Das Schweigen des Glücks

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. März 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06007-7 (ISBN)
 
Welche Mutter würde nicht alles geben für ihr Kind? Aber Denise liebt ihren kleinen behinderten Sohn Kyle so unendlich, dass es in ihrem Leben für weitere Menschen keinen Platz mehr gibt. Als Kyle nach einem Autounfall in einer dramatischen Aktion vom Feuerwehrmann Taylor gerettet wird, scheint zum ersten Mal ein Fremder Zugang zur Welt der beiden zu bekommen. Aber bevor Denise ihr Glück richtig fassen kann, beginnt die Hoffnung auf eine glückliche Beziehung schon wieder zu schwinden: Irgendetwas hält Taylor davon ab, die Verantwortung für eine gemeinsame Zukunft zu übernehmen.

  • Deutsch
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  • Deutschland
Heyne
  • 0,78 MB
978-3-641-06007-7 (9783641060077)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nicholas Sparks, 1965 in Nebraska geboren, lebt in North Carolina. Mit seinen Romanen, die ausnahmslos die Bestsellerlisten eroberten und weltweit in über 50 Sprachen erscheinen, gilt Sparks als einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Mehrere seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Alle seine Bücher sind bei Heyne erschienen, zuletzt »Seit du bei mir bist«.

Kapitel 1


Warum war alles so gekommen? Warum hatte es von allen Kindern Kyle getroffen?

Nach dem Tanken fuhr Denise wieder auf den Highway, sie hatte immer noch einen Vorsprung vor dem Unwetter. In den nächsten zwanzig Minuten regnete es weiter, zwar nicht wolkenbruchartig, aber doch kräftig. Sie sah zu, wie die Scheibenwischer das Wasser zur einen, dann zur anderen Seite schoben, und fuhr weiter in Richtung Edenton, North Carolina. Ihre Cola light hatte sie zwischen der Handbremse und dem Fahrersitz eingeklemmt, und obwohl sie wusste, dass es ihr nicht gut tat, trank sie den Rest aus und wünschte sich auf der Stelle, sie hätte noch eine Dose gekauft. Sie hoffte, das zusätzliche Koffein würde sie wach halten und ihre Aufmerksamkeit von Kyle auf das Fahren lenken. Aber Kyle war immer da.

Kyle. Was konnte sie da sagen? Einst war er Teil von ihr gewesen, ab der zwölften Woche hatte sie seinen Herzschlag gespürt, in den letzten fünf Monaten ihrer Schwangerschaft konnte sie seine Bewegungen in sich fühlen. Nach der Geburt, noch im Kreißsaal, hatte sie ihn angesehen und war überzeugt, dass es auf der Welt nichts Schöneres gab. Das Gefühl war unverändert geblieben, obwohl sie keineswegs eine perfekte Mutter war. Inzwischen gab sie sich einfach allergrößte Mühe, nahm das Gute mit dem Schlechten und erfreute sich an den kleinen Dingen. Bei Kyle waren sie manchmal schwer zu finden.

In den letzten vier Jahren hatte sie sich bemüht, Geduld mit ihm zu haben, aber das war nicht immer leicht. Einmal, als er noch kaum laufen konnte, hatte sie ihm mit der Hand den Mund zugehalten, um sein Schreien zu unterdrücken, aber das war, nachdem er die ganze Nacht wach gewesen war und fünf Stunden lang geschrien hatte; und es gibt überall auf der Welt erschöpfte Eltern, die ein solches Fehlverhalten verzeihen würden. Danach hatte sie jedoch versucht, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Wenn sie merkte, dass sie an ihre Grenzen gelangte, zählte sie langsam bis zehn, bevor sie handelte, und wenn das nichts nützte, verließ sie das Zimmer, um ihre Fassung wieder zu gewinnen. Normalerweise half das, aber es war ein Segen und zugleich ein Fluch. Es war ein Segen, weil sie wusste, dass Geduld nötig war, wenn sie Kyle helfen wollte; es war ein Fluch, weil sie so ihre Fähigkeit als Mutter dauernd in Frage stellte.

Kyle kam auf den Tag genau drei Jahre nachdem ihre Mutter an einem Blutgerinnsel im Gehirn gestorben war, zur Welt, und obwohl sie normalerweise nicht an Zeichen glaubte, konnte sie es dennoch nicht als Zufall betrachten. Kyle, dessen war sie sicher, war ein Geschenk Gottes. Kyle, das wusste sie, war ihr als Ersatz für ihre Familie geschickt worden. Außer ihm hatte sie niemanden auf der Welt. Ihr Vater war gestorben, als sie vier war, sie hatte keine Geschwister, alle ihre Großeltern waren tot. Kyle war der Einzige, auf den sie all die Liebe, die sie zu geben hatte, richtete. Aber das Schicksal ist undurchschaubar, das Schicksal ist nicht vorhersehbar. Obwohl sie Kyle mit Zuneigung überschüttete, war es doch nicht genug. Jetzt führte sie ein Leben, das sie sich so nicht vorgestellt hatte, ein Leben, in dem sie Kyles tägliche Fortschritte sorgfältig in einem Heft vermerkte. Jetzt führte sie ein Leben, das allein ihrem Sohn gewidmet war. Kyle beklagte sich natürlich nicht darüber, wie sie die Tage verbrachten. Kyle war anders als andere Kinder, er beklagte sich nie über etwas. Sie warf einen Blick in den Rückspiegel.

»Woran denkst du, Schatz?«

Kyle sah dem Regen zu, der an die Scheibe gedrückt wurde, den Kopf zur Seite gedreht, seine Decke auf dem Schoß. Er hatte nichts gesagt, seit sie im Auto saßen, und beim Klang ihrer Stimme wandte er den Kopf.

Sie wartete auf seine Antwort. Es kam keine.

 

Denise Holton lebte in einem Haus, das einst ihren Großeltern gehört hatte. Nach deren Tod hatte ihre Mutter es geerbt und schließlich war es an Denise übergegangen. Es war nichts Besonderes - ein kleines, windschiefes Haus auf drei Hektar Land, das in den zwanziger Jahren gebaut worden war. Die beiden Schlafzimmer und das Wohnzimmer waren so schlecht nicht, aber die Küche bedurfte dringend einer neuen Ausstattung und das Badezimmer hatte keine Dusche. Die Holzböden der vorderen und hinteren Veranda hingen durch und ohne den tragbaren Ventilator hätte sie manchmal das Gefühl, sie würde bei lebendigem Leibe gebraten. Aber da sie mietfrei wohnen konnte, war es genau das, was sie brauchte. Seit drei Monaten war es ihr Zuhause.

In Atlanta zu bleiben, wo sie aufgewachsen war, wäre unmöglich gewesen. Nach Kyles Geburt hatte sie das Geld, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte, gebraucht, um bei ihm zu Hause zu bleiben. Damals hatte sie geglaubt, es sei eine zeitlich begrenzte Arbeitspause. Wenn er ein bisschen älter war, so ihr Plan, wollte sie wieder als Lehrerin arbeiten. Das Geld würde ihr ausgehen und dann würde sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen müssen. Außerdem hatte ihr das Unterrichten großen Spaß gemacht. Schon nach einer Woche hatte sie ihre Schüler und Kollegen vermisst. Inzwischen waren Jahre vergangen, sie war immer noch zu Hause mit Kyle und die Welt der Schule war nichts weiter als eine vage und ferne Erinnerung, eher ein Traum als etwas Wirkliches. Sie konnte sich an keine Unterrichtsstunde, an den Namen keiner ihrer Schüler mehr erinnern. Wenn sie es nicht genau wüsste, würde sie steif und fest behaupten, sie hätte nie als Lehrerin gearbeitet.

Die Jugend hält das Versprechen des Glücks bereit, aber das Leben die Wirklichkeit der Trauer. Ihr Vater, ihre Mutter, ihre Großeltern - alle tot, bevor sie selbst einundzwanzig war. In dem Alter war sie bei fünf verschiedenen Bestattungsinstituten gewesen, aber laut Gesetz war sie nicht alt genug, um in eine Bar zu gehen und in ihrem Kummer ein Gläschen zu trinken. Sie hatte mehr als ihren Anteil an Traurigkeit erlebt, aber Gott, so schien es, konnte es dabei nicht bewenden lassen. Wie die Qualen des Hiob hörten auch ihre nicht auf. »Ein ihrem Bildungsniveau entsprechender Lebensstandard?« Vorbei. »Freunde von früher?« Man muss sie hinter sich lassen. »Eine befriedigende Arbeit?« Zu viel verlangt. Und Kyle, der süße, wunderbare Junge, für den sie all dies auf sich nahm - in vielerlei Hinsicht war er immer noch ein Geheimnis für sie.

Statt als Lehrerin zu arbeiten, bediente sie abends in einem Diner mit dem Namen »Eights«, einem gut besuchten Lokal am Ortsausgang von Edenton. Der Besitzer, Ray Toler, war ein Schwarzer um die sechzig, der das Lokal seit dreißig Jahren führte. Er und seine Frau hatten sechs Kinder großgezogen, die alle auf dem College gewesen waren. Kopien ihrer Abschlusszeugnisse hingen an der Wand und alle, die dort essen gingen, wussten darüber Bescheid. Dafür sorgte Ray. Er sprach auch gern über Denise. Sie war die Einzige, so erzählte er oft, die mit ihrer Bewerbung einen Lebenslauf eingereicht hatte.

Ray verstand, was es bedeutete, arm zu sein, er war ein Mann, der Freundlichkeit zeigen konnte und der wusste, wie schwer das Leben für alleinerziehende Mütter war. »Hinter der Gaststube ist ein kleines Zimmer«, sagte er, als er sie einstellte. »Sie können Ihren Sohn mitbringen, solange er Ihnen nicht zwischen den Füßen rumläuft.« Tränen traten ihr in die Augen, als er ihr das Zimmer zeigte. Es standen zwei Betten darin, es gab ein Nachtlicht, es war ein Raum, in dem Kyle sicher schlafen konnte. Als sie am nächsten Abend mit ihrer Schicht anfing, legte sie Kyle in dem kleinen Zimmer schlafen; Stunden später lud sie ihn in ihr Auto und nahm ihn mit nach Hause. Seitdem hatte sich an diesem Ablauf nichts geändert.

Sie arbeitete an vier Abenden in der Woche eine Fünf-Stunden-Schicht und verdiente kaum genug, um davon zu leben. Vor zwei Jahren hatte sie ihren Honda verkauft und einen alten, aber zuverlässigen Datsun angeschafft und mit dem Differenzbetrag ihre Kasse aufgebessert. Dieses Geld, sowie alles, was ihre Mutter ihr hinterlassen hatte, war inzwischen längst ausgegeben. Sie war Meisterin im Haushalten, Meisterin im Sparen geworden. Seit dem vorletzten Weihnachten hatte sie sich keine neuen Kleider gekauft; ihre Möbel waren zwar ordentlich, aber sie stammten aus einem anderen Leben. Sie abonnierte keine Zeitschriften, sie hatte kein Kabelfernsehen, ihre Stereoanlage war ein altes Gerät aus Collegezeiten. Der letzte Film, den sie im Kino gesehen hatte, war »Schindlers Liste«. Sie führte selten Ferngespräche mit ihren Freunden. Sie hatte 238 Dollar auf der Bank. Ihr Auto war neunzehn Jahre alt und hatte so viele Meilen auf dem Buckel, dass es fünfmal dem Erdumfang entsprach.

Nichts von alledem war jedoch wichtig. Allein Kyle war wichtig.

Aber noch nie hatte er ihr gesagt, dass er sie liebte.

 

Wenn Denise nicht im Diner arbeitete, saß sie abends gewöhnlich in dem Schaukelstuhl auf der hinteren Veranda mit einem Buch auf dem Schoß. Sie las gern draußen, wo das an- und abschwellende Zirpen der Zikaden beruhigend war in seiner Monotonie. Ihr Haus war umgeben von Eichen und Zypressen und Hickorynussbäumen, die alle dicht mit Louisianamoos bewachsen waren. Manchmal, wenn das Mondlicht genau im richtigen Winkel einfiel, sprangen Schatten über den Kiesweg, die wie exotische Tiere aussahen.

In Atlanta hatte sie zum Vergnügen gelesen. Ihr Geschmack reichte von Steinbeck und Hemingway bis zu Grisham und Stephen King. Obwohl die Bücher dieser Autoren auch in der Stadtbibliothek standen, lieh sie sie nicht mehr aus. Stattdessen benutzte sie die Computer in den Leseräumen, auf denen die Bibliotheksbenutzer freien Zugang zum Internet hatten. Sie schlug bei den klinischen...

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