Die schönste Art, sein Herz zu verlieren

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Februar 2015
  • |
  • 360 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96540-8 (ISBN)
 
England. Der berühmte Verleger Marlow Craftsman ist in Sorge. Seit er seinen Sohn Atticus nach Madrid schickte, um die Kulturzeitschrift Librarte zu schließen, ist der junge Gentleman wie vom Erdboden verschwunden. Was ist passiert? Marlow beauftragt Inspektor Manchego, sich bei der spanischen Zeitschrift umzuschauen ...
Madrid. Den fünf weiblichen Angestellten einer vor dem Ruin stehenden Literaturzeitschrift ist zur Rettung ihrer Arbeitsplätze jedes Mittel recht. Was wäre ein unveröffentlichter Gedichtband von Federico García Lorca heute wohl wert? Die fünf Damen ersinnen eine List: Soléa, die Schönste von allen, soll den Engländer mit einer Lüge von seinem Vorhaben ablenken. Wenig später sitzt Atticus (gerüstet mit Unmengen von Earl-Grey-Tea) mit der schönen Soléa auf einem Gemüsekarren Richtung Andalusien. Dort, in Sacromonte, im Haus ihrer Großmutter Remidios, warten angeblich in einer alten Truhe hundert Liebesbriefe von Lorca auf ihre Entdeckung.
In Granada angekommen entdeckt der steife Brite in der herzlichen Zwangsumarmung von Soléas andalusischer Großfamilie allerdings zunächst einmal den Andalusier in sich ...
Ein äußerst vergnüglicher Roman, in dem es um verschiedene Kulturen, verzeihliche Lügen, Literatur und Liebe geht. Und am Ende muss einer alles retten. Hemingway natürlich!
  • Deutsch
  • München
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,47 MB
978-3-492-96540-8 (9783492965408)
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Mamen Sánchez, geboren 1971, studierte in ihrer Geburtsstadt Madrid Kommunikationswissenschaften, dann Literaturwissenschaften an der Pariser Sorbonne und an den Universitäten von London und Oxford. Heute ist sie die stellvertretende Chefredakteurin der spanischen Zeitschrift »Hola!« und Chefredakteurin der mexikanischen Ausgabe. Sie ist verheiratet und hat fünf Kinder. Mit dem Roman »Die schönste Art, sein Herz zu verlieren« erzielte die Journalistin und Autorin in Spanien einen grandiosen Durchbruch.

1

Das Büro von Inspektor Manchego war kein Büro im eigentlichen Sinne. Es war eine Art Verschlag in einem großen Raum, der durch dünne Gipswände in mehrere kleine Parzellen unterteilt wurde, was sehr praktisch war, denn auf diese Weise konnte jeder seine eigene Collage aus Zeitungsausschnitten, Fotos, kurzen Nachrichten, Weihnachtsgrüßen, Polizeiberichten und Flyern von Take-away-Restaurants an der Wand befestigen. Die Aufteilung ließ einen unwillkürlich an Umkleidekabinen in Kaufhäusern denken, in denen man, weil diese Kabinen in der Regel nach oben hin offen und somit auch nicht akustisch isoliert waren, manchmal unfreiwillig Zeuge indiskreter Äußerungen und Kommentare wurde, wenn beispielsweise weibliche Anatomie und zu enge Hosen sich nicht miteinander vereinbaren ließen. Doch in den kleinen Rechtecken dieses Büros ging es nicht (oder in den seltensten Fällen) um ästhetische Katastrophen, es ging um andere Dinge, die eher mit Gewalt oder Misshandlung zu tun hatten, mit Raubüberfällen an Bankautomaten oder Straßenschlägereien. Worte wie »Anzeige«, »Beschuldigung«, »Gerichtsprozess« und »Gefängnisstrafe« sprangen von einem Rechteck zum anderen wie die Flöhe in einer alten Matratze.

Auch der Inspektor hieß nicht wirklich Manchego (sein richtiger Name war Alonso Jandalillo), doch gab er sich gern der Vorstellung hin, Don Quijote zu ähneln, nicht nur wegen des gleichlautenden Vornamens, sondern auch wegen seiner unvergänglichen Taten. Und auch wenn es im Lebenslauf des Inspektors bisher keine nennenswerten Ereignisse gegeben hatte, konnte er der Verlockung nicht widerstehen, sich in den zwei oder drei größeren Einsätzen, an denen er teilgenommen hatte, das Pseudonym »Manchego« zuzulegen, obwohl er nicht einmal aus La Mancha stammte. Man-che-go - diese drei Silben klangen zusammen mit den Hintergrundgeräuschen des Walkie-Talkies einfach zu gut.

Da er trotz seines in letzter Zeit deutlich gewachsenen Bauchumfangs ein Mann der Tat war, beklagte sich Inspektor Manchego manchmal über die Büroarbeit, zu der er in dem Kommissariat in dem kleinen Viertel gezwungen war, in das man ihn versetzt hatte, als er fünfzig geworden war. Und auch wenn er eigentlich genug davon hatte, durch die Straßen von Madrid zu patrouillieren, so vermisste er doch diesen Adrenalinstoß, der ihn jedes Mal am Steuer seines Dienstwagens ereilt hatte, wenn er mit heulender Sirene laut und einschüchternd durchs Megafon gerufen hatte: »Machen Sie die Straße frei, der Lieferwagen vor uns, dies ist ein dringender Einsatz.«

Ja, diesen Adrenalinstoß hatte er geliebt!

Daher gab ihm die imposante Erscheinung von Marlow Craftsman, der da plötzlich mit seinem Dolmetscher Mr. Bestman in seinem drei Quadratmeter großen Domizil aufgetaucht war - beide im dunklen Tweedanzug mit Weste, Aktenkoffern aus schwarzem Leder, teuren Schuhen und grauen Mänteln -, die Hoffnung an seinen Beruf zurück, der ihn stets mit so großer Leidenschaft erfüllt hatte, auch wenn die meiste Zeit über eher unangenehme Dinge zu erledigen waren.

Er verspürte den Impuls, sich zu erheben, um die beiden Herren gebührend zu empfangen, konnte sich jedoch gerade noch zurückhalten. Ein Polizeiinspektor ist ein Geschäftsmann, erinnerte er sich, er schüttelt keine Hände, lächelt nicht, unterbricht nicht einmal die rhythmische Bearbeitung der Computertastatur. Er nimmt höchstens - als maximale Höflichkeitsbezeugung - die Zigarette aus dem Mund, streift die Asche am Aschenbecher ab, räuspert sich und sagt mit unbewegter Miene: »Nehmen Sie bitte Platz.« Dann, wenn sich die Augen der Besucher auf gleicher Höhe wie die eigenen befinden und dies die Möglichkeit eines einschüchternden Blicks von oben herab ausschließt, kann er ohne Eile den Kopf heben und fragen: »Was kann ich für Sie tun?«

Marlow Craftsman war, von den Fältchen um seine Mäuseaugen her zu schließen, etwa sechzig Jahre alt. Er war sehr hellhäutig - seine Gesichtsfarbe erinnerte Manchego an einen blassen gekochten Schinken -, und seine Lippen waren so schmal, dass sie mit einem Federstrich ins Gesicht gezeichnet schienen.

Der Dolmetscher war ein wenig jünger, seine Haut jedoch ebenso hell und rosa. Er hatte mehr Haare auf dem Kopf, und sie waren dunkler, grau meliert, und er trug eine Brille.

»Erlauben Sie, dass ich Ihnen meinen Chef vorstelle«, sagte Bestman in einem grammatikalisch korrekten, ansonsten jedoch haarsträubenden Spanisch. »Mr. Marlow Craftsman von Craftsman & Co.«

Der Inspektor machte ein dummes Gesicht und zog die Augenbrauen hoch. So wie der Mann diesen Namen ausgesprochen hatte, so gewichtig und gefolgt von einem längeren Schweigen, wohl um das Echo seiner Stimme von den Gipswänden widerhallen zu lassen, hatte er es höchstwahrscheinlich mit einem Finanzmagnaten zu tun. Craftsman & Co klang nach Bank. Nach einer jener Banken, die seit mehr als hundertundfünfzig Jahren in der Hand derselben englischen Aristokratenfamilie lag. Denn es gab keinen Zweifel, dass diese beiden Subjekte Söhne des perfiden Albions waren; daher ihre Überheblichkeit und ihre Uhren der Marke Hamilton. Das war eine scharfe Beobachtung, für die Manchego sich später in Erinnerung an diese Szene rühmen würde.

»Aha«, entgegnete er ohne jeden weiteren Kommentar, da er absolut keine Ahnung hatte, was er mit diesem Namen anfangen sollte.

»Mr. Craftsman ist aus London hergekommen, um seinen Sohn, Atticus Craftsman, als vermisst zu melden. Da der letzte bekannte Wohnort des jungen Mr. Craftsman sich in der Calle del Alamillo Nummer 5 befand, hat Scotland Yard uns angewiesen, hier, in Ihrem Kommissariat, die nötigen Schritte einzuleiten, weil es das nächstliegende ist.«

»Scotland Yard hat Sie geschickt?« Das klang vielversprechend.

»Nicht direkt, Señor Jandalillo .«

»Inspektor Manchego«, unterbrach Manchego.

»Nicht direkt, Inspektor Manchego«, wiederholte der andere. »Wir wurden lediglich von dem dortigen Büro an Sie verwiesen.«

»Ich verstehe.«

»Es ist nämlich so, dass Mr. Atticus Craftsman seit einigen Monaten verschwunden ist. Er hat kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Das Letzte, was sein Vater von ihm gehört hat, war eine Nachricht auf dem Mobiltelefon, die er ihm am zehnten August hinterließ.«

»Und dürfte ich diese Nachricht einmal hören?«, fragte Manchego.

»Nun. Natürlich. Sie ist auf Englisch«, antwortete der Dolmetscher, während er seinen Aktenkoffer öffnete und ein Smartphone neuester Bauart herausnahm.

Er drückte auf mehrere Knöpfe, brachte das Telefon umständlich an das Ohr des Inspektors und hielt den Atem an, als der Apparat jetzt die Nachricht wiedergab. Inspektor Manchego hörte eine nasale Stimme, die ganz so klang, als sei der Sprechende erkältet, vor dem Hintergrund eines rhythmischen Geräuschs, einer Art Klagen oder Gebet, und dem Klang einer Gitarre. Natürlich verstand er nicht ein Wort von dem, was gesagt wurde, aber er erkannte sofort, dass es sich eindeutig nicht um einen Hilferuf handelte, da keinerlei Angst aus der Stimme herauszuhören war. Wieder einmal beglückwünschte der Inspektor sich zu seinen hervorragenden Ermittlerfähigkeiten. Dass er zu solch fortgeschrittener Stunde noch solchen Scharfsinn aufbrachte, war wirklich bemerkenswert.

»Was sagt er?«, fragte er dann. Er musste sich eingestehen, dass es von Vorteil sein könnte, die englische Sprache doch noch zu erlernen.

»Er sagt wortwörtlich: >Vater, du kannst das ruhig mir überlassen. Ich habe alles unter Kontrolle.<«

Der Inspektor warf Mr. Craftsman automatisch einen inquisitorischen Blick zu. Der seinerseits richtete seine kleinen Äuglein direkt auf die des Inspektors.

»Und?«, fragte Manchego streng. »Was meint er damit? Verstehen Sie, worauf er sich bezieht?«

Der Dolmetscher übersetzte. Mr. Craftsman antwortete.

»Mein Chef sagt, dass sein Sohn sich wahrscheinlich auf den Auftrag bezieht, mit dem er ihn hier nach Madrid geschickt hat.«

Manchego lehnte sich zurück. Wie es aussah, lief es wohl doch auf das Übliche hinaus: eine hässliche Angelegenheit, in der es um Drogen ging oder darum, mit jemandem abzurechnen.

»Mr. Craftsman«, begann er vorwurfsvoll. »Ist Ihr Sohn vielleicht in einen Drogenhandel verwickelt?«

»Nein, um Himmels willen!«, antwortete Bestman, ohne zu übersetzen. »Der junge Mr. Craftsman widmet sich, genau wie sein Vater, sein verstorbener Großvater und alle seine Vorfahren väterlicherseits seit dem siebzehnten Jahrhundert der verlegerischen Tätigkeit.«

»Ich verstehe«, sagte Manchego.

»Er ist ein angesehener, am Exeter College in Oxford ausgebildeter junger Mann mit herausragender akademischer Bildung und einem einwandfreien beruflichen Werdegang. Niemals war er in irgendeine undurchsichtige Angelegenheit welcher Art auch immer verwickelt. Er ist das Opfer, nicht der Verdächtige, verstehen Sie?«

Inspektor Manchego nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Er hatte einen Schritt in die falsche Richtung getan, gewiss, doch es war nun einmal erforderlich - so erklärte er es den beiden Engländern -, absolut jeden möglichen Grund für ein Verschwinden in Erwägung zu ziehen, so unwahrscheinlich er auch sein mochte.

»Wir müssen die Möglichkeiten nacheinander ausschließen«, entschied er.

»Mr. Craftsman neigt zu der Annahme, dass es sich um eine Entführung handeln könnte«, erklärte der Dolmetscher.

»Wieso das?«, erkundigte sich Manchego. »Hat man sich mit einer...

»Die Aufgabe, eine unrentable spanische Zeitschrift zu schließen, misslingt. Denn plötzlich befindet sich der britische Verlegersohn mit einer bildschönen Angestellten auf einem Gemüsekarren Richtung Andalusien - auf der Suche nach einer Truhe mit 100 Liebesbriefen von Federico García Lorca . Sonnige Feelgood-Lektüre mit Herz.«, ELLE
 
»Eine Truhe mit verschollenen Liebesbriefen. Eine Frau, die einen Verlegersohn bezirzen soll, um die Schließung einer Zeitung abzuwenden. Romantik auf Umwegen: Die Spanierin Mamen Sánchez überzeugt mit einem Liebesroman voller Raffinesse.«, FÜR SIE
 
»Fantasievoll. Literaturkrimi und Liebeserklärung an Andalusien. Eine vergnügliche und anspruchsvolle Feelgood-Lektüre, die sich um die Jagd auf ein angeblich unentdecktes Werk von Federico García Lorca dreht. Letztlich kann nur einer das Liebes-und Lügengewirr entzerren: Hemingway!«, Madame

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