Wahre Kriminalgeschichten aus Innsbruck

 
 
Wagner Innsbruck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Februar 2020
  • |
  • 144 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7030-6507-1 (ISBN)
 
Eine Reise in die Vergangenheit Innsbrucks - lebendig in persönlichen Erinnerungen!

Von Dieben, Mördern und Henkern, die Geschichte schrieben...
Im vierten Band der Reihe "Erinnerungen an Innsbruck" nimmt Ewald Strohmar-Mauler, seines Zeichens Fremdenführer und Krimi-Begeisterter, seine Leserinnen und Leser mit auf eine abenteuerliche Reise zu historischen Schauplätzen des Verbrechens und seiner Gerichtsprozesse. Seine Geschichten über spektakuläre Mordfälle, Überfälle und Betrügereien - untermauert von eindrucksvollen Details aus alten Zeitungsartikeln, Zeitzeugenberichten und Gerichtsakten - spannen einen Bogen von der mittelalterlichen Stadt Anpruggen bis zum heutigen Innsbruck.
  • Deutsch
  • Innsbruck
  • |
  • Österreich
  • 6,07 MB
978-3-7030-6507-1 (9783703065071)
Ewald Strohmar-Mauler, geboren 1965 in Wien, lebt seit 2005 in der Nähe von Innsbruck, wo er als staatlich geprüfter Fremdenführer neben diversen Themenführungen auch seine "Krimiführung Innsbruck" anbietet.

Eine mittelalterliche Gerichtsverhandlung


Grundsätzlich waren in Feudalgesellschaften die jeweiligen Grafen und Grundherren, sowie Klöster und später auch Städte und größere Gemeinden für die Rechtsprechung zuständig. Die von diesen eingesetzten Richter befanden nach Gutdünken und Gewohnheitsrecht über Angelegenheiten von Eigentum und Erbe, oder auch darüber, ob jemand frei oder hörig wäre.

Die "Hohe Gerichtsbarkeit" jedoch, auch genannt "Blutgerichtsbarkeit", "Peinliche Gerichtsbarkeit" oder "Malefizgerichtsbarkeit" - also alle Vergehen, die mit Verstümmelung oder dem Tode bestraft wurden - war Sache des Landesfürsten, der sich aber wegen der Größe seines Herrschaftsgebietes natürlich nicht selbst um jeden einzelnen Fall kümmern konnte. So wurde Tirol - wie auch andere Länder - in Gerichtsbezirke oder "Landgerichte" eingeteilt. In der Umgebung von Innsbruck war der Landrichter von Sonnenburg zuständig, diesem untergeordnet war zum Beispiel der Stadtrichter von Innsbruck oder auch in anderen Orten lokal zuständige Richter wie zum Beispiel in Axams. Das Gebiet des Landgerichts von Sonnenburg umfasste etwa 12.000 Personen, und zwar die Einwohner und Einwohnerinnen der Gemeinden Hötting, Völs, Kematen, Mutters, Natters, Götzens, Patsch, Igls, Vill, Lans, Sistrans, Amras, Rinn und Tulfes.

Verbrecher, die in Innsbruck festgenommen wurden, aber der Malefizgerichtsbarkeit zu überantworten waren, wurden in der Mitte der Innbrücke (genauer gesagt "am dritten Joch" der ursprünglichen Brückenkonstruktion) hochoffiziell dem Landrichter von Sonnenburg für das Gerichtsverfahren übergeben: in Ketten geschlagen, unter strengster Bewachung. Diese symbolische Grenze bestand seit ihrer Gründung zwischen der Siedlung Innsbruck an der Nordseite des Inn und dem Landgericht im Süden (nicht etwa umgekehrt!). Der Landrichter saß dann auf der Burg Vellenberg bei Götzens über sie zu Gericht, denn die Sonnenburg selbst, die sich am Nordende des Wipptals befunden hatte, war bereits im 14. Jahrhundert zerstört worden. Erst in der bayrischen Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Landgericht Sonnenburg mit dem Stadtgericht Innsbruck zusammengelegt.

Ausgenommen vom allgemeinen Landrecht waren die Bergknappen, die eine eigene Gerichtsbarkeit besaßen, und für die ja nicht allzu seltenen Kriegszeiten gab es das Kriegsrecht. Weiters galt später, nachdem Innsbruck ab 1669 Universitätsstadt war, auch für die Studierenden eine Ausnahme von der landesfürstlichen Gesetzgebung, für diese war der Dekan der jeweiligen Fakultät zuständig.

Soweit also zur Einteilung der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit in Tirol, wie sie bis ins späte 15. Jahrhundert bestand. Wie sah eine "malefizische" Gerichtsverhandlung nach den Regeln dieser Zeit aber tatsächlich aus? Als Beispiel soll uns ein Gerichtsverfahren aus dem Innsbruck des Jahres 1437 dienen, das Hans Hörtnagl aus den Gerichtsakten erhoben hat und das ich im Folgenden schildern werde:

Es war am Faschingsdienstag, als drei Burschen aus Innsbruck ein Tanzvergnügen besuchen wollten und dazu nach Hötting spazierten, wo sie auch bald ein Gasthaus vorfanden, aus dessen Fenstern Musik erklang. Sie klopften, und zwei der Burschen wurden auch eingelassen, der dritte, Michel Narr, wurde jedoch von einigen üblen Gesellen, die wohl auf eine Rauferei aus waren, unsanft hinausgeworfen und sogar bis in den neben dem Haus befindlichen Bach gestoßen. Kaum hatte er seinen Hut zusammengeklaubt und war triefnass ans Ufer geklettert, fielen die Raufbolde wiederum über ihn her und verprügelten ihn so arg, dass er schließlich daran starb.

Der Landrichter von Sonnenburg, ein gewisser Ulrich Sauerwein, saß bereits am darauf folgenden Freitag über dieses Vergehen zu Gericht. Diese Verhandlung fand aber nicht etwa, wie heute üblich, in einem Verhandlungssaal in einem Gerichtsgebäude statt, sondern unter freiem Himmel, an der sogenannten "Gerichtsschranne", die sich natürlich auch außerhalb der Stadt, wohl im Gebiet des heutigen Stadtteils Saggen befunden hat. Man muss sich einen durch vier hölzerne Schranken abgegrenzten Bereich vorstellen, an einer Seite befand sich der steinerne Richterstuhl, auf dessen beiden Seiten die Bänke für die Geschworenen, und die Mitte blieb frei für die Personen, die jeweils am Wort waren. Vor dem Richterstuhl lag die aufgebahrte Leiche des Opfers, Michel Narr. Neben dem Richter waren als Geschworene jeweils ein bis drei Vertreter der Gemeinden des Gerichtsbezirks anwesend, aus Innsbruck sogar der Bürgermeister Jakob Tänzl höchstpersönlich, der Stadtrichter Andrä Haller und vier weitere Bürger - alles in allem ungefähr dreißig Männer!

Der Vater des Opfers, Peter Narr, erbat sich zunächst einen Redner, dem die Sprache des hohen Gerichts geläufiger war als ihm selbst, und dieser erklärte dann offiziell, dass Michel Narr "ohne Ziel, ohne Recht, unverdienter Sach' vom Leben zum Tode gekommen" wäre. Diese Formulierung ist an sich schon interessant, denn sie impliziert ja die Möglichkeit einer rechtmäßigen, verdienten Tötung, und hier meine ich gar nicht so sehr eine vom Gericht verhängte Todesstrafe, sondern die damals durchaus noch üblichen Fehdehandlungen. Bis zur Verkündigung des "Ewigen Landfriedens" im Deutschen Reich im Jahre 1495 durch König (später Kaiser) Maximilian I. war es ja gestattet, dass gewisse Rechtsstreitigkeiten von den Beteiligten ohne übergeordnete Instanz selbständig geregelt werden konnten. Nur wenn dies überhandnahm, wurde vom Landesherrn ein zeitlich und/oder örtlich beschränkter "Landfriede" verhängt. Im Fall des Michel Narr lag aber eben keine Fehde vor, somit war er tatsächlich unrechtmäßig verprügelt worden und zu Tode gekommen.

Wer in diesem Szenario jedenfalls fehlte, waren die Angeklagten! Man sieht bereits hier die großen Unterschiede zur heutigen Vorgehensweise im Strafprozess. Nicht nur der Ort der Verhandlung, sondern auch die Vorbereitung des Verfahrens sah ganz anders aus: Keine Polizei sperrte den Tatort ab, befragte Zeugen oder nahm Verdächtige fest; keine Spurensicherung und keine Gerichtsmedizin versuchte, Beweise zum Tathergang zu finden. Und, wie gleich zu bemerken ist: Kein Rechtsanwalt stand zur Verteidigung der Angeklagten bereit, kein Staatsanwalt führte stellvertretend für den Staat die Anklage. Auch die Vorbereitung des Verfahrens war eine ganz andere - nämlich offenbar gar keine! Der Richter begann erst nach der Anklageerhebung damit, langwierige einleitende Floskeln zu verkünden: Er fragte die Geschworenen, ob das Gericht ordnungsgemäß "nach Land- und Schrannrecht" zusammengekommen wäre, verlangte von ihnen die Gewissheit, dass weder Feuer noch Aufruhr eine Unterbrechung der Sitzung nötig machen würde, verkündete, dass alle, die vor diesem Gericht eine Klage vorbrächten, daraus keinen Schaden zu erwarten hätten und dergleichen mehr.

Erst danach durfte der Vater des erschlagenen Michel den Tathergang erzählen und seine Beschuldigung vorbringen: Die Namen der Raufbolde waren bekannt, es handelte sich um Jakob Kappe und Heinrich Kleiber aus Hötting. Da diese ja nicht im Gerichtsring anwesend waren, öffnete der Richter an drei Enden die Schranken und rief drei Mal, dass die Totschläger oder jemand an ihrer statt vor Gericht erscheinen und sich verantworten sollten, und sicherte ihnen hierfür freies Geleit zu. Dieses Rufen war natürlich vergeblich, schon alleine wegen des räumlichen Abstandes zwischen dem Saggen und Hötting. Somit endete der erste Gerichtstag, und Peter Narr erhielt die Erlaubnis, seinen Sohn beerdigen zu lassen - als Symbol der Anwesenheit des Toten vor Gericht wurde ein Stück seiner Kleidung in der Schranne behalten.

Der darauf folgende zweite Gerichtstag lief ähnlich ab wie der erste, auch er brachte kein Ergebnis, die Raufbolde erschienen wieder nicht. Der dritte Tag wäre ein Sonntag gewesen und die Geschworenen hatten auch noch ihren eigenen Geschäften nachzugehen, daher wurde die Verhandlung erst am darauf folgenden Donnerstag fortgesetzt. Da auch zu diesem Termin keiner der Totschläger erschienen war, schritt der Landrichter letztlich zur Urteilsfindung. Er stand auf, zog den rechten Schuh aus, legte alle Waffen ab und setzte den entblößten Fuß auf den Stein, auf dem er gesessen hatte. "Barhaupt und ungegürtet, beim Schein der Sonne, wie es das Landrecht vorschreibt", verkündete er dann das Urteil, dass die beiden Angeklagten für den Totschlag an Michel Narr geächtet, also "vogelfrei" würden. Das bedeutet, dass sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden und von niemandem beherbergt oder verpflegt werden durften. Für die damalige Zeit ein hartes Urteil, denn die jungen Männer mussten ihre Familien und Freunde, ihr ganzes Leben, wie sie es kannten, verlassen und sich irgendwo in der Fremde, wo sie niemand kannte, ein neues Leben aufbauen. Man kann annehmen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben im Schatten der Gesellschaft aufgenommen und sich mit Diebstahl und Bettelei über Wasser gehalten haben, denn mit einer Ächtung im Gepäck hätten sie wohl keiner ehrlichen Arbeit mehr nachgehen können. Rehabilitation war also sicher kein Ziel der damaligen Gerichtsbarkeit.

Auch zu bemerken ist natürlich, dass die beiden Angeklagten zu der Tat nie befragt wurden, sie hatten sich also in keiner Weise äußern können: Vielleicht hatte sie ja das spätere Opfer Michel Narr zuerst angestänkert, gar bedroht, und sie waren in Wut geraten? Oder war es gar ein Unfall gewesen, und Michel war beim Heraufklettern aus dem Bach nur unglücklich gestürzt? All dies interessierte das Gericht aber nicht. Auch der immer wieder für die damalige Zeit...

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