Tausend Morgen

Roman
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. Juni 2020
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-2605-1 (ISBN)
 
Der tyrannische Laurence Cook lebt mit seinen Töchtern Ginny und Rose auf einer Farm in Iowa. Um die Erbschaftssteuer zu sparen, beschließt er, ihnen den Millionenbesitz noch zu Lebzeiten zu überschreiben. Für die Töchter ist das der Augenblick der Rache und der Befreiung: Gewalt, Mißhandlung, Inzest, alles, was der Vater ihnen angetan hat, wollen sie ans Licht der Öffentlichkeit bringen ... Jane Smileys dramatischer Roman mit seinen präsize gezeichneten Charakteren wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. "Mit dem Aufstieg und Niedergang der Farmerfamilie Cook beschreibt Jane Smiley zugleich die Geschichte des amerikanischen Traums: von der Euphorie des Aufbaus, des Anbruchs einer glücklichen Zukunft bis zum vorläufigen Scheitern dieser Idee im letzten Jahrzehnt." Der SPIEGEL.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,82 MB
978-3-8412-2605-1 (9783841226051)
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2


Jess Clark war dreizehn Jahre fort. Er ging aus einem alltäglichen Grund - er wurde zum Militär einberufen -, aber innerhalb weniger Monate, nachdem Harold seinen Sohn zum Busbahnhof in Zebulon Zentrum begleitet hatte, rutschte Jess und alles, was mit ihm zu tun hatte, in die Kategorie des Unaussprechlichen, und niemand erwähnte ihn mehr bis zum Frühling 1979, als ich Loren Clark zufällig in der Bank von Pike traf und er mir erzählte, dass Harold zur Feier von Jess' Rückkehr ein Spanferkel rösten würde, ob wir alle kämen, mitzubringen brauchten wir nichts. Ich legte Loren meine Hand auf den Arm, so dass er sich nicht umwenden konnte und mir in die Augen sehen musste. Ich sagte: »Nun sag mal, wo ist er denn gewesen?«

»Ich schätze, das werden wir dann hören.«

»Ich dachte, er hätte keine Verbindung zu euch gehabt.«

»Hatte er auch nicht, bis Samstagabend.«

»Das ist alles?«

»Das ist alles.« Er sah mich lange an und lächelte langsam, dann sagte er: »Mir fällt auf, er hat abgewartet, bis wir mit der Aussaat fertig waren, bevor er seine Auferstehung inszeniert hat.«

Wir hatten wirklich hart gearbeitet, der Frühling war kalt und nass gewesen, und niemand hatte früher als Mitte März aufs Feld gekonnt. Dann war in weniger als zwei Wochen fast der ganze Mais im County gesät worden. Loren lächelte. Was auch immer er sagte, ich wusste, er kam sich ein bisschen wie ein Held vor, genau wie die Männer bei uns zu Hause.

Mir fiel etwas ein. »Weiß er das mit deiner Mutter?«

»Dad hat's ihm gesagt.«

»Bringt er 'ne Familie mit?«

»Keine Frau, keine Kinder. Keine Pläne, dahin zurückzugehen, wo er herkommt. Na ja, wir werden sehen.« Loren Clark war ein großer, gutmütiger Kerl. Wenn er von Jess sprach, dann mit einem zwanglosen amüsierten Unterton, so wie er über alles sprach. Ihn zu treffen, war immer ein Vergnügen, wie ein Glas Wasser zu trinken. Harold machte wunderbare Spanferkel-Essen - während das Ferkel röstete, spritzte er ihm Zitronen- und Paprikasaft unter die Haut. Dennoch erstaunte es mich, dass Harold für einen Tag mit der Bohnensaat aussetzen wollte. Loren zuckte die Schultern. »Das kann warten«, sagte er. »Das Wetter hält sich jetzt. Du kennst Harold. Er schwimmt immer gerne gegen den Strom.«

Worauf ich mich aber wirklich freute, war, Jess Clark durch die Oberfläche all dessen hindurch brechen zu sehen, was die ganzen Jahre nicht über ihn gesagt worden war, Ich spürte mein Interesse wachsen, eine kleine Neugierde, die mir wie ein glückliches Omen vorkam. Als ich eine Weile später den Scenic Highway entlang nach Cabot fuhr, dachte ich, wie hübsch der Fluss aussah - Weiden und Silberahorn standen in vollem Laub, das Schilfrohr war grün und saftig, die wilden Lilien standen in lila Büscheln, und ich hielt an und machte einen schönen kleinen Spaziergang am Ufer entlang.

Am Valentinstag hatte meine Schwester Rose ihre Diagnose, Brustkrebs, bekommen. Sie war vierunddreißig. Die Operation und die darauf folgende Chemotherapie hatten sie schwach und nervös gemacht. Es war der trübsinnigste März und April seit Jahren, und ich kochte die ganze Zeit für drei Haushalte - für meinen Vater, der darauf bestand, alleine in unserem alten Haus zu leben, für Rose und ihren Mann Pete in ihrem Haus gegenüber von Daddy, und dazu für meinen Mann Tyler und mich. Wir wohnten nun wirklich da, wo früher die Ericsons gewohnt hatten. Es war mir gelungen, das Mittagessen zusammenzulegen, und manchmal auch das Abendessen, je nachdem, wie Rose sich fühlte, das Frühstück aber musste ich in jeder der drei Küchen einzeln machen. Meine Arbeit am Herd begann vor fünf und endete nicht vor halb neun abends.

Es machte die Sache nicht besser, dass die Männer herumsaßen und sich über das Wetter beklagten und sich sorgten, es könne kein Traktordiesel fürs Pflanzen geben. Jimmy Carter sollte dieses tun, Jimmy Carter wird ganz bestimmt jenes tun, den ganzen Frühling hindurch.

Und es machte die Sache nicht besser, dass Rose sich im vergangenen Herbst plötzlich entschlossen hatte, Pammy und Linda, ihre Töchter, auf ein Internat zu schicken. Pammy war in der siebten Klasse, Linda in der sechsten. Sie wollten absolut nicht weg, kämpften dagegen an, indem sie mich und ihren Vater gegen Rose zu ihren Verbündeten machten, aber sie nähte Namensschilder in ihre Kleider, packte ihre Koffer und fuhr sie runter in die Quäkerschule von West Branch. Sie legte eine unbeugsame Entschlossenheit an den Tag, selbst angesichts des Widerspruchs unseres Vaters; sie war wie eine Naturkraft.

Die Abreise der Mädchen war unerträglich für mich, waren sie doch beinahe meine eigenen Töchter, und als Rose die Nachricht von ihrem Arzt erhielt, war das Erste, was ich sagte: »Lass uns Pammy und Linda für 'ne Weile nach Hause kommen lassen. Das ist jetzt eine gute Zeit. Sie können das Schuljahr hier zu Ende machen, danach eventuell wieder zurückgehen.«

Sie sagte: »Niemals.«

Linda war gerade geboren, als ich meine erste Fehlgeburt hatte, und für längere Zeit, sechs Monate vielleicht, war der Anblick dieser beiden Babys, die ich mit wahrer Anteilnahme und tiefer Erfüllung geliebt und umsorgt hatte, Gift für mich. Es schmerzte mich bis in alle Fasern, wenn ich sie sah, wenn ich Rose mit ihnen sah, als trügen meine Adern Säure bis in die äußersten Bereiche meines Körpers. Ich war so eifersüchtig, und jedes Mal, wenn ich sie sah, so erneut eifersüchtig, dass ich kaum sprechen konnte, und ich war nicht besonders nett zu Rose, weil irgendetwas in mir ihr die Schuld dafür gab, dass sie das hatte, was ich wollte, und dafür, dass sie es so leicht bekommen hatte (ich hatte drei Jahre gebraucht, um überhaupt schwanger zu werden - sie war es schon zwei Monate nach ihrer Hochzeit). Natürlich hatte Schuld nichts damit zu tun, und ich überwand schließlich meine Eifersucht, indem ich mir immer wieder, wie eine heruntergebetete Litanei, die zentrale Tatsache meines Lebens in Erinnerung rief - kein Tag meines erinnerten Lebens war ohne Rose. Verglichen mit unserer schwesterlichen Beziehung war jede andere durch irgendeine Form der Abwesenheit gekennzeichnet - vor Caroline, nach unserer Mutter, vor unseren Männern, Schwangerschaften, ihren Kindern, vor und nach Freunden und Nachbarn. In Zebulon hat es immer Familien gegeben, die jahrelang miteinander lebten, ohne ein Wort zu wechseln, für die ein alter Zwist um Land oder Geld so heiß brannte, dass er jedes andere Thema verschlang, jeden anderen Berührungspunkt der Freundschaft oder Zuneigung. So etwas wollte ich nicht, das wollte ich am allerwenigsten, deshalb überwand ich meine Eifersucht und machte meine Beziehung zu Rose besser als je zuvor. Und dennoch erinnerte mich ihre Weigerung, sie aus dem Internat nach Hause kommen zu lassen, in eindeutiger Weise daran, dass sie immer ihre Kinder sein würden, niemals meine.

Ja, ich fühlte es, und ich schob es beiseite. Ich warf mich ganz darauf, ihr Essen zu machen, ihr Haus zu putzen, ihre Wäsche zu waschen, sie zur Behandlung nach Zebulon reinzufahren, sie zu baden, ihr zu helfen, eine Prothese zu finden, sie in ihren Übungen zu ermutigen. Ich sprach von den Mädchen, las die Briefe, die sie nach Hause schickten, schickte ihnen Bananenkuchen und Ingwerplätzchen. Aber nachdem die Mädchen weggeschickt worden waren, hatte ich wieder, zum ersten Mal seit Lindas Geburt, eine Ahnung davon, wie es in diesen Familien war, wie ganze Generationen des Schweigens aus einer einzigen Entscheidung erwachsen konnten.

Jess Clarks Rückkehr: Etwas, das unmöglich erschienen war, erwies sich als möglich. Es war jetzt Ende Mai, und Rose ging es ganz gut. Noch eine Möglichkeit, die sich verwirklicht hatte. Und sie sah auch besser aus, seit sie wieder ein bisschen Farbe bekam. Und es würde warm werden, sagten sie im Fernsehen. Mein Spaziergang am Flussufer führte mich zu der Stelle, wo der Fluss sich zu einem kleinen Sumpfgebiet ausweitet, oder wo, wie man auch sagen könnte, die Oberfläche der Erde unter die Oberfläche des Meeres, das in ihr ist, tauchte. Blaues Wasser funkelte im noch klaren Sonnenlicht des Frühlings. Und hier war ein Schwärm Pelikane, vielleicht fünfundzwanzig Vögel, wolkenweiß gegen den Schimmer des Wassers. Vor neunzig Jahren, als meine Großeltern sich in Zebulon niederließen und die ganze Gegend feucht war, sumpfig, und so wie jetzt schimmerte, nisteten Hunderttausende von Pelikanen im Schilf, aber ich hatte seit den frühen Sechzigern keinen einzigen mehr gesehen. Ich beobachtete sie. Diese schöne Aussicht am Scenic Highway, dachte ich, hatte mich gelehrt, dass es unterhalb des Sichtbaren noch etwas gab.

Die Clark-Brüder sahen beide gut aus, nur dass man bei Loren einen Augenblick genauer hinsehen musste, um die schön geschnittenen Augen und die fein geschwungenen Lippen zu entdecken. Seine vergnügte Veranlagung verlieh ihm etwas Einfältiges, das, was die meisten Menschen wahrscheinlich meinen, wenn sie das Wort »Hinterwäldler« benutzen. Und vielleicht war er auch ein bisschen dick um die Mitte herum geworden, wie man es eben wird, wenn man immer viel Fleisch und Kartoffeln bekommt. Es war mir nicht einmal aufgefallen, bis ich Jess das erste Mal beim Spanferkel-Essen sah. Er war wie eine Kontrastausgabe von Loren. Ich glaube, Jess war ungefähr ein Jahr älter als Loren, aber in...

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