Simon, das Asperger-Syndrom und unser alltäglicher Wahnsinn

 
 
Ernst Reinhardt Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Juli 2020
  • |
  • 178 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-497-61356-4 (ISBN)
 
Duschen in der Badewanne, nächtliche Klavierkonzerte und komplizierte Wegbeschreibungen: Die Autorin nimmt uns mit in ihren oft turbulenten Alltag mit ihrem Sohn Simon, einem Erwachsenen mit Asperger-Autismus. Gemeinsam erleben sie Verwirrungen, Missverständnisse und Fehlinterpretationen, die mal heiter, mal nachdenklich stimmen. Dabei nimmt die Autorin selbst problematische Situationen mit einer Portion Humor und viel Leichtigkeit. Die Episoden öffnen eine Tür in Simons eigene Logik und zeigen typische Situationen und Handlungsweisen. Ganz das echte Leben! Der Trailer zum Buch:
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • Eltern Betroffener, Fachkräfte, die mit Menschen mit Autismus, insbesondere Asperger-Syndrom, arbeiten, Interessierte am Thema Autismus sowie Betroffene selbst
  • Neue Ausgabe
  • Reflowable
  • 3,13 MB
978-3-497-61356-4 (9783497613564)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Leora Stahl, Mutter zweier erwachsener Söhne (21 und 24 Jahre), von denen der Ältere vom Asperger-Autismus betroffen ist, gelernte Speditionskauffrau, ist freiberuflich als Nachhilfelehrerin tätig.

Man erkennt doch alles!

Vertraute Dinge sind für Simon wie selbstverständlich. Deshalb hinterfragt er deren Funktionalität oder Bedeutung auch nicht. Kleine Veränderungen in Beschaffenheit oder Farbe akzeptiert er, Hauptsache, der Gegenstand an sich bleibt derselbe. Muss er ausgetauscht werden, kommt Simon mit dieser Situation äußerst schlecht zurecht. Nach Leibeskräften versucht er, so etwas zu verhindern. Mir scheint manchmal, dass er sich den neuen im Vorfeld nicht vorstellen kann - wie gut oder funktional er im Vergleich mit dem alten ist. Abgesehen davon, dass er sich generell nie problemlos von Gewohntem trennen kann. Denn genau dieses Gewohnte, wie auch jede Art von Ritualen, gibt ihm Sicherheit und den roten Faden, strukturiert seinen Alltag.

Ich kann seine Schwierigkeiten beim Loslassen sogar nachvollziehen. Aus Simons Sicht bringt der normale Alltag bereits unverhältnismäßig viele Unsicherheiten und Unregelmäßigkeiten mit sich. Sich damit auseinandersetzen zu müssen, sie zu verstehen und zu bewältigen, ist für Simon Herausforderung genug. Jede zusätzliche - unnötige - Änderung beschert ihm daher völlig überflüssigen Stress. Bedauerlicherweise lässt sich manches nicht verhindern. Da tut es auch mir oft leid, wenn ich sehe, wie krampfhaft er an Dingen festhält und sich schwertut, diese loszulassen.

Wie sehr Simon die Augen davor verschließt, dass etwas unwiederbringlich kaputt gegangen ist, zeigt die folgende Situation, die vor zwei Jahren ein ziemliches Durcheinander mit sich brachte und uns lange beschäftigt hat.

Auf unseren jährlichen, obligatorischen Spanienurlaub bei unseren familienähnlichen Freunden freute sich Simon total. Die Koffer waren gepackt, wie üblich von mir - auch dies überfordert Simon. Ihm fehlt gänzlich das Verständnis, was man vor Ort benötigt und was weniger wichtig ist. Dass er allerdings seinen Personalausweis im Portemonnaie stets dabei hat, da kann ich mir absolut sicher sein. Dennoch, Erfahrung macht klug. Daher habe ich zumindest vor Verlassen des Hauses in Richtung Bahnhof noch einmal nachgefragt, ob er sowohl Portemonnaie als auch Perso am Mann habe.

Er warf pflichtbewusst einen schnellen Blick in seine Geldbörse. "Alles okay, habe ich", sagte er und wir zogen gut gelaunt ab zum Zug, der uns weiter zum Flughafen bringen sollte - und auch tat, soviel vorab.

Die Fahrt bis zum Flughafen dauerte. Mit Umsteigen, Warten und Fahrtzeit mindestens eineinhalb Stunden. Diese Zeit nutzen wir immer dazu, alles mehrmals detailliert durchzusprechen, sowohl das anstehende Prozedere im Flughafen und während des Fluges als auch die folgenden zwölf Tage in Spanien. Auch hier geben Struktur und Wissen Sicherheit und verleihen Simon die nötige Ruhe.

Das hatten wir auch in den vergangenen drei Wochen immer und immer wieder getan. Aber im Zug hatten wir ja Zeit und Muße. Simon konnte sich nochmals die Bestätigungen bei mir abholen, dass sich nichts an dem Plan geändert hat, auch nicht während der letzten zwei Stunden - man weiß ja nie!

Er hat generell immer Sorge, etwas vergessen zu haben, deshalb fragte er: "Meinen Perso habe ich doch dabei?"

Ich bestätigte, wohl wissend, dass er auf jeden Fall unmittelbar jetzt nachsehen würde: "Na klar, hast du zuhause, in der Haustüre stehend, überprüft. Aber guck noch mal in dein Portemonnaie, dann bist du ganz sicher."

Zum Glück sagte ich das, denn nun nahm das Schicksal seinen Lauf. Die S-Bahn war bereits eine Haltestelle vor dem Flughafen, wir befanden uns also maximal weit weg von zuhause. Simon kramte sein Portemonnaie heraus und besah sich triumphierend seinen Ausweis darin. Er war erleichtert, alles gut.

Eine nebensächliche Bemerkung ließ mich aufhorchen: "Hast du schon gesehen, dass der zu Dreiviertel in der Mitte durchgebrochen ist."

Das war keineswegs eine Frage, es war nur ein dahingesagter Kommentar seinerseits, denn dass dies ein Problem darstellen könnte, lag für ihn nicht auf der Hand.

"Wie - durchgebrochen?!"

"Nein, der ist nicht ganz durch. Der hängt noch an einer Stelle zusammen." Er sagte es mit absolut beruhigend klingender Stimme. Der Ausweis war da, alles super.

In meinem Kopf ratterte es in Millisekunden-Taktung. Gut, dass ich generell die doppelte Absicherung liebe; nur deshalb konnte ich die Fassung bewahren. Ich kramte kurz in meiner Handtasche und stellte fest: Perfekt, unsere beiden Reisepässe hast du dabei. Gut. Also Ruhe bewahren. Ich bat meinen sehr zufrieden scheinenden Sohn, mir seinen Personalausweis zu geben.

"Warum willst du den haben? Glaubst du mir nicht? Ich habe den natürlich hier. Guck." Und er gab ihn mir in die Hand. Wirklich wahr. Der Ausweis war mindestens zu Dreiviertel in der Mitte durchgerissen und hing nur noch am seidenen Faden oben zusammen.

Nur unsere Reisepässe in meiner Handtasche ließen mich die Nerven behalten. So konnte ich über Simons Unbedarftheit sogar schmunzeln, der währenddessen seinen Ausweis in aller Seelenruhe hin und her drehte und sogar regelrecht stolz bestaunte. Er fand diesen anscheinend in der aktuellen Ausführung interessant. Beunruhigt war er auf jeden Fall nicht.

"Simon, du weißt aber, dass der so nicht mehr gültig ist?"

Simon staunte über meine eigenartige Sicht der Dinge. "Nein, guck mal, ist alles noch perfekt zu erkennen, auch mein Foto."

Das stimmte, der Riss war mittig.

"Ja, aber so ist der trotzdem ungültig. Der muss ganz sein, nicht gerissen oder angerissen."

Jetzt war Simon seinerseits überrascht, aber immer noch alles andere als beunruhigt. "Kann ich nicht glauben. Du übertreibst immer so." Kurze Denkpause, dann: "Ist außerdem egal, die lassen mich damit natürlich trotzdem reisen. Man erkennt doch alles."

Ui, ui, ui, wenn die Welt so einfach wäre! Also sagte ich, auch um eine vor der Türe stehende Panik, dass der Urlaub gegebenenfalls ausfallen könne, im Keime zu ersticken: "Keine Sorge, ich habe deinen Reisepass eingesteckt. Mit dem lassen sie dich auf jeden Fall durch die Kontrolle und fliegen. Der Pass ist so viel wert wie ein gültiger Personalausweis."

Auch wenn Simon mir die Ungültigkeit seines Persos nicht abnahm, musste ich ihm doch jetzt dringend seinen Reisepass zeigen. Gesehen! Und sofort war er wieder mit seinem zerbrochenen, nein, nur angebrochenen Ausweis beschäftigt.

Obwohl ich es eigentlich besser wissen sollte, meine ich immer noch, dass ruhige und ausführliche Erläuterungen derartiger Situationen für zukünftige Gelegenheiten lehrreich seien. Deshalb sagte ich: "Einen Urlaub sollte man immer gut planen und so wichtige Dokumente generell auf ihre Vollständigkeit und den perfekten Zustand überprüfen. Ich nehme immer vorsorglich Personalausweis und Reisepass mit."

Aber Simon vertraut da vollkommen auf sein Verständnis der Welt. "Ach, Mama, die lassen mich doch nicht hier stehen, nur weil der Ausweis etwas kaputt ist. Die sehen doch, dass ich das bin."

Ich war sprachlos. Aber gut, wenn er meinte. "Ich schlage vor, dass du gleich mit deinem Personalausweis eincheckst. Mal sehen, was die sagen. Und für den völlig abwegigen Fall, dass denen der Perso so nicht reichen sollte, kann ich ja den Joker aus der Tasche ziehen und deinen Reisepass vorlegen. Fliegen kannst du, zumindest mit dem Pass. Mach dir keine Sorgen."

So schnell, wie er sonst die Nerven verliert . Er muss sich seiner Sache sehr sicher gewesen sein.

"Okay, Mama, du wirst schon sehen."

Und er freute sich auf den Urlaub. Die Bahn fuhr in diesem Moment in den Flughafen ein. Los ging's!

Flughafen ist eine immens stressige Atmosphäre für Simon. Er weiß nie so ganz, was und wie das jetzt vonstattengeht, obwohl wir es immer mehrfach minutiös durchsprechen und er auch nicht zum ersten Mal fliegt. Aber Simon mag den Flughafen nicht. Dort ist es laut, chaotisch und wimmelt vor Menschen - alles andere als übersichtlich.

In der Schlange beim Check-in steht man eine Weile. Wie oft er da in sein Portemonnaie gesehen hat, ob der Ausweis noch da war! Da war selbiger - in all seiner Ungültigkeit. Dann waren wir endlich dran. Ich legte meinen Ausweis auf den Tresen, er seinen.

Die Dame vom Bodenpersonal guckte nicht schlecht, als sie Simons in der Hand hielt. Ich werde nie vergessen, dass sie fragte: "Und das ist was?"

Simon: "Mein Ausweis." Fakten liefern, das beherrscht er perfekt.

Die Dame: "Aber . der ist ungültig."

Ich glaube, sie wusste nicht, ob lachen oder weinen. Ich für meinen Teil hatte Spaß und beobachtete einfach weiter. Sollte die Dame meinem Urlauber die Situation schildern, mir glaubte er ja nicht.

"Damit darf ich Sie nicht fliegen lassen. Das geht leider nicht."

Ich zückte ohne großes Aufheben den Reisepass, legte ihn auf den Tresen und die Mitarbeiterin der Fluggesellschaft nahm ihn erleichtert an sich.

Ich bat sie, Simon noch einmal klar und deutlich zu sagen, wie sich die Situation mit seinem Ausweis verhielt. Ich hatte den Eindruck, ihr war durch das Gespräch bereits klar, dass Simon hier nicht alles im Blick hatte. Sie gab ihm den Hinweis, dass es besser sei, wenn ich bis zum Rückflug den Reisepass bei mir behielte: "In Madrid ist der Personalausweis in dieser Form auch ungültig. Damit lassen die Kontrolleure auch in Spanien niemanden ins Flugzeug und nach Hause."

Dass ich den Reisepass bei mir behalten sollte, stellte aus Simons Sicht überhaupt kein Problem dar. Etwas anderes kam sowieso für ihn nicht infrage, denn - und dann mussten doch alle lachen: "Klar, die hatte den ja jetzt schon die ganze Zeit. Ich habe doch...

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