Die Abenteuer des David Balfour - Teil 1: David

 
 
Nexx (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Juli 2020
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95870-676-7 (ISBN)
 
Nicht weniger faszinierend ist die Geschichte von David Balfour, einem noch sehr jungen, alleinstehenden Mann, der nach dem Tod seines Vaters alleine in der Welt steht. Er reist zu seinem Onkel Ebenezer, aber statt ihn bei sich aufzunehmen, lässt er ihn auf ein Schiff entführen, dass ihn in die damaligen Kolonien in Amerika bringen soll. Zusammen mit einem weiteren Passagier namens Alan Breck kann er fliehen, aber damit beginnen seine Abenteuer erst ... Dieser Roman (Originaltitel »Kidnapped«) handelt von Wahrhaftigkeit und echter Freundschaft und ist - zusammen mit dem zweiten Teil »Catriona« - die Vorlage für die äußerst erfolgreiche und bis heute beliebte gleichnamige Fernsehserie.
1. Auflage, Rechtschreibung und Schreibweise des Originaltextes wurden behutsam angepasst
  • Deutsch
  • 0,30 MB
978-3-95870-676-7 (9783958706767)
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Der schottische Schriftsteller Robert Louis Balfour Stevenson (1850-1894) schuf mit »Die Schatzinsel« und »Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde« zwei Klassiker der Weltliteratur, die unzählige Male verfilmt wurden und ihn unsterblich gemacht haben.

Ich mache mich auf, um zum Haus der Shaws zu reisen


 

Ich will die Geschichte meiner Abenteuer mit einem bestimmten Tag beginnen. Es war ein Juni-Morgen im Jahre des Heils 1751, als ich zum letzten Mal den Schlüssel aus der Tür meines Vaterhauses zog. Die Sonne sandte ihre ersten Strahlen über die Gipfel der Hügel, während ich die Straße hinunterschritt, und als ich bis zum Pfarrhaus gekommen war, sangen die Amseln in den Holunderbüschen des Gartens, und der Nebel, der zur Zeit der Dämmerung rings im Tal zu hängen pflegte, begann sich zu heben und dahinzuschwinden.

Mr. Campbell, der Geistliche von Essendean, wartete auf mich beim Gartentor, der gute Mann! Er fragte mich, ob ich gefrühstückt hätte, und als er hörte, dass ich nichts brauche, nahm er meine Hand in seine beiden und zog sie freundschaftlich unter seinen Arm.

»Nun Davie, mein Junge,« sagte er, »ich will mit dir bis zum Fluss gehen, um dich auf den richtigen Weg zu bringen.«

Und wir begannen schweigend vorwärts zu gehen.

»Tut es dir leid, Essendean zu verlassen?« fragte er nach einer Weile.

»Ja, Herr,« sagte ich, »wenn ich wüsste, wohin ich gehe oder was aus mir werden soll, so würde ich es Euch offen sagen. Essendean ist wirklich ein schöner Ort und ich war hier sehr glücklich; aber dann wieder - ich bin noch nie anderswo gewesen. Meinem Vater und meiner Mutter werde ich, da sie nun beide tot sind, in Essendean nicht näher sein als im Königreich Ungarn; und um die Wahrheit zu sprechen, wenn ich glauben könnte, dass ich die Chance habe, es mir dort, wohin ich gehe, zu verbessern, dann ging ich wohl mit Freuden.«

»Ja?« sagte Mr. Campbell. »Das ist gut, Davie. Dann ist es wohl angebracht, dir deine Zukunft vorauszusagen, wenigstens so weit ich es kann. Als deine Mutter gestorben war und dein Vater (der ehrenwerte, gute Christ) krank wurde und sein Ende nahen fühlte, vertraute er mir einen gewissen Brief an und sagte, das wäre dein Erbe. >Sobald ich<, sagte er, >gegangen sein werde und das Haus übergeben ist und über alle Habe verfügt sein wird< (was alles geschehen ist, Davie), >so gebt meinem Jungen diesen Brief in die Hand und sorgt dafür, dass er sich zum Haus der Shaws aufmacht, nicht weit von Cramond. Das ist der Ort, von dem ich stamme,< sagte er, >und es gehört sich, dass mein Sohn dahin zurückkehrt. Er ist ein starker Bursche<, sagte dein Vater, >und ein gut zu Fuß; und ich zweifle nicht, dass er dort heil ankommen und gut aufgenommen werden wird.<«

»Das Haus der Shaws!« rief ich. »Was hatte mein armer Vater mit dem Haus der Shaws zu tun?«

»Ja,« sagte Mr.Campbell, »wer könnte das mit Gewissheit sagen? Aber der Name dieser Familie, Davie, mein Junge, ist der Name, den du trägst - Balfour of Shaws; ein altes, ehrenwertes, wohlbekanntes Haus, in letzter Zeit durch Zufall in Verfall geraten. Auch war dein Vater, wie dies seiner Stellung entsprach, ein Mann von Wissen; keiner war wie er dazu berufen eine Schule zu leiten; auch hatte er weder das Benehmen noch die Sprache eines einfachen Dorfschullehrers, sondern (wie du dich wohl selbst erinnern wirst) hatte ich viel Vergnügen daran, ihn ins Pfarrhaus zu rufen, dass er dort Leuten von Stand und Ansehen begegne; und die Angehörigen meines Hauses, Campbell von Kilrennet, Campbell von Dunswire, Campbell von Minch und andere - alles wohl angesehene Herren - fanden Vergnügen an seiner Gesellschaft. Endlich nun, um dir alle Einzelheiten dieser Angelegenheit selbst klar zu machen, hier ist der testamentarische Brief selbst, von der eigenen Hand unseres verstorbenen Bruders geschrieben.«

Er gab mir den Brief, der mit folgenden Worten überschrieben war: »Zu Händen von Ebenezer Balfour, Esquire of Shaws, im Haus der Shaws, wird dieses von meinem Sohn David Balfour übergeben.« Mein Herz begann heftig zu schlagen bei diesen großen Aussichten, die sich mir plötzlich eröffneten, einem Knaben von sechzehn Jahren, dem Sohn eines armen Dorfschullehrers in den Wäldern von Ettrick.

»Mr. Campbell,« stammelte ich, »würdet Ihr gehen an meiner Stelle?«

»Ganz sicherlich,« sagte der Geistliche, »das tät ich, und zwar ohne Zeitverlust. Ein kräftiger Bursche wie du, müsste in zwei Tagesmärschen in Cramond sein (das ist nicht weit über Edinburgh). Käme das Schlimmste zum Schlimmen, und deine hohen Angehörigen (denn ich muss wohl annehmen, dass sie irgendwie deine Blutsverwandten sind) versperrten dir ihre Tür, dann müsstest du diese beiden Tagereisen eben wieder zurückgehen und an die Tür des Pfarrhauses klopfen. Aber ich will eher hoffen, dass du gut empfangen wirst, wie dein armer Vater annahm, und soweit ich es überblicken kann, mit der Zeit ein großer Mann werden wirst. Und jetzt, Davie, mein Junge,« schloss er, »liegt es mir sehr am Herzen, diese Abschiedsstunde würdig zu nützen und dich vor allen Gefahren der Welt ernsthaft zu warnen.«

Hier sah er sich nach einer bequemen Sitzgelegenheit um, wählte dann einen großen Stein unter einer Birke am Rand der Straße, setzte sich hin, machte eine sehr lange, ernste Oberlippe und breitete, da die Sonne nun zwischen zwei Berggipfeln hell auf uns schien, ein Taschentuch über seinen krämpenlosen Hut, um sich zu schützen. So begann er nun mich mit erhobenem Zeigefinger erst vor einer beträchtlichen Anzahl von Irrlehren zu warnen, zu denen ich keinerlei Neigungen hatte, und beschwor mich, beständig zu bleiben in meinen Gebeten und im Lesen der Bibel. Dies getan, entwarf er ein Bild des großen Hauses, in das ich kommen werde und wie ich mich gegenüber den Bewohnern benehmen sollte.

»Sei nachgiebig, Davie, in gleichgültigen Dingen«, sagte er. »Halte es dir stets vor Augen, dass du, obgleich edel geboren, nur auf dem Lande erzogen wurdest. Beschäm' uns nicht, Davie, beschäm' uns nicht. In jenem großen Haus mit all den Bedienten oben und unten, zeig' dich so höflich, so umsichtig, so schnell im Begreifen und so langsam im Sprechen wie irgendeiner. Und was den Gutsherrn betrifft - vergiss nicht, er ist der Gutsherr; ich sage nicht mehr. Ehre, wem Ehre gebührt. Es ist für junge Menschen ein Vergnügen, seinem Gutsherrn zu gehorchen.«

»Gut, Herr,« sagte ich, »es mag so sein, und ich versprech' Euch, mich zu bemühen, es so zu machen.«

»Sehr gut gesagt«, antwortete Mr. Campbell herzlich. »Und nun, um zur Sache zu kommen oder (um ein Wortspiel zu machen) zur Nebensache. Ich habe hier ein kleines Päckchen, das vier Dinge enthält.« Er zog es bei diesen Worten nicht ohne Schwierigkeiten aus der Brusttasche seines Mantels hervor. »Von diesen vier Dingen ist das erste dein gesetzliches Erbteil: das bisschen Geld für deines Vaters Bücher und Einrichtungsgegenstände, die ich gekauft habe (wie ich von Anfang an erklärte), um sie mit Gewinn dem zukünftigen Schullehrer wieder zu verkaufen. Die anderen drei Gaben sind von Mrs. Campbell und mir und wir würden uns freuen, wenn du sie annehmen würdest. Das erste ist rund und wird dir wohl fürs erste am besten gefallen; aber, oh Davie, mein Junge, es ist nur wie ein Tropfen Wasser im Meer; es wird dir nur einen Schritt weit helfen und dahinschwinden wie der Morgen. Das zweite ist flach und viereckig und beschrieben; es wird dir dein ganzes Leben lang beistehen wie ein guter Stock auf der Landstraße oder ein gutes Kissen unterm Kopf auf dem Krankenlager. Und was das letzte betrifft, das kubisch ist, das wird dich hoffentlich - ich will Gott darum in meinen Gebeten bitten - in ein besseres Land begleiten.«

Mit diesen Worten stand er auf, nahm seinen Hut ab und betete ein Weilchen laut und in rührenden Worten für einen jungen Mann, der im Begriff stand in die weite Welt zu ziehen. Dann schloss er mich plötzlich in seine Arme und küsste mich sehr fest; dann hielt er mich mit ausgestreckten Armen vor sich und sah mich mit schmerzlich zuckendem Gesicht an, dann drehte er sich schnell um und rief mir ein Lebewohl zu und lief in einer Art Trab den Weg zurück, den wir gekommen waren. Einem anderen hätte es lächerlich vorkommen mögen, aber mir war nicht zum Lachen zumute. Ich blickte ihm nach, solange er noch zu sehen war; er blieb auch nicht einen Augenblick stehen und sah sich nicht ein einziges Mal um. Da wurde es mir mit einem Mal klar, dass all dies nur sein Schmerz über meine Abreise war und ich empfand heftige Gewissensbisse, weil ich für mein Teil nur allzu glücklich war, fortzukommen aus diesem stillen Dorf und in ein großes, bewegtes Haus unter reiche und angesehene, vornehme Leute meines eigenen Namens und Blutes zu gehen.

»Davie, Davie,« dachte ich, »hat man schon je solch Undank gesehen? Kannst du beim bloßen Klang eines Namens gleich alte Wohltaten und alte Freunde vergessen? Pfui, pfui! Welche Schande!«

Und ich setzte mich an eben der Stelle nieder, von wo der gute Mann gerade aufgestanden war und öffnete das Päckchen, um meine Gaben zu besehen. Das, was er kubisch genannt hatte, war natürlich - ich war darüber keinen Augenblick im Zweifel gewesen - eine kleine Taschenbibel. Das, was er rund genannt hatte, war, wie sich herausstellte, ein Schillingstück und das dritte, das mir so wunderbar, ob gesund, ob krank, all mein Lebtag helfen sollte, war ein kleines, gewöhnliches, gelbes Stückchen Papier, auf dem mit roter Tinte folgendes geschrieben stand:

»Bereitung von Maiglöckchen-Wasser.

Man nehme die Blüten von Maiglöckchen, destilliere sie in Säckchen und trinke ein oder zwei Löffel davon, je nach Bedarf. Es gibt den Stummen die Sprache wieder. Es ist gut gegen die Gicht. Es stärkt das Herz und schärft das Gedächtnis. Die Blüten gebe man in ein fest verschlossenes Glas und setze dieses für einen Monat in einen beliebigen Ameisenhaufen, dann nehme man es wieder...

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