Entwicklungspsychologische Grundlagen der Psychoanalyse

Band 2: Jugend, Erwachsenwerden und Altern
 
 
Kohlhammer (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Juli 2021
  • |
  • 180 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-17-036855-2 (ISBN)
 
Entwicklungspsychologische Theorien sind Grundlage psychoanalytischen Denkens. Wir benutzen sie, um unser Erleben und Verhalten besser zu verstehen - in Psychotherapien, pädagogischen Beziehungen und in der sozialen Arbeit. Theorien und Modelle der Psychoanalyse werden in diesem Buch mit Ergebnissen der empirischen Entwicklungspsychologie verbunden und offene Fragen herausgearbeitet. Der Autor beschreibt hier im zweiten Band Entwicklungsprozesse von der Schulzeit bis ins hohe Alter. Er zeigt, wie psychoanalytische Konzepte zu unterschiedlichen und sich oft ergänzenden Antworten kommen & etwa bei der Nutzung digitaler Medien, einem lang andauernden Übergang zum Erwachsenenalter, den Herausforderungen des Lebens mit Kindern und in der therapeutischen und pädagogischen Arbeit.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 3,26 MB
978-3-17-036855-2 (9783170368552)
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Hermann Staats, Prof. Dr. med., Sigmund-Freud Professor für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie und Leiter des Familienzentrums an der FH Potsdam und der Forschungskommission der Deutschen Psychoanalytische Gesellschaft DPG, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse (Göttinger Modell) und des Instituts für Forschung, Fortbildung und Entwicklung IFFE an der FHP, Mitglied des Beirats Wissenschaft und Forschung der Deutschen Gesellschaft für Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse D3G, Lehranalytiker und Supervisor der DGPT, DPG, IPA und D3G.
Langjährige Tätigkeit als Oberarzt an der Universitätsklinik Göttingen, zunächst in der Abteilung für Klinische Gruppenpsychotherapie, dann in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Habilitation zu Beziehungsmustern bei Paaren, Familien und Gruppen.

 

3          Fremd werden: Präadoleszenz


 

 

 

»Pubertät ist, >wenn die Eltern schwierig werden<«
(Arlt, 1992)

Einführung


Nach der Ruhe der »Latenz«, die heute etwa mit einer vierjährigen Grundschulzeit zusammenfällt, kündigen sich mit den körperlichen Veränderungen der Pubertät psychische und soziale Veränderungen an. Sie stellen die gewonnene Stabilität in Frage und erschüttern sie. Der mit Ungewissheit verbundene Wunsch, »groß« zu werden, wird zu einem sich selbständig entfaltenden Prozess, der auch als Bedrohung von Autonomie gesehen werden kann. Er führt zu Konflikten mit dem Wunsch, Kind zu bleiben und den Schutz der Eltern zu behalten. »Diffuse Unruhe, regressive Tendenzen und Stimmungsschwankungen, .eine zunehmende affektive Unsicherheit und Impulsivität kennzeichnen dieses Übergangsstadium« (Tyson & Tyson, 2009, S. 318). Trauer um den unwiederbringlichen Verlust der vertrauten Kindheit kündigt sich an. Kinder werden sich selbst »fremder« und erleben sich randständiger in ihrer Familie. Die »Entfremdung« von der Familie und zeitweise stark ausgeprägte Gefühle von Einsamkeit gehen idealtypisch in eine Bereitschaft, eigene moralische Urteile zu entwickeln, und in die Zuwendung zu anderen Menschen in der Adoleszenz über.

Die Präadoleszenz beginnt mit erheblicher Varianz um das 10. Lebensjahr. Sie wird hier als eine eigene Entwicklungsphase mit spezifischen Aufgaben beschrieben. Traditionell gelten für diese Übergänge und die Zeit der Adoleszenz heftige interpersonelle Auseinandersetzungen und abrupte Brüche als typisch. Heute werden auch ruhigere und »harmonischere« Verläufe beschrieben. Übergänge werden so weniger markant.

Lernziele


  Dezentrierung und Einsamkeit - das Beziehungs- und Selbsterleben der Präadoleszenz kennen und beschreiben können.

  Über-Ich- und Moralentwicklung im Zusammenhang mit körperlichen und sozialen Veränderungen sehen.

  Prozesse der Autonomieentwicklung verstehen.

3.1       Präadoleszenz und Einsamkeit


Mit dem Verlust einer als selbstverständlich empfundenen Zugehörigkeit zur Familie »als Kind« beginnen Kinder, sich »fremd« und damit auch einsam in der Familie zu fühlen. Sie erleben, von anderen, gerade auch den Eltern, nicht verstanden zu werden. Aus der Perspektive der Präadoleszenz kann ein typisches Erleben als »Ich bin anders als ihr« formuliert werden. In der Regel ist dieses Erleben mit einem Rückzug »an den Rand der Familie« verbunden. Dies leitet eine in der Adoleszenz deutlich zunehmende Verselbständigung ein. Über-Ich und Moralempfinden entwickeln sich vor dem Hintergrund einer Entfremdung von Vertrautem weiter - die Selbststeuerung von Verhalten nimmt zu. Zum Selbstbild gehört ein zunehmend persönlicher werdendes moralisches Urteil. Die vertretenen Normen sind zunächst noch wenig flexibel. Interpersonelle Konflikte und Auseinandersetzungen in den Familien, die mit einer zunehmend autonomen Selbststeuerung einhergehen, können als Übungsfeld für Distanzierung und Verselbständigung gesehen werden. Sie sind heute häufig weniger heftig als früher. Da die Latenzzeit in westlichen Kulturen durch ein zunehmend früheres Eintreten der Pubertät verkürzt wird, treten erste familiäre Konflikte zeitlich früher auf - die Kinder sind jünger. Konflikte werden möglicherweise dadurch von den Eltern als weniger bedrohlich wahrgenommen. Vielfach diskutiert wird auch, ob die Veränderung des Erziehungsverhaltens in Richtung eines »Aushandelns« von Regeln und Erwartungen und einem stärker partnerschaftlich ausgerichteten Interaktionsstil in Familien zu einer besseren Bewältigung dieser Konflikte beitragen. Die »heftigeren« Auseinandersetzungen in vergangenen Generationen wären dann ein Ergebnis autoritärer familiärer Machtstrukturen.

Während Bindung in der Kindheit das Überleben sichert, erhält sie in der Adoleszenz andere Funktionen. Sie wird Teil der Affektregulation in und durch Beziehungen (Allen & Manning, 2007). Peerfreundschaften werden neben der Beziehung zu den Eltern wichtig. Dieser Wechsel dauert lange. Er kündigt sich mit dem Erleben von Entfremdung und der Übernahme einer beobachtenden und bewertenden Position an. Die Selbst- und Fremdbilder passen nicht mehr, die Familie wird »peinlich«, die Welt ablehnend und unverständig: »Kein Mensch versteht mich!«. Mit dem Erleben dieser Einsamkeit geht die Suche nach einem Gefährten oder einer Gefährtin einher. Das Finden vertrauter Menschen außerhalb der eigenen Familie wird zu einer zentralen Aufgabe der Überwindung von Einsamkeit und Isolation. Empirische Untersuchungen zeigen die hohe Bedeutung dieses Entwicklungsschritts für folgende Beziehungen. Bleibende Isolation und Einsamkeit in dieser Altersphase haben starke Auswirkungen auf die spätere Gesundheit und die Lebenserwartung.

Die »Dezentrierung« des Denkens geht mit einem Nachdenken über sich selbst einher - wie bin ich, wie möchte ich sein, wie fühle ich mich wohl, wie kann ich Beziehungen gestalten? Diese Zeit wird oft als insoweit unglücklich erlebt, dass Werte und Normen der Familie infrage gestellt sind, aber noch kaum Möglichkeiten bestehen, das Leben anders als bisher in der Familie zu führen. Das Erleben, nicht mehr »das Kind zu sein, das man war«, belastet zunehmend stärker. Gruppen beginnen eine besondere Rolle zu spielen, da in ihnen Resonanz und Bestätigung des eigenen Fühlens gefunden wird. Neue Erfahrungen, auch mit der eigenen Einflussnahme und Gestaltung in Beziehungen werden gemacht. Peergruppen ( Kap. 4.5) und soziale Netzwerke ( Kap. 5) bieten andere Erfahrungen als die Familie. Die Zugehörigkeit zu Gruppen - und damit verbunden die Entwicklung von Identität und Identitäten - führt zur Anpassung an andere Normen (Kleidung, Musik), als sie bisher in der Familie galten. Eine Dezentrierung des Denkens wird dadurch gefördert, dass in Peergruppen radikal andere Werte vertreten werden als in Familie und Schule (»Chill doch mal!«) und diese - zunächst in der Regel noch im Schutz der Familie - erkundet werden. Astrid Lindgren hat das subjektive Erleben der Präadoleszenz (und eine idealtypische Lösung in der Adoleszenz) in dem Roman »Ronja Räubertochter« (Lindgren, 1981) anschaulich beschrieben.

Das »Sich-Fremdwerden« in der Präadoleszenz ist mit dem Beginn körperlicher Entwicklungen und Veränderungen verbunden, die mit dem Selbstbild noch nicht zusammenpassen. Die neue körperliche Erscheinung soll akzeptiert werden, die mit ihr verbundenen Aspekte (körperliche Kraft, Größe, erotische Anziehungskraft und Attraktivität) werden in Interaktionen bewusst und auch schon aktiv erprobt. Die zunehmende Ähnlichkeit mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil regt zur Identifizierung an (auch mit der Geschlechterrolle) und verschärft zugleich Konflikte um Autonomie und Abgrenzung gegenüber den Eltern. Die geringe Passung zwischen dem äußeren Erscheinen, dem Selbstbild und den Erwartungen der Außenwelt geht mit Erfahrungen der Kreditierung von Fähigkeiten , aber auch mit Kränkungen einher. Jugendlichen wird zunehmend mehr zugetraut. Dieser Transformationsprozess führt idealtypisch über Erfahrungen mit anderen Menschen zu einer Integration der äußeren und inneren Veränderungen in der Adoleszenz. Die Wege dahin variieren in Abhängigkeit von individuellen Entwicklungen und kulturellen Anforderungen stark. Sie stehen im Dienst einer zunehmend selbständigen Regulation des eigenen Verhaltens und Erlebens. Mit der biologische Reifung der Gehirns in dieser Zeit tritt die Entwicklung von Über-Ich und Ich-Ideal in den Vordergrund. Aspekte des Über-Ich (z. B. manche Anforderungen der Eltern) werden bewusst und können in Interaktionen mit anderen Gruppen überarbeitet werden. Die Über-Ich-Entwicklung dient der Verselbständigung. Sie wird an dieser Stelle zusammenfassend dargestellt.

3.2       Über-Ich-Entwicklung


Die Dezentrierung des Denkens und die Entwicklung eigener Normen und Werte hat als biologisches Korrelat die Reifung der Verbindungsbahnen zum Frontalhirn. Dieser phylogenetische jüngste Teil unseres Gehirns tritt...

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