Die Breznkönigin

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juli 2013
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10282-1 (ISBN)
 
Wenn ein bayerisches Mädchen die Großstadt erobert ...

Wirtstochter im bayerischen Oberland - das ist Schicksal. Oder? Fanny zumindest hatte sich fast abgefunden mit ihrem Leben zwischen Schafkopfrunden und Haxentag, zwischen Omileins Hausmacherwürsten und Papas selbst gebranntem Schnaps. Doch dann, eines Abends, betritt ein Berliner Szenegastronom das Lokal. Und ist so geflasht, dass er beschließt, die Minghartinger Stuben ins hippe Kreuzberg zu exportieren. Und Fanny? Die muss natürlich mit .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,95 MB
978-3-641-10282-1 (9783641102821)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Emma Sternberg wurde 1979 in Hamburg geboren. Nach acht Semestern Medienwissenschaft hat sie einen Job beim Radio bekommen und ihre Magisterarbeit nie zu Ende geschrieben, was sie bis heute bereut - wenn auch nur ein bisschen.

1

Es gibt ja diesen Spruch. Wenn Frauen Nein sagen, meinen sie Ja. Ein Riesenschmarrn, wenn man mich fragt. Wenn Frauen Nein sagen, dann meinen sie natürlich auch Nein, und zwar absolut unmissverständlich.

Das Problem ist bloß, dass sie nie Nein sagen.

Ich zum Beispiel. Jetzt in dieser Sekunde. Ich meine, geht's noch? Wie spät ist es? Fünf Uhr morgens? Vier? Auf alle Fälle eine Uhrzeit, zu der jeder halbwegs hirngesunde Mensch allerhöchstens leise »Himmelherrschaftszeiten« stöhnt, wenn das Telefon klingelt, sich dann die Decke über den Kopf zieht und versucht, den Blödmann, der anruft, zu ignorieren. Und was mache ich? Robbe quer übers Bett zum Nachtkästchen hin, räuspere mir den Schlaf aus der Kehle (als sei es anrüchig, um vier Uhr morgens noch unterm Plumeau zu liegen!), und hebe ab.

»Ja?«, sage ich freundlich.

So herum stimmt's schon eher: Wenn Frauen Ja sagen, meinen sie manchmal »Leckt mich doch alle mal am Arsch«.

»Fanny, i bin's«, krächzt es durch den Hörer.

Das Omilein, wer sonst. Es ist eigentlich immer das Omilein, wenn zu schwachsinnigen Zeiten das Telefon klingelt. Seit wir eine Telefonanlage im Haus haben, denkt sie nicht einmal mehr daran, sich persönlich in meine Einliegerwohnung unterm Dach zu quälen. Sie drückt einfach die Zwei, und schwupps, hat sie mich dran.

»Omilein, was is denn?«, frage ich mit liebenswürdiger Stimme, dabei habe ich eine ungefähre Ahnung. Höchstwahrscheinlich ist ihr geliebtes Fuß-Vitalbad alle. Oder sie braucht neuen Allgäuer Latschenkiefer-Fußbalsam aus der Apotheke. Es hinterlässt eben Spuren, wenn man siebzig Jahre lang Tag für Tag in der Küche steht.

Dass sie mich deshalb mitten in der Nacht anruft, finde ich aber schon ein bisserl komisch.

»Was is?«, quietscht es aus dem Hörer. »Hast dein neuen Funkwecker scho wieder wegschmissen?«

Ich halte den Hörer zu und gähne leise. Den Funkwecker hat mir die Omi beim Quelleversand bestellt. Im Online-Shop, eh klar. Seit der Papa ein iPad hat, ist das Omilein ganz verrückt nach dem Internet. Mit dem iPad ist das Surfen ja auch kinderleicht. Das Omilein gibt die Anweisungen, der Papa tippt und wischt.

»Blödsinn«, sage ich.

»Dann schau halt drauf!«

Ich hebe den Kopf und blinzle.

Oha.

Es ist halb zehn.

Und plötzlich fällt mir auch wieder ein, was ich dem Omilein versprochen hatte: Sie um Punkt neun Uhr zum Aldi zu fahren. Da ist nämlich ab heute der Dornfelder im Angebot: die Flasche für 2,99. Nicht dass jetzt einer denkt, bei uns werden die Gäste mit Billigzeugs abgespeist, nein, alles allerbeste Qualität. Die Kartoffeln sind vom Bauern Maierhofer, das Kraut vom Bauern Bauer, und in die Hausmacherwürste vom Omilein kommt ausschließlich schwäbisch-hällisches Bio-Landschwein vom Metzger Bachhuber, drunter macht sie's nicht. Sie verwendet nur thüringischen Majoran und tasmanischen Pfeffer; das Mehl, aus dem sie ihre weltberühmten Butterkekse backt, lässt sie eigens dafür mahlen. Und im Ausschank gibt's ausschließlich Tegernseer Hell, Schneider Weisse und Lammsbräu Edelpils. Bloß mit dem Wein hat's das Omilein nicht so. Und von diesen Städtern, die neuerdings anreisen und dann meinen, sie müssten auf ihre Linie achten, ausgerechnet hier in ihrem Wirtshaus, von denen hat sie eine glasklare Meinung. Solchenen Deppen kannst das Geld ruhig aus der Tasche ziehen. Daher der Aldi.

»Mei, des tut mir leid. Bin gleich da, Omilein, gell?«

Aber das Omilein hat schon aufgelegt.

Im nächsten Augenblick höre ich ihre Schritte unten vor dem Haus. Und dann die Beifahrertür meines Fiat Punto.

Also schnell duschen und runter. Wobei . ich kann auch nichts dafür, aber ich kann mir noch so fest vornehmen, mich morgens im Bad zu beeilen - wenn ich erst mal mit geschlossenen Augen unter der herrlich heißen Dusche stehe, sind meine Glieder wie gelähmt. Jedes Mal, wenn ich mir vornehme, mich endlich zu überwinden und jetzt wirklich das Wasser abzudrehen, geht meine Hand wie von selbst zum Duschgel und beginnt, meinen müden Körper noch einmal einzuseifen.

Es ist fast so, als würde unter der Dusche mein größter Wunsch wahr - einmal am Tag ganz für mich allein sein. Ganz für sich allein ist man nämlich nur selten, wenn man Mitglied einer bayerischen Wirtsfamilie ist. Vor allem, wenn die bayerische Wirtsfamilie so wie meine Familie ist.

Eine Stunde später parke ich den Punto wieder vor dem Haus. Das Omilein hat den Gurt schon in der letzten Kurve gelöst, jetzt schnappt sie sich ihre Polenmarkt-Einkaufstasche, aus der oben Grablichter, Küchenrollen und hautfarbene Kniestrümpfe rausschauen, und springt aus dem Wagen.

»Omilein!«, rufe ich empört.

Nicht dass ich ihr erlaubt hätte, auch nur eine einzige der fünfzehn Kisten Wein, die sich auf der umgeklappten Rückbank stapeln, ins Haus zu tragen, aber anbieten hätte sie's mir ja wohl schon können. Zumindest theoretisch.

»Heit is Bratwursttag!«, sagt sie unwirsch, knallt die Tür hinter sich zu und marschiert, dass das Herbstlaub nur so durch die Luft wirbelt, auf den Kücheneingang zu. Der weiße Langnese-Abfalleimer, der daneben steht, hat Augen, Nase und einen Mund, in den man seinen Müll wirft. Er sieht aus, als lache er mich aus.

Der Bratwursttag ist heilig in den Minghartinger Stuben. Omis Hausmacherwürste sind im ganzen Oberland bekannt. Entsprechend ist der Donnerstag der einzige Wochentag, an dem das Geschäft auch mittags brummt - abgesehen vom Sonntag natürlich (Weißwurstfrühstück, mehr sag ich nicht). Und tatsächlich, obwohl es noch nicht einmal halb zwölf ist, sehe ich ihn auch schon, den ersten Bratwurst-Aspiranten: den Rubenbacher Sepp, der früher die Schreinerei schräg gegenüber hatte. Wie ein hungriger Tiger läuft er in seinem grauen Lodenjanker vor dem Wirtshaus auf und ab. Als er mich aus dem Wagen steigen sieht, reißt er seinen Hut vom Kopf.

»Servus, Breznkönigin!«, ruft er und lacht.

Ich verziehe den Mund zu einem Grinsen. Breznkönigin nennt er mich, seit ich mit vierzehn bei einem Schülerturnier im Minghartinger Schützenverein einspringen musste und prompt gewonnen hab, gemeinsam mit seinem Sohn Max Rubenbacher, der Wurstkönig wurde, ebenfalls gegen seinen Willen. Es gibt ein grässliches Foto von uns beiden, das eingerahmt auf Omileins Nachtkästchen steht. Max und ich in Tracht, er mit einer Kette aus dicken Regensburgern um den Hals, ich mit einer aus Brezn. Wir grinsen beide angestrengt in die Kamera, zu alt, um uns unschuldig zu freuen, und zu jung, um dem Irrsinn etwas Ironisches abzugewinnen. Siebzehn Jahre ist das jetzt ungefähr her, und seit siebzehn Jahren nennt der Rubenbacher Sepp mich so.

»Servus, Herr Rubenbacher«, rufe ich.

»Bitte?«, schreit er und zupft an seinem Ohrläppchen.

»Kauf dir a Hörgerät!«, erwidere ich, aber natürlich nur so laut, dass er's nicht hört.

»Hä?«, macht er und reißt es sich jetzt fast aus, sein Ohrli.

»Griasss eahnaaa!«, rufe ich überdeutlich und winke, als hätte ich es mit einem Dreijährigen zu tun, so lange, bis er's endlich kapiert. Er lächelt und winkt, dann sperrt die Omi die Tür zum Wirtshaus auf, und der Rubenbacher marschiert ins Haus. Ich muss nicht dabei sein, um bildlich vor Augen zu haben, was nun passiert. Er wird sich an dem Platz hinten links in der Ecke niederlassen, der schon seit Ewigkeiten »sein« Platz ist, die Speisekarte aufschlagen und froh sein, dass in dem Lampenschirm über ihm eine eigens für seine schlechten Augen eingedrehte 70-Watt-Halogenlampe glüht. Dann wird er mit geradezu rührender Gründlichkeit die Aktionskarte studieren, die auch schon dieselbe war, als er sie noch lesen konnte.

Montag: Wollwursttag

Dienstag: Ruhetag

Mittwoch: Schafkopfen

Donnerstag: Bratwursttag

Freitag: Krustenbratentag

Samstag: Haxntag

Sonntag: Weißwurstfrühstück

Alt ist er geworden, der Rubenbacher Sepp, das fällt mir wieder einmal auf. Dabei ist er noch nicht einmal siebzig. Schmal und schwerhörig und traurig sitzt er da unter seiner Lampe. Das Omilein meint, dass das daran liegt, dass seine Frau gestorben ist, kurz nachdem er in Rente ging. Wer weder arbeiten kann noch lieben, sagt sie, der verkümmert wie ein Kasten Geranien, den keiner mehr gießt.

Und da weiß das Omilein leider, wovon es spricht. Ihr Mann ist nämlich auch früh gestorben, zumindest so früh, dass ich mir nicht sicher bin, ob die Bilder, die ich von ihm im Kopf hab, meine eigenen sind oder nicht doch bloß aus alten Erzählungen und Fotoalben stammen. Sicher aber weiß ich, dass mein Opa drei große Lieben hatte: das Omilein (und ihre gute Küche), den FC Bayern und seine BMW, ein schon damals unglaublich altes Motorrad, das immer noch hinten in Papas Scheune steht. Eine schicksalhafte Kombination: Nach einem Ausflug zum Lokalderby im Münchner Olympiastadion hatte er es so eilig, rechtzeitig zum Abendessen nach Hause zu kommen, dass er irgendwo auf dem Mittleren Ring eine rote Ampel übersehen hat und von einem VW...

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