Der Tag an dem David Bowie starb

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. November 2017
  • |
  • 216 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-0303-0 (ISBN)
 
"Die Indizien sprechen dagegen, dass es eine Instanz neben oder über dem Zufall gibt. Menschen neigen dazu, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Deshalb brauchen sie Gedankenkonstrukte wie Schicksal oder Bestimmung. Denn Zentrum dieser Ideen ist immer man selbst, ist, was einem widerfährt. Dem Zufall ist ja scheißegal wer man ist."

Und dennoch weiß ich nicht, was alles kaputt gemacht hat. Er, ich, die Stadt? Oder vielleicht wirklich der Zufall? Vielleicht ein bisschen von allem.

Nach "Die Erkenntnisse des Professor Jedermann" Steigerwalds zweiter Roman. Eine Geschichte über die Freiheit, das Hoffen, das Lieben und das Scheitern.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,89 MB
978-3-7460-0303-0 (9783746003030)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christopher Steigerwald, geboren am 30.09.1984 in Aschaffenburg, ist seit einigen Jahren wohnhaft in Frankfurt am Main. Er studierte in Würzburg und Frankfurt zunächst Germanistik und Anglistik, später Rechtswissenschaften. Nachdem er von 2011 bis 2013 via eigenem Blog hauptsächlich Polit-und Gesellschaftssatire veröffentlichte, stellte er 2014 seinen ersten Roman 'Die Erkenntnisse des Professor Jedermann' fertig, aus dem er 2015 auf der Frankfurter Buchmesse las.
2017 erschien sein zweiter Roman 'Der Tag an dem David Bowie starb'.

II


Sieben


1


An diesen Tag erinnere ich mich, als wäre er der gestrige gewesen. Natürlich nicht an jedes Detail, aber an alles wichtige. Und vor allem an das, was er mir bedeutete. Eines vorneweg: Ich glaube nicht, dass die Tage, an denen man am meisten gelacht hat, die sind, die man als seine glücklichsten bezeichnet. Es sind die, an denen man am häufigsten geschmunzelt hat. Dieses Schmunzeln, dem diese geduldige Gutmütigkeit alles und jedem gegenüber innewohnt, eine Zufriedenheit mit sich selbst. Es ist wohlig und kommt aus dem tiefsten Inneren, als wäre es der Ursprung menschlichen Wohlbefindens, eine Gaia des Glücklichseins.

Und ich glaube auch, dass man nie wirklich ganz in diesen Kern vordringt. Aber wenn ich ihm jemals nahe gekommen bin, dann war es an diesem Tag. Insbesondere in dem Moment, als Gustavo einschlief, den Kopf auf meiner Schulter. Es war erst Nachmittag, aber das sonore Brummen des Motors und das gleichmäßige Schaukeln, zu dem die Wellen das Boot zwangen, trugen ihn wohl davon.

Ich habe ihn, ihn mit dem Dreieck im Ohrläppchen, dem heidnischsten aller Götter geopfert. Für diesen Tag. Was genau ich geopfert habe weiß ich nicht und werde ich auch nicht mehr herausfinden, zumindest jedoch die Chance auf etwas. Was-Wäre-Wenns sind nie Teil einer Geschichte. Es lohnt nicht zu erzählen, was nie passiert ist. Hätte ich dies getan, hätte ich das getan, wäre ich nur früher abgebogen, später, hätte ich ihn geküsst, oder hätte ich ihn bloß nicht geküsst - hätte es dann ein Happy-End gegeben? Gedankenspiele. Außerdem ist die Nummer mit dem Happy-End ohnehin die größte Lüge, die der Menschheit je aufgetischt wurde. Sie küssen sich, Abblende. Was ein schönes Ende! Unsinn! Es ist nicht das Ende. Kein Buch, kein Film endet mit dem Ende. Jeder Mensch endet mit dem Tod. Und der ist alles andere als happy. Wen will man damit verarschen? Und ob sie nun an den Himmel, oder die Wiedergeburt glauben, alles schön und gut, aber ihre jetzige, diesseitige Existenz wird kein Happy-End haben. Bestenfalls ein Happy-Middle. Wahrscheinlich sollte man auch dementsprechend leben und nicht über Zukunft und Perspektiven fantasieren, beides sind Konstrukte, Fata Morganen. Man wird sie nie erreichen. Es ist wie mit der Karotte vor des Esels Nase.

Vielleicht habe ich den Tag auch deshalb so genossen. Es war höchst unvernünftig, dass ich überhaupt hier war. Zunächst konnte ich mir den Trip eigentlich gar nicht leisten. Wie auch? Ich verwohnte den Großteil meines Budgets und den Rest verprasste ich. Kein Monat verstrich, an dessen Ende mein Konto auch nur einen Cent beherbergte. Sicher, dieser zweitägige Kurztrip kostete nicht die Welt, Mitfahrgelegenheit, billiges Hostel, aber letztlich wäre alles, was nicht umsonst gewesen wäre, zu viel gewesen.

Aber ich war nicht vernünftig. Acht Stunden setzte ich mich neben einen Fremden ins Auto, führte Gespräche, die mir auf den Geist gingen, heuchelte Interesse, nur um ihn an meinem Zielort zu treffen. Mit 'ihn' meine ich übrigens Gustavo. Nicht ihn, mit dem ich diese eine letzte Zigarette geraucht habe. Dieser Tag war vorher. Oder eigentlich zwischendrin. Ich sollte am Anfang anfangen.

2


Gustavo lernte ich kennen als er für zwei Tage in einem Hostel unweit meiner Wohnung übernachtete. Er war auf mein Profil im Internet gestoßen und hatte mich angeschrieben. Er kam aus Brasilien, legte ein Erasmussemester in Paris ein und tourte nebenbei ein bisschen durch Europa. Vielleicht war es auch umgekehrt.

Ich traf mich mit Gustavo zu der Zeit, als ich auch ihn traf, aber noch bevor er mir gesagt hatte, dass er sich in mich verliebt hatte. Es war nicht unbedingt die feine englische Art, aber ich hatte nicht das Gefühl ihn zu betrügen. Streng genommen hatten wir noch über nichts geredet. Was das zwischen uns war. Wir hatten keine Monogamie vereinbart, oder sonst irgendetwas.

Also traf ich mich abends mit Gustavo. Wir unterhielten uns auf Englisch, was kein Problem darstellte, da wir die Sprache beide flüssig sprachen.

Es war mittlerweile warm genug, dass man sich auch abends draußen aufhalten konnte, ohne zu erfrieren. Wir lagen am Flussufer auf einer Decke und tranken Wein. Ja, ich weiß, schon wieder. Schon wieder Fluss und Wein. Aber es ist nun einmal ein schönes und romantisches Fleckchen für ein erstes Date. Und wir saßen ein bisschen weiter flussabwärts, als ich es damals mit ihm getan hatte. Dennoch schön, die illuminierte Skyline, die sich verzerrt, wie bei einem Gemälde von Dali auf der Wasseroberfläche spiegelte, lag direkt in unserem Blickfeld.

Er war hübsch, charmant, eloquent, gebildet, wollte Diplomat werden. Wir sprachen viel über sein Heimatland, über Politik und die allgegenwärtige Korruption. Ich fragte ihn viel, nicht weil ich das Gespräch am laufen halten wollte, sondern weil es mich wirklich interessierte. Er erzählte und erklärte bereitwillig vor sich hin. Es war wie eine Hörbuch-Variante davon, selbst dort gewesen zu sein.

Irgendwann begannen wir unsere Unterhaltung mit gelegentlichem Küssen zu unterbrechen. Anschließend gingen wir zu mir und schliefen miteinander, bevor ich ihn zum Hostel brachte, der festen Überzeugung, ihn nie wieder zu sehen. Es war ein netter Abend gewesen, aber letztlich ein geplanter One-Night-Stand, nicht mehr und nicht weniger.

Am Tag darauf traf ich eine Entscheidung, die das ganze nächste Jahr beeinflussen würde. Und wahrscheinlich auch die Anzahl der mir verbleibenden glücklichen Tage. Wie gesagt, ich werde nie erfahren, wie viele, oder ob überhaupt welche, aber vermutlich werden es schon ein paar gewesen sein, die ich geopfert habe.

Gustavo blieb ja noch einen weiteren Tag hier. Mittags schrieb er mir, dass er sich ein bisschen umschauen wollte, die Stadt erkunden und fragte mich, ob ich ihn begleiten wollte. Ich antwortete ihm, ich hätte zu tun, was gelogen war und fügte an, dass ich möglicherweise abends Zeit hätte. Ich sagte das aus zwei Gründen. Zunächst hatte ich keine Muße mit ihm durch die Stadt zu laufen, ich kannte sie ja bereits gut genug, zudem wollte ich mir die Option offen halten, Abends noch etwas mit ihm zu machen, falls ich tatsächlich Lust dazu bekommen sollte. Eigentlich war ich mäßig motiviert.

Der Tag zog vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Ein paar Stunden später schrieb er mir erneut, ob ich Lust hätte, den Abend mit ihm zu verbringen. Ich war weiterhin unentschlossen. Ich war müde und die Vorstellung, die Wohnung verlassen zu müssen, war wenig verlockend. Andererseits war er wirklich nett und wir hatten eine gute Zeit gehabt. Eine ohne Monster.

Es war eine klassische 50:50 Überlegung. Aber, wie so oft, ist man sich der Tragweite der eigenen Entscheidungen nicht bewusst. Als wäre das Schicksal Schachweltmeister und man selbst blutiger Anfänger. Man denkt zu wenige Züge voraus, manchmal denkt man auch gar nicht voraus, oder man tut es und wird dennoch von einem völlig anderen Ausgang überrascht. Aber ich glaube, meistens tut man irgendetwas, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was passieren wird. Ich haderte, entschied mich ständig um.

Vielleicht hätten wir eine großartige Zeit gehabt, hätte ich mich an diesem Abend anders entschieden, wäre ich einfach zuhause geblieben. Vielleicht hätten wir zahlreiche erfüllende und wirklich glückliche Tage miteinander verbracht, vielleicht wäre sein Dreieck noch unzählige Male unter meinem Kopfkissen aufgetaucht, vielleicht wären wir nicht nur verliebt gewesen, sondern hätten uns tatsächlich geliebt.

Oder es wäre ganz genau so gekommen, wie es gekommen ist, nur mit einem anderen Auslöser. Wer weiß das schon?

Jedenfalls entschied ich mich dafür, mich ein zweites Mal mit Gustavo zu treffen. Hätte ich es nicht getan, hätte es den Tag in Genf nie gegeben. Ich würde eine andere Geschichte erzählen. Oder gar keine.

Denn alles was mit ihm nicht passierte, passierte an diesem Abend mit Gustavo. Ich verliebte mich in ihn. Es war irrational, nicht erklärbar. Aber es nützte ja nichts.

Sein Flug ging am nächsten morgen und trug ihn tausende Kilometer davon.

3


Genf war unendlich weit weg von Zuhause. Nicht, was die tatsächliche Entfernung betraf. Aber ich hätte genauso gut auf einem anderen Planeten sein können, anstatt ein paar Autostunden entfernt von meiner Wohnung. Es war wie eine Filmszene, die in einen anderen Film hineingeschnitten wurde, in den sie überhaupt nicht passen wollte. Die Vorstellung jemals irgendwelche Monster im Schrank gehabt zu haben, schien absurd. Die Luft schmeckte gut. Natürlich schien die Sonne. Als gäbe es überhaupt keine andere Möglichkeit. Alles was blühen konnte, blühte.

Wir hatten uns vor dem Hotel getroffen, in dem er übernachtete.

Es war ein Monat vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Er war in der Zeit weiter durch Europa getourt und ich war schlicht zuhause gewesen.

Wir hatten uns aber die ganze Zeit geschrieben. Er hatte mich immer wieder versucht zu überreden, ihn in Genf zu treffen, der letzten Station seiner Reise. Irgendwann hatte er das dünne Brett meiner Vernunft durchbohrt.

Nachdem...

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