Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2013
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81102-5 (ISBN)
 
Alles geht den Bach runter.
Die Freundin ist weg, sein Graphikbüro in Hamburg pleite - Thomas Troppelmann wächst alles über den Kopf. Er setzt sich in den Zug, lässt sich durch Deutschland und durch seine Erinnerungen treiben, bis er sich in einem Kurort wiederfindet, in dem er schon als Kind nicht sein wollte ... Frank Spilker, Kopf der legendären Hamburger Band "Die Sterne", erzählt eine Geschichte vom Niedergang, und das so lässig und lakonisch, dass man seinem Helden liebend gern folgt.
Beängstigende Anwandlungen plagen Thomas Troppelmann. Unvermittelt schlägt er sich durchs Walddickicht, während er eigentlich im Büro in Hamburg-St. Pauli sitzt. Seit ihn seine Freundin verlassen hat, läuft sein Leben aus dem Ruder. Die Aufträge zum Artwork von Plattencovern sind dramatisch geschwunden. Und jetzt wird er mit seinem Graphikbüro "Tropical Design" auch noch aus den Räumen geworfen, weil er es versäumt hat, den Mietvertrag zu verlängern. Da bleibt nur eins: rein in den Zug und raus aus Hamburg. Doch je länger die Fahrt dauert, desto unübersehbarer die Anzeichen, dass etwas Gespenstisches im Gange ist, dessen Ausmaße Thomas noch nicht einmal ahnt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 3,76 MB
978-3-455-81102-5 (9783455811025)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Frank Spilker wurde 1966 in Herford geboren, lebt in Hamburg. 1987 gründete er die Band Die Sterne, die mit Liedern wie »Was hat dich bloß so ruiniert« oder »Fickt das System« zu den einflussreichsten musikalischen Formationen in Deutschland zählt.

3


Ich fühle mich in einer Zahlenreihe gefangen. Vielleicht bin ich die Drei, dann wäre das vor mir die Zwei und hinter mir die Vier. Aber wer ist dann das Mädchen neben mir? Sie trägt ein rotes Hemd, ich trage ein blaues. Ich soll ihre Hand halten, aber das will ich nicht. Ich will auch nicht die Drei sein. Ich möchte nicht mehr laufen. Die Sonne dröhnt über uns in ihrer ganzen Pracht, und unsere Füße wirbeln Staub auf. Auf meinem Rücken hängt ein Sack, dessen Riemen sich immer tiefer in die Schultern graben. Die Staubwolke weitet sich zu einem Sandsturm aus.

Ein Wirbelwind brüllt mich an und klingt wie tausend Stimmen, die durcheinander schreien. Dann plötzlich wie das Kreischen von Affen, in deren Mäuler man Watte gestopft hat. Ich höre das Kampfgeschrei erst nur gedämpft, dann immer lauter. Irgendwann kann ich es nicht mehr ignorieren. Aber erst als ich einen Ruck von der Seite verspüre, wird das Bild klarer. Etwas hat mich berührt. Ein CD-Regal im Flur ist krachend umgestürzt. Nick hatte wohl das Gefühl, er müsse zum Ausgleich dafür, dass ihm ein Nachteil entstehen könnte, irgendetwas kaputt machen.

Ich brauche zu lange, um mein Sprachzentrum wieder zu aktivieren. Als ich endlich so weit bin, etwas zu erwidern, sind sie längst fort. Das Regal muss wieder aufgestellt werden, es liegt mitten im Gang auf dem Weg zu den Toiletten. Seltsamerweise hat niemand Kenntnis von dem Vorgang genommen. Auch von mir nimmt niemand Kenntnis, und niemand kommt, um mir zu helfen, das Regal hochzuwuchten und die CDs aufzusammeln. Es ist eine mühsame Angelegenheit, weil auf einem der obersten Regalböden ganze Kartons mit Belegexemplaren und Promo-CDs gestanden haben. Etliche der leicht zerbrechlichen Hüllen sind nicht mehr zu gebrauchen. Ich stelle das Regal wieder auf und stopfe alles einfach irgendwie hinein. Die defekten Hüllen müssen wir später irgendwann mal aussortieren.

 

Klick.

Als ich wieder am Schreibtisch sitze, betrachte ich nachdenklich den Poststapel. Könnte es sein, dass ich etwas übersehen habe? Einen Brief von der Hausverwaltung hätte ich doch auf jeden Fall zur Kenntnis genommen. Oder nicht? Zögernd nehme ich einige Umschläge in die Hand und öffne sie umständlich. Die ersten drei Schreiben sind deprimierend langweilig, und ich merke, dass mir jetzt die Kraft fehlt, um alles durchzusehen. Für den Fall, dass der Vermieter sich entschlossen hätte, uns loszuwerden, würde das Auffinden des Vertrages ja jetzt auch nichts mehr nützen.

Klick.

Klack …

Wieso »Klack«? Es ging doch »Klick«? Und noch einmal.

Klack …

Es könnte ein Stein gewesen sein, der auf den Schreibtisch gefallen ist. Tatsächlich liegen dort einige Krümel des Mauerwerks.

Kracks.

Schon wieder. Ich blicke nach oben zur Deckenverkleidung, die schon immer etwas schief herunterhing. Bisher hat es mich nie gestört, im Gegenteil. Sie scheint leicht zu schaukeln. Ein Seitenblick auf die Jalousien bestätigt mir, dass das Schaukeln auch vom Windstoß herrühren könnte, der plötzlich durchs Büro fegt, weil irgendjemand die Tür zum Flur offen gelassen hat, aber genau in diesem Moment landet schon wieder ein Stückchen bröseliger Beton auf dem Schreibtisch, dieses Mal in einem Wasserglas, das neben dem Monitor steht. Gleich darauf und direkt daneben ein weiterer Einschlag.

Mein Blick wechselt zwischen dem Schutt auf dem Schreibtisch und der Deckenverkleidung hin und her. Die Gesteinsbrocken müssen ja von oben kommen, aber dort ist nichts zu erkennen. Wieder und wieder kracht es, bis aus den einzelnen, voneinander unterscheidbaren Detonationen ein gleichmäßiges Prasseln wird, dann ein Rauschen, und plötzlich klingt es so, als würde sich ein Kieslaster seiner Fracht entledigen und die gesamte Deckenverkleidung mit einem Mal herunterkommen. Ich rette mich unter den Tisch, so wie ich es in einem japanischen Erdbebenvideo gesehen habe. Staub und Dreck benebeln mir die Sicht und dringen in Mund und Nase ein.

Einige Zeit später, für mich eine Ewigkeit, kommt Matthias zu mir unter den Tisch gekrochen und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich stehe langsam auf. Der Raum verschwimmt vor meinen Augen, und so lasse ich mich zur Sicherheit wieder auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Etwas Flüssiges soll mir helfen, den Staub herunterzuspülen, von dem ich noch nicht einmal sicher weiß, ob er echt ist. Das Wasser aus dem Glas neben dem Monitor schmeckt scheußlich, wie aus einem Brunnen, in dem ein Tier verwest. Es hat wohl zu lange gestanden.

Matthias ist der Einzige, den ich hier noch sicher auf meiner Seite weiß. Während alle anderen wirtschaftlich davon abhängig sind, was sie hier tun, ist Matthias lediglich so etwas wie ein Hobby-Grafiker. Sein eigentliches Geschäft ist das Auflegen von Platten auf Großveranstaltungen. Mit anderen Worten, er ist ein DJ-Star. So hoffnungslos überbezahlt wie unter der Woche unterbeschäftigt, weshalb er sich gern bei uns herumtreibt. Er trägt einen dünnen knallgelben Schal, beinahe eher ein Halstuch. Ein Accessoire, das mir so noch nie aufgefallen ist, aber wenn Matthias es trägt, bedeutet das wahrscheinlich, dass man es in nächster Zeit häufiger zu sehen bekommt. Matthias nutzt die Zeit, die er auf Flughäfen oder in den hippen Einkaufsvierteln europäischer Großstädte verbringt, dazu, sein frisch verdientes DJ-Geld in Mode zu investieren. Entsprechend vielseitig ist seine Garderobe. Man sieht ihn nie zweimal in demselben Outfit, schon gar nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen.

Es stellt sich heraus, dass er essen gehen will. Ich quäle mich von meinem Sitzmöbel hoch und suche meine Sachen zusammen. Alle kommen mit. Alle bis auf Caren, die ohne Regung einfach sitzen bleibt, und Claudio, der fast immer Migräne hat.

Im Novembergrau latschen wir den kurzen Weg vom Büro zu unserem Stammrestaurant. Die Fenster in den Wohnhäusern sind grau und leer, die meisten Menschen sind bei der Arbeit. Mir fällt auf, dass es in diesem Viertel immer weniger vergilbte Gardinen gibt, welche die mit Nippes voll gestellten Fensterbänke verdecken. Noch vor ein paar Jahren war das ganz anders. Die alteingesessenen Raucher und Alkoholiker geben nach und nach den Löffel ab, und eine neue Generation von Verlierern rückt nach, die sich von der vorangegangenen nur dadurch unterscheidet, dass sie keinen Nippes sammelt und keine Gardinen mehr hat. Die Loser fallen nicht mehr so auf, aber trotzdem scheinen es immer mehr zu werden.

Eines der Fenster, an denen wir vorbeikommen, ist besonders trostlos. Allem Anschein nach handelt es sich um ein leer geräumtes ehemaliges Wohnbüro. Ein Haufen toter Fliegen liegt auf dem Fensterbrett, während etliche ihrer lebenden Verwandten nach einem Ausweg aus dem Raum zu suchen scheinen, den es wohl schon lange nicht mehr gibt. Ich will nicht wissen, woher sie kommen, kann den Gedanken daran aber nicht ganz unterdrücken. Die Fensterscheibe ist staubig, man kann kaum hindurchsehen, eine Oase der Trockenheit inmitten all des Wässrigen, das diese Stadt ausmacht. Die Trockenheit kann ebenso Tod bringend sein wie das Wasser. Die Kunst besteht darin, sich zwischen den beiden Zuständen hindurchzumogeln, genug Feuchtigkeit abzubekommen, um weiterleben zu können, und trotzdem zu atmen.

»Vielleicht sollten wir gar nicht essen gehen, sondern was trinken?«

»Na klar, Troppelmann, wenn das jetzt schon um diese Zeit losgeht, dann gute Nacht, Marie.«

»Kein Alkohol. Einfach Wasser oder so.«

»Um dann wieder hungrig ins Büro zurückzukehren? Hör auf mit dem Schwachsinn und lass uns bei Darius lieber anständige Polenta essen.«

Wie immer klingt Matthias absolut vernünftig. Vielleicht zu vernünftig für mich. Vernunft, das ist doch nichts anderes als die ödeste Realität.

Das vermehrte Auftreten von Hundehaufen zeigt uns das Erreichen einer angesagteren Gegend an. Hundehalter gehen auch lieber dort spazieren, wo was los ist. Keiner, der hier lebt, kann nachvollziehen, was so interessant sein soll an Leuten, die auf der Suche nach anderen Leuten sind. Aber sie sind immer unterwegs: Männer auf der Suche nach Frauen, Frauen auf der Suche nach Männern, Männer auf der Suche nach Männern und Frauen auf der Suche nach Frauen. Geschäftsleute auf der Suche nach Geschäftsleuten, Randalierer auf der Suche nach Ärger und Junkies auf der Suche nach Stoff. Immerhin strengen sich alle an – alle bis auf die Junkies –, dabei nicht total bescheuert auszusehen.

Andererseits: Auf genau so einem Spaziergang habe ich vor einigen Wochen Cole getroffen, einen der erfolgreichsten Musiker der Stadt. An der Eisdiele, beim Gemüsestand oder irgendwo dazwischen. Wir haben über nichts Besonderes geredet, schon gar nicht über das Geschäft. Aber wenig später hat mich sein Manager angerufen, Frank. Sie hätten einen größeren Auftrag zu vergeben und zufällig an mich gedacht. Es handelt sich um ein beachtliches Budget, das bei der neuen CD-Produktion von Cole für das Artwork zur Verfügung steht. Immerhin bahnt sich auf diese Weise also ab und zu etwas an, auch wenn aus Franks Ankündigung bisher nichts Konkretes gefolgt ist.

In unserem Stammlokal, dem Marie van Meer, finden wir wie immer sofort einen Platz, obwohl es überfüllt zu sein scheint. Wo früher Musiker und Künstler rumhingen, sitzen heute diejenigen, die sich von der »kreativen Umgebung« angezogen fühlen. Wer jetzt immer noch keine Bilder verkauft oder mit seinen Konzerten Kneipen füllt, muss sich wohl woanders was zum Essen suchen. Die Preise steigen. Und mit ihnen das Niveau. Aber das ist nicht von Dauer. Wenn sich die höheren Preise durchgesetzt haben, wird das Niveau wieder sinken. Am Ende wird alles...

»Das ergibt einen speziellen Sound, der wie ein richtig guter Song beim ersten hören wirkt: Man merkt auf, staunt, taucht ein, weg und erfrischt wieder auf. Und Spilker weiß genau, wie so was geht.«
 
»Reizvoll ist es, wie auf
Troppelmanns doppelter Reise erfahrungs- und Erinnerungsebenen zunehmend
verschmelzen.«
 
»Der Songwriter und Sänger der
Sterne, Frank Spilker, gibt sich auch in seinem Roman als lakonischer
Beobachter.«
 
»Smartes Debüt.«
 
»Heiß ersehnter Debütroman.
Applaus gibt's erst einmal für den wunderbaren Buchtitel.«
 
»Tatsächlich funktioniert das erste Buch von Frank Spilker genauso wie ein guter Diskurspopsong: ein Erzähler, der um sich selbst kreist, griffige Sätze, ernüchternde Schlusspointe.«
 
»Ein tolles Lied von den
Sternen, heißt 'Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die
interessanten'. In Spilkers Roman finden sich jede Menge davon.«
 
»Eine tragi-komische Geschichte
über das Scheitern.«
 
»Sein Debütroman begleitet einen
Nicht-Helden der Do-it-yourself-Euphorie von vor dem Abgrund in den
Absturz.«
 
»Das neue Buch des
Sterne-Sängers Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen ist
selbstironisch und voll skurriler Situationskomik.«

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