Fern wie Sommerwind

 
 
cbt (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Mai 2013
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09746-2 (ISBN)
 
So viele Leben wie Funken im Meer ... und eine Liebe am Strand!

Ganz ehrlich! Noras größtes Problem ist, dass sie sich ihr Leben lieber vorstellt - in den verrücktesten Visionen ihrer Zukunft -, als es einfach zu leben. Doch jetzt kommen die letzten Ferien, der Sommer der großen Entscheidungen. Nora verbringt ihn an einem hübschen Badeort am Meer und jobbt als Drachenverkäuferin am Strand. Neben dem Kaffeemädchen und den Eisverkäufern ist da auch noch Popcornjunge Martin, mit dem schönen Lächeln und dem sonnengelben Haar. Als Martin sich immer wieder in Noras Tagträumereien verirrt, wird klar: Wenn es um ihn geht, sollte das Leben auf keinen Fall nur im Kopf stattfinden .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 1,12 MB
978-3-641-09746-2 (9783641097462)
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Ich schreibe Briefe an meine Zukunft. Und jedes Mal, wenn ich sie in den Briefkasten werfe, merke ich, dass sie falsch adressiert sind .

DIESER SATZ SPUKT seit dem frühen Morgen in meinem Kopf herum. Eigentlich schon seit dem Aufwachen, da hatte ich ihn leise wiederholt, immer wieder, um ihn aus dem Traum mitzubringen. Ich stand ewig vor dem Spiegel, mit der Zahnbürste im Mund, und überlegte, wo der herkam. War das ein Zitat? Oder hatte ich mir diesen Satz irgendwann einmal ausgedacht und in eins meiner Tagebücher geschrieben? Und warum konnte ich mich nicht richtig daran erinnern?

Jetzt stehe ich am Strand, schaue den kleine Wellen zu, die über den glatten Sand schwappen, und überlege immer noch. Ich rücke das bunte Baumwolltuch zurecht, das ich mir zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gebunden habe. Dass man sich so schlecht an Dinge erinnert, die noch gar nicht lange zurückliegen können, finde ich wirklich quälend. Man sucht und sucht, ganz tief, in den hintersten Hirnwindungen und bekommt unterdessen Kopfschmerzen davon. Heute früh habe ich prophylaktisch zwei Paracetamol geschluckt, aber manchmal hält das nicht den ganzen Tag, und es findet sich trotzdem irgendein Grund, warum dieser stechende Schmerz, der meistens im rechten Auge beginnt, sich seinen Weg bis in den Hinterkopf bahnt.

»Das ist Migräne, Schätzchen«, sagt Mama dann immer und bringt mir kalte Kompressen, die aber kaum was helfen. Sie zieht die Jalousien runter und kocht literweise Melissentee. Sie singt leise irgendwelche Schlaflieder. Das ist nett gemeint, aber im Grunde anstrengend, denn das Einzige, was wirklich hilft, ist Ruhe. Ich habe ihr das schon oft versucht zu erklären, aber Mütter können einen offenbar nicht in Ruhe lassen, sie müssen stattdessen alle fünf Minuten nach dem Rechten sehen und fragen: »Geht's schon besser?« Irgendwann werde ich dann pampig, und sie beleidigt, und das macht die Kopfschmerzen nur noch schlimmer.

Jetzt ist Mama nicht da. Ich kann also meine Stirn vor Schmerz in Falten legen, ohne dass gleich jemand um mich herumspringt, der helfen möchte.

Ich grabe meine Zehen in den warmen Sand, der, je tiefer man kommt, immer kühler wird, und nasser, und an der Haut kleben bleibt. Ich massiere mir die Schläfen mit kleinen Kreisen, erst ganz sanft und schließlich mit mehr Druck, so lange bis der Schmerz des Druckes und der des Kopfes ungefähr gleich stark sind und sich für einen kurzen Augenblick gegenseitig aufheben. Dann hole ich aus meinem Rucksack die Halbliterflasche mit Lemon Ice Tea und trinke ein paar Schlucke, nicht zu viel, damit ich nicht gleich wieder pullern muss.

Also, was ist das mit der Zukunft und den Briefen nun? Ich muss mir den Satz merken und, wenn ich wieder zu Hause bin, alle meine Tagebücher danach durchstöbern. Wahrscheinlich kommt der wirklich von mir. Aufgeschrieben in einem Anfall von Verzweiflung, bei dem Versuch, diese schrekliche Langeweile zu vertreiben, die mich manchmal überkommt, sodass ich das Gefühl habe, daran ersticken zu müssen.

Aber jetzt bin ich erst einmal hier, weit weg von zu Hause, in diesem kleinen, kinderfreundlichen Touristenörtchen an der Ostsee, wo fast nur Familien ihren kostbaren Urlaub verbringen. Die Kinder können hier kreuz und quer über den Strand flitzen, laut sein und weinen, wegen dem Eis, das in den Sand gefallen ist, und alle nicken mitfühlend, sind verständnisvoll und lächeln sich an.

Ich habe genug Zeit, mir das Treiben in Ruhe anzuschauen, denn ich arbeite hier als Strandverkäuferin. Ich verkaufe Drachen an eben diese Kinder, die gerade erst ihr Eis verloren haben und von den Eltern, zum Trost und zur Ablenkung, mit einem bunten Drachen beschenkt werden.

Das Eis vorher hat ihnen Rocco verkauft, auch einer von uns Strandverkäufern, von denen es hier ein paar gibt. Martin und James verkaufen Popcorn. Ruth verkauft Eiskaffee. Und dann gibt es noch ein paar Typen, die verkaufen heiße Bockwürste mit Senf. Der größte Renner hier am Strand. Das verstehe ich nicht, schließlich ist es schon heiß genug, da muss man sich nicht noch heiße Würstchen antun.

Drachen zu verkaufen ist die dankbarste Aufgabe. Drachen sind schön und bunt und bringen die Kinderaugen zum Glänzen - vor allem, wenn die Väter mit der Schnur losrennen, sich halb verheddern im Windschutz anderer Badegäste, entschuldigend den Mund verziehen, beinahe stolpern und schließlich doch den Drachen in die Lüfte ziehen, so hoch, bis er sich selbst in den Wind legt und am Himmel schaukelt, hoch oben in den Wolken. Dann dürfen ihn die Kinder auch halten. Ganz ehrfürchtig sehen sie dabei aus, mit nach hinten gestrecktem Hals und offenem Mund.

Drachen sind besser als Bockwürste, ganz klar, bringen allerdings den kleineren Umsatz.

Ich bin jetzt seit sechs Tagen hier. Freitag bin ich mit dem Zug angekommen, am späten Abend. Und gleich ist mir diese unglaubliche Meeresbrise ins Gesicht geweht. Da wusste ich hundertprozentig, dass das Ganze eine grandiose Idee gewesen war.

Ich wohne bei Frau Mertens, einer älteren Dame mit einem sehr faltigen, sehr netten Gesicht. Frau Mertens hatte eine Annonce in der Zeitung aufgegeben, dass sie für die Sommersaison gerne ein Zimmer an eine junge, aufgeschlossene Frau vermieten würde. Schon am Telefon waren wir uns sympathisch, irgendwie stimmte die Chemie auf Anhieb. Sie klang überhaupt nicht wie eine alte Frau, sondern richtig fit. Trotzdem war ich etwas nervös, als ich ein paar Wochen später vor ihrer Tür stand und klingelte. Ich wartete mit meinem Rucksack auf der weiß gestrichenen Veranda, die aussah wie aus einem alten Film. Der weiße Lack blätterte ab, der Efeu rankte an den Pfosten hoch und da stand ein kleiner Tisch mit Blümchenplastikdecke und zwei Stühlen. Die ganze Situation fühlte sich plötzlich unwirklich an. Mit einem Mal fand ich die Vorstellung beunruhigend, einfach so bei jemand Fremdes zu wohnen.

Aber als Frau Mertens öffnete, wurde ich gleich mit einer Umarmung begrüßt, so als wären wir alte Bekannte. Sie trug ein apfelgrünes Kleid mit einem braunen Gürtel um die Hüften. Aus den Birkenstocksandalen lugten lackierte Zehen, dunkelrot. Auf dem Kopf trug sie einen Strohhut, an dem ein paar kleine Blümchen steckten. Eine Dame mit Sinn für Accessoires. Das gefiel mir.

»Sag doch Irmi zu mir«, hat sie freudestrahlend gerufen.

Und das war sehr nett, aber mir wurde beigebracht, Ältere zu siezen, und zu jemandem, der schon so alt ist, hatte ich noch nie Du gesagt. Irgendwie käme ich mir dabei komisch vor. Bis jetzt habe ich möglichst jede Anrede vermieden. Das Ergebnis ist, dass ich mir doppelt so albern vorkomme, aber ich hoffe, mit der Zeit wird sich schon eine Lösung dafür finden. Dann muss ich mir morgens am Frühstückstisch nicht dreimal überlegen, wie ich am besten an die Kanne Tee am anderen Tischende komme.

Den Job als Drachenverkäuferin habe ich im Internet gefunden, bei Studentenjobs. Ich bin zwar keine Studentin, aber am Telefon habe ich gesagt, dass ich vielleicht mal eine sein werde, und das fand der Mensch am anderen Ende der Leitung offenbar so charmant, dass er mir gleich zusagte, sogar ohne mich vorher zu sehen. Er gab mir die Mailadresse von einem gewissen Max, der vor Ort alles regeln würde, und bat mich, das Weitere mit ihm zu besprechen.

Max ist so um die Vierzig, hat schon einige graue Haare und scheint ein wenig genervt von seiner Aufgabe, mit den ganzen »jungen Leuten« kommunizieren zu müssen. Er nörgelt ständig herum. Seine Jogginghosen sind an den Knien unglaublich ausgebeult und überhaupt scheinen sie viel zu groß, jedesmal habe ich Angst, sie könnten ihm gleich vom Hintern rutschen.

Morgens müssen wir alle die Ware und das Wechselgeld bei Max zu Hause abholen. Abends werden die Einnahmen abgeliefert. Wir treffen uns dazu auf seiner Veranda und stehen seltsam stramm, während Max mit mürrischem Gesicht das Geld zählt. Er sieht dabei manchmal so angespannt aus, dass mir ein Stein vom Herzen fällt, wenn das ganze Prozedere durch ist und er uns endlich unseren Lohn auszahlt, nicht ohne einen blöden Spruch abzulassen. So als würde er uns einen großen Gefallen damit erweisen.

Martin und James machen immer Blödsinn hinter seinem Rücken, sie verziehen ihre Gesichter und äffen ihn nach. Ruth und ich stehen da und versuchen, uns das Grinsen zu verkneifen.

»Was gibt's da zu lachen? Der Umsatz war miserabel. Hätte ich das gewusst, hätte ich meine Oma hingeschickt!«, murrt Max dann und schnaubt vor sich hin.

Wir reißen uns dann noch kurz zusammen, brechen aber spätestens in Lachen aus, wenn wir alle bei Dario sitzen und auf unsere Pizza warten. Ich liebe Darios Pizzeria, die Küche mit dem riesigen gemauerten Steinofen ist offen, und es macht Spaß ihm zuzuschauen, wie er den Teig hoch in die Luft wirft, fast bis zur Decke. Außerdem läuft dort die ganze Zeit so schräge Musik eines lokalen Radiosenders, die bis auf die Terrasse hinaustönt.

Eigentlich sind die Abende das, worauf ich mich am meisten freue. Es hat sich einfach so ergeben, dass wir den Feierabend gemeinsam verbringen. Normalerweise bin ich zurückhaltend, wenn es darum geht, neue Leute kennenzulernen, aber die vier sind wie ganz selbstverständlich auf mich zugekommen. Sie sind nett, sehr sogar, und ich bin nicht alleine.

Anders als bei der Arbeit. Da lege ich ewig viele Kilometer zurück und schlappe in meinen Flipflops durch den weichen Sand. Eigentlich könnte das sehr entspannend sein, hatte ich mir vorgestellt, doch mein Gehirn lässt mir keine Ruhe. Ich weiß gar nicht, woher das kommt. Manchmal frage ich mich, ob es anderen Menschen auch so geht. Unablässig drängen sich irgendwelche Gedanken in den Vordergrund. Mit immer neuen Problemstellungen.

Jetzt...

"Wunderschönes Gedankenkino!"
 
"Ein lesenswerter Roman, der eine leichte Sommerbrise einfängt und weitergibt."
 
"Ein sehr unterhaltsamer Jugendroman, der definitiv Reisefieber auslöst, der für Spass und gute Laune sorgt, der aber auch das wahre Leben zeigt."
 
»"Fern wie Sommerwind" war für mich ein echtes Lesehighlight. Ich habe jede einzelne Seite bewusst genossen.«

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