Der Defekt

 
 
Kein & Aber (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2020
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-0369-9437-6 (ISBN)
 
In dem Sommer, in dem Mina dem achtzehnjährigen Vetko näherkommt, verändert sich für sie alles: Sie merkt, dass sie anders ist als der Rest des Dorfs. Was sich anfühlt wie ein Defekt, ein Fehler im System, wird für Mina bald der Punkt, um den sich ihr Leben dreht. Während Vetko und sie eine Verbindung zwischen Lust und Schmerz herstellen und Vetkos Forderungen immer existenzieller werden, sieht sie sich zusehends vor die Entscheidung gestellt, wie weit sie noch gehen soll. Duldet der Weg, den sie eingeschlagen hat, überhaupt einen Kompromiss?

Leona Stahlmann erzählt in außergewöhnlicher, sinnlicher Sprache vom Aufwachsen mit einer von der Norm abweichenden Sexualität und von den Rissen in unseren Begriffen von Heimat und Identität. Sie erzählt von Mensch und Natur und von der Wucht, wenn sie in ihrer Rohheit aufeinandertreffen.
1. Auflage, neue Ausgabe
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • Neue Ausgabe
  • 2,73 MB
978-3-0369-9437-6 (9783036994376)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Leona Stahlmann, geboren 1988, lebt in Hamburg und arbeitet als Autorin, Journalistin und Veranstalterin. 2017 gewann sie den Hamburger Förderpreis für Literatur, 2018 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literaturforums im Brecht-Haus in Berlin und gewann den ersten Wortmeldungen-Förderpreis. »Der Defekt« ist ihr Debütroman.

I


ZWEI SCHÜSSE


Vetko erschoss ihn dann selbst. Oder: verschoss, wie der Lohwieser gesagt hatte, als er Vetko seine Jagdbüchse lieh.

»Wenn du ihn verschießt«, hatte Lohwieser gesagt, »machs nicht in Taubners Revier, der kriegt das spitz, der redet, die Leut' reden. Du weißt ja.«

Vetko hatte genickt und geschwiegen und mit beiden Händen sein grünes T-Shirt gedreht, den Rand wie Zigarettenpapier aufgerollt. Er hatte zu Mina geblickt, an sich herunter. Lohwieser hielt ihm das Gewehr hin, die Haenel, die er dem Taubner aus dem Hochsitz geklaut hatte. Vetko nestelte am grünen Stoff und schaute nicht auf und nahm das Gewehr nicht. Lohwieser zog den Hebel zurück; das Patronenlager öffnete sich. »Ein Schuss nur ist drin«, sagte er, »dann musst du nachlegen. Einzelladerbüchse.«

Vetko presste Daumen und Zeigefinger eng um die Stoffrolle. Kaum merklich krümmte der Zeigefinger sich, kurz und wie ein Muskelzucken, ahmte nach, was Lohwieser am Abzug vorführte.

Eine Woche vor Schulbeginn wusste Mina noch immer nicht, wie sie ihren Sommer den anderen erklären sollte. Ob sie Vetko verschweigen konnte? Ob er es in der Schule herumerzählen würde? Sie hoffte, dass das, was Vetko in ihr verrückt hatte, von außen nicht sichtbar wäre. Noch bevor die Schule wieder begann, zog sie die Bilder dieses Sommers hervor, sorgfältig eines nach dem anderen, und pinnte sie gegen die Innenwand ihrer Stirn. Sie brachte sie in eine Ordnung, den Kuss, die Abdrücke der Fichtennadeln auf ihren Oberschenkeln, die Haut auf dem Becher Milch und zuletzt Vetkos Hand an ihrer Kehle. Sie betrachtete lange die Bilder, glänzend und ohne die Fingerabdrücke eines anderen außer ihr selbst, und dann fügte sie eine letzte Schicht hinzu, so behutsam, als würde sie mit Blattgold arbeiten. Am Abend vor dem ersten Schulmontag strich Mina eine Unschärfe über jedes Bild von Vetko und ihr, die die Nacktheit ihrer beider Körper und Vetkos Kopf gerade genug verwischte.

Sie wünschte sich, Vetko und sie würden hinter dem Knirschen von mit nach Hause gebrachtem Ostseesand in den Turnschuhen und dem Flattern von bleichblondem Salzhaar in den Sommergeschichten ihrer Freunde zurücktreten, übersehen werden und schließlich verschwinden. Mina würde Vetko in der Schule behandeln wie vor diesem Sommer auch: als den Sitzenbleiber, der immer allein in der ersten Reihe hockte. Was sie beide an den Nachmittagen trieben, würde sich verheimlichen lassen, bis sie genug davon hatte. Bis sie es verstanden hatte.

Vor ihr lief der Hund und vor dem Hund Vetko, es war sein Hund, ein Mischling mit stumpfem Fell und Nebel in den Pupillen. Früher war es einmal Miros Hund gewesen. Miro, Vetkos älterer Bruder, war im letzten Jahr an einem Sonntag nach Klößen und Rotkraut mit dem Sechserbus aus dem Ort gefahren und nicht wiedergekommen, während sie alle, Mina und Vetko und die anderen Schüler der Gesamtschule im Ort, noch Stuhl an Stuhl nebeneinandersaßen und der jeweils andere aufhörte, wo die Holzbeine seines Tischs begannen. Und auch, wenn sie alle nicht gewusst hätten, was tun, hätte die gewohnte Erstarrung des Raums sich eines Vormittags aufgelöst und Stühle und Tische und Körper ineinandergewirbelt wie in einem Kaleidoskop, Minas Gesicht in das von Robert, Malenes Hände in Fabians Schoß: Sie alle über ihren Heften stellten es sich vor und träumten besonders deutlich dort, wo ihre Stifte die Ränder der ordentlich eingeschlagenen Bücher berührten und ihre Füße parallel ausgerichtet zum Lehrerpult zeigten. Über dem Pult hing die große Uhr, die so tat, als könnte man eine verknotete Zeit regelmäßig bemessen, obwohl sie jeder von ihnen anders fühlte: mal voranbrausend, dass es ihnen schwindelte, mal so verhärtet, dass der Zeiger fast am Voranschieben der Sekunden zerbrach. Und doch tickte die Uhr täglich in einem absurd genau gleichbleibenden Maß von acht bis zwei und tat so, als wäre nichts; als wäre der Abstand zwischen jedem Ziffernblattstrich genau gleich, regelmäßig gesetzt wie Kommata in einem lang gezogenen Bandwurmsatz, den Schüler und Lehrer und alle anderen im Ort täglich zur selben Zeit im Chor aufsagten, zur Stunde genau: das Dorf eine Wanduhr und sie die herausfedernden Figuren darin.

Vetko bewunderte Miro, sie alle taten das, und er war stolz auf den Hund, den sein Bruder ihm vererbt hatte. Viele im Ort kannten Vetko nur als Miros kleinen Bruder; und als er den Hund bekam, war es für ihn fast gewesen, als wäre er selbst ein wenig zu Miro geworden. Abends, wenn er den Hund ausführte, breites Leder um den breiten Nacken des Tiers und die Leine sehr fest in der rechten Hand, ging er dann breitbeiniger als gewöhnlich und rief den Hund nicht laut zurück, wenn er ihn losgelassen hatte, sondern ahmte Miros gedämpftes Zungenschnalzen nach.

Jetzt lief das Tier mit einem schwankenden Gang, waberte mehr um die Hindernisse des Weges, als dass es sie umging, blieb an Steinen hängen, knickte in Bodendellen ein. Vetko vermied jeden Blickkontakt.

Mina trug die Haenel, Vetko den Spaten. Er ging rasch und federnd, der Mund entspannt. Durch das Gras am Weiher schwirrten kleine weiße Falter und streiften ihre Fußgelenke. Mina hätte ewig so laufen können in dieser Reihe aus drei Gehenden, schweigend durch den Wald, aus dem die Tagesfarben auswuschen, in dem die Tagesstille mit dem Nachtlärm wechselte: das zudringliche Rauschen der Grillen, das sich in der Dämmerung aufblähte und ein Zelt über die Bäume spannte.

Der Hund blieb nah an Vetko, folgte seinem Tritt in die dichter werdende Tannenschonung. Er schloss auf und rieb den Kopf an Vetkos Knie. Vetko blieb abrupt stehen. Die Wege hatten genauso aufgehört wie die Markierungen an den Bäumen: Hufe für Reitpfade, gelbe Rauten für Wanderrouten, Forstwirtschaftlicher Verkehr frei. Noch zwei Schritte, einer, und sie ließen das letzte Schild hinter sich, darauf die Umrisse einer Tanne in einem Kreis: der Bannwald, jenseits von Taubners Jagdrevier.

Wer im Forst bestimmte, konnte man auf einen Blick erkennen: Hier hatte Wild sich an Gebietsgrenzen zu halten, Maschendraht spannte sich um die Stämme frisch gesetzter Fichten, und das Wühlen der Wildschweine wurde mit Stromdrähten im Wald gehalten. Im Forst war es lärmig von Waldarbeitern, Wanderern, Wirtschaftlichkeit. Als sie in den Bannwald traten, steckten sie sich die Finger in die Ohren, über die sich eine luftdichte Taubheit gelegt zu haben schien. Sie schüttelten die Finger, um die Haube über den Ohren loszuwerden, aber als der Hund einem huschenden Eichhörnchen hinterherkläffte, begriffen sie: Da war keine Haube. Der Hund sprang nutzlos an einer ausladenden Weidbuche hoch, deren Stamm bis zur kahlen verbrannten Krone in zwei Hälften gespalten war; der aufgerissene Stamm war besiedelt mit melonengroßen Stachelbartpilzen, deren weiße zottige Stränge aussahen wie in einem Vollbart festgefrorene Schneewehen. In den Hungerwintern nach dem Krieg hatten die Frauen und Kinder im Ort sie von den Bäumen gekratzt und gegessen; Mina erinnerte sich, dass ihre Großmutter davon erzählt hatte. Vetko nahm die Finger aus den Ohren. Sie lauschten dem Hund, bis er sich beruhigte, und dann kamen auch die anderen Geräusche zurück wie eine Welle, die sich vom Ufer zurückgezogen hatte und mit neuem Schwung dagegenbrandete, das raspelnde Schwarmzittern der Insektenleiber, das schwere Flappen von Flügeln mit weiteren Spannbreiten als die der Finken und Dohlen, die es im Forst gab.

»Bereit?«, fragte Vetko. Mina kniete sich vor den Hund und streichelte seine Ohren.

Vetko band die Leine um den Stamm einer Fichte. Daneben wuchs eine Gruppe Fingerhutpflanzen, aufrechte schlanke Säulen, jede blühende Glocke voll mit Gift und greller roter Farbe, und im Licht der tief hängenden Sonne hinter dem Wald wirkte der Hund wie ein Märchenwolf aus einem Schattenspiel. Vetko nahm Mina bei der Hand und zog sie fort - zwei Meter, zehn, zwanzig.

»Vetko«, sagte sie leise, ein geduckter Versuch, aufzuhalten, was nicht aufzuhalten war. »Bist du dir sicher?«

Seine Hand in ihrer lag kalt unter einem Schweißfilm, er sagte: »Ja«, sagte: »Ich brauche keinen schwachen Hund.«

Der Hund winselte leise hinter ihnen. Da drehte Vetko sich um, nahm ihr in der Drehung die Haenel aus dem Arm, blickte starr durch das Zielfernrohr. Was er sonst nicht wusste, hatte Vetko in den Münzschlitz der Suchmaschine gefüttert und verwackelte Videos bekommen, die Schussdistanz erläuterten und dass man in den Kopf des Tiers schoss oder bei Wild den Blattschuss machte durch das Schulterblatt. Aber der Hund war ja kein Hirsch und kein Reh, sondern ein Hund.

Vetkos Zeigefinger krümmte sich, ein Zucken, wie Lohwieser es ihm gezeigt hatte. Doch die Kugel flog nicht gerade, sie beschrieb einen Bogen und prallte an der Fichte ab und sprang in die Böschung. Vetko, kaltes Wasser auf der Stirn und im Nacken, senkte das Gewehr, ließ seine Hand hastig zum Hebel seitlich des Zielfernrohrs fliegen, legte eine zweite Patrone ein, Einzelladerbüchse, und er schoss blindlings ein weiteres Mal auf den kläffenden, vor Angst und Erregung an der Leine reißenden Hund, und er traf, kaum zu fassen, den Hund auf die Stirn zwischen die Augen, und die Kugel drang ein in das Hundehirn und schlug vielleicht durch das, was sich mit feingliedrigen Ärmchen und Beinchen und Fühlern durch den Schädel des Hundes gefädelt hatte und ungeheuer schnell gewachsen war, schnell wie eine Sagengestalt und ebenso vielköpfig, und den Hund schwach gemacht hatte und hinfällig und fast blind.

Die Kugel trat am Hinterkopf aus, und Mina hätte gern gesagt: Der Schuss zerriss die Stille, aber er zerriss nichts, nur den Hundekopf mit seinem Tumor...

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