Rihanas Rache

Kriminalroman
 
 
Querverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. März 2021
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89656-671-3 (ISBN)
 
Im Berliner Urban-Krankenhaus wird ein Patient erstochen. Die syrische Krankenschwester Rihana Salman, die den Toten entdeckt hat, ist seitdem verschwunden. Das Team um die Ermittlerin Judith Rabe gerät an seine Grenzen und erprobt neue Kooperationen mit einer Ärztin aus der Trauma-Ambulanz, mit kurdisch-syrischen Menschenrechtsaktivist*innen und, als ein tschetschenischer Clan in ihr Visier gerät, auch mit einem BKA-Kollegen von der Organisierten Kriminalität. Der Tote, dessen falsche Identitäten die Ermittler*innen nach und nach aufdecken, war unter anderem als Anführer einer brutalen Miliz in Aleppo verantwortlich für den Tod der Familie Salman, weitere Morde hat er als vorgeblicher Flüchtling in Berlin begangen. Das Mordopfer war ein Kriegsverbrecher - und es gibt mehr als ein Motiv für Rache.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,34 MB
978-3-89656-671-3 (9783896566713)
Sonja Steinert ist Literaturwissenschaftlerin und Autorin. Nach Cantando (2002), Maschas Geschichten (2007) und Der Seerosencode (2018) ist Rihanas Rache ihr vierter Roman. Sie lebt in Berlin.

Donnerstag, 1. März


1

"Wie wenn Glas zerbricht. So ein sirrender Ton. Scharf, schneidend. Der Schrei ging mir durch und durch. Ich rannte aus dem Zimmer in die Richtung, wo er herkam. Da lief mir schon Rihana entgegen, den Schrecken im Gesicht, Yasemin hatte den Arm um sie gelegt und brachte sie in den Aufenthaltsraum. Ich ging dann nachschauen und fand den Toten."

Mit einem langen Ausatmen beendete die Pflegedienstleiterin Tine Jähnert ihren letzten Satz und suchte den Blick der Ermittlerin. Judith Rabe, die vor ihr stand und ihr aufmerksam zugehört hatte, nickte.

"Frau Jähnert, seit wann war Mehmet Kurmaz denn als Patient auf Ihrer Station?"

"Das Übliche, er kam gestern auf Station und heute Vormittag ist er operiert worden. Er war nach der OP noch in einem geschwächten Zustand, hat Schmerzmittel bekommen."

Ein kurzer Aufenthalt, dachte Judith. Vorhin, vor dem Bett des Toten stehend, hatte sie auf einen kräftigen Mann mit markanten schwarzen Brauen und raspelkurzem Haar geblickt, dessen Hemd und Bettdecke blutdurchtränkt waren; voller Blutspritzer war auch der schneeweiße Verband, der seine rechte Hand und einen Teil des Unterarms umschloss.

"Was für eine OP war das?"

"Die rechte Hand. Zeigefinger und Mittelfinger waren zusammengewachsen. Doktor Mossab hat mit seinem Team die Finger getrennt, Haut transplantiert und so weiter, dafür ist er Spezialist."

Judith hörte, wie sich die Tür hinter ihr öffnete. Ihr Kollege Simon Bacher betrat das Büro der Pflegedienstleiterin und blieb neben Judith stehen.

"Die KT ist jetzt da, das Messer haben sie draußen gesichert, ist wohl die Tatwaffe. Brauchst du mich hier noch? Sonst bring ich das" - er hielt eine Tüte hoch, in der Judith ein Smartphone, einen Schlüsselbund mit ein paar Schlüsseln und eine Brieftasche erkennen konnte - "schon mal in die Keithstraße."

Sie nickte ihm zu. "Ja, mach das, ich komm hier klar."

Während er den Raum schnellen Schritts verließ, ging Judith durch den Kopf, ob er tatsächlich auf direktem Wege ins LK 1 fahren oder ob er die Gelegenheit nutzen und sich wenigstens auf einen Kuss mit seiner Freundin Kira treffen würde, die hier im Klinikum am Urban arbeitete.

"Gut, Frau Jähnert", nahm Judith den Faden wieder auf. "Ich würde jetzt gern mit den beiden Krankenschwestern sprechen, die den Toten gefunden haben."

Die Pflegedienstleiterin erhob sich. "Ich schicke Ihnen gleich Rihana Salman, sie hat den Toten gefunden, und Yasemin Kanveren, die war dann als Erste bei Rihana."

Judith notierte sich, dass sie nach Kameraüberwachung auf der Station fragen wollte.

Eine junge Frau mit schwarzem, lockigem Haar, das sie zu einem dichten Pferdeschwanz zusammengefasst trug, betrat den Raum.

"Ich bin Yasemin Kanveren."

Judith stellte sich vor und bat die Krankenschwester, Platz zu nehmen.

"Sie sind also in das Zimmer von Herrn Kurmaz gerannt, weil Sie einen Schrei gehört haben? Wie weit waren Sie entfernt?"

"Ich war unterwegs zu der Patientin in der vierundzwanzig, also zwei Räume entfernt, als der Schrei mich regelrecht alarmiert hat. Der war so laut und so schrill. Als schreit jemand um sein Leben." Yasemin Kanveren schaute die Ermittlerin an und zog die Schultern hoch. "Ja, hört sich blöd an, aber das dachte ich. Ich reiße die Tür auf und sehe Rihana an die Wand unterm Fenster gekauert, das Fenster steht weit offen, Rihana schreit und zittert am ganzen Körper. Dann hab ich das ganze Blut gesehen, bin zu dem Mann, hab den Puls gefühlt, nichts. Bin zu Rihana, hab sie in die Arme genommen und festgehalten. Sie ließ sich von mir aus dem Zimmer bringen, auf dem Flur kamen uns Marta und Sandra entgegen, Tine kam dazu. Sie ist dann in den Raum gegangen, in dem der Tote lag. Ich hab versucht, beruhigend auf Rihana einzureden, hab sie in den Aufenthaltsraum begleitet, ihr einen Tee eingeschenkt. Sie hat keinen Ton gesagt, hat auf keine Frage geantwortet, sie war . irgendwie wie erstarrt. Voll im Schock."

"Hat jemand von Ihnen im Zimmer von Herrn Kurmaz irgendwas angefasst? Sie? Rihana Salman?"

"Ob Rihana was angefasst hat, kann ich nicht sagen. Eigentlich - naja, ich nehme an, dass sie das Fenster aufgemacht hat. Aber sonst - ich weiß es nicht. Ich hab nur den Puls gefühlt und war dann gleich bei Rihana. Als wir raus waren, hat Tine Jähnert, weil man die Räume ja nicht abschließen kann, Marta Sukowa vor der Tür postiert, damit niemand den Raum betritt."

"Warum nehmen Sie an, dass Rihana das Fenster geöffnet hat?", fragte Judith.

"Irgendjemand muss ja das Fenster aufgemacht haben, oder? Der Patient war es sicher nicht, der war noch benommen von der OP."

Plötzlich wurde die Bürotür aufgerissen und mit der unruhigen Geräuschkulisse des Flurs drang Tine Jähnerts Ausruf an Judiths Ohr: "Sie ist weg!"

2

Auch wenn er mit seinem Mercedes Vito Richtung Osten jetzt nur sehr langsam vorankam, war er keineswegs unzufrieden. Das war ihm von vornherein klar gewesen, dass er für das erste Stück - raus aus Berlin auf die Autobahn Richtung Polen - ziemlich viel Geduld brauchen würde. Aber das war ihm egal. Er schaute auf die Autos hinunter, die vor und neben ihm sich Meter um Meter vorwärtsschoben. Er hatte alle Zeit der Welt. In der Nacht würde er auf jeden Fall sehr zügig vorankommen - der Transporter hatte hundertneunzig Sachen drauf -, könnte irgendwo auf der Strecke ein wenig schlafen und wäre am Morgen vor Ort, um seine Fracht einzuladen und nach Berlin zurückzufahren. Perfekt.

Aslan Umarow schob eine CD ein. Als die Musik erklang, sang er lauthals mit. Er fühlte sich von einem Aufbruchsschwung getragen. Sein Vater würde stolz auf ihn sein, den mittleren Sohn, und das würde seine Stellung in der Familie noch stärker festigen.

Mowsar Umarow, dessen Haar und Bart schon grau waren, hatte als Soldat in den beiden Tschetschenienkriegen gekämpft. In ihrer Kindheit hatten Aslan und seine Brüder den Vater nur selten gesehen. Nachdem die russische Armee den zweiten Tschetschenienkrieg blutig beendet hatte, brannte der Boden unter Umarows Füßen. Von heute auf morgen organisierte er die Flucht seiner Familie aus dem Nordkaukasus über verschiedene Stationen nach Deutschland. Als sie hier ankamen, war Aslan sechzehn Jahre alt, jetzt war er vierundzwanzig. Obwohl die Gesundheit seines Vaters durch diverse schwere Verwundungen während der Kriege gelitten hatte, hatte er es in kurzer Zeit vermocht, in der tschetschenischen Szene in Berlin mit seinem Clan eine feste Größe zu werden, der man Respekt zollte. Dafür bewunderte Aslan den Vater, der ihn seinerseits wohlwollend betrachtete. Aslan brannte darauf, die Anerkennung des Vaters für das zu erhalten, was er für ihn und seine Geschäfte tat, in die er wie selbstverständlich hineingewachsen war. Mit seinem Onkel Rashid, Mowsars Bruder, hingegen kam er nicht gut aus. Da gab es ständig Reibereien, weil Aslan dessen Autorität nicht gelten ließ. Der hatte ihm nichts zu sagen, fand er. Er glaubte sogar, bemerkt zu haben, dass dem Vater Aslans selbstbewusste Haltung gegenüber Rashid durchaus gefiel. Und jetzt würde er in dessen Achtung deutlich steigen, indem er diese nicht ungefährliche Tour übernahm.

Inzwischen hatte Aslan freie Fahrt und würde in Kürze die Oder überqueren. Er bekam gerade richtig Lust auf diese Tour. Im Fahrtwind bewegten sich sacht die Perlen seiner am Rückspiegel befestigten Mishaba.

3

Kira hatte schnell geantwortet, Simon freute sich. Während er zum Ausgang ging, überlegte er, dass es am effektivsten wäre, wenn er ohne Zwischenstopp in der Dienststelle gleich zur Adresse des Getöteten im Soldiner Kiez führe. Seinem Kollegen Olaf Lehnert hatte er bereits Namen, Geburtsdatum und -ort des Mordopfers übermittelt, die Meldeadresse hatte er der Patientenakte entnommen.

Als Simon aus dem Klinikum am Urban ins Freie trat und der graue Koloss buchstäblich hinter ihm lag, atmete er durch. Die frische Luft tat ihm gut und dass es ein trüber, sonnenloser Nachmittag war, konnte seiner Freude über die bevorstehende Begegnung mit Kira keinen Abbruch tun. Simon schlenderte über die kurz geschorene Rasenfläche zum Landwehrkanal.

Etwas in ihm rief Jetzt! und als er sich umdrehte, flog Kira in seine Arme. Nach einem atemlosen Kuss meinte sie lachend: "Daran könnte ich mich gewöhnen, dass du so völlig unversehens einfach mitten am Tag auftauchst!"

Simon lachte mit, wurde dann aber schnell ernst. "Schön wär's! Aber dass dafür immer jemand sterben müsste, das ist nicht so schön. Dass ich wegen einem Mord hier bin, weißt du ja schon, aber wie immer darf ich dir natürlich nichts darüber erzählen."

Eng umschlungen gingen sie ein Stück am Kanal entlang.

"Heute Abend kann es also spät werden?", fragte Kira.

Simon zögerte. Er hatte in der Mittagspause eingekauft und sich auf das gemeinsame Abendessen mit Kira gefreut, die diese Woche Frühschicht hatte.

"Nein", sagte er entschieden mit einem Seitenblick zu ihr, "komm um acht. Okay?"

Kira stellte sich vor ihn, lehnte ihre Stirn an seine. "Okay", sagte sie leise. Und weg war sie.

4

Was auf den ersten Blick wie eine Routine-Ermittlung ausgesehen hatte, schien sich gleich von Anfang an zu verkomplizieren. Oder griff da gerade die Theorie vom halbleeren Glas nach ihrer sonst eher pragmatisch-strukturierten Arbeitshaltung? Die Zeugin Rihana Salman jedenfalls war verschwunden, Judith...

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