Nebel über Oxford

Ein Kate-Ivory-Krimi
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2011
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0487-6 (ISBN)
 
Wer hat es bloß auf uns abgesehen? Der Medizinstudent Sam ist verzweifelt. Irgendjemand terrorisiert ihn und die anderen Mitglieder seiner Forschungsgruppe mit Drohbriefen, Brandsätzen und Briefbomben. Stecken Tierschützer hinter den feigen Attacken? Die Polizei tappt im Dunkeln. Bald gibt es den ersten Toten - und Sam weiß, dass ihm nur eine Wahl bleibt, um dem Spuk ein Ende zu setzen: seine Freundin Kate Ivory um Hilfe bitten.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Veronica Stallwood kam in London zur Welt, wurde im Ausland erzogen und lebte anschließend viele Jahre lang in Oxford. Sie kennt die schönen alten Colleges in Oxford mit ihren mittelalterlichen Bauten und malerischen Kapellen gut. Doch weiß sie auch um die akademischen Rivalitäten und den steten Kampf der Hochschulleitung um neue Finanzmittel. Jedes Jahr besuchen tausende von Touristen Oxford und bewundern die alten berankten Gebäude mit den malerischen Zinnen und Türmen und dem idyllischen Fluss mit seinen Booten. Doch Veronica Stallwood zeigt dem Leser, welche Abgründe hinter der friedlichen Fassade lauern.

Kapitel 2


An schönen, warmen Sommersonnentagen pflegten sich die jüngeren Mitglieder der Forschungsgruppe von Blake Parker auf dem Flachdach des Laborgebäudes zu treffen und gemeinsam Mittagspause zu machen. Jetzt war es September geworden, und sie genossen die vielleicht letzte Möglichkeit, sich in der Sonne zu aalen.

Auf dem Flachdach stand ein kleiner Bretterverschlag mit einem fleckigen Holztisch, einem halben Dutzend Klappstühlen und einem verblichenen Schild, auf dem »Kantine« stand, obwohl diese seit gut zwanzig Jahren nicht mehr in Betrieb war. Hartgesottene Mitglieder des Grüppchens suchten sogar an kühlen Regentagen die Hütte auf, um dort ihren Kaffee zu trinken und ihre Brote zu essen, doch an diesem Tag bestand keine Notwendigkeit, Schutz vor der Witterung zu suchen.

Die drei jüngsten der Gruppe, Sam, Kerri und Conor, hatten ihre Stühle in die pralle Sonne gezogen und genossen ihre Sandwichs. Ein wenig später gesellten sich auch Greg und Lucy zu ihnen.

In aller Regel achtete Sam nicht darauf, wie seine Kolleginnen gekleidet waren. Ihm fiel lediglich auf, dass Kerri in ihren Hüftjeans und einem kurzen, weißen T-Shirt, das einen hübschen Kontrast zu ihrer sonnengebräunten Haut bildete, ausgesprochen gut aussah. Die knallige Farbenpracht von Lucys Outfit stach jedoch selbst dem Unaufmerksamsten ins Auge.

»Hat einer von euch Candra gesehen?«, unterbrach Lucy Sams Tagträumerei.

»Ist sie nicht mit uns nach oben gekommen?«, fragte Sam und ertappte sich bei dem Gedanken, dass Lucys Klamotten nicht nur bunt, sondern geradezu schreiend waren. Sie trug ein Oberteil in Enzianblau, das die Sommersprossen auf ihrer blassen Haut unvorteilhaft betonte und ihre hellgrünen Augen wie Stachelbeeren wirken ließ. Mit ihrem blassroten Haar sollte sie sich wirklich mehr Gedanken um die Farben ihrer Kleidung machen, dachte Sam, und den schwarzroten Rock am besten gleich wegwerfen. Kerri hingegen konnte tragen, was sie wollte - sie sah immer umwerfend aus.

»Also, ich bin zwar kein Kontrollfreak, was euch angeht«, sagte Greg und legte eine kurze Pause ein, als erwarte er, dass die anderen das als Witz empfanden, »aber ich glaube, ich habe sie vor ungefähr zehn Minuten mit ihrem Lunchpaket und einer Flasche Wasser in Richtung des Universitätsparks gehen sehen.« Er nahm seine neue Brille ab und polierte sie mit einem kleinen Tuch. Sam dachte, dass Greg sich besser nicht für das schmale, schwarze Gestell hätte entscheiden sollen, denn es rückte seine ohnehin schon eng stehenden Augen noch näher zusammen. Die Brille mochte cool aussehen, aber sie stand ihm nicht.

»Dumm, dass sie das Wasser mitgenommen hat«, meinte Lucy. »Sie hätte mir etwas abgeben können.«

»Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du zu faul bist, ein paar Stockwerke tiefer zum Wasserspender zu gehen?«, stichelte Greg.

Lucy überhörte den Seitenhieb. »Bestimmt lechzt sie den Typen vom Ruderachter hinterher.«

»Glaubst du wirklich, dass sich eine Frau, die nichts als Statistiken im Kopf hat, für Kerle in Lycra-Anzügen begeistert?«

»Ganz zu schweigen von muskulösen, schweißglänzenden Körpern.« Lucy nickte weise.

»Ich glaube nicht, dass sie wüsste, was sie mit einem muskulösen Männerkörper anfangen sollte - selbst wenn man sie mit der Nase darauf stieße.« Greg grinste.

»Es sei denn, es handelt sich um Blakes Körper«, gab Lucy zu bedenken.

»Ich dachte, du hättest ihr längst klargemacht, dass sie in deinen Jagdgründen wildert«, meinte Conor.

»Candra sitzt gern gemütlich auf einer Bank und füttert Enten«, erklärte Sam, dem es nicht gefiel, wie die anderen hinter ihrem Rücken über die Kollegin tratschten.

Bei der Vorstellung an derart kindische Vergnügen verzog Conor das schmale Gesicht zu einem durchtriebenen Feixen. »Blake ist übrigens auch noch nicht aufgetaucht«, bemerkte er listig, ohne Lucy aus den Augen zu lassen. »Ob er etwa mit Candra zu den Enten gegangen ist?«

»Blake? Der sitzt bestimmt in irgendeinem holzgetäfelten Saal herum, knabbert Fasanenschenkel und unterhält sich mit den anderen Professoren über Philosophie«, entgegnete Lucy betont locker, obwohl Sam erkennen konnte, dass Conors Bemerkung sie getroffen hatte.

»Professoren unterhalten sich nie über Philosophie«, widersprach Greg. »Bei denen geht es immer nur um Gelder für Forschungsprojekte und wie man am besten daran kommt. Ich glaube, das ist für diese Leute das Wichtigste in ihrem Leben. Ohne Geld keine Forschung.«

»Na ja, so krass kann man das sicher nicht sehen«, protestierte Lucy.

»Krass ist genau das richtige Wort für das, was hier abläuft«, stellte Conor fest.

»Halt den Mund, Conor«, mischte sich Sam freundlich ein. »Ich bin sicher, dass die Arbeit hier auch dann weiterginge, wenn die Pharmaindustrie uns die Zuwendungen kappen würde. Immerhin stehen wir ziemlich im Fokus der Öffentlichkeit.«

»Darauf würde ich mich nicht unbedingt verlassen«, sagte Greg. »Vielleicht gibt es keine finanzielle Alternative.«

»Hat einer von euch vielleicht einen Schluck Wasser für mich?«, fragte Lucy hoffnungsvoll.

»Negativ. Warum trinkst du nicht deinen Saft?«

»Weil ich zum Essen lieber Wasser trinke. Den Saft hebe ich mir als Nachtisch auf.«

»Die spinnt doch«, murmelte Conor. Er hatte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche gezogen und drehte und wendete sie, weil er nicht glauben mochte, dass sie schon wieder leer war.

»Ach übrigens, Lucy«, begann Greg von Neuem, »du weißt hoffentlich, dass Blake in festen Händen ist. Er lebt mit einer Frau zusammen.«

»Ach wirklich? Und wieso bekommen wir die Dame dann nie zu Gesicht?«

»Vielleicht will er sein Privatleben nicht an die große Glocke hängen.«

Die Unterhaltung schleppte sich weiter. Sam dachte darüber nach, dass schon seit vielen Jahren Menschen auf dieses Dach hinaufstiegen, um in der schäbigen Hütte ihr Mittagessen zu verzehren, und dass er dadurch, dass er es ihnen gleichtat, eine lange Tradition fortsetzte. Er sprach den Gedanken allerdings nicht aus, weil er - übrigens sehr richtig - vermutete, dass die anderen seinen Respekt vor Traditionen nicht teilten.

»Was ist denn das?«, fragte Greg schläfrig und rieb einen Apfel an seinem Sweatshirt ab.

»Linsensalat«, sagte Lucy.

»Nein! Ich meine den Lärm da unten. Hört ihr das auch?«

Die anderen schwiegen und lauschten. Es hörte sich an wie ein ferner, Hochwasser führender Fluss.

»Irgendwelche Leute, die herumschreien«, stellte Kerri nervös fest.

»Scheint wieder mal eine Demo zu sein«, sagte Greg, der länger als die anderen im Labor arbeitete und an derartige Unterbrechungen gewöhnt war.

»Meinst du etwa, die schreien unseretwegen?«, fragte Kerri.

»Keine Sorge, Kerri. Demos sind hier an der Tagesordnung«, versuchte Lucy sie zu beruhigen und öffnete ihre Dose mit Cranberry-Saft. »Die meinen uns nicht persönlich.«

»Hört sich an, als wäre es ihnen bitterernst«, meinte Greg. »Aber ich glaube, hier oben können sie uns nichts anhaben«, fügte er an Kerri gewandt hastig hinzu.

Als der Lärm näher kam und lauter wurde, standen alle auf und spähten über die niedrige Brüstung nach unten.

»Ich habe Höhenangst«, sagte Kerri so leise, dass nur Sam sie hören konnte.

»Halt dich an mir fest. Ich lasse dich ganz bestimmt nicht fallen«, antwortete er fröhlich und legte einen Arm um ihre Schulter.

Conor lehnte sich weit über die Brüstung hinaus und drehte den Kopf in Richtung des Lärms. Schwindelgefühle schien er nicht zu kennen.

Als die Demonstranten um die Ecke bogen und sich den hohen, aus Glas und Beton bestehenden Universitätsgebäuden näherten, wurden die Geräusche lauter. Die auf dem Dach versammelte Gruppe konnte sogar einige Parolen deutlich verstehen.

»Was wollen sie dieses Mal?«, fragte Lucy gelangweilt.

»Das Übliche«, sagte Greg. »Tod den Wissenschaftlern und solches Zeug.« Seine Worte klangen flapsig, doch Sam konnte sehen, dass ihm die emporbrandende Aggression ebenso wenig gefiel wie Kerri oder Lucy.

Kerri zitterte ein wenig. Sam nahm sie fester in den Arm.

»Greg hat recht«, flüsterte er ihr zu, »hier oben sind wir sicher.«

»Mag sein«, mischte sich Greg, der Sams tröstende Worte gehört hatte, mit verbitterter Stimme ein. »Immerhin versuchen sie unsere Arbeit zu stören. Die Investoren sind davon sicherlich nicht gerade erbaut.« Unten auf der Straße wehte kein Windhauch. Die Demonstranten trugen T-Shirts und hatten ihre Jacken aufgeknöpft. Oben auf dem Dach blies eine leichte Brise Gregs lange, blonde Strähnen über seine Augen und behinderte so seine Sicht.

»Du denkst wirklich immer nur an Geld«, murrte Conor. »Was gehen uns die verdammten Investoren an?«

»Sie zahlen unser verdammtes Gehalt«, fuhr Greg ihn an.

»Nun übertreib mal nicht«, wandte Lucy ein. »Wir sind ein Teil der Universität und damit unabhängig.«

Greg lachte laut auf. Die Sonne spiegelte sich in seinen schmalen Brillengläsern. »Wer's glaubt!«, höhnte er.

»Willst du etwa behaupten, dass Blake uns verkauft hat?«, forschte Conor nach. »Glaubst du, wir sind nur ein Rädchen im Getriebe einer kapitalistischen Verschwörung?«

»Stoppt die Folter!« Irgendeine akustische Besonderheit führte dazu, dass die Worte plötzlich so deutlich zu hören waren, als stünde der Rufer unmittelbar neben ihnen.

Es war der Anführer des Zuges, ein schlanker...

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