Der Stoff, aus dem Träume sind

Roman Neuerscheinung 2018
 
 
Mira Taschenbuch Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95576-795-2 (ISBN)
 
Efeugrün, verwoben mit einem hauchzarten himmelblauen Faden - als Claire das Jackett in einem Londoner Vintage-Laden entdeckt, weiß sie sofort, dass es von der kleinen schottischen Hebrideninsel Barra stammt. Fast ein ganzes Leben ist es her, dass sie dort aufgewachsen ist. Ein Leben für die Mode, voller großer Pläne, Hoffnungen und Fehler. Und plötzlich lassen Claire die Erinnerungen nicht mehr los. Vielleicht ist jetzt endlich die Zeit gekommen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und verschüttete Träume zu bergen. "Ein sehr emotionaler und spannender Roman mit Rückblenden, die ins Nachkriegs-England und in die Modewelt entführen." Mainhattan Kurier »Eine schöne und unterhaltsame Geschichte.« Schweizer Familie
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jana Stieler lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Hamburg. Sie arbeitet als Redakteurin in einem großen deutschen Zeitschriftenverlag und hat in den letzten vier Jahren unter ihrem Mädchennamen Jana Seidel mehrere Romane veröffentlicht. Sie liebt Großbritannien und die Mode der 1950er und 60er Jahre.

3. Kapitel

Vivian 2017

Manchmal fühlte Vivian sich einsam. Nicht an den Abenden, an denen sie allein in ihrem Wohnzimmer saß, weil ihr Sohn schon schlief. Es waren eher Abende wie dieser, an denen sie vor allem sich selbst vermisste.

Ihre Freundin Sally war zu Besuch gekommen. »Er hat gesagt, er trennt sich von seiner Frau.«

Wieder dieses Gefühl, vor einem gläsernen Bildschirm zu sitzen und den abgedroschenen Phrasen einer Realityshow zu folgen.

»Das sagt er doch schon seit über einem Jahr«, wandte Vivian schließlich ein - zum bestimmt hundertsten Mal. Aber was sollte sie auch sagen?

Hätte sie den Mann in Schutz genommen, der seine Familie nicht verlassen wollte, hätte Sally das als Verrat aufgefasst. Gäbe sie Sally recht, würde diese ihren Liebhaber mit allen Geschossen verteidigen.

Vivian war sich mittlerweile sicher, dass Richard seine Frau und seine Kinder niemals verlassen würde. Im Gegensatz zu Tim, der keine Hemmungen gehabt hatte, Vivian im letzten Monat der Schwangerschaft für eine Frau, die er kaum kannte, zu verlassen, war Richard offenbar verantwortungsbewusster - oder auch einfach nur fauler, feiger.

»Es ist nicht so einfach«, sagte Sally gerade.

»Wenigstens behauptet er nicht, sie sei an einen Rollstuhl gefesselt oder sonst irgendwie schwer erkrankt.« Vivian selbst erschrak über den bissigen Kommentar, der ihr einfach so rausgerutscht war. Doch Sally ignorierte sie ohnehin.

»Ich werde Weihnachten mal wieder allein verbringen.« Sally seufzte.

Ich langweile mich, dachte Vivian betrübt. Und dann: Ich will nach Hause. Obwohl das Unsinn war, denn schließlich befand sie sich in ihrer Wohnung.

Vivian vermutete außerdem, dass Sally wusste, wie gut ihr Kummer stand - und ihn deshalb mit schwarzem Kajal betonte.

»Vielleicht verlässt er sie ja doch noch«, murmelte Vivian schließlich, angetrieben von schlechtem Gewissen.

»Meinst du wirklich?« Sally sah erfreut aus.

»Aber vielleicht erst nach Weihnachten«, sagte Vivian. Schon wieder eine boshafte Bemerkung, wo kamen die an diesem Tag nur her? »Vielleicht will er seinen Kindern das Fest nicht verderben«, ergänzte sie matt.

»Wir haben Juli«, sagte Sally empört. »Warum sollte er jetzt schon an das Weihnachtsfest denken?«

Vivian sah Sally ungläubig an und unterdrückte mühsam ein Lachen. Beinahe war sie erleichtert, als Sally auf die Uhr sah.

»Oh, ich muss los. Ich bin ganz spontan mit den Mädels verabredet, Krisensitzung. Das von Helen habe ich dir noch gar nicht erzählt. Das mache ich irgendwann mal in Ruhe. Du musst sicher noch einiges erledigen, einen Kuchen für den Kindergarten backen oder so .«

Vivian wusste, dass Sally ihr damit keine Retourkutsche verpassen wollte, sondern den Satz einfach gedankenlos ausgesprochen hatte.

Die »Mädels« waren mal ihre gemeinsamen Freundinnen gewesen - damals, vor dem Kind. Sie werden einen draufmachen, dachte Vivian, sich gemeinsam über Richard empören, viel trinken und dabei jede Menge Spaß haben. Manchmal besuchte eine von ihnen Vivian. So wie jetzt Sally, wenn sie sich über Richard ausweinen wollte, oder Betty, wenn sie mal wieder mit ihren Kolleginnen nicht klarkam. Nur Helen kam gar nicht mehr zu ihr nach Hause. Helen war ihr die liebste ihrer Freundinnen gewesen. Doch seit einer Weile bemühten sie und ihr Mann sich immer verzweifelter, ein Kind zu bekommen. Bei ihren letzten Besuchen hatte sie nur noch schlecht gelaunt auf Ethan geblickt und Vivians Erziehungsmethoden kritisiert. Zuerst hatte Vivian nächtelang darüber gegrübelt, ob sie eine schlechte Mutter war. Doch dann hatte Sally ihr von ihrer Vermutung erzählt, dass Helen neidisch war. Es hatte in Vivians bisherigem Leben nur wenig gegeben, was Missgunst hervorrufen könnte. Deswegen war die Erfahrung neu für sie und schwerer auszuhalten als die mitleidigen Blicke, die ihr als alleinerziehender Mutter ohne nennenswerten beruflichen Erfolg vertrauter waren. Dass es einem anderen in ihrer Gegenwart schlecht ging, wollte sie bestimmt nicht.

Sie war die eifrigste Unterstützerin ihrer Freundinnen, und dass sie heute genervt auf Sally reagiert hatte, lag weniger daran, dass sie deren Affäre verurteilte, als daran, dass sie sich während des Gesprächs in einer Endlosschleife gefangen gefühlt hatte. Vivian verurteilte ohnehin selten andere Menschen.

»Moral ist nur eine Frage der Sympathie«, hatte Vivians Mutter Linda immer gesagt und dabei ihr nonchalantes Lächeln aufgesetzt, mit dem sie ihre sonst so ausgeglichene Tochter zur Weißglut bringen konnte.

Vielleicht hatte ihre Mutter ja in diesem Punkt ausnahmsweise gar nicht so falschgelegen, überlegte Vivian. Sie dachte an eine Sally, die Tim auf offener Straße beschimpft hatte, nachdem er Vivian verlassen hatte. Doch weil Vivian im Gegensatz zu Sally nicht gerne im Mittelpunkt eines Dramas stand, hatte sich bei dem Gedanken an diese Szene noch eine Woche später ihr Magen verkrampft. Ob Sally klar war, dass Richards Frau sich nun in einer ähnlichen Lage befand wie Vivian damals?

»Sehen wir uns am nächsten Wochenende?«, fragte Sally, als sie schon im Flur vor Vivians Wohnungstür stand. Die Freundinnen trafen sich seit dem Studium mindestens einmal im Monat immer in derselben Bar, doch Vivian war schon lange nicht mehr dabei gewesen.

»Ich melde mich noch mal«, sagte Vivian.

»Sicher.« Sally verdrehte die Augen. Ihr Blick streifte dabei das Graffito an der Wand auf dem Flur. »Sag mal, willst du dir nicht endlich mal eine neue Wohnung suchen?«, fragte Sally. »Es kann doch nicht gut für ein Kind sein, so aufzuwachsen. Ich meine, mit neunundzwanzig sind wir doch etwas zu alt, um noch als Hausbesetzer zu leben, oder?«

»Ich arbeite daran«, sagte Vivian mit einem lockeren Lachen, das sogar in ihren Ohren aufgesetzt klang, und umarmte Sally, bevor diese im Treppenhaus verschwand und dabei über den Fahrstuhl fluchte, der nie funktionierte.

Vivian schloss die Haustür. Sally hatte recht. In den vier Jahren, in denen Ethan auf der Welt war, waren die beiden dreimal umgezogen - und es konnte ihr sofort wieder passieren, dass sie innerhalb von zwei Wochen eine neue Bleibe suchen musste. Doch zumindest war es ihr bislang gelungen, Unterkünfte zu ergattern, die im selben Umfeld lagen, sodass Ethan nicht den Kindergarten wechseln musste und zumindest etwas Stabilität erhielt. Bislang schien es ihm nichts auszumachen. Und sie besaßen nicht so viel, dass es besonders anstrengende Umzüge waren. Dennoch legte Vivian jeden Cent zur Seite, um sich etwas anderes leisten zu können, bevor Ethan merkte, dass ihre Wohnsituation ungewöhnlich war. Vorsichtig ausgedrückt. Vermutlich wäre es das Beste, London einfach zu verlassen. Doch Vivian liebte die Stadt, auch wenn sie deren Vorzüge so gut wie nie nutzte. Dennoch mochte sie die unzähligen Möglichkeiten, die sie versprach. Es gab so viele Dinge, die einem das Gefühl vermitteln konnten, ein Teil all dieser Möglichkeiten zu sein. Sie kosteten nicht einmal Geld. Die Museen, die Parks und die vielen kleinen Läden. Sie musste sie nicht betreten, um zu genießen, dass man in einer schwedischen Bäckerei frühstücken und den Tag mit gegrilltem Yak in einer nepalesischen Garküche beenden konnte. Die Gerüche von Zimt und Teig, Curry und Reis, die durch die zur Straße hin geöffneten Fenster der Geschäfte drangen, genügten ihr.

Und Ethan sollte später Zugang zu allem haben, was diese Welt bot, auch wenn ihr der Gedanke manchmal fürchterliche Angst machte. Erst gerade wieder hatte es eine Messerstecherei vor dem Pub um die Ecke gegeben. Dabei war Lambeth ein Bezirk, der sich im Aufschwung befand - wie so viele einstmals verrufene Gegenden in Innenstadtnähe. Und trotz der Graffiti im Treppenhaus war das Haus, in dem sie lebten, keine Bruchbude. Ganz im Gegenteil. Es war ein georgianisches Stadthaus mit Blick auf den Park samt dem Museum of Imperial War. Dass sie und Ethan nie wussten, wie lange sie an einem Ort bleiben durften, war eben der Preis dafür, dass sie hier lebten und nicht in einem der riesigen Häuserblocks voller Sozialwohnungen und Wäsche, die neben der Satellitenschüssel vor dem Fenster auf der Leine flatterte.

Vivian hatte einmal in einer solchen Wohnung gelebt und erinnerte sich an Zigarettenqualm in den Fluren, an den moderigen Gestank des Mülls, der vor den Haustüren verrottete, und an ihre Mutter, die fast den ganzen Tag auf dem Sofa herumlag. Dass sie dabei nicht aufgedunsen und fett gewesen war wie andere Mütter in dem Haus, sondern auf den ersten Blick zart und hübsch, hatte das Bild noch schlimmer gemacht.

Irgendwann hatte Vivian zwar verstanden, dass der flatterhafte Schmetterling, als den sie ihre Mutter sah, der sie mal zart küsste und dann wieder beschimpfte, im Innern unbeugsam war. Es war die Zeit gewesen, in der ihr Vater keinen Job fand. Wegen seiner Rückenprobleme konnte er nicht mehr auf Montage in zugigen Fabrikhallen arbeiten. Später bekam er einen Job als Hausmeister, doch da war ihre Mutter schon seit einem Jahr weg. Hatte sie verlassen, weil sie mit der Situation nicht mehr klargekommen war und ihre Familie ihr offenbar nichts zu bieten hatte, was sie hätte zurückhalten können.

Für Vivians Vater hatte der neue Job bedeutet, dass er seiner kleinen Tochter eine gemütliche kleine Erdgeschosswohnung bieten konnte. Mit der damals neunjährigen Vivian war er in den Häuserblock gezogen, in dem er dafür zuständig war, dass Reparaturen verrichtet und Stromzähler abgelesen wurden. Die beiden hatten nun Zugang zu einer winzigen Grünfläche,...

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