Das Leben ist ein wildes Tier

Wie ich die Gefahr suchte und mich selber fand
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2011
  • |
  • 341 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1023-5 (ISBN)
 
Angetrieben vom Kitzel des Extremen, der Suche nach Gefahr, bereist Carsten Stormer die Welt. Er lebt an Orten, die jeder andere Tourist meiden würde: Ob Afghanistan, Darfur oder Irak - kein Krisengebiet, in dem er nicht gewesen wäre.

Auch Kambodscha war anfangs nur eine weitere Etappe auf seiner rastlosen Reise. Bis zu jener tragischen Begegnung: Auf einem verminten Feld liegt ein Mädchen mit schweren Verletzungen an Bauch und Beinen. Neben ihm kauert seine Schwester, das blutüberströmte Gesicht in den Händen vergraben. Die Explosion einer Mine hat sie beide Augen gekostet.

Carsten Stormer ist zutiefst schockiert und wütend. Wütend darüber, dass niemand davon erfahren wird. Doch mit diesem Erlebnis bekamen seine Reisen endlich einen Sinn: Er würde der Welt berichten. Von all dem Leid, das den Menschen angetan wird - damit nichts in Vergessenheit gerät!
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 14,45 MB
978-3-8387-1023-5 (9783838710235)
3838710231 (3838710231)
weitere Ausgaben werden ermittelt

ERSTES KAPITEL:

Deutschland

______ Mein Leben kommt mir vor wie ein Sarg, und in dem Sarg liege ich. Es ist Winter, der Himmel ist matschig-grau, es schneit ein bisschen. Eben habe ich das Eis von meinem Ford Fiesta gekratzt und überlegt, ob ich mich heute krank melden soll – mal wieder. Langsam gehen mir die Ausreden aus. Wie oft kann man Gastroenteritis bekommen, unter Übelkeit leiden oder sich den Fuß verstauchen? Also gut, ich fahre die paar Kilometer durch Suburbia am Stadtrand von München zur Arbeit und denke mal wieder, dass das Leben eigentlich schon vorbei ist, bevor es richtig begonnen hat. Ich bin 21 Jahre alt, und heute ist wieder einer dieser verdammten Tage, an dem mir alles sinnlos erscheint. Tage, an denen die Langweile einen zu erdrücken droht. Ich hoffe, dass es irgendwann besser wird.

Draußen ist alles so grau wie meine Stimmung: Himmel, Felder, Menschen. Wozu mache ich diesen Mist? Für wen? Egal, Trübsal abschütteln, die Treppe hochschlurfen, bei Herrn Schick, dem Filialleiter, reinschauen und Guten Morgen wünschen, sonst denkt der, dass der Stormer mal wieder verschlafen hat. Auf der Treppe in den zweiten Stock kommen mir Lastwagenfahrer entgegen mit einer Pulle Weißbier in der Hand, die in eine Leberkässemmel beißen und mir mit vollem Mund »Mahlzeit« ins Gesicht blubbern.

Acht Stunden Langeweile stehen mir bevor. Acht Stunden, in denen meine Gedanken in andere Länder flüchten, an die Strände Thailands, zu den Tempelruinen Kambodschas, in die Anden, nach Cartagena. An der Wand schlägt eine Uhr die Zeit in Splitter. Die Zeit staut sich, versickert nur langsam. Sekunden werden zu Minuten, Minuten zu Stunden. Ich schaue auf meine Uhr: 8.12 Uhr. Verdammt, erst zwölf Minuten vergangen. Ich starre aus dem Fenster auf den Hof, wo Gabelstapler fahren und Lastwagen beladen werden, bis mir ein Mitarbeiter auf die Schulter klopft und mich in die Realität zurückholt:

»Hey, du wirst hier nicht fürs Rumsitzen bezahlt, Azubi!«

Also gehe ich in die Küche, setze Kaffee auf – ganz langsam – und beobachte dann, wie der Kaffee in die Kanne tropft.

Ich bin angehender Speditionskaufmann, Auszubildender im zweiten Jahr und wohne im Eichhörnchenweg. Jeden Tag vergeude ich in diesem Industriegebiet mit Dingen, die mich nicht interessieren, mit Menschen, deren Leben auf Sparflamme köchelt – ohne Risiko, ohne Fehler, ohne Gewinn, ohne Niederlagen, ohne Triumphe. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner in einem Dasein, dessen Höhepunkte die Sportschau oder zwei Wochen Vollpension am Gardasee sind. Ich will in meinem Leben keine Stechuhr, sondern Spannung und Abenteuer. Nur wie? Die meisten Menschen, die ich kenne, verbinden Spaß und Spannung mit einem Überraschungsei. Ich weiß, was ich nicht will: Speditionskaufmann werden, zum Beispiel. Leider habe ich keinen blassen Schimmer, was ich aus mir und meinem Leben machen möchte. Ich ahne, dass mir eine Zukunft bevorsteht, in der ein Tag dem nächsten gleicht und in der heute wie gestern ist, wie morgen, wie immer.

Zwei Mal habe ich schon versucht, auszubrechen aus dem Leben der Eltern, der Nachbarn, der Schulkameraden. Zwei Mal bin ich kläglich gescheitert. Ich wuchs behütet in einem Münchner Vorort auf und stellte nach dem Abitur fest, dass die Realität ganz schön scheiße aussah und Abenteuer sich auf dem Bolzplatz, im Jugendzentrum oder im Schützenverein abspielten. Vielen Dank, aber ohne mich. Ich war ein Junge, der in der Gewissheit aufwuchs, im falschen Jahrhundert geboren worden zu sein. Ich las Karl May, Jules Verne, Michael Ende und die Reiseberichte von James Cook. Meine besten Freunde hießen, neben Jürgen, Christoph oder Dirk, vor allem Winnetou, Kapitän Nemo und Atréju, und in meinen Träumen reiste ich nicht an die Nordsee, sondern nach Tahiti, in die Savannen Nordamerikas und manchmal nach Phantasialand oder in den Wilden Westen. Wenn meine Mutter mal wieder wütend war auf mich, fragte sie mich immer, warum ich nicht so sein könnte wie die anderen Kinder in der Nachbarschaft. Und sie ahnte nicht, dass ich mich wie Edmond Dantès, den Grafen von Monte Christo, im Château d’If fühlte und hoffte, meinen Abbé Faria zu finden. Die anderen Kinder spielten Volleyball oder machten Hochsprung im TSV Vaterstetten. Ich wollte Hockey spielen oder Skateboard fahren und durfte nicht. Ich ärgere mich heute, dass ich kein Instrument gelernt habe: Klavier, Geige oder Gitarre. Aber die anderen Eltern schickten ihre Kinder zum Flötenunterricht bei Frau Bracher, also musste ich auch in die Blockflöte blasen. Das ging ein paar Monate lang gut, dann schmiss ich die Flöte an die Wand und Frau Bracher mich aus ihrem Keller.

Meine Mutter hat mich in die Welt der Bücher eingeführt, aber geschenkt bekam ich immer die gleiche Lektüre wie die anderen Kinder auch. Ich wäre gerne in den Sommerferien nach Kanada gefahren, um Grizzlybären zu beobachten, stattdessen fuhren wir nach Donoratico in den Club Med. Als ich älter wurde, wollte ich Archäologe werden, Geschichte studieren oder Politik. Berufe, die man mit einem Realschulabschluss nicht ausüben kann. Stattdessen schickte man mich auf die Fachoberschule für Wirtschaft nach Wasserburg am Inn, wo ich mich mit Ach und Krach durch Rechnungswesen, Buchhaltung und Wirtschaftsmathematik quälte. Das sei besser für mich und meine Zukunft. Zum Erstaunen aller schaffte ich das Abitur doch irgendwie. Aber nun fragte mich jeder, wie es weitergehen würde. Darauf hatte ich keine Antwort. James Cook meldete sich in meinem Kopf zu Wort, und eines Tages sagte ich meinen Eltern, dass ich Kapitän werden möchte.

Ich war 19 Jahre alt, und die einfachste Möglichkeit, zur See zu fahren, war, mich bei der Bundeswehr zu verpflichten. Ich wollte U-Boote fahren, redete ich mir ein, aber ich habe keine Ahnung, wie ich auf diese Schnapsidee verfiel. Vier Jahre unterschreiben, vielleicht zwölf, wer weiß. Dass ich mich in geschlossenen Räumen nicht wohlfühle, hatte ich zu diesem Zeitpunkt völlig verdrängt. Ein paar Wochen später lag eine Einladung der Marine im Briefkasten meiner Eltern. Ich solle mich in einer Kaserne in Wilhelmshaven melden. Mein Vater war stolz auf seinen Sohn. Meine Mutter froh, dass aus ihrem Sorgenkind doch noch etwas werden würde. Ich war glücklich, die Enge zu verlassen, wo die Leute in den immer gleichen Reihenhaussiedlungen wohnen, mit genormten Vorgärten und gestutzten Hecken. Zum Glück haben die deutsche Marine und ich sehr schnell festgestellt, dass wir nicht gut zueinander passten. Ich hielt es für äußerst unhöflich, dass jemand um 4.00 Uhr in mein Zimmer platzt und mir Befehle ins Ohr brüllt, nur um mich anschließend eine Stunde lang im Kreis über den Kasernenhof zu hetzen. Der untersuchende Arzt wiederum fand es nicht besonders lustig, dass er in meinem Blut und Urin Spuren von Haschisch fand. Nach zwei Tagen lösten wir die Mission U-Boot im gegenseitigen Einverständnis auf, und ich hatte auf der Zugfahrt nach Hause acht Stunden Zeit, mir zu überlegen, welche Ausrede ich meinen Eltern erzählen würde.

Trotzdem – ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Kapitän zu werden. Dieser Beruf sollte mein Fahrschein in eine aufregendere Welt, fremde Länder, zu Mädchen, Abenteuern, Romantik sein. Dachte ich. Also heuerte ich bei der norddeutschen Reederei Hartmann in Leer an, lebte einige Wochen in der Hamburger Seemannsmission, wo ich für die Prüfung büffelte, um mein Seemannsbuch zu bekommen. Abends machten mir die Hafennutten schöne Augen, und ich blickte jedes Mal schüchtern auf meine Schuhe. Zwei Monate später legte mein Schiff von Rostock in Richtung Bosporus ab. Ich durfte mich nun »Nautischer Offiziersassistent« nennen, Neudeutsch für Bootsjunge. Das klang sehr schön. Aber die Realität machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich war der Depp für alles. Der Schiffskoch nannte mich Franz-Josef, weil ich aus Bayern kam. Die Offiziere redeten kein Wort mit mir, außer, wenn ich ihre Kajüte putzen sollte, und der Kapitän war ein ehemaliger NVA-Offizier und Leuteschinder, ein moderner Kapitän Bligh, der die Besatzung bei Windstärke sieben ohne Sicherungsgurte die Kräne anstreichen ließ. Leider gab es keinen Fletcher Christian an Bord, der eine Meuterei angezettelt hätte. Wir fuhren Waffen, Panzer und Munition aus Beständen der Nationalen Volksarmee nach Griechenland, und während wir im Laderaum auf den Kisten saßen und rauchten, erzählten mir die Seeleute üble Geschichten, zum Beispiel wie der Kapitän bei einer Schießerei in Mogadischu die Gangway hochfahren ließ, obwohl die Besatzung draußen im Hafen die Außenwände des Schiffes putzte. Seefahrt hat heute nichts mehr mit James Cook zu tun. Statt in jedem Hafen eine andere Braut zu haben, in Spelunken mit Seemännern Rum zu trinken und Angriffe von Piraten abzuwehren, musste ich das Deck des Schiffes oder den Kabelgatt putzen oder Container entladen. Länger als eine Nacht lagen wir nie in einem Hafen. In Rostock schleppten mich meine Seemannskollegen in einen Puff. Ich war nie zuvor in einem Freudenhaus gewesen und schämte mich so sehr, dass mir die Puffmutter aus Mitleid eine Flasche Mineralwasser spendierte, solange sich meine Kollegen im ersten Stock vergnügten. Rotterdam und Valencia sah ich nur von der Reling aus. In Patras lief ich vor einer Seemannsprügelei davon. Es waren große, kräftige Männer, mit Oberarmen dicker als meine Oberschenkel und Tätowierungen. Einer hatte ein Messer. Ich war noch nicht reif und robust genug für diese Welt. Ein Matrose meines Schiffes, der sich Panzerfahrer nannte, hatte einem Seemann einen Bierkrug an die Stirn geknallt. In Izmir betrank ich mich mit türkischen Zuhältern in einer Hafenspelunke und tanzte mit osmanischen Nutten auf den Tischen, während...

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