Hinter der Blechwand

Roman
 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Oktober 2011
  • |
  • 349 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76730-6 (ISBN)
 
In einem alten Lieferwagen klappern Wladek und Pawel die Märkte und Basare Südosteuropas ab. Bis vor kurzem sind sie ihre Second-Hand-Klamotten aus »Paris-London-New York« ohne Probleme losgeworden. Doch neuerdings tauchen zwischen Blech, Beton und schmutzigen Glasscheiben farbenfrohe Häuserblocks auf: malerische Hieroglyphen preisen Textilien aus China zu Dumpingpreisen an. Als Wladek sich in die Kartenverkäuferin eines slowakischen Wanderrummels verliebt, werden die beiden Freunde unversehens in das kriminelle Treiben von Menschenschmugglern hineingezogen. Was wie eine melancholisch-meditative »road novel« begann, entwickelt sich zu einer rasanten Verfolgungsgeschichte, in der es nicht mehr um gefälschte chinesische Westwaren, sondern um Leben und Tod geht. Andrzej Stasiuk hat einen Roman der Gegenwart und der Zukunft geschrieben - wie die Globalisierung über den Osten hereinbricht und ihn verwandelt. Szenen von verstörender Grausamkeit, Episoden von inständiger Zartheit, ein Abgesang auf den europäischen Kontinent: in dieser Melange liegt der Reiz seines neuen Buches. Die meisterhaft gezeichneten Landschaften im Abendlicht der Geschichte bilden den Hintergrund einer Erzählung vom materiellen und moralischen Zusammenbruch einer ganzen Lebenswelt.

Andrzej Stasiuk, der in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor gilt, wurde 1960 in Warschau geboren, debütierte 1992 mit dem Erzählband Mury Hebronu (Die Mauer von Hebron), in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980 zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. 1986 zog er nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden.

1994 erschienen Wiersze milosne i nie (Nicht nur Liebesgedichte), 1995 Opowiesci Galicyjskie (Galizische Erzählungen) und Bialy Kruk (Der weiße Rabe; 1998 bei Rowohlt Berlin), 1996 der Erzählband Przez rzeke (Über den Fluss; diesem Band ist Die Reise entnommen) und 1997 Dukla.

2002 erhält er den von den Partnerstädten Thorn (Polen) und Göttingen gemeinsam gestifteten Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis. Den literarischen Jahrespreis Nike erhielt Andrzej Stasiuk 2005 für sein Buch Unterwegs nach Babadag.

Sein vielfach ausgezeichnetes Werk erscheint in 30 Ländern.

  • Deutsch
  • 2,29 MB
978-3-518-76730-6 (9783518767306)
3518767305 (3518767305)
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Andrzej Stasiuk, der in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor gilt, wurde 1960 in Warschau geboren, debütierte 1992 mit dem Erzählband Mury Hebronu (Die Mauer von Hebron), in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980 zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. 1986 zog er nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden.

1994 erschienen Wiersze milosne i nie (Nicht nur Liebesgedichte), 1995 Opowiesci Galicyjskie (Galizische Erzählungen) und Bialy Kruk (Der weiße Rabe; 1998 bei Rowohlt Berlin), 1996 der Erzählband Przez rzeke (Über den Fluss; diesem Band ist Die Reise entnommen) und 1997 Dukla.

2002 erhält er den von den Partnerstädten Thorn (Polen) und Göttingen gemeinsam gestifteten Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis. Den literarischen Jahrespreis Nike erhielt Andrzej Stasiuk 2005 für sein Buch Unterwegs nach Babadag.

Sein vielfach ausgezeichnetes Werk erscheint in 30 Ländern.

1 - Cover [Seite Cover]
- 1 [Seite 1]
2 - Informationen zum Buch/Autor [Seite 2]
3 - Impressum [Seite Impressum]
- 4 [Seite 4]
4 - Hinter der Blechwand [Seite 5]
5 - Widmung [Seite Widmung]
- 7 [Seite 7]
6 - Anmerkungen der Übersetzerin [Seite 349]

IM HERBST sieht man, daß die Stadt stirbt. Diejenigen, die fliehen wollten, sind schon lange geflohen. In der Abenddämmerung hängt der Gestank brennender Blätter. Der Rauch mischt sich mit Nebel und verhüllt die Außenbezirke. Die Lichter werden gelblich und fahl. Man muß auf die Fußgänger achten, sie sind schwarz wie der Asphalt. Manchmal fahre ich kreuz und quer durch die Stadt und sehe, daß es keine Stelle gibt, wo man aussteigen möchte – und keinen Grund. Vier Kreuzungen, ein Kreisel, die Ampeln blinken gelb, schon um zehn Uhr abends. Bei Nordwind riecht man die sterbende Fabrik. Alle sind schon weg. Nur die, die es nicht schaffen, sind noch hier. Sie wachen morgens auf, schauen aus dem Fenster und gehen nicht aus dem Haus. Es sei denn, sie haben einen Hund. Dann gehen sie auf den Marktplatz und gucken sich die Todesanzeigen an, um zu sehen, wer gestorben ist, und sich zu freuen, daß es noch nicht sie erwischt hat.

Um zehn ist alles tot. Nur die Tankstelle lebt. Niemand tankt. Alle kaufen Alkohol oder sitzen in der Kneipe. Die Autos, die sie haben, werden immer größer, immer billiger und immer älter. Sie kaufen sie bei den Schlitzohren, die mit ausländischem Schrott handeln. Ja, alle gehen weg oder importieren etwas. Hier gibt es nichts. Diese Autos werden jeden Moment auseinanderfliegen, die Böden werden abfallen und die Karosserien in den Wäldern hinter der Stadt landen. So etwas kauft kein Mensch mehr. Da werden Füchse oder Rebhühner einziehen. Füchse sind klug. Ich sehe sie immer näher an der Stadt. Die Leute werfen Lebensmittel weg. Sie kaufen sie und können sie nicht essen, weil sie billig und eklig sind. Genau das richtige für die Füchse. Manchmal überqueren sie die Straße wie Katzen oder Hunde. Sie fressen die Wurst der Menschen und wohnen in verrosteten Limousinen. Schließlich räumt das Gerümpel keiner weg. Alteisen, zu nichts mehr nütze. Aber die von der Tankstelle stört das nicht. Meistens haben sie Glatzen und abstehende Ohren. Als wären sie unterernährt. Manchmal tanke ich nachts und betrachte sie durch die Scheibe. Ihre Bewegungen sind insektenhaft, nervös. Sicher hat man sie als Kinder geschlagen. Vergeblich. Sie sind dumm und fluchen ohne Ende. Aber später, wenn sie auseinandergegangen, wenn sie allein sind, huschen sie verstohlen im Schatten der Mauern entlang, den Blick gesenkt.

Die Bullen versammeln sich ebenfalls an der Tankstelle. Auch sie haben meistens Glatzen. Vielleicht sind sie nur ein bißchen besser genährt, größer, dicker und selbstsicherer. Aber es ist eine Selbstsicherheit, die sie aus amerikanischen Filmen gelernt haben. Außer der Tankstelle sind nachts in der Stadt nur die Videotheken offen. Die Leute nehmen sich zwei, drei oder vier Filme mit und gehen nach Hause. Die Bullen unterscheiden sich kaum von den anderen Leuten. Sie kommen sich vielleicht nur besser vor. Aber sie sind es nicht. Sie sind genau wie die Glatzköpfe mit den abstehenden Ohren. Sie schauen sich die gleichen Filme an und essen das gleiche Zeug in der Tankstellenkneipe. Und warten ebenso auf eine Revolution, die alles verändert. Das ist es, was ich in dieser Stadt spüre – Warten. Alle beschäftigen sich nur provisorisch mit dem Leben. Sie warten ab, in der Hoffnung, daß alles auf den Kopf gestellt wird, daß alles ganz anders wird, als es ist, daß die Letzten endlich die Ersten sein werden.

Gestern abend setzte ich mich neben einen Tisch, an dem ein Vater und sein Sohn saßen. Sie waren auf der Durchreise. Solche Leute erkennt man leicht, denn sie fühlen sich unsicher, schauen sich ständig um. Selbst wenn alles ruhig ist, können sie sich nicht beherrschen und sehen sich um, als erwarteten sie einen Hieb oder irgendeine Belästigung. Der Vater war groß, dick und hatte einen Schnurrbart. Er saß lässig ausgestreckt da, aber er sah sich immer wieder um. Der Sohn ähnelte ihm, war schon auseinandergegangen von dem fetten, billigen Fraß. Ich wartete auf jemanden und hörte ihnen eine halbe Stunde zu. Eigentlich redete hauptsächlich der Alte. Von einem Auto, genauer gesagt, von den Türen des Autos: ob es sich lohne, sie zu lackieren und die Bespannung auszutauschen. Der Sohn war im Prinzip mit allem einverstanden und nickte. Das Wort »Bespannung« fiel wohl zehn-, fünfzehnmal und bestimmte den Rhythmus des farblosen Vortrags. Der Alte verlieh dem Gelaber ein Gewicht, wie es väterlichen Belehrungen über Sinn und Tücken des Lebens eigen ist. Sie aßen Bohnensuppe. In der Küche brutzelten Koteletts für sie. Plötzlich war der Monolog unmerklich auf ein Handy zum günstigen »Aktionspreis mit Servicepaket« übergegangen. Wieder nickte der Sohn und warf ein paar Silben ein. Dann stand er auf und ging zur Theke, um die Teller mit dem Hauptgericht abzuholen. Er trug einen dunkelblauen Trainingsanzug aus Polyester. Der Vater eine Lederjacke.

ICH KONNTE NICHT länger warten, ich mußte gehen. Durch die Fensterscheibe sah ich sie noch. Der Alte schluckte ganz langsam und redete zwischen einem Bissen und dem nächsten. Der Junge hatte den Blick auf den Teller geheftet und aß. Sie waren nicht von hier, aber sie kamen aus einem ganz ähnlichen Ort. Sagen wir, ??obiska oder noch weiter, direkt an der Grenze. Dort gab es höchstens weniger Laternen und weniger Autos, aber der Rest sah genauso aus. Doch jetzt saßen sie auf Kunstleder an einem Tisch, der Holz imitierte, unter einer Plastikpflanze, in diesem vernickelten und aufgeräumten Raum, und hatten es nicht eilig, nach Hause zu kommen. So ist diese Stadt entstanden. Die Leute sind hierhergezogen, weil sie es bei sich nicht aushielten. Jetzt gehen sie weg von hier und machen Platz für solche wie die an dem Tisch. Ein Geschäft muß immer in Bewegung sein. Wenn die Bewegung erlahmt, zieht das Geschäft weiter. Übrig bleiben diejenigen, die keine Kraft mehr haben. Sie bleiben überall übrig und befassen sich mit den Resten. So wie ich.

Zehn Minuten reichen, um von einem Ende der Stadt ans andere zu fahren. In der Stadt gibt es insgesamt zweiundzwanzig Läden mit gebrauchter Kleidung. Manche sehen aus, als würden dort neue Sachen verkauft: Spiegel, Anprobe, viel Licht. Andere wirken wie Keller, wenn man sie betritt, haben weder Fenster noch Belüftung. Die Sachen kommen alle aus Europa. Heißt es jedenfalls. Einmal in der Woche rollt ein Güterwaggon auf das Nebengleis und lädt große Ballen von gepreßter Kleidung ab. Die Ladenbesitzerinnen – denn es sind ausschließlich Frauen – teilen die Ware unter sich auf, wiegen sie, bezahlen und laden sie in Lieferwagen. All das geschieht dienstags, die Läden sind dann erst ab Mittag offen. Die Leute sagen, alles komme aus Europa. Sie belügen sich, aber Paris klingt eben immer tröstlich. Vor allem für die Frauen, die die Sachen von allen Seiten betrachten, ans Licht halten, ausbreiten und dann sagen: »Legen Sie mir das bitte zurück. Morgen komme ich mit Geld.«

Der Dienstagszug fährt danach ins Gebirge, Richtung Grenze, und zieht die gleichen Waggons weiter nach Sabinov, nach Gönc und Bistrica. Auf den Rampen warten Frauen, Autos und Typen, die zum Verladen angeheuert werden, und in Bistrica warten außer den Autos auch Pferdefuhrwerke. Die Frauen zahlen nach Kilogramm, aber es ist nicht so einfach, das alles zu wiegen, und so streiten sie sich mit den Großhändlern in den Waggons, und die fluchen in fünf Sprachen durcheinander. Wasserstoffblondinen ziehen einzelne Stücke aus den Packen, heben sie hoch, halten sie den schlauen Dicken in Lederjacken unter die Nase und brüllen: »Das soll aus Paris sein, aus Frankreich?! Das ist aus der Scheißtürkei!«

Ich kenne das gut. Ich bin Lieferwagen für sie gefahren. Sie riefen mich an und sagten, ich solle um sieben, um sechs oder noch früher kommen. Ich erinnere mich an den Gestank von billigem Waschmittel. Im Sommer war er nicht auszuhalten. Eine halbe Stunde unter dem Blechdach, und man erstickte fast. Ich fuhr die Ware bis nach ??obiska, nach Grobów oder weiter.

Dann lernte ich W?adek kennen, und wir machten die Sache auf eigene Faust, ohne Zwischenhändler, ohne die Frauen, ich nahm die Kleider von den Waggons, wie sie kamen, zahlte und fuhr los. W?adek konnte schnell rechnen und herausgeben. Er hatte alle Wechselkurse im Kopf, sieben, acht, zehn Währungen, er dividierte, multiplizierte, subtrahierte, berechnete Prozente, und gleichzeitig redete er, rauchte, machte Geschäfte, stritt sich mit den Kunden. Das alles beherrschte er noch aus früheren Jahren, als er mit Taschen voller Rubel, Lei, Forint und Kronen über Czernowitz nach Suceava fuhr und dann über Satu Mare, Tokaj und Košice zurück.

Jetzt hielten wir irgendwo in O?enna an oder jenseits der Berge, in Havaj, Mikova, weit weg von der Bahnlinie, weit weg von den Hauptstraßen. W?adek war inzwischen dicker und langsamer geworden, aber mit den Dorfweibern kam er immer noch zurecht. Die besseren Stücke hängten wir an die Ständer, man mußte sie nur aus dem Lieferwagen nehmen und auf dem Platz vor dem Geschäft oder der Kneipe aufstellen: Ständer mit Jacken, Mänteln, Jacketts. Den Rest hatten wir in Plastikkisten. Aus ein paar Brettern bauten wir eine Art Theke, und es konnte losgehen. W?adek kannte in Torysa den Gemeindevorsteher, und als wir die Waren auslegten, kündigte dessen Sekretärin durch die Lautsprecher des Dorfradios die einmalige Gelegenheit an, zu unwahrscheinlich niedrigen Preisen in lokaler Währung europäische sowie internationale Kleidungsstücke zu erwerben. Und dann kamen Frauen in violetten Kopftüchern, hielten die Sachen gegens Licht, befühlten die künstliche Seide, die verwaschene Baumwolle und abgewetzte Wolle und fragten: »Kol’ko stojí?«

Da verdrehte W?adek die Augen, als hätte ihn jemand...

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