Das Herz hat viele Zimmer

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juli 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10306-4 (ISBN)
 
Eine Geschichte über die große Liebe, kleine Wunder und die Kraft der Freundschaft

Alla Junge ist Übersetzerin und mit Ende vierzig glückliche Ehefrau und Mutter zweier fast erwachsener Söhne. Bis sie sich verliebt. Hals über Kopf und gegen ihren Willen - in den zehn Jahre jüngeren Matthias, für den sie sogar ihren Mann verlässt. Gemeinsame Freunde meiden sie nun, ihre Söhne gehen auf Distanz. Und Alla muss um ihre neue Liebe kämpfen. Als sie ihre demenzkranke Mutter zu sich holt, wachsen ihr die Probleme über den Kopf. Zum Glück gibt es noch die besten Freundinnen Anne und Elisabeth, die erst alles besser wissen und dann mithelfen, dass Alla wieder ihren Platz im Leben findet.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,63 MB
978-3-641-10306-4 (9783641103064)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Franziska Stalmann eroberte mit ihrem Roman "Champagner und Kamillentee", verfilmt mit Andrea Sawatzki, ein Millionenpublikum. Es folgten weitere erfolgreiche Bücher zuletzt "Das Herz hat viele Zimmer" und "Helenas Männer". Die Autorin und Psychologin lebt in München.

1

Ich heiße Alla.

Als der Krieg zu Ende war, war meine Mutter zwanzig und hatte das Gefühl, dass Hitler sie um ihre Jugend gebracht hatte. Ihre Jugend konnte sie nicht zurückholen, aber sie nahm sich vor, wenigstens alle Filme zu sehen, die sie durch seine Diktatur versäumt hatte. Sie fing nicht sofort damit an, es gab Wichtigeres, erst als die Zeiten besser wurden, ging sie ins Kino, sooft sie konnte. Dabei verliebte sie sich in die Schauspielerin Alla Nazimova, und als ich viel später zur Welt kam, nannte sie mich Alla. Mein Vater fand es furchtbar, dass sein Kind den fremdartigen Namen einer toten Hollywoodschauspielerin haben sollte, aber gegen meine Mutter kam er nicht an. Er ging seinen eigenen Weg und nannte mich immer nur »Liebes«. Als ich anfing, über die Dinge nachzudenken, fragte ich ihn, warum. »Liebes heißt, dass ich dich liebe. Es ist dein wahrer Name. Verstehst du?«, sagte er. Ich verstand es nicht, aber ich war stolz auf ihn, weil er so klug war und meinen wahren Namen wusste. Und niemand merkte, dass er mich nie Alla nannte, nicht einmal meine Mutter.

»Alla«, sagte meine Mutter. »Was ist das hier?«

»Ein Coffeeshop, Mama«, sagte ich.

»Und wie heißt das hier?«

»Amore, Mama.«

»Interessant«, sagte sie. »Originell!«

Das fragt sie jedes Mal, und jedes Mal sagt sie: »Interessant, originell«, streckt die dünnen Arme auf den Lehnen der braunen Plastikledersessel aus und spreizt die Hände mit den blauen Adern.

Ich rührte Zucker in ihren Cappuccino und zerteilte den Schokoladenmuffin in kleine Stücke, die sie mit zierlichen Bewegungen aufnahm und langsam kaute. Dann schob sie den Teller von sich und richtete ihren Blick auf den Mann gegenüber.

»Hallo«, sagte sie.

Er hob den Blick von seinem Laptop: »Hallo.«

»Sie gefallen mir.«

Er lächelte.

»Sie sind ein richtiger Mann.«

»Hoffentlich«, sagte er.

»Da bin ich sicher«, sagte sie. »Das sehe ich gleich. Alla könnte einen Mann brauchen .«

»Ich habe einen Mann, Mama.«

»Ja, aber keinen richtigen. Du wirst ältlich und zickig.«

Er grinste.

»Ich habe einen richtigen Mann.«

»Warum wirst du dann ältlich und zickig?«

»Ich werde nicht - hör auf, Mama!«

»Jetzt knirscht sie mit den Zähnen«, sagte meine Mutter. »Das tut sie immer, wenn sie wütend ist. Daran müssen Sie sich gewöhnen. Aber sonst ist sie eine großartige Frau.«

»Keine Frage«, sagte der Mann.

Ich packte sie am Handgelenk und zog sie aus dem Sessel und hinter mir her zur Tür.

»Wie heißen Sie?«, rief sie zurück.

»Matthias.«

»Was für ein schöner Name!«, rief sie, während ich die Tür aufriss und sie hinausschob.

Ich brachte sie zurück ins Heim und auf ihr Zimmer, sie legte sich auf die Couch, um die Augen ein bisschen zuzumachen, und war sofort eingeschlafen. Auf dem Rückweg überlegte ich mir, wie peinlich es wäre, den Mann dort wiederzutreffen - außer ich ging jetzt sofort zu ihm und erklärte ihm, dass meine Mutter fünfundachtzig und dement sei und nichts dafür könne, was sie tue, und dass es mit mir überhaupt nichts zu tun habe.

Im Amore war er nicht mehr, und ich fragte die Frau hinter der Theke, ob sie ihn kannte.

»Er ist ziemlich kräftig und hat rote Haare und einen Bart und einen dreckigen Pullover an. Und er heißt Matthias.«

»Das ist der Herr Rosenfelder«, sagte sie. »Dem ist die Kaffeemaschine kaputtgegangen.«

»Und wo .«

»Der hat seine Schreinerei um die Ecke in der Eismeerstraße.«

Ich ging um die Ecke in die Eismeerstraße, und da war die Schreinerei, eine Ansammlung von Bauten, Bäumen und Sträuchern um einen Hof auf einem großen Grundstück zwischen Mietshäusern. Das Schild, auf dem »Matthias Rosenfelder jun. Schreinerei« stand, war alt, nur das »jun.« war irgendwann frisch aufgemalt worden.

Das Tor zur Werkstatt war offen. Drinnen standen Maschinen, Bretter waren gestapelt und frisch gefertigte Fensterrahmen aneinandergelehnt, und es roch nach Holz und Maschinenöl.

Er trat aus einer Tür, über der »Büro« stand.

»Hallo.«

»Hallo«, sagte ich. »Ich wollte Ihnen nur sagen - es ist nämlich so, meine Mutter ist .«

»Ihre Mutter ist süß.«

»Ja, sicher. Aber sie ist auch krank, sie ist .«

»Sie ist süß. Und sie hat recht.«

»Womit?«

»Mit alt und zickig.«

»Also .«

»Ich rede von mir«, sagte er. »Man wird alt und zickig, wenn man keine Frau hat.«

»Warum haben Sie keine Frau? Sie sind ein gut aussehender Mann.«

Er sah mich an.

Es gibt Momente, in denen man nicht herumreden kann. Oder lange nachdenken. Es gibt nur klare Alternativen. In diesem Moment war die eine Alternative zu gehen. Und es gab die andere.

Er stieß die Tür zum Büro ganz auf. Ich ging hinein, und er machte die Tür zu und drehte den Schlüssel um.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so schnell aus den Kleidern war. Vielleicht noch nie. Er war auch sehr schnell, erstaunlich schnell dafür, dass er groß und schwer war. Danach war erst mal alles nur gut, weil es nun auch keine Alternativen mehr gab.

Jemand rüttelte an der Türklinke und rief: »Papa«. Die Stimme eines Mädchens.

Er fuhr hoch.

»Papa? Bist du da drin?«

»Ja.«

»Ist alles okay? Geht es dir gut?«

»Ja. Sehr gut.«

»Warum machst du nicht auf?«

»Das erkläre ich dir morgen.«

»Okay. Ich geh jetzt.«

Die Stimme wurde leiser. Die Person, zu der sie gehörte, hatte ihre Chance erkannt und versuchte, ohne Verhandlungen davonzukommen.

Er war mit einem Sprung an der Tür.

»Mellie? Melanie!«

»Ja?«

»Wohin gehst du?«

»Ins Heavens. Und noch woandershin. Weiß ich noch nicht.«

»Du bist um elf zu Hause.«

»Papa! Zwölf!«

Er sah an sich runter und dann auf mich.

»Keine Sekunde später als zwölf. Du steigst zu keinem besoffenen Jungen ins Auto. Keine S-Bahn. Du nimmst dir ein Taxi, wenn's nötig ist. Du rufst sofort an, wenn was ist. Hast du dein Handy aufgeladen und genug Geld dabei?«

»Ja, Papa. Tschüss.«

Er lehnte sich an die Tür und seufzte.

»Wie alt ist sie?«

»Sechzehn«, sagte er. »Wäre sie bloß schon achtzehn. Oder zwanzig. Dann hätte ich es hinter mir. Mit Jungen ist es leichter. Denen kann auch viel passieren, aber du stellst dir nicht die ganze Zeit vor, dass sie vergewaltigt werden. Oder schwanger. Manchmal wünsche ich mir, sie wäre ein Junge. Dabei ist es so schön, dass sie ein Mädchen ist.«

Ich stand auf und suchte unter den Kleidungsstücken am Boden nach meinen Sachen.

»Gehst du?«

»Ja«, sagte ich.

»Schade.«

Er sah zu, wie ich mich anzog. Dann drehte er den Schlüssel und öffnete die Tür.

Ich wollte etwas sagen, aber ich wusste nicht, was. Er sagte auch nichts. Ich sah zurück, als ich die Werkstatt verließ. Er stand nackt im Türrahmen des Büros und sah mir nach.

Unser Haus leuchtete. Gerd ist Architekt und hat es gebaut, es war sein Traum, ein Haus für uns zu bauen, und er hat Fenster und Farben und die Lichtinstallation so geplant, dass das Haus immer warm und fröhlich ist und nachts ein faszinierendes Farbenspiel bietet. Es ist nicht wirklich warm und fröhlich geworden, dafür ist es zu groß und zu gerade, glaube ich, aber es leuchtet, wenn es dunkel ist.

Er kam mir entgegen.

»Wo warst du? Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Bei Mama.«

»Ich habe bei ihr angerufen. Sie hat gesagt, du bist nicht da.«

»Du kennst sie doch«, sagte ich. »Ich gehe nur ins Bad, und sie weiß nicht mehr, dass ich da bin.«

»Ach ja. Natürlich. Sie klang so überzeugend.«

»Es tut mir so leid, Gerd.«

»Was?«

»Dass du dir Sorgen gemacht hast.«

»Wieso? War mein Fehler«, sagte er. »Gregor und Iris sind da. Wir haben Pizza geholt. Ich mache deine schnell warm.«

Gregor und Iris saßen auf der einen Bank an unserem Esstisch und Daniel und Jonas auf der anderen, dicht beieinander. Sie sind Zwillinge und waren noch nie getrennt, nicht im Kindergarten, nicht in der Schule, aber nun machten sie Zivildienst und mussten ganze Tage ohneeinander verbringen, und abends wirkten sie wie verhungert nach der Gegenwart des anderen und wuchsen beinahe zusammen.

Ich schob meinen Kopf zwischen ihre Köpfe, und sie küssten mich auf die Wangen und sagten: »Hallo, Mama«, was auch darauf hindeutete, dass sie in einer schwierigen Phase waren, denn sonst nennen sie mich »Mum«. Auf Englisch ist es lässiger.

Gregor sprang auf und umarmte mich.

»Alla! Du siehst toll aus! Noch schöner als sonst!«

Er ist Gerds alter Freund und Partner, wir kennen uns seit über zwanzig Jahren, aber er redet immer so.

»Hör auf mit dem Quatsch.«

»Stimmt aber«, sagte Daniel, und Jonas nickte.

Gerd stellte die Pizza vor mich hin, und ich aß sie, obwohl ich keinen Hunger hatte.

»Wir wollten euch was sagen«, sagte Gregor und nahm Iris' Hand. »Wir bekommen ein Baby.«

Gerd seufzte: »Schon wieder?«

Die Jungs verdrehten die Augen und standen auf.

»Wir gehen dann mal.«

»Wohin?«, fragte ich.

»Dingolfing. Konzert. Vreni«, sagte Jonas.

»Passt auf euch auf!«

»You better take care of yourself, Mum«, sagte Daniel lässig und machte die Flurtür mit demonstrativer Behutsamkeit hinter sich zu.

»Ich mache mir Sorgen«, sagte ich.

»Alla! Was soll ihnen denn in Dingolfing passieren?«, fragte Gerd.

»Nicht...

"Bewegend. (.) Herrlich heiter erzählt!"

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