet, und der Feststellung folgte regelmäßig ein Schweigen. Dann fügte meist eine von uns hinzu, wie sehr es uns freute, dass Bob Burgess am Ende doch eine nette Frau gefunden hatte. Die Frau, Bobs zweite und, so hofften wir, letzte, war eine unitarische Pastorin. Meine Mutter hielt nicht viel von den Unitariern; für sie waren es Atheisten, die trotzdem Weihnachten feiern wollten, aber Margaret Estaver stammte aus Maine, das machte es wieder wett. »Schließlich hätte es auch eine New Yorkerin werden können, so lange, wie Bob da gewohnt hat. Denk nur an Jim mit seiner hochnäsigen Miss aus Connecticut«, sagte meine Mutter.

Denn Jim war natürlich schon immer Thema zwischen uns gewesen - Jim, der nach seiner Zeit bei der Generalstaatsanwaltschaft aus Maine weggegangen war, Jim, den wir schon alle als Gouverneur gesehen hatten, aber dann hatte er aus irgendeinem Grund doch nicht kandidiert -, und erst recht redeten wir über ihn in dem Jahr, als der Prozess gegen Wally Packer lief und Jim jeden Abend in den Nachrichten zu sehen war. Der Packer-Prozess wurde als einer der ersten im Fernsehen übertragen; ein knappes Jahr später sollte ihn O.J. Simpson aus dem Gedächtnis der Mehrheit verdrängen, aber damals schauten Jim-Burgess-Fans landesweit voller Faszination zu, wie er einen Freispruch für den rehäugigen Soulsänger Wally Packer erwirkte, dessen schmelzende Stimme (Take this burden from me, the burden of my love) so viele aus unserer Generation ins Erwachsenenalter begleitet hatte. Wally Packer, dem vorgeworfen wurde, den Mord an seiner weißen Freundin in Auftrag gegeben zu haben. Jim beließ den Prozess in Hartford, wo die Hautfarbe eine entscheidende Rolle spielte, und seine Auswahl der Geschworenen, das sagten alle, war brillant. Dann legte er wortgewaltig und mit gnadenloser Geduld dar, wie brüchig das Gewebe sein konnte, das die beiden Komponenten kriminellen Handelns, Vorsatz und Durchführung, miteinander verknüpfte - oder in diesem Fall, so er, eben nicht verknüpfte. In den großen Zeitschriften erschienen sogar Cartoons darüber; bei einem starrte eine Frau auf ihr chaotisches Wohnzimmer, und darunter stand: »Ich hatte mir doch so doll gewünscht, dass es hier ordentlich wird!« Den Umfragen zufolge glaubten die meisten so wenig an Wally Packers Unschuld wie meine Mutter und ich. Aber Jim machte seine Sache großartig und wurde dadurch berühmt. (Ein paar Magazine wählten ihn unter die Sexiest Men of 1993, und selbst meine Mutter, der jede Erwähnung von Sex ein Gräuel war, lastete es ihm nicht an.) Angeblich fragte O.J. Simpson ihn für sein »Dream-Team« an, was in den Medien kurzzeitig für Wirbel sorgte, bevor ohne Kommentar aus dem Burgess-Lager das Fazit gezogen wurde, dass Jim sich »auf seinen Lorbeeren« ausruhe. Der Packer-Prozess hatte mir und meiner Mutter zu einer Zeit Gesprächsstoff geliefert, als zwischen uns nicht alles zum Besten stand. Aber das war Vergangenheit. Wenn ich jetzt aus Maine wegfuhr, küsste ich meine Mutter zum Abschied und sagte ihr, dass ich sie liebte, und sie sagte mir das Gleiche.

»Seine Mutter hat Bob zu diesem Therapeuten geschickt, erinnerst du dich?«, fragte ich sie eines Abends am Telefon. Ich saß in meiner Wohnung im sechsundzwanzigsten Stock und sah durchs Fenster zu, wie sich die Dämmerung über New York herabsenkte und auf den weiten Häuserwiesen, die sich vor mir ausbreiteten, Lichter zu glimmen begannen wie Glühwürmchen. »Die Kinder haben auf dem Pausenhof darüber geredet: >Bobby Burgess muss zum Irrenarzt.<«

»Kinder sind grässliche Geschöpfe«, sagte meine Mutter. »Bei aller Liebe.«

»Es ist ewig her«, wandte ich ein. »Damals ging bei uns kein Mensch zum Psychiater.«

»Das hat sich geändert«, sagte meine Mutter. »Die Leute bei mir in der Square-Dance-Gruppe - da sind die Kinder alle beim Therapeuten und nehmen irgendwelche Pillen. Und glaub nicht, dass jemand was dabei findet.«

»Erinnerst du dich denn an den Vater?« Es war nicht das erste Mal, dass ich sie das fragte. Wir wärmten gern alte Geschichten auf.

»Doch, ja. So ein Großer war das. Hat in der Ziegelei gearbeitet. Als Aufseher, glaube ich. Und dann saß sie plötzlich allein da.«

»Und sie ist allein geblieben.«

»Ja, sie ist allein geblieben«, sagte meine Mutter. »Die besten Chancen hatte sie sicher nicht, damals. Drei kleine Kinder. Jim, Bob und Sue.«

Das Haus der Burgess lag nur eine Meile vom Stadtzentrum entfernt. Ein kleines Haus, aber die meisten Häuser in diesem Teil von Shirley Falls waren klein oder jedenfalls nicht groß. Das Haus war gelb und stand auf einem Hügel, und die Wiese daneben leuchtete im Frühling in einem so satten Grün, dass ich mir als Kind immer wünschte, eine Kuh zu sein und den ganzen Tag dieses feuchte Gras mampfen zu dürfen, so köstlich sah es aus. Kühe gab es keine auf der Wiese neben dem Burgess-Haus, nicht einmal Gemüsebeete, dennoch überkam einen bei dem Anblick dieses Gefühl von Land. Im Sommer war im Vorgarten manchmal Mrs. Burgess zu beobachten, wie sie einen Schlauch zwischen den Büschen herumschleifte, aber da das Haus auf einem Hügel lag, wirkte sie immer weit weg und klein, und sie erwiderte auch das Winken meines Vaters nicht, wenn wir unten vorbeifuhren; wahrscheinlich sah sie es einfach nicht.

Die Menschen stellen sich Kleinstädte gern als Gerüchteküchen vor, aber als Kind hörte ich die Großen selten über andere Familien reden, und das Burgess-Drama wurde aufgenommen wie alle anderen Tragödien, die arme Bunny Fogg etwa, die ihre Kellertreppe hinunterfiel und erst nach drei Tagen gefunden wurde, oder Mrs. Hammond, bei der man einen Gehirntumor feststellte, kaum dass die Kinder aus dem Haus waren, oder die verrückte Annie Day, die vor den Jungs den Rock hochzog, dabei war sie schon fast zwanzig und immer noch in der Schule. Die Kinder waren es - vor allem wir Kleineren -, die sich die Mäuler zerrissen. Die Erwachsenen griffen in solchen Fällen hart durch, und wenn einer von ihnen mitbekam, wie ein Kind auf dem Pausenhof einem anderen zutuschelte, Bobby Burgess habe »seinen Vater auf dem Gewissen« oder müsse »zum Irrenarzt«, wurde der Übeltäter zum Direktor zitiert, die Eltern wurden verständigt, und es gab Nachtischentzug. Sehr oft kam das nicht vor.

Jim Burgess war zehn Jahre älter als ich, was ihn so unerreichbar erscheinen ließ wie eine Berühmtheit, und in gewisser Weise war er auch eine, selbst damals schon. Er spielte Football, und er war Klassensprecher und ein gutaussehender Bursche mit seinen dunklen Haaren, aber er wirkte auch ernst, ich kann mich nicht erinnern, dass seine Augen je lächelten. Bobby und Susan waren jünger und kamen manchmal zum Babysitten zu uns. Susan kümmerte sich nicht groß um meine Schwestern und mich, nur einmal war sie der Meinung, wir würden uns über sie lustig machen, und konfiszierte die Zoo-Kekse, die meine Mutter uns immer hinlegte, wenn meine Eltern ausgingen. Daraufhin schloss sich eine von meinen Schwestern aus Protest im Bad ein, und Susan schrie durch die Tür, dass sie die Polizei holen würde. Mehr passierte nicht, jedenfalls kam keine Polizei, und meine Mutter wunderte sich, dass die Zoo-Kekse noch da waren, als sie heimkam. Ein paarmal passte auch Bobby auf uns auf, und er trug uns abwechselnd huckepack durch die Gegend. Man merkte gleich, dass man auf dem Rücken von jemand Nettem, Gutmütigem saß, so wie er ständig den Kopf nach hinten reckte und fragte: »Sitzt du gut? Alles in Ordnung?« Als eine von meinen Schwestern einmal in der Einfahrt hinfiel und sich das Knie aufschlug, war Bobby ganz unglücklich. Er wusch die Wunde mit seinen großen Händen sauber. »So ein tapferes Mädchen. Gleich hast du's überstanden.«

Als Erwachsene zogen meine Schwestern nach Massachusetts. Aber ich ging nach New York, und das war bitter für meine Eltern: Sie sahen es als Verrat an unserer neuenglischen Abstammung, die bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreichte. Meine Vorfahren waren harte Hunde, so mein Vater, die einiges überlebten, aber in den Sündenpfuhl New York hatte keiner je einen Fuß gesetzt. Ich heiratete einen New Yorker, einen extrovertierten, wohlhabenden...

"Für mich ist die Geschichte der Burgess-Brüder eines der besten Bücher des Jahres 2013. Und hätte einen zweiten Pulitzerpreis allemal verdient."
 
"Ein schonungsloser Blick auf das aktuelle Amerika und ein großer Familienroman."
 
"So wird dieser Roman zu einem Lesevergnügen."
 
"Lebensklug - und wunderbar geschrieben."
 
"Pures Lesevergnügen."
 
"Elizabeth Strout fesselt mit einem berührenden Wechselspiel von Familien- und Gesellschaftsdrama."
 
"Eine aufwühlende Familiengeschichte."
 
"Großartiger Familienroman!"

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