Und die Erde wird zittern

Rasputin und das Ende der Romanows
 
 
wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Oktober 2017
  • |
  • 928 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8062-3570-8 (ISBN)
 
Auch hundert Jahre nach Rasputins Tod bleibt uns die wahre, historische Figur des Predigers verborgen, der wegen seinen Ausschweifungen und seiner Nähe zu den Romanovs verteufelt wurde. Bis jetzt.
In seiner großen, beeindruckenden Biographie zeigt uns Douglas Smith, wer Grigori Jefimowitsch Rasputin wirklich war - eine schillernde Persönlichkeit in einer dramatischen Wendezeit. Der renommierte Historiker hat dazu in sieben Ländern eine Fülle von neuen Dokumenten entdeckt. Darin stößt er auf einen Rasputin, der jene tiefen Widersprüche zwischen dem alten und dem neuen Russland zu deuten wusste und der umso mehr darunter litt. Damit zeichnet Smith zugleich ein eindruckvolles Panorama einer haltlos gewordenen russischen Gesellschaft am Vorabend ihres Untergangs.
  • Deutsch
  • Darmstadt
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  • Deutschland
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  • 2 Karten, 102 s/w Abbildungen
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  • 102 schwarz-weiße Abbildungen, 2 Karten
  • 10,95 MB
978-3-8062-3570-8 (9783806235708)
3806235708 (3806235708)
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Douglas Smith ist Historiker und Übersetzer. Er arbeitete für das U.S. Department of State in der Sowjetunion und als Russisch-Dolmetscher für Ronald Reagan und war als Russland-Spezialist für >Radio Free Europe/Radio Liberty< in München tätig. Er hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, unter anderem das renommierte Fulbright-Stipendium für Wissenschaftler. Douglas Smith lebt in Seattle (USA).

Cornelius Hartz ist Klassischer Philologe und arbeitet als freier Lektor, Autor und Übersetzer in Hamburg.

Einleitung


Der heilige Teufel?


An einem sonnigen Frühlingstag des Jahres 1912 trug Sergei Prokudin-Gorski im abgelegenen sibirischen Dorf Pokrowskoje seine große Kamera mitsamt Stativ hinunter ans Ufer der Tura. Er war einer der innovativsten Fotografen seiner Zeit, ein Pionier der Farbfotografie. Den russischen Zaren Nikolaus II. hatten Prokudin-Gorskis Bilder so beeindruckt, dass er ihn beauftragt hatte, die Vielfalt seines Reichs in all seiner Farbenpracht festzuhalten.

An diesem Tag sollte seine Kamera eine ganz typische ländliche Szene einfangen. Die weiße Dorfkirche erstrahlte in der Sonne und erhob sich über schmucklos zusammengezimmerten braun-grauen Holzhäusern und Scheunen. An einem Fenster hing ein Blumenkasten, darin steckte eine Pflanze mit roten Blüten, vielleicht eine Geranie, ein reizvoller Kontrast zur dunklen Fensterscheibe. In aller Ruhe grasten zwei Kühe auf den grünen Trieben der Weide, die sich gerade erst vom langen sibirischen Winter erholte. Zwei Hausfrauen verrichteten am Ufer des Flusses ihre tägliche Arbeit. Ein einsames Boot lag im Schlamm, bereit für den nächsten Fischzug auf der Tura. Im Grunde sah das Dorf aus wie so viele namenlose Dörfer, die Prokudin-Gorski in den letzten Jahren fotografiert hatte.

Doch dies war kein Dorf wie jedes andere, und Prokudin-Gorski wusste genau, dass Zar und Zarin von ihm erwarteten, Pokrowskoje in den großen fotografischen Überblick mit aufzunehmen. Schließlich war es der Heimatort des berüchtigtsten Russen jener Tage. Jenes Mannes, der im Frühjahr 1912 im Mittelpunkt eines Skandals stand, der Nikolaus' Herrschaft mehr erschütterte, als es irgendein anderes Ereignis je vermocht hatte. Schon seit Jahren waren Gerüchte über ihn in Umlauf, doch erst jetzt hatten es die Minister des Zaren und die Politiker der Duma, der gesetzgebenden Versammlung Russlands, gewagt, ihn offen anzuprangern. Sie hatten den Palast aufgefordert, ihnen und dem ganzen Land zu erklären, wer dieser Mann nun eigentlich war und in welcher Beziehung genau er zum Thron stand. Es hieß, er gehöre einer bizarren religiösen Sekte an, die den schlimmsten Formen sexueller Perversion fröne. Es hieß, er sei ein Betrüger, der sich als frommer Mann ausgebe und Zar und Zarin derart um den Finger gewickelt habe, dass sie ihn als ihren geistig-spirituellen Führer ansahen. Es hieß, er habe die ganze russisch-orthodoxe Kirche unter seine Kontrolle gebracht und gestalte sie nun nach seinen eigenen unmoralischen Vorstellungen um. Es hieß, er sei lediglich ein schmutziger Bauer, der es nicht nur geschafft habe, sich in den Palast einzuschleichen, sondern durch Intrigen und Täuschung zur wahren Macht hinter dem Thron aufzusteigen. Es hieß, er sei eine echte Gefahr für die Kirche, für die Monarchie, ja, für ganz Russland. Der Name des Mannes war Grigori Jefimowitsch Rasputin.

All das muss Prokudin-Gorski an jenem Tag durch den Kopf gegangen sein. Es war nicht irgendein Dorf, das er hier für den Zaren fotografierte - es war der Geburtsort Rasputins. Der Fotograf machte diverse Aufnahmen von Pokrowskoje, aber seltsamerweise achtete er darauf, dass das Haus nicht ins Bild kam, in dem der berüchtigte Sohn des Dorfes seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Vielleicht war dieser Umstand ein ganz persönlicher Kommentar des großen Fotografen zu jenem Mann, über den mittlerweile ganz Russland sprach.

Rasputins Biografie ist eine der bemerkenswertesten der neueren Geschichte und liest sich beinahe wie ein düsteres Märchen: Ein undurchsichtiger, ungebildeter Bauer aus dem rauen Westsibirischen Tiefland vernimmt den Ruf Gottes und macht sich auf die Suche nach dem wahren Glauben. Er begibt sich auf eine Reise, die ihn über viele Jahre durch die endlosen Weiten des Landes führt, bevor er schließlich sein Ziel erreicht: den Palast des russischen Zaren. Die kaiserliche Familie nimmt ihn auf und lässt sich von seiner Frömmigkeit, seinen unfehlbaren Einsichten in die menschliche Seele und seinen einfachen bäuerlichen Manieren bezirzen. Wie durch ein Wunder rettet er dem Thronfolger das Leben, aber die bloße Anwesenheit dieses Außenseiters und der große Einfluss, den er auf Zar und Zarin ausübt, erzürnen die einflussreichen Männer des Reiches. Sie locken ihn in eine Falle und töten ihn. Viele glaubten, der heilige Bauer habe seinen eigenen Tod vorausgesehen und prophezeit, der Herrscher werde vom Thron stürzen, sollte ihm etwas zustoßen. Genau das passierte, und das Reich, das der Zar einst regierte, versank auf Jahre hin in unaussprechlichem Leid und Elend.

Noch vor seiner grausamen Ermordung in einem Petrograder Keller in den letzten Tagen des Jahres 1916 war Rasputin in den Augen vieler Menschen weltweit zu einer regelrechten Personifizierung des Bösen geworden. Seine Schlechtigkeit, so erzählte man sich, kenne keine Grenzen, und sein Geschlechtstrieb lasse sich nicht stillen, ganz egal, wie viele Frauen er mit in sein Bett nehme. Rasputin galt als brutaler, trunksüchtiger Satyr mit den Manieren eines Stallburschen. Dank der den russischen Bauern angeborenen Gerissenheit wusste er ganz genau, wie er Zar und Zarin den einfachen Mann Gottes vorspielen konnte. Er brachte sie mit seinen Tricks dazu, zu glauben, er könne ihren Sohn Alexei retten und mit jenem letztlich die Dynastie. Sie gaben sich und das Zarenreich in seine Hände, doch er verriet das Vertrauen, das sie in ihn setzten, mit seiner Gier und Verderbtheit, zerstörte die Monarchie und trieb ganz Russland in den Ruin. So sagte man.

Heute ist Rasputin der wohl bekannteste Name der russischen Geschichte. Es gibt Dutzende Biografien und Romane, Filme und Dokumentationen, Theaterstücke, Opern und Musicals über ihn. Seine Heldentaten wurden immer wieder besungen, vom Jazz-Song Rasputin (The Highfalutin Lovin' Man), den The Three Keys 1933 einspielten, bis hin zu Boney M., die 1978 in ihrem Disco-Hit sangen: "Ra-Ra-Rasputin, lover of the Russian queen . Ra-Ra-Rasputin, Russia's greatest love machine." Es gibt unzählige Rasputin-Bars, -Restaurants und -Diskotheken, eine Computer-Software namens Rasputin, eine Comic-Serie und eine Actionfigur. Er ist der Star von mindestens zwei Videospielen (Hot Rasputin und Shadow Hearts 2) und taucht in japanischen Mangas und Animes auf. Es gibt ein Bier mit seinem Namen, das "Old Rasputin Russian Imperial Stout", und - was wohl weniger überrascht - einen Rasputin-Wodka. Rasputins Leben war 1991 sogar Grundlage eines Auftritts der russischen Eiskunstläuferin Natalja Bestemjanowa und ihres Partners Andrei Bukin. Rasputin findet sich in der Popkultur überall.

Auch heute, 100 Jahre nach seinem Tod, ist und bleibt Rasputin in der Fantasie der Menschen der "verrückte Mönch" oder "der heilige Teufel" - ein einprägsames Oxymoron, das auf den russischen Priester Iliodor zurückgeht, einen seiner engsten Freunde, der später zu einem seiner größten Feinde wurde. So viel ist im Laufe des letzten Jahrhunderts über Rasputin gesagt und geschrieben worden, man möchte meinen, dass es kaum noch etwas hinzuzufügen gibt. Oder doch?

Der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 führte zu einer intensiven und gelegentlich durchaus schmerzhaften Aufarbeitung von Russlands Vergangenheit. Die Helden des alten Regimes waren auf einmal Schurken, und die Schurken waren Helden - das Pendel schwang wild hin und her, wie es in der russischen Geschichte schon öfter der Fall war. Nirgends zeigte sich das deutlicher als im Umgang mit Zar Nikolaus II. und seiner Frau Alexandra: Unter den Sowjets waren sie als Klassenfeinde verachtet. Im Jahr 2000 wurden sie - zusammen mit ihren fünf Kindern - von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen, nachdem man ihre sterblichen Überreste im Rahmen einer aufwendigen Zeremonie in der St. Petersburger Peter-und-Paul-Kathedrale beigesetzt hatte, in der sich auch die Grabstätten früherer Zaren befinden.1

Bei dieser kompletten Neubewertung der russischen Geschichte hat man auch Rasputin nicht vergessen. Eine neue Generation von Historikern ist angetreten und behauptet, zum wahren, historischen Rasputin vorzudringen.2 Alles, was man in den letzten hundert Jahren über ihn erzählt habe, so sagen sie, seien Lügen und Halbwahrheiten - ein Zerrbild, fabriziert von seinen Feinden. Sie sehen Rasputin im Mittelpunkt der größten Verleumdungskampagne der Geschichte. In Wirklichkeit sei er ein treuer Ehemann und fürsorglicher Vater gewesen, ein ehrlicher Mann Gottes und frommer orthodoxer Christ, ein bescheidener russischer Bauer, der göttliche Visionen empfing und seine besonderen Gaben ganz in den Dienst der Zarenfamilie und seines geliebten Heimatlandes stellte. Die vielen Horrorgeschichten über seine Ausschweifungen und Saufgelage, wie korrupt er gewesen sei und wie sehr er sich in die Angelegenheiten des Staates eingemischt habe - all das tun sie als Hörensagen ab.

Die Hetzkampagne gegen Rasputin war - so die Verfechter dieser Theorie - Teil eines Krieges gegen die Monarchie, geführt von Feinden des Zarentums, die nicht nur die Romanow-Dynastie stürzen wollten, sondern das ganze Heilige Russland. Das grundfalsche Bild von Rasputin als "Teufel" sei geschaffen worden, um die Legitimität und...

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