Ostpreußische Wolfskinder

Erfahrungsräume und Identitäten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft
 
 
fibre (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 22. Juli 2016
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  • 239 Seiten
 
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978-3-944870-54-0 (ISBN)
 
Im Frühjahr 1947 flüchteten Tausende Ostpreußen vor dem drohenden Hungertod nach Litauen. Die meisten von ihnen waren Kinder und Jugendliche, die sog. Wolfskinder. Wer von einer litauischen Familie aufgenommen werden wollte, musste seine Herkunft verschleiern und rasch in eine neue Identität, Sprache und Kultur hineinwachsen. Nach ihrer Rückkehr in die deutsche Gesellschaft gab es für die Betroffenen keinen öffentlichen Kommunikationsraum für ihre Erinnerungen - sie blieben erinnerungseinsam, eine kollektive Wolfskinder-Identität konnte sich nicht ausbilden. Dies änderte sich auch nach 1989/90 nicht wesentlich, als sich die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit primär auf die in Litauen verbliebenen Wolfskinder richtete.

Die Quellengrundlage des Werkes bilden 50 lebensbiographische Einzelinterviews sowie bislang unveröffentlichte Schriftquellen aus 18 Archiven. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Selbstbilder die Zeitzeugen in ihrem von multiplen Verlust- und Einsamkeitserfahrungen geprägten Dasein entwickelt haben. Dadurch ergibt sich ein bisher nicht existenter Tiefenblick in die für Wolfskinder charakteristischen Verflechtungen von Defensiverlebnissen und Überlebenskünsten.
  • Deutsch
  • Osnabrück
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  • Deutschland
978-3-944870-54-0 (9783944870540)
3944870549 (3944870549)
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  • Titel
  • Impressum
  • Inhalt
  • Vorwort
  • I. Einführung
  • 1. Zielsetzung und Erkenntnisinteressen
  • 2. Forschungsstand und Quellen
  • 3. Methodisch-theoretischer Zugriff
  • 4. Einordnung der lebensbiografischen Interviews
  • II. Erfahrungsräume von Kindern aus dem nördlichen Nachkriegsostpreußen
  • 1. Gewalt und Entwurzelung
  • 2. Hunger und Tod
  • 3. Isolation und Assimilation
  • 4. Wolfskinder-Typen
  • III. Rückwege in die deutsche Gesellschaft
  • 1. Die Transporte
  • 2. Wiederfinden der Restfamilien
  • 3. Schulische Fördermaßnahmen
  • 4. Die Verspäteten
  • IV. Wolfskinder-Identitäten in Deutschland
  • 1. Erinnerungseinsamkeit
  • 2. Die versunkene Herkunft
  • 3. Mediale Erzählangebote
  • 4. Kollektive Merkmale
  • V. Resümee
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Personenregister
  • Ortsregister
  • Fußnoten

III. RÜCKWEGE IN DIE DEUTSCHE GESELLSCHAFT


1. DIE TRANSPORTE


Die meisten Ostpreußen, die im Frühjahr 1947 litauische Dörfer und Ortschaften bevölkert hatten, waren anderthalb Jahre später in Deutschland. Ihr Weg dorthin war allerdings wie der der gesamten ostpreußischen Restbevölkerung lange Zeit ungeklärt. Knapp zwei Jahre nach Kriegsende existierte in der sowjetischen Führung keinerlei "Problembewusstsein" für ihre Lage.1 Geweckt wurde dieses ausgerechnet durch einen Vorstoß der Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler (ZVU) in der SBZ. Bereits zu Jahresbeginn 1947 hatte sich ihr Präsident Rudolf Engel an die Zentralkommandantur der Sowjetischen Militäradministration Deutschlands (SMAD) gewendet. "Anfragen in grösserem Umfange" würden die Zentralverwaltung erreichen und auf eine Zusammenführung mit Angehörigen aus dem nördlichen Ostpreußen drängen.2

"Auf Grund unserer Erfahrungen mit den vergangenen übernommenen Transporten aus diesem Gebiet, wird hier in besonderem Masse [sic] eine Unterstützung in jeder Beziehung notwendig sein. [.] Die politische und allgemeine kulturelle Betreuung [.] sind für diesen Kreis von besonderer Bedeutung. Schalten Sie hier nicht nur die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft, sondern vor allem den DFD [Demokratischer Frauenbund Deutschlands] ein, weil wir vermuten, dass sich die Transporte in der Hauptsache aus Frauen und Kindern zusammensetzen und unsere Frauen am schnellsten die Brücke von Frau zu Frau schlagen können."42

Die Geschäftigkeit, mit der die angekündigte Überführung aus Litauen im Folgenden vorbereitet wurde, lässt umso stärker aufhorchen, wenn man sich die alltägliche Routine vergegenwärtigt, über die die DDR in der Abfertigung von Zügen aus dem Osten verfügte. 1.562 Transporte waren dort allein 1949 eingetroffen, zumeist mit entlassenen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion.43 1950 hatte die Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus den unter polnischer Verwaltung stehenden Gebieten ihre Fortführung gefunden.44

"Wir dachten, jetzt fahren wir ein nach Deutschland. Die empfangen uns mit Musik und so was alles. Nichts, gar nichts. Wir mussten uns aufstellen und sind in ein Lager marschiert. Und wir waren jugendlich und wollten die Stadt sehen."62

Die Rückkehr in die deutsche Gesellschaft begann für die Wolfskinder also mit einer Irritation. Vielfach gezeichnet, früh gereift, lange isoliert und gerade erst ein zweites Mal ihrem Lebensumfeld gänzlich enthoben, fanden sie sich nach der komfortablen Fahrt im Personenzug vorläufig hinter dem Lagerzaun wieder.

2. WIEDERFINDEN DER RESTFAMILIEN


Im Hinblick auf die anhanglosen Kinder und Jugendlichen unterschieden sich die Deportationen aus dem Königsberger Gebiet von den nachträglichen Transporten aus Litauen durch die Faktoren Lebensalter und Adoption. 1947 und 1948 stellten die Fünf- bis Zwölfjährigen die Hauptgruppe dar, 1951 waren es hingegen die Zwölf- bis Achtzehnjährigen.1 Von den Erstgenannten waren die Mütter zu 80 bis 90 Prozent verstorben.2 Die Zweitgenannten hatten dagegen etwas größere Chancen, ihre Mütter in der DDR oder der Bundesrepublik noch wiederzufinden.3 Doch das änderte nichts daran, dass die Gesamtgruppe der jungen Ostpreußen durch einen grundsätzlich hervorstechenden Müttermangel gekennzeichnet war. Die Wahrscheinlichkeit eines noch lebenden Vaters war dagegen in etwa dieselbe wie bei allen Deutschen der Jahrgänge 1930 und jünger.

"daß der Personenkreis, der noch bis zum Ende der Quarantäne eine Zuzugsgenehmigung erhält, geschleust werden soll. Es handelt sich zum größten Teil um Frauen und Kinder im I. und II. Verwandtschaftsgrad. Ein Aufgreifen der negativen Stimmungen durch die Westpresse wird erfolgen, ganz gleich ob 50 oder mehr Personen zur Schleusung gelangen."17

Das von Büttner an Staatssekretär Warnke gerichtete Schreiben ist am Rand mit der handschriftlichen Bemerkung versehen, dass sich die in Frage kommenden Personen selbst um eine Zuzugsgenehmigung bemühen sollten. Eine klare Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen, die kein Deutsch mehr sprechen und schreiben konnten.

"dürfte sich die vorgesehene Massnahme politisch ungünstig auswirken, weil die illegal in Westdeutschland eintreffenden Repatrianten ihre Erlebnisse in der DDR und in der UdSSR über die Maßen aufbauschen und entstellen. Es ist damit zu rechnen, dass unsere politische Aufklärung während der Quarantänezeit ins Gegenteil umschlägt und diese Menschen bedingungslos der Westpropaganda ausliefert. - Die evtl. negativen Einstellungen der Repatrianten können u. E. durch ein Verbot der Ausreise nach Westdeutschland nicht verhindert werden, da der Postweg für Jedermann offensteht."18

Volle vier Wochen nach dem Eintreffen der Transporte, gab das Ministerium für Staatssicherheit am 11. Juni schlussendlich sein Einverständnis zum Start der Ausschleusung. In den drei Lagern hielten sich zu diesem Zeitpunkt abzüglich der in die Heime gebrachten Kinder und Jugendlichen noch 3.257 Personen auf. In einer Aktennotiz des Leiters der Abteilung Bevölkerungspolitik fanden sich die mit der Stasi getroffenen Absprachen:

"Sämtliche Westrepatrianten sind erneut für ein Verbleiben in der DDR zu bearbeiten. Sollten trotz aller Bemühungen und auch bei Abgabe des Versprechens, die Angehörigen aus Westdeutschland nach hier zu übersiedeln, kein Erfolg zu erzielen sein, so können die Repatrianten einzeln bzw. in Familien zur Schleusung gebracht werden. Unter keinen Umständen darf jedoch ein Sammeltransport zusammengestellt werden."19

Letztgenannte Weisung sollte öffentliches Aufsehen vermeiden. Aus diesem Grunde wurden aus jedem Lager pro Tag nur einige Kleingruppen von fünf bis sieben Personen entlassen, deren Zugverbindungen überdies so ausgewählt worden waren, dass die Reisenden keine Möglichkeit hatten, sich unterwegs zu begegnen.20 Auch am Grenzdurchgangsstützpunkt der DDR in Heiligenstadt durften sie sich nicht sammeln, sondern wurden bei ihrer Ankunft sofort in das Durchgangslager Friedland auf niedersächsischer Seite weitergeleitet.21

"Es sind einzelne Personen darunter, deren Familie ursprünglich eine Zahl von 12 Personen aufweisen konnte. In der Zwischenzeit sind sie bis auf 1 oder 2 [.] ausgestorben. Es gibt nicht eine Frau, die in Ostpreussen gelebt hat und nicht vergewaltigt worden ist. [.] Es ist grauenhaft, diese Menschen anzuhören, was sie alles in den Jahren nach dem Kriege durchgemacht haben. [.] Die noch in den ostzonalen Lagern befindlichen Umsiedler werden durch ihren langen Aufenthalt seelisch so gemartert, dass sie hier im Lager Friedland zu nichts mehr fähig sind."25

Kinder und Jugendliche spürten spätestens jetzt, dass ihre Rückkehr in das über Jahre herbeigesehnte bürgerliche Regelkonstrukt mit neuen Beschwernissen verbunden war. Unbekannte Frauen an der Seite der Väter, die den Platz der eigenen verhungerten Mütter längst eingenommen hatten; unterschwellige Furcht vor schmallippigen Fragen nach dem Verbleib von verschollenen Angehörigen, die man in Ostpreußen zurückgelassen oder in Litauen verloren hatte; Mütter, die ihre Kinder durch ein sexuelles Abhängigkeitsverhältnis vor dem Verhungern gerettet hatten, vom Vater nun aber nicht in den Arm genommen, sondern fallengelassen wurden. Nöte dieser und ähnlicher Art spiegeln sich in einem Brief des evangelischen Lagerpfarrers in Friedland an einen Amtsbruder wider, den er im Juli 1951 verfasst hat, nachdem über 1.300 Ostpreußen das Lager passiert hatten: "[.] es sind die Reste, es sind die Überbleibsel der gestorbenen, verhungerten Familien." Die Aufzählung einer Reihe erschütternder Beobachtungen schließt er mit dem Hinweis: "Glauben Sie bitte nicht, daß das alles unter Tausenden von Einzelschicksalen herausgesucht sei - nein, dies ist das allgemeine Bild!"26

"Die Vorstellung, dass man da zu einem normalen Leben zurückkehrt, ist ganz falsch. Denn Sie dürfen eines nicht vergessen, wir hatten gar kein normales Leben. Wir mussten uns erst mal an ganz normale Dinge...

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