So fühlt sich Leben an

 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09456-0 (ISBN)
 
Mitreißend, ergreifend, außergewöhnlich - eine deutsche Geschichte

Er war 16, als die Mauer fiel. Den Kopf voller Träume, machten Hagen Stoll und seine Kumpels sich auf, die Welt neu zu entdecken. Als Rapper Joe Rilla wird er zum Sprachrohr der ostdeutschen Jugend aus der »Platte«, was in Marzahn jedoch nicht allen gefällt: Wegen seiner Vorliebe für »Negermusik« wird Hagen Stoll verprügelt, gerät ein anderes Mal ins Visier einer Motorradgang und fürchtet um sein Leben. Auch der kräftezehrende Kampf im Musikbusiness hält an. Doch Hagen spürt immer eine deutliche Zugkraft geradeaus. Beharrlich, unbestechlich und bereit zur Veränderung, macht sich Hagen auf den Weg zum Erfolg - und zu sich selbst.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,34 MB
978-3-641-09456-0 (9783641094560)
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1 | Aufbruchsstimmung

Ja, Marzahn.

Immer noch fahre ich manchmal hin. Auf der Landsberger Allee nach Osten, bis das vertraute Panorama vor mir auftaucht, Plattenbauriegel, mal elf, mal achtzehn, mal zweiundzwanzig Stockwerke hoch, heute bunt, früher grau. Grau mit einem Stich ins Schlammige. Alle aus demselben Baukasten. Das Paradebeispiel sozialistischen Wohnungsbaus.

Platte links, Platte rechts, auch auf der Allee der Kosmonauten. Triumph der Kastenform, Diktatur des Rechtwinkligen. Und plötzlich Kopfsteinpflaster. Niedrige Häuser aus der bäuerlichen Vorzeit, als Marzahn der Name eines winzigen Dorfes vor den Toren Berlins war. Alle um einen lang gestreckten Platz angeordnet, die alte Dorfkirche in der Mitte. Braunrote Ziegelmauern, in den Ritzen grün von Flechten oder Moos, und am Rand des Platzes die Fleischerei Genz. Eine meiner Anlaufstellen in Marzahn, seit jeher. Bezugsquelle der besten Rouladen, der leckersten und größten Schnitzel weit und breit. Und prompt sehe ich mich da stehen, ein kleiner Bengel mit einer Wiener in der Hand. Strahlend vor Glück, weil er das Würstchen gerade geschenkt bekommen hat.

Man kennt mich hier. Nicht wie an der Kasse im Supermarkt, wo die Leute mich ansprechen, weil sie mich vom Plattencover wiedererkennen. Sondern als einen von ihnen. Draußen vor dem Schaufenster mit den Wurst- und Fleischauslagen kommt es zu einem Schwätzchen von Tisch zu Tisch. »Wir haben letzte Woche deinen Auftritt beim Promi-Dinner gesehen.« Ich hatte Rouladen gemacht. Sie stammten von Genz in Alt-Marzahn. An den Rouladen lag es jedoch nicht, dass ich nicht besser abgeschnitten habe.

So fühlt sich Zuhause an. So sieht Kindheit aus. Plattenbauten, so weit das Auge reicht, dazwischen, aus einer anderen Zeit, eine Kirche, eine Dorfstraße, eine Fleischerei. Sogar die alte Windmühle auf ihrer Anhöhe außerhalb des Dorfes haben sie stehen gelassen. Und etwas weiter die Landsberger Allee hoch, Richtung Blumenberger Damm, hat das erste befreite Haus Berlins jede Wende überdauert. Das erste Haus, das die Rote Armee bei ihrem Vormarsch auf Berlin 1945 erreichte.

Marzahn.

Grundlegende Erfahrungen habe ich hier gemacht. Erfahrungen wie Angst haben, wie Mut beweisen, wie tapfer sein. Heranwachsen, das ist Actionfilm, Horrorfilm und Komödie in einem. Das größte Vergnügen, der größte Schrecken dicht beieinander. Wenn der Regen sie nicht weggewaschen hat, sieht man noch die Bremsspuren auf dem Blumenberger Damm, die das Ende einer Verfolgungsjagd markieren - ich in meinem Bertone und hinter mir dreimal Blaulicht. Unter einer der steinernen Tischtennisplatten im Hinterhof habe ich mit zwölf oder dreizehn die erste Zigarette geraucht, höchstwahrscheinlich eine Kenton blau - »Stasi-Zigarette« haben wir damals dazu gesagt, weil man »Kenton« auch wie »Keen Ton« lesen kann. An der Giebelseite einer Platte steht die Bank, von der mich ein Glatzkopf mit der Keule runtergeknüppelt hat - das Geräusch, wenn Metall auf Schädelknochen trifft, habe ich heute noch im Ohr. Wie eh und je liegt der Springpfuhl-Tümpel da in seinem Park - ein Sumpfloch für den unvoreingenommenen Betrachter, für mich als Springpfuhlpirat seinerzeit die Sieben Weltmeere. Und gleich dahinter der Helene-Weigel-Platz, nett gestaltet mit Springbrunnen und Bronzefiguren - damals Aufmarschplatz der Neonazis und Austragungsort der wüstesten Massenprügelei, die ich je erlebt habe.

Manches ist verschwunden. So wie die Trabis, nach Feierabend auf einer Linie entlang der Plattenbauten aufgereiht, hellgelbe, hellblaue, hellgrüne Farbkleckse im Einheitsgrau. Oder Adolf auf seinem Balkon vor dem Schulgelände, der so hieß, weil er stundenlang Hitlerreden rezitierte. Oder Frau Paschulke, die Stasibeauftragte unserer Platte am Murtzaner Ring, bald nach der Wende abgetaucht. Aber für mich ist Marzahn nach wie vor der Ort meiner Kindheit, meiner Jugend, an den ich gern zurückkehre. Denn egal, wie deine Kindheit war, wo sie sich abgespielt hat, wer dir das Leben dort leicht oder schwer gemacht hat - dieser Ort hat dir den Stoff geliefert, an dem du ein Leben lang kaust und würgst, von dem du aber auch ein Leben lang zehrst. Marzahn war mit diesem Stoff besonders freigebig.

So kam es zu mir. Hagen Stoll.

Hagen. Ein üblicher Name war das nicht. Die Vorliebe für ausgefallene Namen war im Osten allerdings verbreitet - Torsten, Sven, Kardo und eben Hagen. Ich sollte mich wohl einzigartig fühlen. Aber weder mein Vater noch meine Mutter hatten irgendwelche Ambitionen in Richtung deutsche Sagen. Erst in der Schule kam die Sprache auf die Nibelungen, erst da wurde mir klar, dass es einen Hagen von Tronje gibt. Ein Finsterling, aber unerschrocken, kühn. Obwohl er's am Ende verkackt hat. Ich habe jedenfalls nie ein Problem mit diesem Namen gehabt, im Gegenteil. Ich finde ihn gut. Ich war immer stolz auf ihn. Ich habe mich auch oft wie Hagen von Tronje gefühlt.

Geboren bin ich aber nicht in Marzahn. Als ich zur Welt kam, existierte der Ort wahrscheinlich gerade mal auf dem Reißbrett. Geboren bin ich, als erstes und einziges Kind meiner Eltern, am 29. Januar 1975 im Krankenhaus Friedrichshain. Das Ereignis ist unwiderlegbar bezeugt, und zwar durch eine selbst gefertigte Geburtsurkunde, die mein Onkel und meine Tante den glücklichen Eltern anschließend überreichten: »Am heutigen Tage, dem 29. Januar 1975, gelang es den Menschen Edelgard und Walter Stoll, ihr Erstlingswerk zu produzieren .« Etwas in dieser Art, mit einem roten Wachssiegel versehen und beglaubigt. Die Urkunde hängt immer noch bei meinen Eltern; ein Erbstück, auf das ich ziemlich scharf bin.

Gewohnt haben wir damals in der Wichertstraße 49 im Bezirk Prenzlauer Berg. Es war die erste Berliner Adresse meiner Eltern. Denn nach ihrer Herkunft sind sie Mecklenburger - mein Vater Walter wuchs in einem Dorf namens Luplow auf und meine Mutter Edelgard in dem Örtchen namens Tarnow, das eine nicht weit vom anderen entfernt und beide von Neubrandenburg in zwanzig Minuten zu erreichen. Weil sie vorankommen wollten, zogen sie vom Land in die Hauptstadt, nach Ostberlin, landeten im Prenzlauer Berg und richteten sich dort in einer Studentenbude auf vierunddreißig Quadratmetern ein. Altbau, Kohleofen, Fenster zum Innenhof, wenig Licht, etwas anderes als die weitläufigen Felder ihrer Jugend und etwas kümmerlicher als die Bauernhöfe, von denen sie kamen. Egal. Der Schritt in die Großstadt versprach ein besseres Leben.

Mein Vater hatte es mit dem Militär. Nach der vormilitärischen Ausbildung in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) war er zum Wehrdienst in der NVA eingezogen worden und hatte eine Laufbahn bei der Luftwaffe angestrebt. Aus den Bomben und Raketen und russischen Kampfjets, die seine Erzählungen für mich als Kind so spannend machten, wurde aber nichts. Stattdessen verschlug es ihn zum Zoll. Anders gesagt: Als ich so weit war, dass ich mir ein erstes Bild von der Welt machen konnte, war mein Vater bereits Grenzer. Grenzsoldat. An der Marschallbrücke über die Spree stationiert, nur hundertfünfzig Meter Luftlinie vom Reichstag entfernt, also an vorderster Front. Dort kontrollierte er im Schichtdienst jeden Kahn, der unser Binnengewässer befuhr, bei der Einreise nach Ostberlin wie bei der Ausreise nach Westberlin. Mit anderen Worten, nämlich den Worten meines Vaters: Er beschützte unser Land und wehrte den Feind im Westen ab, der sich alles Erdenkliche einfallen ließ, um in unsere heile, sozialistische Welt einzubrechen.

Gut, das war jetzt nicht die Luftwaffe, aber schlecht war es auch nicht.

Nicht unbedingt wegen der Mauer, dem Stacheldraht und den Suchscheinwerfern, aber wegen seiner Uniform, seiner Dienstwaffe in ihrem Halfter an seinem Gürtel und ganz besonders wegen seiner Hunde. Wenn ich ihn ab und zu an seinem Arbeitsplatz besuchte, faszinierte mich nichts mehr als diese Hunde in ihrem Zwinger. Und ich muss sagen: Da wurde einem schon anders. Die konnten einem Angst machen. Die tiefschwarzen Riesenschnauzer, die bulligen Rottweiler und die Deutschen Schäferhunde, all diese kläffenden, hechelnden, wutgeladenen Vierbeiner, die nur darauf warteten, dem nächsten Kapitalisten den Arsch aufzureißen. Manchmal fuhr ich in dem Barkas mit, einem Ost-Lieferwagen, in dem die Hunde von einem Grenzposten zum anderen verfrachtet wurden, dann stießen sie knurrend vor ungehemmter Aggressivität ihre Schnauzen durch den Spalt unter der Sitzbank. Und jedes Mal, wenn ein Schiff unter der Marschallbrücke festmachte, hieß es für meinen Vater: Mit einem dieser Hunde an Bord gehen, alles durchsuchen und Eindringlinge aufspüren. Also - mein Vater hatte eine Aufgabe, mein Vater hatte Befugnisse, mein Vater war ein Held.

In gewisser Weise war auch meine Mutter eine Heldin. Aber ihr Heldentum war von anderer Art. Sie stand nämlich als leitende OP-Schwester am Operationstisch im Krankenhaus Friedrichshain, Hals-Nasen-Ohren-Abteilung, reichte den Ärzten Skalpell und Tupfer an und sah tagaus, tagein Blut. Für mich eine gruselige Vorstellung, aber für sie die selbstverständlichste Sache der Welt. Eine Heldin aber auch deswegen, weil ich sie in all dem Ärger, den ich mit meinem Vater im Lauf der Zeit bekam, auf meiner Seite wusste. Diese eher verträumte, in sich gekehrte Frau hat mir jederzeit meine Freiheit gelassen, obwohl sie Angst um mich hatte. »Pass bloß auf«,...

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