Panik

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Juni 2013
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09838-4 (ISBN)
 
Wenn sich die ganze Welt gegen dich verschwört

Cal, Brick und Daisy sind ganz normale Jugendliche - bis vom einen auf den anderen Tag ihr Leben zu einem Albtraum wird: Ihre Familien, ihre Freunde, Unbekannte, die sie auf der Straße treffen, wollen sie plötzlich umbringen. Wie Tiere wollen sie sie in Stücke reißen, um sofort danach so zu tun, als sei nichts geschehen. Die drei erkennen, dass sie nur eine Chance haben: Sie müssen sich zusammentun und herausfinden, was mit den Menschen in ihrer nächsten Umgebung passiert ist. Koste es, was es wolle .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,39 MB
978-3-641-09838-4 (9783641098384)
weitere Ausgaben werden ermittelt

BENNY

Bristol, 16:15 Uhr

An einem ganz normalen Mittwochnachmittag im Juni wollte die Welt Benny Millston töten.

Er hatte Geburtstag. Seinen fünfzehnten. Nicht, dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. Er saß still in einer Ecke des Zimmers in der kleinen Schuhschachtelwohnung, in der er lebte, seit sich seine Eltern vor drei Jahren getrennt hatten. Seine Mum lag auf dem Sofa zu seiner Linken und rupfte gelangweilt den Schaumstoff aus den Löchern, die der Hund in den alten grünen Bezug gebissen hatte. Sie glotzte über ihren gewaltigen Bauch hinweg auf den Fernseher und hatte vor Staunen den Mund geöffnet, als käme das Letzte Gericht und nicht Glücksrad.

In der anderen Ecke fläzte sich seine Schwester Claire in einem Korbstuhl. Sie war immer seine kleine Schwester gewesen, bis vor einem Jahr seine richtige kleine Schwester gekommen war. Alison, der jüngste Zuwachs der Millstons, zappelte in einem Kinderstuhl, der in der Tür zwischen Wohnzimmer und Küche stand, und prügelte wie besessen mit einem Plastiklöffel auf ihr Essenstablett ein. Der Hund, ein alter Jack-Russell-Terrier, den er als Kind auf den Namen Crapper getauft hatte, saß unter ihr und schnappte jedes Mal nach dem Löffel, wenn er ihm zu nahe kam. Aber er war zu alt und zu faul, um es richtig zu versuchen.

Niemand hatte ihm zum Geburtstag gratuliert.

Was Benny nicht weiter kümmerte. Er machte sich eher Sorgen, weil den ganzen Tag über niemand auch nur ein Wort zu ihm gesagt hatte.

Und nicht nur heute. Seit letzter Woche gingen seltsame Dinge vor. Er konnte es nicht genau beschreiben; er wusste einfach, dass hier irgendwas faul war. Die Leute verhielten sich anders. Klar, er war nicht der Beliebteste in der Schule - bei Weitem nicht -, aber in den letzten Tagen hatten ihn selbst die Jungs, die eigentlich seine Freunde waren - Adam, Ollie, Jamie - völlig ignoriert. Nein, ignoriert war vielleicht das falsche Wort. Sie hatten mit ihm gesprochen, aber so, als ob er gar nicht da wäre. Sie hatten durch ihn hindurchgesehen. Und was sie gesagt hatten - Benny, wir brauchen keinen Mitspieler mehr. Wir sind hier gerade beschäftigt, Benny. Bis später, Benny -, war ehrlich gesagt ziemlich verletzend. Sie taten so, als hätte er ihnen mächtig ins Gesicht gefurzt. Sie taten so, als würden sie ihn hassen.

Daheim war es auch nicht besser. Der Wortschatz seiner Mum, der sich üblicherweise auf »Nein, jetzt sofort«, »Keine Widerrede« und »Ich hab zu tun« beschränkte, hatte sich verschlimmert. Ziemlich stark sogar. Gestern hatte sie ihm sogar befohlen, sich zu verpissen, worüber er so erschrocken war, dass er am liebsten an Ort und Stelle in Tränen ausgebrochen wäre. Claire verhielt sich ebenfalls seltsam. Sie hatte zwar nichts gesagt, sah ihn aber komisch an, wenn sie dachte, dass er es nicht merkte. Wie Kinder einen Fremden anstarren, der ihnen möglicherweise gefährlich werden konnte.

Genau wie jetzt, fiel ihm auf. Sie starrte ihn aus ihren dunklen Augen misstrauisch oder gar ängstlich an. Sobald sich ihre Blicke trafen, wandte sie sich wieder dem Fernseher zu, zog die Beine an und schlang die Arme um sich. Wie ein Igel, der von einem Hund beschnuppert wird. Benny bekam eine Gänsehaut auf dem Arm. Obwohl es ihm eiskalt den Rücken hinunterlief, schoss ihm das Blut in die heißen Wangen.

Was zum Teufel war hier nur los?

Benny rieb sich die Schläfen. Sein Kopf dröhnte. Das ging jetzt schon seit ein paar Tagen so. Anfangs war es nur ein nerviges Klingeln in seinen Ohren gewesen, doch inzwischen fühlte es sich an, als würde jemand mit einem Fleischhammer auf sein Hirn einschlagen. Und zwar in einem bestimmten Rhythmus, wie ein Herzschlag:

Dum-dum .

Dum-dum .

Dum-dum .

Sein Puls konnte es nicht sein, es war ein ganz anderer Takt. Am ehesten erinnerte es ihn an jemanden, der energisch gegen eine Tür klopft und unbedingt reingelassen werden will. Als er vor einer Stunde von der Schule gekommen war, hatte er zwei Paracetamol genommen, aber die hatten so gut wie nicht geholfen. Ihm war, als würde ihm buchstäblich der Schädel platzen.

Kein Wunder. So einen Stress hatte er noch nie gehabt.

Nein, das war kein Stress. Sondern Angst.

Claire starrte ihn jetzt wieder an, und ihr eindringlicher Blick ließ den Raum schrumpfen, als würden sich die mit einer schäbigen Blumentapete bedeckten Wände um ihn herum zusammenziehen. Er stand auf, und seine Schwester zuckte tatsächlich so erschrocken zusammen, als würde er mit einem Kricketschläger auf sie losgehen. Er öffnete den Mund, um sie zu beruhigen, aber er brachte kein Wort heraus. Bis auf diesen ohrenbetäubenden Puls in seinem Kopf konnte er nichts mehr hören. Als hätte er eine riesige Flugzeugturbine zwischen den Ohren.

Benny ging in die Küche. Claire sah ihm hinterher. Genau wie seine Mutter, die den Kopf noch immer auf den Fernseher gerichtet hatte, die Augen aber so weit verdrehte, dass das blutunterlaufene Weiß darin Halbmonden ähnelte. Er drehte ihnen den Rücken zu und zwängte sich an Alisons Stuhl vorbei. Seine kleine Schwester hörte auf, mit dem Löffel herumzuspielen, und sah ihn entsetzt an.

»Nicht weinen«, flüsterte er und streckte den Arm nach ihr aus. Sie drückte sich mit aller Kraft in den Stuhl, so fest, dass sich ihre rundlichen Finger vor Anstrengung weiß verfärbten. Sie weinte nicht. Dazu hatte sie viel zu viel Angst.

Da spürte er es in seinem Kopf: einen instinktiven Befehl, der durch die dröhnende Migräne schoss - Lauf! -, aus einem Teil seines Gehirns, der ganz tief verborgen war. Lauf.

Dieser Impuls war so mächtig, dass er schon fast gehorcht hätte, dass seine Hand schon zum Griff der Hintertür wanderte. Dann humpelte Crapper arthritisch unter Alisons Stuhl hervor und kam auf ihn zu. Der Hund sah ihn so voller Zärtlichkeit und Vertrauen an, dass sich Benny ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Er ging in die Hocke, um ihm das drahtige Fell zu streicheln und ihn hinterm Ohr zu kraulen. Crapper ließ die Zunge heraushängen. Seine Krallen klickten über das Linoleum, der kurze Schwanz wedelte so schnell wie ein Kolibriflügel.

»Alles klar, mein Kleiner«, sagte Benny und kitzelte den Hund am Bauch. »Du hasst mich nicht, oder?«

Plötzlich war die Stimme in seinem Kopf verschwunden, selbst das hämmernde Pochen hatte nachgelassen. Alles war in Ordnung - er hatte nur eine schlechte Woche, mehr nicht. Claire war ebenfalls ein Teenager, gerade dreizehn geworden, und ihre Rivalität hatte sich in den letzten Monaten zugespitzt. Wie könnte es auch anders sein, wenn sie wie Sardinen in diese stickige Bruchbude gequetscht waren? Außerdem war ihre Mutter entweder depressiv oder hatte Wutanfälle, besonders seit sich Alisons Vater - ein großer, ruhiger Mann namens Rob, den Benny höchstens zwei-, dreimal gesehen hatte - entschlossen hatte, nicht mehr zurückzukommen.

Benny gab Crapper einen sanften Stups auf die feuchte Schnauze, dann richtete er sich auf. Dabei schoss ihm das Blut in den Kopf, und der Raum drehte sich erneut. Er öffnete den Geschirrschrank und suchte nach einem sauberen Glas.

Selbst wenn alles normal ist, ist es nicht so besonders, dachte er, als er das Glas mit Wasser füllte. Normal war scheiße. Er nahm einen tiefen Schluck und sah sich um. Sein Blick blieb an einem roten Gegenstand oben auf dem Schrank hängen. Irgendetwas lag dort im Schatten. Benny zuckte mit den Schultern, stellte das Glas ab, zog einen Stuhl heran und stellte sich darauf. Schließlich stand er auf Höhe einer rechteckigen Schachtel, die in purpurfarbenes Geschenkpapier eingewickelt und sorgfältig mit Geschenkband samt Schleife verschnürt war.

Benny grinste so breit, dass ihm die Wangen fast noch mehr wehtaten als sein Kopf. Mit einem leisen Lachen hob er die Schachtel auf. Sie war groß und schwer - ungefähr so schwer wie eine Xbox. Mit einem Mal war er so aufgeregt, dass sich sein Magen verkrampfte. Seine Mum hatte ihm noch nie eine Spielkonsole geschenkt - weder eine PlayStation noch eine Wii, noch nicht mal eine DS. Aber sie hatte gesagt, dass er eine kriegen würde, wenn er alt genug wäre. Dummerweise hatte sie nicht gesagt, wie alt >alt genug< war. Jetzt wusste er es: fünfzehn!

Er sprang vom Stuhl, schleppte die Schachtel ins Wohnzimmer, wobei er beinahe Alison von ihrem Stuhl geschubst hätte. Das war also der Grund, warum seine Mutter und seine Schwester so komisch waren - sie wollten ihn ärgern und taten so, als hätten sie seinen Geburtstag vergessen. Und dann hätten sie ihn mit dem krassesten Geschenk überrascht. Vielleicht war es sogar eine 360 mit Modern Warfare 3. Gleich würden sie sich zu ihm umdrehen, ihn mit der Schachtel sehen und ihn angrinsen. O Mann, jetzt hast du alles ruiniert! Seine Schwester würde lachen. Du hast bestimmt gedacht, dass du gar nichts kriegst. Mach ruhig auf, würde seine Mutter sagen, gerade läuft sowieso nichts im Fernsehen, da kannst du sie mal ausprobieren.

»Danke, Mum!«, rief Benny und ließ sich mit der Schachtel auf dem Schoß in den Sessel fallen. Unter der Schleife steckte eine Geburtstagskarte. Er zog sie mit vor Aufregung tauben Fingern hervor und...

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