Die Arglist des Teufels

Historischer Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2020
  • |
  • 704 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43682-3 (ISBN)
 
Das große Finale der Trilogie um das Buch des Teufels

Im fernen Nikolsburg lernt Sophia, >die Füchsin<, den Dialekt eines einsamen Tales in den Alpen: Sie glaubt, damit das ihr anvertraute geheimnisvolle Buch, das ein Heilmittel gegen die Pest enthalten soll, entschlüsseln zu können. Tatsächlich gibt das Buch sein Wissen preis. Doch es ist nicht das erhoffte. Als Sophia erfährt, dass ihr Mann, Magister Fuchs, schwer erkrankt ist, reist sie unverzüglich zurück nach Pirna - im Gepäck die entschlüsselte Schrift. Darauf hat der intrigante Stadtschreiber Wolf Schumann nur gewartet. Er ahnt nicht, dass das verheißungsvolle, lang ersehnte Buch ihn um den Verstand bringen wird.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Heike Stöhr wuchs in Pirna auf, studierte Germanistik und Geschichte und arbeitet als Lehrerin in Berlin. Ihr großes Interesse für sächsische Geschichte verwandelt sie in spannende historische Romane.

KAPITEL 1


Möge Euch Gott behüten!« Dankbar nahm das Weib des Fischers die kleine Münze entgegen. Ihr Mann war bereits an Land gesprungen, um die Schaluppe an einem der Holzpfosten des Landungsstegs zu vertäuen. Im Hafen herrschte lebhaftes Treiben: Handwerker, Handlanger, Hausfrauen und Mägde mit Einkaufskörben schoben und drängten sich um die Stände der Fischweiber, die ihre Ware wortreich und lautstark anpriesen. Zwischen ihren Beinen wuselten Kinder, Hunde und Katzen.

Es war Dienstag und in Pirna wurde Markt gehalten. Den geschäftigen Lärm hatte Magister Fuchs schon flussaufwärts vernommen, noch bevor hinter dem Schloss auf dem Sonnenstein die roten Dächer und Türme der Stadt in Sicht gekommen waren. Er nickte der Fischersfrau zum Abschied zu, bevor er nach seiner Tasche griff.

Der Boden unter seinen Füßen schwankte, und Fuchs fühlte sich recht unbeholfen, während er über einige Haufen feuchter Netze und die Körbe mit dem frischen Fang stieg. Die Schuppengewänder der kleinen Fische schimmerten in blassen Perlmuttfarben. Auch am Saum seines langen schwarzen Mantels hafteten Fischschuppen, und es würde eine Weile dauern, bis er den Geruch wieder aus der Nase bekam.

Um ein Haar wäre er beim Aussteigen im Wasser gelandet, weil er die Tasche mit dem kostbaren Werkzeug umklammert hielt, statt sich an der Bordwand festzuhalten. Nur die zupackende Hand des Fischers bewahrte ihn vor dem unfreiwilligen Bad.

Während sich die Fischersleute daranmachten, ihren Fang auszuladen, verließ Fuchs eilig den Landungssteg. Er fror, denn trotz der strahlenden Frühlingssonne trieb der Wind eisige Böen durchs Elbtal. Fuchs bereute inzwischen, dass er in der Früh auf ein Morgenmahl verzichtet hatte. Die Hoffnung, dass Maria in der Blauen Schürze schon einen Kessel deftigen Eintopfs über dem Feuer haben könnte, beflügelte seinen Schritt, aber weit kam er nicht.

»Gegrüßt sei Gott! Welch glücklicher Zufall, dass ich Euch hier treffe, Magister Fuchs! Das erspart mir den Weg zu Euch in die Obertorvorstadt!« Der stattliche Mann mit der wohlklingenden Baritonstimme schien hoch erfreut.

Der Magister grüßte zurück, während er in seinem Gedächtnis vergeblich nach dem Namen seines Gegenübers suchte. Der Mann sah aus wie ein wohlhabender Bürger, denn er trug einen Mantel aus gutem wollenem Tuch und Lederschuhe, auf denen Silberschnallen blinkten, außerdem waren Haar und Bart sauber gestutzt.

»Es scheint, als wären Eure kunstfertigen Hände diesmal elbaufwärts vonnöten gewesen.« Der Mann deutete auf die Werkzeugtasche des Magisters. »Doch wen wundert das, schließlich ist Euer Geschick im Bau von Turmuhren weit über die Mauern unserer Stadt hinaus bekannt, seitdem Ihr im vergangenen Jahr diese überaus nützliche Rathausuhr gebaut habt, an der die Pirnaer außer der genauen Zeit auch noch den Stand des Mondes ablesen können! Niemand hier benötigt noch einen Kalender, wenn er wissen will, wann die rechte Zeit fürs Wäschewaschen, Zahnziehen oder Bartscheren ist.«

Fuchs war das Lob unangenehm. Es stimmte zwar, dass er in letzter Zeit öfter unterwegs war, um Turmuhren in der Umgebung von Pirna zu reparieren, doch waren das zumeist gewöhnliche Uhrwerke, für die es keiner großen Kunstfertigkeit bedurfte. Er lächelte trotzdem freundlich, denn inzwischen war ihm wieder eingefallen, mit wem er es zu tun hatte. Hans Bieberstein war Floßmeister in Copitz und überdies Eigentümer mehrerer Schiffe. Damit schaffte er regelmäßig Steine und Holz nach Wittenberg - ein Geschäft, das ihm gutes Geld einbrachte. Es war offensichtlich, dass Bieberstein ein Anliegen hatte.

»Ich hoffe nämlich, Ihr könnt mir mit einem besonderen Taufgeschenk für den Sohn meines Bruders helfen«, erklärte er.

»Wie das?« Fuchs bemühte sich, nicht allzu ungeduldig zu klingen.

Der Schiffshändler beugte sich vertraulich nach vorn. »Letzte Woche traf ich in Wittenberg einen alten Geschäftsfreund. Der erzählte mir, dass er auf einer seiner Handelsreisen ein Spielzeug gesehen habe - ein Vögelchen, nicht größer als eine Handspanne.« Bieberstein streckte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aus. »Wenn man es mit einem Schlüssel aufzog, sei es auf dem Tisch umhergehüpft und habe artig gepickt. Könnt Ihr mir etwas Ähnliches als Taufgeschenk für den jüngsten Sohn meines Bruders anfertigen?«

Das Interesse des Magisters war entfacht. »Ein mechanisches Spielzeug!«, rief er und vergaß den schneidenden Wind ebenso wie seinen knurrenden Magen. Vor seinem inneren Auge entstand bereits ein geeignetes Uhrwerk. Aber die Ausführung des Ganzen war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. »Bauen könnte ich das schon, im Grunde benötigt man dazu nicht viel mehr als ein paar Zahnräder und Federn. Allerdings müssten die sehr klein sein, wenn Euer Vogel nicht die Größe einer Gans haben soll«, erklärte er. »Bis wann braucht Ihr das Geschenk?«

»Ach, damit hat es keine Eile.« Bieberstein lachte. »Mein Bruder wohnt in Schneeberg, und ich weiß noch gar nicht, wann ich wieder Zeit haben werde, ihn zu besuchen.«

»Ich muss ein paar neue Werkzeuge anfertigen lassen, bevor ich an die Arbeit gehen kann. Die hier«, Fuchs hob seine Tasche, »sind viel zu grob dafür.«

»Dann frisch ans Werk, Magister!« Der Floßmeister rieb sich die Hände. »Eure Mühe soll nicht umsonst sein!« Er klopfte auf die Geldkatze an seinem Gürtel.

Aber Fuchs, dessen Gedanken schon um die neue, herausfordernde Arbeit kreisten, wollte jetzt noch nicht über Geld reden. Daher verabschiedete er sich rasch und setzte seinen Weg fort. Während er den Steinplatz überquerte, erstellte er im Kopf bereits eine Liste mit Werkzeug und Material. Das Schimpfen der Steinmetze und Handlanger, denen er dabei vor die Füße lief, nahm er nur am Rand wahr.

An der Schänke Zur blauen Schürze fand er die Tür verschlossen. Es dauerte ein Weilchen, bis er begriff, wie merkwürdig das war. Sonst stand Maria zu dieser Tageszeit längst in der Küche, während ihre beiden Mägde den Schankraum fegten und Tische wischten. Die Stille, die heute über dem gesamten Anwesen lag, war bedrückend. Fuchs, der nicht nur ein Stammgast, sondern vor allem ein enger Freund der Wirtsleute war, begann sich zu sorgen. Durch die gemauerte Toreinfahrt gelangte er in den Hof, wo die blonde Schankmagd dabei war, die Hühner zu füttern. Als sie den Kopf hob, sah er, dass sie geweint hatte. »Bärbel, was ist hier los? Warum ist die Schänke noch nicht geöffnet?«

»Die kleine Ursel!«, Bärbel schniefte. »Der himmlische Vater hat sie zu sich geholt - vor nicht mal einer Stunde!« Sie wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Nase.

Marias kleine Tochter war gestorben? Vor Schreck ließ Fuchs seine Tasche fallen. Das Klirren des Metalls bohrte sich schmerzhaft in sein Ohr. Das konnte doch nicht sein! Als Pate hatte er das Kind erst vor ein paar Wochen über das Taufbecken in Sankt Marien gehalten. Das kräftige kleine Mädchen hatte gestrampelt und wie am Spieß gebrüllt, während Pfarrer Lauterbach es mit dem geweihten Wasser besprengt hatte. Verwirrt betrachtete er seine leeren Hände. »Wie konnte das nur geschehen?«

»Es fängt ganz harmlos an: Ein bisschen Schnupfen, ein leichtes Fieber.« Fuchs drehte sich um, als er die Stimme seines Freundes Valentin Arnold vernahm.

Der Bader war aus der Hintertür auf den Hof getreten. Er wirkte vollkommen übernächtigt, auf seinen hageren Wangen lag ein dunkler Bartschatten. »Dann haben sie Schluckbeschwerden, wollen nicht trinken. Ich dachte, ich hätte es mit einer Häufung von Mandelentzündungen zu tun«, er zuckte hilflos mit den Schultern, »nicht ungewöhnlich im zeitigen Frühjahr. Aber statt der weißen Stippchen bildet sich ein heller, ledriger Belag auf den Mandeln, der schon bald den ganzen Rachen überzieht. Ihr Atem stinkt, und ein pfeifender Husten zeugt von Luftnot. Ihre aufgedunsenen kleinen Gesichter sind ganz blass, obwohl das Fieber steigt.«

Fuchs begriff allmählich, dass Arnold nicht nur von Ursel sprach. In der Stadt schien eine Krankheit zu wüten, eine unbekannte Pestilenz, die vor allem Kinder befiel.

»Was immer ich versuche, sie sterben mir unter den Händen weg - vor allem die Kleinsten!« Noch nie hatte der Magister seinen Freund so verzweifelt erlebt. Beschämt musste er sich eingestehen, dass er nicht in der Lage war, ihm irgendeine Art von Trost zu spenden. Dabei hatte Fuchs in jungen Jahren die Medizin studiert und auch eine Zeitlang erfolgreich als Arzt gearbeitet. Doch das Vertrauen in seine Kunst war zerbrochen, nachdem er nicht im Stande gewesen war, sein Weib und seine Kinder vor dem Schwarzen Tod zu retten. Er holte tief Luft. »Gibt es etwas, das ich für Maria tun kann?«

Der Bader kniff die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, glomm ein Fünkchen Hoffnung darin. »Geht hinunter zum Fähranleger, mein Freund, und wartet dort auf ihren Mann! Sie sagte, dass er heute zurückkehren wird.«

Fuchs nickte, obwohl ihn die Vorstellung, Marten mit der Nachricht vom Tod seines Kindes zu empfangen, ganz elend machte. Der Wirt der Blauen Schürze hatte ihn vor ein paar Tagen auf seinem Wagen mit hinauf ins Gebirge genommen. Es war eine heitere, unbeschwerte Fahrt gewesen, denn Marten hatte Jonas, Marias Ältesten, dabeigehabt.

Valentin Arnold schien noch etwas auf dem Herzen zu haben. »Überzeugt Marten unbedingt davon, dass Ihr den Jungen mitnehmen dürft!« Er legte dem Magister die Hand auf den Arm. »Behaltet ihn in Eurem Haus! So lange, bis dieser verdammte Sterbenslauf ein Ende gefunden hat!«

»Das will ich gern tun«, versicherte Fuchs, der...

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