Madame Josette oder ein Dorf trumpft auf

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81109-4 (ISBN)
 
Nach "Monsieur Papon oder ein Dorf steht Kopf" hat Julia Stagg ihren zweiten Roman über das charmante französische Dorf in den Pyrenäen und seine eigenwilligen Bewohner geschrieben.

Als Stephanie einen vermeintlichen Einbrecher mit einem altbackenen Baguette niederstreckt, ahnt sie nicht, dass es sich dabei um den neuen Besitzer der Epicerie handelt. Fabian ist aus Paris in die südfranzösische Provinz gekommen, um den Lebensmittelladen von Madame Josette von Grund auf zu modernisieren. Doch er hat die Rechnung ohne das Dorf gemacht. Denn nicht nur Josette ist entsetzt, sondern auch die Bewohner, für die der Laden der zentrale Treffpunkt für Klatsch, Tratsch und Lebenshilfe ist. Sie werden es diesem zahlenbesessenen besserwisserischen Pariser zeigen. Besonders die alleinerziehende Stephanie hat es auf ihn abgesehen. Leider ist deren Tochter Chloé offenbar die Einzige, die den Mann aus Paris anhimmelt. Und Fabian verliebt sich am Ende ausgerechnet in seine ärgste Feindin.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 3,02 MB
978-3-455-81109-4 (9783455811094)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kapitel 1


Stephanie Morvan hatte noch nie einen Menschen getötet. Zumindest glaubte sie das. Sie hatte wohl hin und wieder in Rage ein paar Verwünschungen ausgesprochen, sich dann aber immer gleich davongemacht, bevor sie deren Wirksamkeit überprüfen konnte. Doch keiner ihrer Flüche war in der Absicht erfolgt, jemandem tödlichen Schaden zuzufügen. Normalerweise wünschte sie ihren Widersachern lediglich Hämorrhoiden oder üblen Mundgeruch. Daher war sie ihres Wissens noch niemals für den Tod eines Mitmenschen verantwortlich gewesen.

Bis jetzt.

Sie betrachtete die in Lycra gehüllte Gestalt, die ausgestreckt auf dem kalten Boden der Bar lag und unter dem dünnen Stoff nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien.

Dann fiel ihr Blick auf die Waffe in ihrer linken Hand. Wer hätte gedacht, dass etwas so Harmloses tödlich sein konnte? Als ihnen bei der Party in der Auberge des Deux Vallées das Brot und der Wein ausgegangen waren, hatte sie sich angeboten, die Straße hinaufzulaufen, um Nachschub zu besorgen. Josette hatte ihr die Schlüssel gegeben, und der stellvertretende Bürgermeister, Christian Dupuy, hatte sich mit ihr auf den Weg gemacht. Doch da er unterwegs von einem Nachbarn aufgehalten worden war, der sich nach der nächsten Sitzung des Conseil Municipal erkundigte, war Christian nicht mehr an ihrer Seite, als sie bei der Épicerie eintraf und feststellte, dass etwas nicht stimmte.

Das Gebäude, dessen Symmetrie etwas aus dem Lot geraten schien, da die Fensterläden auf der einen Seite wie immer offen standen, während die vor dem Ladenfenster ordentlich geschlossen waren, wirkte schief auf den Betrachter.

Aber etwas anderes ließ Stephanie stutzen.

Die Tür. Sie stand halb offen. Und Stephanie glaubte, Geräusche von drinnen zu hören.

Vorsichtig schlüpfte sie durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen, damit sie die Ladenklingel nicht auslöste, die Josette erst kürzlich hatte installieren lassen. Dann verharrte sie einige Sekunden, um ihre Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Nichts. Nur der Duft von frischem Brot und würziger saucisson, der sich mit dem erdigen Geruch von Kartoffeln mischte.

Stephanie versuchte sich gerade einzureden, dass Josette schlicht vergessen hatte, die Tür richtig zu schließen, als ein Knarren der Holzdielen ein Kribbeln in ihrem Nacken auslöste.

Da war jemand in der Bar, die an den Laden grenzte. Und weil fast das gesamte Dorf in der Auberge versammelt war, um deren Wiedereröffnung zu feiern, hatte dies wohl nichts Gutes zu bedeuten.

Stephanie streckte reflexartig die Hand nach etwas aus, womit sie sich verteidigen könnte. Ihre Hände berührten die kalte Oberfläche des Kühlschranks, glitten über den Eierkorb hinweg und streckten sich in Richtung der großen Messervitrine, die sich etwa in der Raummitte befand. Ihre Finger streiften lautlos über das Glas, in der Hoffnung, dass Josette sie einmal nicht abgeschlossen haben könnte. Vergeblich. Da hatte es auch keinen Zweck, es bei der kleineren auf der Theke neben der Kasse zu versuchen.

Stattdessen bewegte sich Stephanie nun ganz langsam nach rechts, wo sie das Geflecht eines Weidenkorbs ertastete.

Das Geräusch aus der Bar ertönte aufs Neue, dieses Mal lauter. Ein metallisches Klick-Klack, Klick-Klack, das immer näher kam.

Panik breitete sich in ihrer Brust aus, wie sie sie zuletzt vor vielen Jahren empfunden hatte, als sie mit ihrer kleinen Tochter nach Finistère geflohen war. Voller Verzweiflung stocherte sie mit ihren langen Fingern in dem Korb herum. Da. Endlich. Sie hatte eins gefunden. Mindestens drei Tage alt. Sie packte es und trat zu der Tür hinüber, die den Laden von der Bar trennte. Der Tür, die sich gerade langsam öffnete.

Sie brachte sich rasch in Stellung, als auch schon einige schwache Strahlen der Wintersonne durch die wachsende Öffnung drangen und an den Rändern der Dunkelheit nagten, in der sie sich versteckte. Nach und nach zeichnete sich die Silhouette einer Kreatur von allergrößter Scheußlichkeit ab.

Sie war so groß, dass sie kaum durch die Tür passte. Als sich der schwarze, zottelige Kopf langsam drehte, kamen tiefliegende Augen in weißen Kreisen zum Vorschein. Auf spinnenhaften Beinen, die in Pferdefüßen endeten und auf den Schieferfliesen des Ladens deutlich zu vernehmen waren, trat das Ungeheuer über die Türschwelle. Und als Stephanie ihren Arm hob, um zuzuschlagen, da streckte es ihr hummerähnliche Scheren entgegen, und ein hellrotes Licht leuchtete an einer Stelle auf, an der sich vermutlich sein Schwanz befand.

Bevor es sich ihr noch weiter nähern konnte, schleuderte ihm Stephanie ihren improvisierten Knüppel mit dem geballten Temperament eines Rotschopfs laut schreiend und mit voller Wucht ins Gesicht. Sie spürte den weichen Widerstand von Fleisch und Knorpel, bevor das Biest den Halt verlor, rückwärts in die Bar kippte und sein Kopf mit Wucht auf den Boden prallte.

In der Stille, die folgte und Stephanie die Gelegenheit gab, ihren Irrtum zu erkennen, hätte sie schwören können, dass ein Lachen aus der leeren Kaminecke ertönte.

 

Egal wie oft es ihm seine Lehrer versichert hatten, Christian Dupuy hatte sich selbst nie für einen geborenen Anführer gehalten. Er war immer der Meinung gewesen, ihre Bemerkungen hätten lediglich etingen? Sie waren doch derjenigwas mit seiner Größe zu tun, da er seine Klassenkameraden und bald schon auch die gesamte Lehrerschaft überragte. Seine hünenhafte Gestalt wuchs über die Grenzen der kleinen Bergschule hinaus, lange bevor sein Verstand ihr folgte. Daher war es nie seine Absicht gewesen, als Autoritätsfigur zu fungieren, und er hatte sich nur widerwillig zur Wahl für den Conseil Municipal der Gemeinde Fogas aufstellen lassen, die aus den Dörfern Fogas, Picarets und La Rivière bestand. Aber nachdem er erst einmal in den Gemeinderat gewählt worden war, tat er sein Möglichstes, um seinen Nachbarn auf jede nur erdenkliche Weise zu helfen.

Und so überraschte es niemanden – außer den schüchternen Landwirt selbst –, dass er bei den letzten Bürgermeisterwahlen zum stellvertretenden Bürgermeister berufen wurde. Und als der Bürgermeister, Serge Papon, dessen Frau gerade gestorben war, um eine längere Beurlaubung gebeten und Christian für die Zeit seiner Abwesenheit zu seiner Vertretung ernannt hatte, da hatte auch dies niemanden weiter überrascht.

Während er nun neben der Brücke in La Rivière stand und sich mit Philippe Galy über die aktuellen Entwicklungen in der Gemeindepolitik unterhielt, lag der Mantel der Macht leicht um Christians Schultern. Es war nichts, was seine Gedanken übermäßig beschäftigte, obwohl er sich ein klein wenig sorgte, wie wohl der andere stellvertretende Bürgermeister, Pascal Souquet – ein bekanntermaßen überaus ehrgeiziger Mann mit einer noch ehrgeizigeren Ehefrau –, auf diese Neuigkeit reagieren würde.

Doch als Stephanies Schrei die Nachmittagsluft wie ein heulender Wind zerriss, zeigte Christian instinktiv all die Eigenschaften, die seine Lehrer schon damals in ihm gesehen hatten. Bevor der Angreifer überhaupt auf dem Boden aufgeschlagen war, schrie Christian Philippe bereits zu, Hilfe von der Auberge zu holen, während er selbst in Richtung Épicerie stürmte. Er überquerte die Brücke mit donnernden Schritten, sodass die Erde sich aus den Lücken löste, in den Bach darunter fiel und dann in den tosenden Fluss geschwemmt wurden, der parallel zur Straße verlief.

Christian stapfte weiter, getrieben von dem Wissen, dass Stephanie nicht der Typ war, der schnell hysterisch wurde. In all den Jahren, die er mit ihr befreundet war, hatte er sie nur ein einziges Mal weinen sehen. Er war sich allerdings bewusst, dass sie ein stürmisches Temperament besaß, und so traf es ihn nicht ganz unvorbereitet, als er in den Laden gepoltert kam und Stephanie mit einem etwas lädiert aussehenden Baguette in der Hand über eine am Boden liegende Gestalt gebeugt erblickte.

»Was zum Henker …?«

Stephanies Blick schnellte zu ihm hinüber, und Christian trat unvermittelt einen Schritt zurück, als er den verstörten Ausdruck darin sah.

»Er ist auf mich losgegangen … ist wie aus dem Nichts aufgetaucht … Oh Gott! Habe ich ihn umgebracht?«

Sie fuhr sich mit einer zitternden Hand durchs Haar, während Christian sich hinkniete und seine Finger unter den Riemen des Helms der regungslos daliegenden Gestalt schob. Zu seiner Erleichterung fühlte er einen schwachen Puls.

»Alles halb so schlimm. Er ist nur bewusstlos. Ich glaube, der Helm hat ihn gerettet. Weißt du, wer das ist?«

»Ich habe keinen Schimmer. Ich dachte, er sei ein Ungeheuer …« Ihre Stimme geriet ins Stocken, als ihr bewusst wurde, wie albern das klingen musste, nun, da es offensichtlich war, dass es sich bei dem Mann nicht um irgendein Monstrum handelte.

Doch Christian vermochte nachzuvollziehen, wie leicht es zu einer solchen Verwechslung hatte kommen können. Der Mann auf dem Boden war sehr groß und spindeldürr, und seine skelettartige Statur wurde durch das eng anliegende Lycra nur noch mehr betont. Unter seinem Helm trug er eine wollene Skimaske, die sein Gesicht bis auf die Augen bedeckte, und seine Hände steckten in krallenförmigen Handschuhen. Seine schwarzen Tights endeten in unförmigen Schuhüberzügen, von denen jeder wie angegossen über die Spezialschuhe passte. Und unter seinem Körper drang das schwache Glühen eines roten Lichts hervor.

»Wieso sollte irgendjemand versuchen, in Radbekleidung in eine Bar einzubrechen?«

Bevor Stephanie darauf antworten konnte, vernahm sie aufgeregte Stimmen, und die Leute aus der Auberge drängten...

»Der Stagg-Erfolg hält
an.«

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