Vom Flüchtling zum Arbeitnehmer

Chancen und Grenzen von Integrationsprojekten
 
 
Schäffer Poeschel (Verlag)
  • erschienen am 6. September 2017
  • |
  • 154 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-7910-4069-1 (ISBN)
 

Die Flüchtlingskrise droht die Gesellschaft zu spalten. Populisten schüren mit Schlagworten wie Überfremdung und Konkurrenz um Arbeitsplätze Angst in der Bevölkerung. Das Buch liefert Fakten für eine sachliche Diskussion und zeigt ein differenziertes, realistisches Bild von Integration über Beschäftigung.

Probleme und Stolpersteine werden genauso benannt, wie die Chancen der Unternehmen, Flüchtlinge und grundsätzlich motivierte Menschen einzustellen und erfolgreich zu qualifizieren. Gleichzeitig bietet es Anregung und Hilfestellung zur Entwicklung eigener Initiativen und wagt einen Ausblick in die Zukunft.

Mit Praxisbeispielen von Unternehmen, die bereits Projekte zur Integration von Flüchtlingen gestartet haben.

weitere Ausgaben werden ermittelt

Herausforderung Integration - die volkswirtschaftliche Perspektive

(Kulturelle) Rahmenbedingungen der Integration in Unternehmen: Theorie und Praxis

Unternehmen übernehmen Verantwortung Wir-Zusammen - Integrationsinitiativen der deutschen Wirtschaft

Ausbildungsvorbereitung für Flüchtlinge: Siemens AG in Karlsruhe - ein Erfahrungsbericht

Ein Pionier in der Flüchtlingsintegration - Die Friedhelm Loh Group

Vom Flüchtling zum Arbeitgeber

Optimiertes Schnittstellenmanagement - ermutigende Integrationsbeispiele aus Südbaden

Die Beschäftigung von Flüchtlingen fördern - eine Übersicht über die Förderlandschaft

2   (Kulturelle) Rahmenbedingungen der Integration in Unternehmen: Theorie und Praxis


Veronika Hackl/Andreas Landes

2.1   Einleitung


2.1.1   Gelebte Vielfalt bietet Vorteile


Mit der Integration von Migranten machen Unternehmen einen großen Schritt in Richtung einer vielfältigeren Belegschaft; diese Entscheidung wird sich langfristig auszahlen: durch engagiertes und loyales Personal, das die Chancen, die Unternehmen geben, nutzen möchte und ganz spezifische Kenntnisse und Erfahrungen mitbringt. Unternehmen werden so internationaler, was sich wiederum positiv auf ihre Wettbewerbsfähigkeit in einem globalen Markt auswirkt und sie erfolgreicher werden lässt. Gelebte Willkommenskultur ist dabei der Schlüssel zur langfristigen und gelingenden Integration. Dazu müssen alle im Unternehmen mithelfen.

2.1.2   Der Integrationsprozess wirft Fragen auf


Wird der neue Auszubildende aus Syrien eine Frau als Vorgesetzte akzeptieren? Wenn der Geflüchtete beten will, soll ich das als Chef erlauben? Von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr wird integriert - und was passiert danach und am Wochenende? Worin unterscheidet sich die Integration Geflüchteter von der von Arbeitsmigranten, wie sie die deutsche Wirtschaft seit Jahrzehnten in großem Umfang aufnimmt? Welche Aufgaben rund um die gesellschaftliche Integration, insbesondere in den Arbeitsmarkt, übernimmt der Staat, welche sind von Unternehmen zu leisten? Sind Unternehmen überhaupt der Ort, an dem und durch den Integration gelingen kann? Es herrscht ein breiter politischer, gesellschaftlicher sowie wirtschaftlicher Konsens darüber, dass Integrationsbemühungen sowohl von der Aufnahmegesellschaft als auch von Migranten ausgehen müssen: Doch Unternehmen wird dabei eine Schlüsselrolle zugeschrieben.

2.1.3   Positive Effekte für individuelle Unternehmen und die gesamte deutsche Wirtschaft


Positive wirtschaftliche Effekte, sowohl für individuelle Unternehmen als auch für die gesamte deutsche Wirtschaft, sind schon Anfang des Jahres 2017 spürbar: Die Neuankömmlinge kommen nicht ungelegen für die deutsche Wirtschaft - die positive Wanderungsbilanz erlaubt z. B. die Besetzung von Ausbildungs- und Fachkräftestellen, die lange unbesetzt blieben. Die Zuwanderung Geflüchteter kann außerdem das deutsche Wirtschaftswachstum ankurbeln. Nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln wird das Bruttoinlandsprodukt durch den Zustrom Hunderttausender Menschen bis 2020 voraussichtlich um insgesamt rund 90 Milliarden Euro steigen. Das IW schätzt den BIP-Zuwachs für 2017 auf rund 0,4 Prozent. Bis 2020 könnte sich dieser Effekt auf knapp ein Prozent jährlich erhöhen, heißt es in der Studie. Wichtig sei allerdings, dass die Menschen möglichst schnell einen Job fänden.

2.1.4   Unternehmen in der Verantwortung?


Natürlich ist der Arbeitsmarkt nicht der einzig relevante Teilbereich moderner Gesellschaften. Wie die aktuelle Diskussion zeigt, kann er jedoch als Primärinstanz der Integration angesehen werden; gewissermaßen als zentrale Lebenswelt der Zuwanderer. So sollten seine zentralen Organisationen, also Betriebe und Unternehmen anerkennen, dass sie nicht nur Mittel zum Zweck sind, um Einkommen zu vermitteln und dadurch staatliche Transferleistungen an Zuwanderer zu vermeiden. Ihre gesellschaftliche Rolle liegt vielmehr darin, dass sie als soziale Systeme auch gewichtige soziale Akteure der Integration sind; dass sie als Träger und Vermittler gesellschaftlichen Wissens und kultureller Normen und Wertvorstellungen fungieren.

In den Betrieben und Unternehmen werden Kerninhalte soziokultureller Integration von Zuwanderern vermittelt - sei es explizit zur Erreichung des Organisationszweckes oder implizit im Sinne gelebter Interkulturalität bei der Koordination von Zusammenarbeit und Zusammenleben. Hier liegt die Chance, jenseits abstrakter nationaler, ethnischer oder religiöser Identitäten, soziale Kontakte und kulturelle Wissensbestände zu vermitteln, die den Integrationsprozess konkret werden lassen.

2.1.5   So wird Integration in Unternehmen umgesetzt


Der vorliegende Beitrag setzt sich mit dem Integrationsprozess von Migranten in Unternehmen auseinander. Unternehmen als Orte, an denen Integration stattfindet, stehen dabei im Fokus. Zentrale Theorien aus der Organisationsforschung und der interkulturellen Kommunikationsforschung werden mit konkreten Erfahrungen von betroffenen Akteuren zusammengebracht und in einem Gesamtkontext erklärt. Wie kann Integration gelingen? Welche Hebel sind entscheidend? Was machen Unternehmen im Einzelnen, wenn sie Geflüchtete integrieren?

2.2   Unternehmen als Akteure im Integrationsprozess


Die Rolle von Unternehmen als Akteure im Integrationsprozess von Geflüchteten lässt sich entlang von drei Fragen aufarbeiten. Erstens stellt sich die Frage aus einem integrationstheoretischen Blickwinkel: Wo wird bzw. kann eigentlich integriert werden? Wieso sind Unternehmen der 'geeignete' Ort für Integration? Zweitens lohnt sich der Blick auf die interkulturelle Organisationsforschung und die Frage: Welche strukturellen und kulturellen Bedingungen für Integration herrschen innerhalb von Unternehmen? Und drittens stellt sich ebenfalls aus der Organisationsforschung die Frage: Welche Prozesse und Mechanismen laufen innerhalb von Unternehmen bei der Integration neuer Mitarbeiter ab und welchen Effekt haben diese für die Geflüchteten?

(Quelle: Eigene Darstellung)

Abb. 2.1: Einflussfaktoren der Integration

2.2.1   Unternehmen als soziale Systeme der Integration


Die Antwort auf die Frage nach dem geeigneten Ort für die Integration ist bei weitem komplexer, als die landläufige Diskussion um die "Integration in Deutschland" vermuten lassen würde. Sie bringt aber gleichzeitig auch die Unternehmen ins Spiel. Zuallererst muss die Illusion von einer gesamtgesellschaftlichen Integration abgelegt werden, da diese voraussetzen würde, dass eine Nationalgesellschaft über ein einheitliches Set an Werten und Normen, eine einheitliche Vorstellung von sozialen Praktiken der Interaktion und legitimen Verhaltens oder eine einheitliche Vorstellung von dem, was 'Deutsch' ist, verfügt, sprich: dass die deutsche Gesellschaft selbst vollständig integriert ist. Dass dem jedoch nicht so ist, merkt jeder einzelne bei der Begegnung mit Mitmenschen aus einer anderen Region, eines anderen Bildungsniveaus, eines anderen Alters oder sogar des anderen Geschlechts. Egal aus welcher sozialtheoretischen Perspektive betrachtet, besteht Konsens darüber, dass Integration ein Alltagsphänomen mit lokaler Dimension ist (Radtke 2011, Soeffner/Zifonun 2005, Bommes 2003) und dass es insbesondere die einzelnen Funktions- oder Teilssysteme einer Gesellschaft sind, die Integration bewerkstelligen. Vor diesem Hintergrund muss auch die Integrationsleistung von Unternehmen verstanden werden. Sie sind Teil eines der zentralen Funktionssysteme einer bzw. jeder Gesellschaft, nämlich der Wirtschaft. Sie sind die Kerninstitutionen des Arbeitsmarktes, in denen Mitgliedschaft und Identität vermittelt wird und in denen ein Gutteil des alltäglichen Miteinanders stattfindet. Zugleich verfügt das wirtschaftliche Teilsystem einer Gesellschaft über eine enorme Legitimität und Symbolkraft bei den Bürgern. Die Zugehörigkeit zum System Wirtschaft - also dem Arbeitsmarkt - ist, besonders in der deutschen Gesellschaft, ein großer Teil dessen, was wir von anderen wahrnehmen und wie wir diese bewerten. Nicht umsonst steht die Frage nach dem Beruf oft ganz oben beim Kennenlernen neuer Menschen (vgl. auch Ramarajan/Reid 2014).

Damit liegen Unternehmen in einer Mittler-Position in Gesellschaften. Aus der individuellen Perspektive betrachtet, handelt es sich dabei um alltägliche Lebens- und Erfahrungsräume, also Orte, an denen Menschen aufeinandertreffen, sich austauschen und voneinander lernen. Aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus sind es Organisationen, die bereits über die Tatsache der Mitgliedschaft Legitimität und Identität innerhalb einer Gesellschaft vermitteln. Sie verfügen dabei einerseits über eigene Regeln des Mitgliedschaftserwerbs (Wer wird eingestellt? Welche Kompetenzen werden dafür benötigt?) und haben andererseits teil an den kulturellen Normen, Vorstellungen und Praktiken der jeweiligen Gesellschaft, in der sie sich befinden (z. B. benutzen sie die Sprache ihres jeweiligen Kontextes, berufen sich auf dessen Gesetze und folgen dessen sozialen Normen wie z. B. Hierarchievorstellungen) (Granovetter 1985, Glynn, Watkiss 2012).

Wenn wir Unternehmen also als soziale Teilsysteme in einem größeren Kontext betrachten, bedeutet das für die Fragen der Integration von Geflüchteten eine gewisse Herausforderung: "Die Entwicklung und das Fortbestehen sozialer Systeme im Allgemeinen [.] und Unternehmen im Besonderen hängt davon ab, wie es diesen Systemen gelingt, wirkungsvolle und bewährte Praktiken der Problembewältigung (Kluckhohn, Strodtbeck 1961; Schein 1985) zu generieren, anzuwenden und zu stabilisieren. Diese Herausforderung betrifft in einem besonderen Maße von kultureller Diversität und Interkulturalität geprägte Organisationen [.]" (Barmeyer, Davoine 2014, 14).

Die Integration Geflüchteter bringt unweigerlich Interkulturalität in das soziale System des...

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