Leben ohne Ende

Roman - Meisterwerke der Science Fiction
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. August 2016
  • |
  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-15442-4 (ISBN)
 
Das ist das Ende ...

Eine rätselhafte Viruspest greift um sich wie ein Steppenbrand und rafft weltweit die Menschen dahin. Die Ordnung bricht zusammen, es gibt keine Regierungen, keine Kommunikation, keine Infrastruktur mehr. Nur ein Prozent der Weltbevölkerung überlebt die verheerende Seuche. Die Zivilisation wird ausgelöscht. Die Übriggebliebenen müssen neue Wege des menschlichen Zusammenlebens suchen .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,34 MB
978-3-641-15442-4 (9783641154424)
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2

Doch als er später im Bett lag, konnte er nicht schlafen. Die kühlen Arme des Sommernebels umschlangen das Haus in der Dunkelheit, und er spürte erst Einsamkeit, dann Furcht und schließlich panisches Entsetzen. Er stand auf, warf sich einen Bademantel um, setzte sich vor das Radio und suchte wie wild die Frequenzen ab. Aber er hörte nur das Raspeln und Knacken atmosphärischer Störungen; niemand strahlte ein Programm aus.

In einem plötzlichen Einfall versuchte er es mit dem Telefon. Als er den Hörer abhob, hörte er das Freizeichen. Euphorisch wählte er eine Nummer - irgendeine. In einem fernen Haus hörte er das Telefon klingeln, immer wieder. Er wartete; er stellte sich das Geräusch vor, wie es durch die leeren Räume hallte. Nach dem zehnten Läuten legte er den Hörer auf. Er versuchte es mit einer zweiten Nummer, mit einer dritten - und dann mit keiner mehr.

Es kam ihm ein neuer Gedanke. Er nahm eine Taschenlampe, stellte sich in die Haustür und sandte Strahlen in die Nacht: kurz-kurz-kurz, lang-lang-lang, kurz-kurz-kurz. Den alten SOS-Ruf, der so oft von verzweifelten Menschen ausgesandt worden war. Doch so weit sich die Stadt auch erstreckte - es kam keine Antwort. Nach einer Weile kam er zu der Erkenntnis, dass es angesichts der gesamten noch brennenden Straßenbeleuchtung viel zu hell war; man konnte seine Taschenlampe einfach nicht sehen.

Also ging er wieder ins Haus. Die nebelige Nacht ließ ihn frösteln. Er schaltete den Thermostat ein, und im gleichen Augenblick hörte er das Summen der Ölheizung. Solange die Stromversorgung intakt blieb und im Tank Heizöl war, gab es nichts zu befürchten. Er saß da, und nach einer Weile schaltete er alle Lichter im Haus aus, als ihm auf eine seltsame Weise bewusst wurde, dass sie zu auffällig waren. Er ließ sich von Nebel und Dunkelheit umhüllen. Noch immer empfand er das Beängstigende des Alleinseins, und wie er so dasaß, legte er den Hammer griffbereit - für den Fall, dass er ihn brauchen würde.

Plötzlich gellte ein furchtbarer Schrei durch die Finsternis. Er zuckte zusammen, und dann erkannte er, dass es nur der Schrei einer liebestollen Katze war, ein Geräusch, wie es allnächtlich immer zu hören gewesen war, selbst im vornehmen San Lupo Drive. Das Katzengeschrei stieg bis zur höchsten Höhe an, dann fuhr das Knurren und Kläffen eines streunenden Köters dazwischen, und die Nacht war wieder still.

Für sie war die zwanzigtausend Jahre alte Welt ausgelöscht. In den Zwingern lagen sie mit geschwollenen Zungen, tot und verdurstet: Pointers, Collies, Pudel, Pekinesen, Schäferhunde. Die Glücklicheren, die nicht eingesperrt gewesen waren, irrten verloren durch die Stadt und die ländlichen Bezirke. Sie tranken aus Bächen, aus Brunnen, aus Goldfischgläsern. Hier und dort jagten sie etwas Essbarem nach, rannten hinter einem Huhn her, schnappten sich im Park ein Eichhörnchen. Und allmählich ließ der Hunger die langen Jahrhunderte der Zivilisation zusammenbrechen, und sie umkreisten immer enger die Orte, an denen unbestattete Leichen lagen.

Jetzt wurde nicht mehr der Beste des Wurfs seiner Haltung, seiner Kopfform, seiner Zeichnung wegen bewundert; jetzt galt ein Preisgekrönter nicht mehr einem Straßenköter als weit überlegen. Der Preis, der das Leben an sich war, ging an den kühnsten Verstand, die kräftigsten Beine, den stärksten Kiefer - an den, der sich am besten den neuen Bedingungen anpassen konnte.

Ein honigfarbener Spaniel saß missmutig da, wurde vor Hunger immer schwächer und war zu dumm, um sich durch List und Geschicklichkeit am Leben zu erhalten, zu kurzbeinig, um eine Beute zu verfolgen . Ein Straßenköter, das Lieblingstier von ein paar Kindern, hatte das Glück, ein Gelege Küken aufzustöbern, die er tot biss, nicht im Spiel, sondern um sie zu fressen . Ein Drahthaarterrier, der von Natur aus einzelgängerisch veranlagt und ein Herumtreiber war, schlug sich prächtig durch . Ein roter Setter zitterte und bebte und heulte schwach auf, sodass es wie ein Stöhnen klang; er war zu edel geraten, als dass er den Willen zum Leben in einer Welt aufgebracht hätte, in der es keinen Herrn und keine Herrin gab, die er lieben konnte.

Am nächsten Morgen arbeitete er einen Plan aus. Er war fest davon überzeugt, dass in einer Gegend, in der zwei Millionen Menschen gelebt hatten, noch andere am Leben geblieben sein mussten. Der Schluss lag nahe - er musste jemanden finden, irgendjemanden. Es ging einzig und allein darum, den Kontakt herzustellen.

Er begann damit, dass er in der Nachbarschaft herumging, in der Hoffnung, einem Bekannten zu begegnen. Doch er nahm an den ihm wohlbekannten Häusern ringsum keine Zeichen wahr, dass sie bewohnt waren. Die Rasenflächen waren verdorrt, die Blumen verwelkt.

Auf dem Rückweg durchquerte er den kleinen Park, in dem er als Junge so oft gespielt, dessen Felsen er so oft erklettert hatte. Zwei Felsblöcke lehnten mit den Spitzen aneinander, sodass sie eine Art hohe, enge Höhle bildeten, die wie eine natürliche, primitive Zufluchtsstätte wirkte. Ish hatte dort früher oft Verstecken gespielt. Er sah in die Höhle. Es war niemand drin.

Er erklomm eine breite, mit dem Hügel sanft ansteigende Felsfläche. Sie war mit kleinen, runden Löchern übersät, jene Stellen, wo einst Indianerfrauen mit Steinstößeln Körner zerstampft hatten. Die Welt dieser Indianer ist untergegangen, dachte er. Und mit unserer Welt, die auf ihre folgte, ist es nun auch aus. Bin ich wirklich der Letzte?

Als er wieder beim Haus seiner Eltern angelangt war, stieg er in seinen Wagen und arbeitete im Kopf eine Fahrt durch die Stadt aus, bei der nur ganz wenige Bezirke außerhalb der Reichweite seiner Hupe bleiben sollten. Dann fuhr er los, ließ ungefähr jede Minute die Hupe ertönen, stoppte und lauschte auf eine Antwort. Im Fahren sah er sich neugierig um und versuchte sich vorzustellen, wie sich hier alles ereignet hatte.

Die Straßen boten einen frühmorgendlichen Anblick. Die Wagen waren ordentlich geparkt, es herrschte kaum Unordnung. Hier und da brannte es, wie er an den Rauchsäulen erkennen konnte. Hier und da lagen einzelne Leichen, und bei einer sah er zwei Hunde. An einer Straßenecke hing eine Männerleiche am Querträger eines Telefonmastes; um den Hals ein Schild mit der Aufschrift »Plünderer«. Dann kam er in ein elegantes Geschäftsviertel und stellte fest, dass es dort bis zu einem gewissen Grad zu Ausschreitungen gekommen sein musste. Das große Schaufenster einer Weinhandlung war zertrümmert.

Nachdem er das Geschäftsviertel durchfahren hatte, ließ er wieder in regelmäßigen Abständen die Hupe ertönen, und unvermittelt zuckte er zusammen, als er aus der Ferne einen schwachen Hupton zu vernehmen meinte. Für einen Augenblick glaubte er, seine Ohren spielten ihm einen Streich. Schnell hupte er wieder, und diesmal erhielt er sofort eine Antwort. Das Herz wurde ihm schwer. Ein Echo, dachte er. Doch dann hupte er noch einmal, erst lang, dann kurz, und als er angespannt lauschte, kam als Antwort lediglich ein langes Hupen.

Er wendete und fuhr auf den Hupton zu, der, wie er schätzte, ungefähr eine halbe Meile entfernt ertönt war. Als er drei Hausblocklängen gefahren war, hupte er wieder und wartete. Diesmal antwortete es weiter rechts. Er wendete, wand sich durch die Straßen, fuhr in eine Sackgasse, machte kehrt und suchte einen anderen Weg. Er hupte, und die Antwort klang näher. Diesmal fuhr er geradeaus weiter, und die nächste Antwort hörte er rechts hinter sich. Er schlug einen anderen Weg ein und gelangte erneut in ein Viertel mit zahlreichen Geschäften. Längs der Straße parkten Wagen; doch er sah niemanden. Es kam ihm seltsam vor, dass derjenige - wer immer es auch sein mochte -, der ihm geantwortet hatte, nicht irgendwo auf der Straße stand und winkte. Er hupte - und jetzt ertönte die Antwort in unmittelbarer Nähe. Er hielt an, sprang aus dem Wagen und hastete den Bürgersteig entlang. Auf dem Fahrersitz eines an der Ecke der Straße parkenden Wagens sah er einen Mann. In dem Moment, als er ihn erblickt hatte, schwankte der Mann und fiel vornüber auf das Steuer. Die niedergedrückte Hupe gab ein langes Heulen von sich, dann glitt der Körper seitwärts auf den Sitz. Ish kam näher. Er nahm Whiskydunst wahr und sah, dass der Mann einen langen, wuchernden Bart hatte und sein Gesicht blutig und rot war; offenbar befand er sich im letzten Stadium. Die Tür eines unmittelbar danebengelegenen Spirituosenladens stand weit offen.

Angsterfüllt schüttelte Ish den schlaffen Körper. Der Mann kam ein wenig zu sich, öffnete die Augen und stieß ein Grunzen aus, das offenbar »Was ist denn los?« bedeuten sollte. Ish brachte den Körper in eine sitzende Stellung, wobei die Hand des Mannes nach der halbleeren Whiskyflasche tastete, die neben dem Sitz steckte. Ish griff nach der Flasche, warf sie hinaus und hörte, wie sie auf dem Straßenpflaster zerschellte. Er spürte nichts als tiefen, bitteren Zorn und einen Anflug von furchtbarer Ironie. Von allen Überlebenden, die er hätte finden können, war er ausgerechnet an einen armen alten Trinker geraten, der weder in dieser noch in irgendeiner anderen Welt zu etwas nütze war. Doch dann, als der Mann die Augen aufschlug und Ish ihn ansah, empfand er plötzlich keinen Zorn mehr, sondern nur noch Mitleid.

Diese Augen hatten zu viel gesehen. Unaussprechliche Angst und wildes Entsetzen lagen...

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