Maddrax - Folge 310

Auf gewagtem Kurs
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. Dezember 2011
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1480-6 (ISBN)
 
Seit er von der Annäherung des Streiters weiß, ringt Matt mit sich, wieder Kontakt zu Aruula aufzunehmen. Nun hat er dafür einen triftigen Grund: Er möchte, dass die Telepathinnen von den Dreizehn Inseln versuchen, eine Verbindung zum Streiter herzustellen und ihm mitzuteilen, dass der Wandler die Erde längst verlassen hat. Vielleicht lässt sich so das Ende der Welt abwenden. Doch das Wiedersehen mit seiner ehemaligen Gefährtin, die ihr Volk in den Krieg gegen die letzten Nordmänner führt, endet in einer Katastrophe. Was darin liegen mag, dass Aruula nicht mehr Aruula ist ...
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • 2,80 MB
978-3-8387-1480-6 (9783838714806)
3838714806 (3838714806)

Grao'sil'aana schloss die Augen und genoss die Hitze, die ihn umgab. Sie erinnerte ihn an seinen Heimatplaneten Daa'mur, eine Lavawelt. Dort hatten deutlich höhere Temperaturen geherrscht als auf der Erde.

Die Wärme regenerierte ihn. In seinem ursprünglichen Echsenkörper erholte er sich von den Strapazen, die er sich selbst zumutete. Seit Monaten schon lebte er nicht in seinem echsenhaften Wirtskörper, sondern in menschlicher Gestalt.

Es hatte damit begonnen, dass er Rache an Mefju'drex und Aruula üben wollte, für den Tod Daa'tans. Als Gestaltwandler war es ihm ein Leichtes gewesen, sich als den übergewichtigen Händler Hermon auszugeben. In Fett und Kleidung konnte er die Masse seines zwei Meter großen Wirtskörpers gut unterbringen. Während er sich die Frauen der Dreizehn Inseln zu nichts ahnenden Verbündeten machte, wartete er so auf seine beiden Todfeinde.

Doch mitten in seinem Vernichtungsfeldzug hatte er feststellen müssen, menschliche Empfindungen zu entwickeln. Die lange Zeit, die er sich bereits unter den Primärrassenvertretern befand, forderte ihren Tribut. Er konnte immer intensiver fühlen und schloss Freundschaft mit einer Kriegerin von den Dreizehn Inseln. Sie tröstete ihn über Daa'tans Verlust hinweg und gab ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. Deshalb trug er viel länger als geplant die Form des dicklichen Händlers Hermon und hatte sich auf den Dreizehn Inseln niedergelassen. Bahafaa zuliebe verzichtete er auf seine Rache und rettete Drax - dem ehemaligen Primärfeind seiner Rasse - sogar das Leben.1)

Seine Gedanken verdüsterten sich, als er den Namen seiner Gefährtin dachte. Vor Monaten hatten letzte überlebende Nordmänner ihn - als Hermon getarnt -, Bahafaa und einige andere Kriegerinnen entführt. Seine Gefährtin war misshandelt und geschändet worden und starb schließlich einen grausamen Tod durch einen Izeekepir. Und er hatte es nicht verhindern können.

Nach Bahafaas Tod erschien ihm seine Zeit auf den Dreizehn Inseln sinnlos - doch da erfuhr er von Aruulas Rückkehr. Daa'tans Mörderin war heimgekehrt und sollte zu allem Überfluss auch noch Königin werden .

Grao zog eine Echsenpranke aus dem blubbernden Wasser und formte sie gedankenverloren in den Arm und die Hand Aruulas um. Die schlanken und doch kraftvollen Finger einer Primärrassenvertreterin bildeten sich Stück für Stück aus. An der Stelle des kleinen Fingers verfärbte sich die Haut leicht grünlich. Ein Lächeln spaltete seine Daa'muren-Fratze, als er diese Hand im bleichen Winterlicht betrachtete.

O ja, Aruula war Königin geworden. Oder vielmehr: Er hatte in ihrer Gestalt die Herrschaft über die Dreizehn Inseln übernommen. So hatte er auch nach Bahafaas Tod eine Aufgabe gefunden, die ihm wichtig und sinnvoll zugleich erschien. Die Kriegerinnen der Inseln brauchten einen starken Anführer. Durch ihn würden sie neue Wege gehen.

Er wollte Rache für Bahafaas Hinrichtung durch die Lokiraa-Krieger. Und wenn er mit denen fertig war, wartete Euree auf ihn. Dieser Planet brauchte jemanden seines Formats, um Ordnung zu schaffen. Er würde sich darum kümmern. Das glaubte er Bahafaa schuldig zu sein, dem einzigen Menschen außer Daa'tan, dessen Tod ihn zum Weinen gebracht hatte.

Ein Zweig knackte. Grao zuckte hoch und sah blinzelte durch die Dampfschwaden. Inzwischen bildete sein halber Körper die weichen Formen Aruulas nach, während der Rest, geformt von winzigsten Schuppen, in Grün und Blau schillerte.

Er fuhr zusammen, als er die Kriegerin vier Schritte entfernt erblickte. Sie trug Pfeil und Bogen bei sich. An ihrem Gürtel hing der Handschuh einer Falkenjägerin. Er kannte sie nicht, aber sie erkannte ihn: die falsche Königin, die ein Monster war! Sie griff zum Köcher, als wollte sie auf ihn schießen, ließ die Hand dann aber wieder sinken.

Grao stand langsam auf, inzwischen zur Gänze in der Gestalt Aruulas - zu spät, wie er an dem entsetzten Gesicht der Kriegerin erkannte. Sie würde keine Erklärung mehr akzeptieren. Panisch drehte sie sich auf dem Absatz herum und hetzte über welkes Laub und Steine davon.

Fluchend sprang der Daa'mure aus dem Wasser. Er wollte Bahafaas Volk schützen, nicht es töten. Als ehemaliger Mentalführer im Kollektivwesen der Daa'muren zählte für ihn auch der Einzelne. Trotzdem war er nun erneut gezwungen, kurzen Prozess zu machen, wie schon am Königszelt, als er Aruulas Stelle einnahm.

Das Kollektiv kam vor dem Einzelnen. Immer. Die Jägerin durfte ihn nicht verraten. Er musste sie aufhalten, ehe sie die nächste Siedlung erreichte. Zum Glück lag die heiße Quelle ein gutes Stück vom nächsten Dorf entfernt.

Die Jägerin rannte einen Wildwechsel entlang. Grao sah, wie sie die Hand zum Signalhorn an ihrer Seite nahm und es vom Gürtel löste. Er zog Aruulas Schwert - der einzige Gegenstand neben einem Dolch, den er nicht mit seinem Körper nachgebildet hatte - aus der Rückenkralle und schleuderte es gedankenschnell.

Noch ehe die Primärrassenvertreterin das Horn an den Mund führen und hineinstoßen konnte, flirrte der Anderthalbhänder heran. Sie hörte das Geräusch und warf sich zur Seite. Das Horn entglitt ihren Händen, rollte einen Hang hinunter. Auch die Jägerin bewegte sich nun abwärts, zwischen Büschen und Bäumen hindurch.

Grao wusste, dass dort unten ein Weg lag. Hastig nahm er das Schwert im Vorbeilaufen wieder an sich und setzte zum Spurt an. Er spürte, wie geschwächt er immer noch war. Die Regenerationsphase war frühzeitig unterbrochen worden; er hatte sich kaum erholen können. Das lange Verharren in einer gewandelten Form kostete viel Kraft. Auch wenn er inzwischen wesentlich länger als früher durchhielt, brauchte er eben doch hin und wieder eine Auszeit.

Er hatte die Kriegerin fast erreicht, als er das Horsay sah. Die Primärrassenvertreterin schwang sich gerade hinauf und stieß dem mutierten Tier die Fersen in die Flanken.

Verdammt! Grao warf sich vorwärts und überwand die restlichen drei Körperlängen in einem gewaltigen Sprung, versuchte die Hinterbeine des Horsays zu packen und die Reiterin aufzuhalten.

Er sprang zu kurz. Um weniger als einen halben Meter verpasste er das mutierte Pferd und schlug schwer auf dem Boden auf, während die Kriegerin dicht über den Hals des Tieres gebeugt entwischte.

Ächzend rappelte Grao'sil'aana sich auf und blickte dem Horsay nach. Unmöglich, es jetzt noch einzuholen.

Es sei denn .

Ein Gedanke elektrisierte ihn: Was, wenn er die Flucht der Kriegerin zu seinem Vorteil nutzte? Sie konnte in der bergigen Landschaft nicht den direkten Weg zum nächsten Dorf nehmen. Er jedoch würde in der Gestalt eines Steinbocks die Hügel leicht überwinden, vor ihr beim Dorf ankommen und sie dort abfangen können. Die Gefahr, dabei von anderen Menschen gesehen zu werden war groß . aber gerade das konnte ihm sogar nützlich sein!

Und zwar dann, wenn er sich die Gestalt eines der verhassten Nordmänner gab! Dann würde die Primärrassenvertreterin zumindest nicht umsonst sterben, sondern dazu dienen, den Krieg gegen die Lokiraa-Krieger voranzutreiben. Damit erlegte er zwei Seeswane2) auf einen Streich: Er konnte Bahafaas Tod rächen und Kriegerinnen wie Tumaara und Juneeda, die ihm gegenüber bereits misstrauisch wurden, eine Aufgabe geben, die sie von ihm ablenkte.

So rasch, wie ihm sein Plan eingefallen war, setzte er ihn in die Tat um. Er überwand die bergige Landschaft als großer, muskelbepackter Bock, näherte sich bis auf Sichtweite dem nächsten Dorf und ließ die Jägerin auf dem Horsay herankommen.

Dann wandelte er seine Gestalt. In ein dickes Fell gehüllt und mit den typischen Deformationen der Nordmänner im Gesicht sprang er aus dem Sichtschutz von Büschen und Bäumen hervor und führte einen seitlichen Schlag mit dem Schwert. Die Klinge traf den Oberschenkel der Frau. Das Horsay scheute, die Reiterin rutschte von seinem unbesattelten Rücken und blieb brüllend vor Schmerzen auf der Erde liegen. Sie versuchte aufzustehen, fiel aber wieder zurück. Die klaffende Wunde blutete stark.

Grao eilte heran. Als das Horsay ihn erblickte, stieg es wiehernd auf die Hinterläufe und fletschte die Zähne. Es hielt Abstand zu ihm, als spürte es, dass er kein Mensch war. Grao kümmerte sich nicht um das mutierte Tier. Er hob das Schwert vom Boden auf und versicherte sich, dass die Primärrassenvertreterin nichts mehr von dem erzählen konnte, was sie an der Quelle beobachtet hatte - indem er ihr die Kehle durchschnitt.

Das Gebrüll war nicht ungehört geblieben. Schon näherten sich die ersten Kriegerinnen vom Dorf her. Grao wartete, bis sie ihn sahen, dann flüchtete er zurück in den Wald, tarnte sich als Felsblock und schloss dabei das blutbefleckte Schwert in seinem Inneren ein. Die Kriegerinnen zogen, Flüche ausstoßend, an ihm vorbei. Immer mehr von ihnen durchkämmten den Wald und die Auen und Dünen am Meer. Einige schickten ihre Falken los.

Finden konnten sie ihn nicht. Nach einigen Stunden gaben sie bei Einbruch der Dunkelheit frustriert auf. Da war Grao längst in der Gestalt Aruulas über Umwege zum Hauptdorf zurückgekehrt und in die Königsfestung eingezogen, wo er umgehend von dem ungeheuerlichen Vorfall, der sich rasch herumgesprochen hatte, informiert wurde.

Am Abend rief er dann als Königin Aruula eine Versammlung ein. Grimmig sah er in die Runde. Gut zehn Kriegerinnen hatten sich im Thronsaal der großen Astrid versammelt, darunter die oberste Priesterin Juneeda, Arjeela und Tumaara.

"Der Winter ist...

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