Wächter und Wölfe - Das Ende des Friedens

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Januar 2018
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-20916-2 (ISBN)
 
Krieg wird kommen, Verrat wird lähmen, Tod wird herrschen ... Dom ist ein Seher, doch seine Gabe ist mehr Fluch als Segen, denn seine Visionen sind ungenau und körperlich auszehrend. Da begegnet er der geflohenen Sklavin Rillirin. Sie warnt ihn und sein Volk vor einer Invasion der Barbaren. Aber kaum jemand glaubt ihr. Da ereilt Dom eine Vision von erschreckender Klarheit. Er muss Rillirin vertrauen und den Klan der Wächter und Wölfe auf den Krieg vorbereiten, sonst wird nicht nur er sterben, sondern sein ganzes Volk.
  • Deutsch
  • 1,83 MB
978-3-641-20916-2 (9783641209162)
3641209161 (3641209161)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Anna Stephens hat einen Abschluss in Literaturwissenschaft der Open University und arbeitet heute in der PR-Abteilung einer großen internationalen Kanzlei. Sie hat einen schwarzen Gürtel in Karate, und ihrer Ansicht nach ist es eine große Hilfe, zu wissen, wie es ist, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen, wenn man Kampfszenen schreibt. Sie lebt mit ihrem Mann in Birmingham.

RILLIRIN

Elfter Monat, Jahr 994 seit der Verbannung der Roten Götter
Höhlentempel, Adlerhöhe, Gilgorasgebirge

Rillirin stand hinten bei den anderen Sklaven. Sie drängten sich alle dicht zusammen, und die Masse ihrer Leiber wirkte wie eine kümmerliche Faust. Vor einigen Tagen hatte sich die Nachricht verbreitet, dass sämtliche Kriegshäuptlinge der Mirak aus den Dörfern am Himmelspfad in den Hauptort kommen sollten, um die Gesegnete der Roten Götter zu hören. Was immer sie ihr gesagt hatten - es war wichtig genug, um die Kriegshäuptlinge zu Beginn des Winters auf die Adlerhöhe zu rufen.

Rillirin warf der Gesegneten einen raschen Blick zu, verzog unwillkürlich die Lippen und senkte schnell den Kopf. Die Hohepriesterin der Dunklen Dame und von Gosfath, dem Gott des Blutes und spirituellem Führer der Mirak, schien weit entrückt, abwechselnd beleuchtet und verborgen von den flackernden Fackeln, ihre blaue Robe dunkel wie Rauch in der Finsternis, das Gesicht so verschlossen und schön wie der Berg Gil, der schroff und unpassierbar über der Adlerhöhe aufragte.

Der Altar war voller schwarzer Flecken, und im Tempel stank es nach altem Blut. Die meisten Predigten der Gesegneten endeten mit einem Opfer, mit einem Sklaven, der sich auf dem Altarstein wand. Rillirin machte sich so klein wie möglich und starrte auf den Boden zwischen ihren Stiefeln. Sie verspürte keinerlei Verlangen, dieser Sklave zu sein.

»Mit dem nächsten Mond beginnt das neunhundertfünfundneunzigste Jahr unseres Exils«, sagte die Gesegnete mit strenger Stimme, während sie wie eine Bergkatze vor der Versammlung auf und ab ging.

König Liris stand mit seinen Kriegshäuptlingen vorn, aber sie sprach in den hinteren Teil des Tempels, sodass ihre Worte zwischen den Stalaktiten widerhallten, die wie steinerne Speere über ihren Köpfen hingen. In dieser Nacht würden alle sie hören.

»Es ist fast ein Jahrtausend vergangen, seit wir und unsere mächtigen Götter aus der Welt von Gilgoras mit seinen warmen und blühenden Ländern verstoßen wurden, um hier in Eis und Fels unser Dasein zu fristen. Vertrieben aus Rilpor, davongehetzt aus Listre, verbannt aus Krike.« Ihr kalter Blick schweifte über die Krieger und Kriegshäuptlinge zu ihren Füßen, während sie die Länder aufzählte, in denen die Roten Götter einst geherrscht hatten. »Und was habt ihr in all diesen Jahren erreicht?«

Ihre Stimme knallte wie eine Peitsche, und die Männer zuckten zusammen und duckten sich vor dem Zorn, der so plötzlich aufgekommen war wie ein Sturm im späten Frühjahr.

»Nichts«, zischte die Gesegnete. »Belanglose Überfälle, gestohlenes Vieh, gestohlener Weizen. Ein paar tote Wölfe. Jämmerlich.« Ihre Zähne knirschten, als sie das letzte Wort ausstieß. Sie hob die linke Hand und streckte den Zeigefinger aus. Er rief knisternde Furcht bei den Mirak und gleichermaßen bei den Sklaven hervor, während sie ihn zuerst hierhin richtete, dann dorthin. Sie schaute nicht in die Richtung, in die sie zeigte, als würde der Finger nicht zu ihr gehören, als würde er von einem anderen Willen als dem ihren gelenkt, einem göttlichen Willen.

Der Auswahlfinger. Der Todesfinger. Wie viele Male hatte Rillirins Nerven das Vorgefühl gestreift, ob dies jetzt der Zeitpunkt ihres Todes war? Der Finger kam plötzlich zum Stillstand, seine Spitze zeigte direkt auf sie, und Rillirins Gesichtsfeld verengte sich auf diesen Finger. Ihr stockte der Atem. Ihr Magen verkrampfte sich, ihre Augen tränten, und sie zwang sich, an dem Finger vorbei der Gesegneten in die Augen zu schauen, und sah deren berechnenden Blick.

Sie wird es nicht wagen. Liris würde es nicht zulassen. Oder?

Der Finger bewegte sich weiter.

»Ihr seid anderer Meinung?«, fragte die Gesegnete, als Liris es wagte, den Blick zu heben und sie anzusehen. In ihren Augen blitzte Kampfgeist auf, sie schob das Kinn vor, und der König der Mirak hielt ihrem Blick weniger als eine Sekunde lang stand. »Nein, das seid Ihr nicht. Ihr könnt es nicht sein. Jedes Jahr leistet Ihr den Roten Göttern Euren Eid, geheiligt mit Eurem eigenen Blut, und Ihr versprecht ihnen Ruhm und die Rückkehr in die warmen Ebenen, schwört ihnen, dass Ihr ihnen die rechtmäßige Herrschaft über alle Seelen in Gilgoras zurückgeben werdet. Und jedes Jahr versagt Ihr.« Ihr Tonfall wurde zu einem sanften Flüstern. »Und so haben die Götter das Werkzeug ihrer Rückkehr erwählt.«

Liris schwitzte. »Das habt Ihr gesehen?«, brachte er heraus.

»Die Dunkle Dame selbst hat es mir gesagt«, bestätigte die Gesegnete mit einem leicht grausamen Lächeln. »Es gibt Menschen in Rilpor, die ihr von größerem Nutzen sind als jeder einzelne Mann hier.« Sie ließ den Finger über die Menge gleiten, und alle wichen davor zurück. »Es gibt Menschen in Rilpor, die uns hassen und fürchten und die doch mehr für unsere Sache tun als ihr.«

Sie unterstrich die Worte mit dem Finger, und für eine Sekunde zeigte er auf Liris' Herz. Die Drohung war klar, und Männer rückten von ihm ab, als habe er die Pest. Das heilige Blau ihrer Hemden war dumpf im Licht der Fackeln und färbte sich schwarz vom Angstschweiß im Angesicht der Todesnähe.

Rillirin spürte Furcht und Schrecken so heftig in sich aufwallen, dass ihr übel wurde. Was würde mit ihr geschehen, wenn sie nicht mehr Liris' dürftigen Schutz genoss? Ich werde herrenlos sein. Sie hasste Liris, verabscheute ihn mit jeder Faser, doch er bewahrte sie vor den Quälereien der anderen Männer. Behielt sie für sich selbst.

Liris straffte die Schultern und richtete sich auf, um seinem Schicksal ins Auge zu sehen, aber dann ruckte der Finger weiter, inmitten wachsenden Lärms. Rillirin atmete erleichtert aus und war im gleichen Moment angewidert von dieser Reaktion.

Die Gesegnete zischte und lenkte alle Blicke wieder auf sich. »Unsere Götter können wie wir die Grenzen von Gilgoras nicht überschreiten, aber sie verrichten ihre heilige Arbeit dennoch innerhalb von dessen Grenzen. Mit der Hilfe meines Hohepriesters Gull, der sich mitten im Herzen von Rilpor verborgen hält, ziehen sie sich jemanden heran, der endlich dafür sorgen wird, dass ihre Wünsche erfüllt werden.« Sie bleckte die Zähne. »Wisset dies jetzt und frohlockt in dem Wissen. Die Pläne der Götter sind mir offenbart worden und werden bald genug auch euch offenbar werden. Beginnt mit den Vorbereitungen und macht eure Sache gut. Ab dem Frühling unternehmen wir keine Überfälle mehr. Ab dem Frühling erobern wir. Und bis Mittsommer werden wir nicht nur über Rilpor gesiegt haben, sondern auch über deren sogenannte Götter des Lichts.« Sie streckte beide Arme dem Tempeldach entgegen. »Der Schleier kann nur durch Blut zerrissen werden: Seen und Flüsse von Blut. Wir werden es alle vergießen, wenn wir unsere Götter nach Gilgoras zurückführen. Unser Blut und heidnisches Blut, vermischt, um den Boden zu ehren, damit er ihrer heiligen Existenz würdig ist. Wir werden siegen, ihr und ich«, rief sie, »und die Roten Götter, die wahren Götter, werden sehr zufrieden sein.«

Rillirin drängte nach vorn und versuchte, Liris ins Gesicht zu sehen, um herauszufinden, ob er so viel wusste, wie die Gesegnete zu wissen schien. Sie werden Krieg gegen Rilpor führen? Man wird sie niedermetzeln. Die Schatten in den Bäumen werden sie erledigen, oder die Westtruppe wird es tun. Sie verzog den Mund zu etwas, das ein Lächeln hätte sein können, wenn sie sich daran erinnert hätte, wie sich ein Lächeln anfühlte.

Inmitten des Jubels und der begeisterten Rufe zu den Göttern ließ die Gesegnete die Arme sinken, bevor sie den linken wieder erhob, gelenkt von diesem tänzelnden, allzeit in Bewegung befindlichen Finger.

»Du.« Es war ein einziges Wort, gewispert inmitten des Tumults, aber das Schweigen fiel schneller herab als ein Stein. Alle schauten in die Richtung, in die sie zeigte, nicht zu den Sklaven, sondern zu den Kriegern und Frauen der Mirak, geboren und aufgewachsen in der blutigen Umarmung der Götter. »Die Dunkle Dame verlangt das Blut von Mirak im Gegenzug für Miraks Versagen. Sie verlangt ein Versprechen, dass wir zusammen mit unserem neuen Verbündeten zu dem Ruhm der Götter stehen, dass wir für ihre Rückkehr bluten und sterben werden. Ein Versprechen, das wir - das ihr - nicht abermals brechen werdet. Die Götter haben dich erwählt. Komm her und begegne ihnen.«

Liris' Königin erhob sich und zog die Lippen zurück. Sie schlängelte sich mit kleinen, stolpernden Schritten durch die Menge, und in dem orangefarbenen Licht hallte ihr Atem rau wider. Maßlos erleichtert beobachtete Rillirin sie. Du armes Miststück, dachte sie, bevor sie versuchte, das Mitleid mit Hass auszubrennen. Rillirin rieb sich ihre schmerzenden Augen und schluckte die Übelkeit herunter. Bana war eine Mirak, und sie verdiente es zu sterben. Sie alle verdienten es. Jeder Einzelne von ihnen, angefangen mit Liris und der Gesegneten. Es freute sie, dass Bana geopfert wurde.

»Euer Wille, Gesegnete«, sagte Liris, als die Mutter seiner Kinder den Altar erreichte und zu ihm hinüberschaute, vielleicht in der Hoffnung auf ein freundliches Wort oder die Forderung nach ihrer Freilassung. Ihr Gesicht verfiel, als sie keins von beidem bekam.

Die Gesegnete lächelte, riss der Frau das Kleid vorn herunter und drückte sie rücklings auf den Altarstein. Der weiche, faltige Bauch der Königin wogte, während sie hechelte.

»Meine Füße sind auf dem Pfad«, kreischte Bana, und das Messer der Gesegneten blitzte golden auf, als sie es ihr in den Bauch rammte.

Mögen die...

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