Nach Gott

Glaubens- und Unglaubensversuche
 
 
Suhrkamp Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Juni 2017
  • |
  • 364 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-75214-2 (ISBN)
 

In seinem epochemachenden Buch Globen, in dem die Globalisierung von ihren Anfängen bis zur (vorläufigen) Entfaltung Ende des 20. Jahrhunderts beschrieben wird, kennzeichnet Peter Sloterdijk Gott »als schlechthin höchste Quelle von Versicherungsschutz«. Diese in allen (zumindest monotheistischen) Religionen gültige Annahme setzt Paradoxien frei, die vom Mittelalter bis in die Neuzeit verheerende Konsequenzen hatten: der seit der Jahrhundertwende triumphierende Fundamentalismus ist die schlimmste Auswirkung.

Welche Entwicklungen sind jedoch mit dem spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts virulenten Satz »Gott ist tot« verbunden? Ist er ein Philosophem ohne reale Effekte? Ist er die Beschreibung eines Mentalitätswandels? Ist er eine Diagnose des Geschehenden? Ist er als Prognose zu begreifen, die alle interreligiös begründeten Auseinandersetzungen beendet?

Peter Sloterdijk zieht in seinem neuen Buch zum ersten Mal alle Konsequenzen aus dem Satz »Gott ist tot«. Dabei kommen die Bereiche der aktuellen Theologie und Philosophie ebenso ins Spiel wie die mörderische Politik der Gegenwart oder die unmittelbaren kulturellen und wissenschaftlich-technischen Entwicklungen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
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  • Deutschland
Suhrkamp
  • 1,60 MB
978-3-518-75214-2 (9783518752142)
3518752146 (3518752146)
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<p>Peter Sloterdijk wurde am 26. Juni 1947 als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers geboren. Von 1968 bis 1974 studierte er in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. 1971 erstellte Sloterdijk seine Magisterarbeit mit dem Titel <em>Strukturalismus als poetische Hermeneutik</em>. In den Jahren 1972/73 folgten ein Essay über Michel Foucaults strukturale Theorie der Geschichte sowie eine Studie mit dem Titel <em>Die Ökonomie der Sprachspiele. Zur Kritik der linguistischen Gegenstandskonstitution</em>. Im Jahre 1976 wurde Peter Sloterdijk von Professor Klaus Briegleb zum Thema<em> Literatur und Organisation von Lebenserfahrung. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte der Autobiographie der Weimarer Republik 1918-1933</em> promoviert. Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho) im indischen Pune auf. Seit den 1980er Jahren arbeitet Sloterdijk als freier Schriftsteller. Das 1983 im Suhrkamp Verlag publizierte Buch <em>Kritik der zynischen Vernunft</em> zählt zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. 1987 legte er seinen ersten Roman <em>Der Zauberbaum</em> vor. Seit 2001 ist Sloterdijk in Nachfolge von Heinrich Klotz Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie dort Professor für Philosophie und Ästhetik.</p>


312 Ist die Welt bejahbar?

Über den Wandel der Grundstimmung in der Religiosität der Moderne mit überwiegender Rücksicht auf Martin Luther


1 Die exzentrische Verschärfung


»Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht, / Zernichten der Heuchler erschlichene Macht!« Des Priesterkönigs Zarastro feierlich-unwidersprechliche Deklamation, mit welcher Mozarts »Oper« Die Zauberflöte (uraufgeführt im September 1791) endet, zieht die beiden Hauptmotive der theologischen wie der politischen Aufklärung in eine kompakte Drohung zusammen. Wo auch immer die Aufklärung ihre Bühnen betritt, vernunftreligiös inspiriert oder mit dem Pathos einer Befreiungsbewegung, dort nimmt sie sich vor, die mit »der Nacht« verbündete Despotie zu verjagen und die Systeme etablierter Heuchelei zu entlarven. In diesem Drama kann die Hauptdarstellerin niemand anderes sein als die Sonne selbst.

Schikaneders kindlich-volkstümliches Aufklärertum hatte die kritische Stelle in der psychopolitischen Konstruktion des ancien régime nicht schlecht getroffen. Die Allianz von Thron und Altar in den klerikokratisch gestützten Monarchien Alteuropas war tatsächlich seit jeher von einem konstitutionellen Heuchelei-Problem begleitet. Seine Reflexe gingen ins volkstümliche Bild der mittelalterlichen Kirche ein; sie sind von ihm ebensowenig wegzudenken wie die alte, stumme Überzeugung der kleinen Leute, man dürfe unter den Großen der Welt kaum einem trauen. Vom 32späten Mittelalter an fungierten der heuchlerische Priester und der ausschweifende Mönch als Standardfiguren des populären Realismus; zu ihnen gesellte sich vom 16. Jahrhundert an der Konsultant des Fürsten, der Trickster, der die Täuschung lehrt, um ihr nicht selbst zu erliegen. In der Literatur des Barock wurden Lebensklugheit und maskierte Existenz bis zur Ununterscheidbarkeit zusammengerückt. Ja, mußte man die Welt insgesamt nicht von alters her als den Inbegriff der Falschheit, Tücke und Verstellung ansehen? Galt nicht Frau Welt als die Heuchlerin par excellence, von vorn die üppige Dirne, die Glück verspricht, von hinten das schaurige Totengerippe? Seit der Heraufkunft des Bürgertums portraitierte man den Hypokrit neben dem Bastard und dem Schauspieler als eine Schlüsselfigur der sich etablierenden Wissenschaften vom Menschen. Man weiß vom Menschen unter seinesgleichen nicht genug, solange man die Allgegenwart Tartuffes nicht bemerkt hat. Wo Idealisten plädieren, sind Scheinheilige nicht weit. Die französischen Moralisten hatten den Ton vorgegeben: Sobald der Altruismus sich in Schale wirft, blitzt das Unterkleid des Egoismus hindurch.

Die seit dem späteren 19. Jahrhundert oft portraitierten Charaktermasken des Verbrechers und des Geheimagenten bezeugen die moderne-typische Aufmerksamkeit für Phänomene verstellten Verhaltens, weit über die seit dem 18. Jahrhundert verbreitete Denkfigur des entlarvten Priesterbetrugs hinaus. Die Grundstimmung der »bürgerlichen Gesellschaft« ertönt in dem Motiv der »verlorenen Illusionen«: Es verrät, wie sehr sich die Fronten zwischen Heuchelei und Aufklärung verschoben hatten. Wenn vom 19. Jahrhundert an die Heuchelei-Kritik in den Hintergrund geriet, so nur, um ihrer erweiterten Auflage als Ideologie-Kritik den Vortritt zu lassen. In dieser wurde die Großmacht der Verstellung, quasi um eine Oktave tiefer, in klassenbedingte 33Illusionssysteme und halbautomatische Selbsttäuschungen transponiert.

Ein Jahr nach der Uraufführung der Zauberflöte spitzte sich die Bühnen-Skepsis gegenüber der Heuchelei der Mächtigen auf den Straßen von Paris in eine bewaffnete Raserei gegen die neuen Masken der Hypokrisie zu: In der Terreur, die von 1792 bis 1794 wütete, ergriff die »Zernichtung« »erschlichener Macht« das Ruder. Ihre Protagonisten, Jakobiner an erster Stelle, waren von der Überzeugung durchdrungen, sie allein, die Generalbevollmächtigten des Lichts, seien imstande, die neuen wie die alten Heucheleien zu durchschauen. Sie widmeten sich der selbstsendenden Mission, die Reinheit der Revolution zu bewahren und den verstellten Patrioten zusammen mit den heimlichen Parteigängern der früheren Zustände die Maske vom Gesicht zu reißen oder das Gesicht vom Rumpf.

Der Gang der Ereignisse nach 1789 enthüllte, daß die Aktivisten sich von der Praxis des »Vertreibens« und »Zernichtens« grob vereinfachte Vorstellungen gemacht hatten. Das vorgeblich Ausgelöschte und Vertriebene, das Heuchlertum und die Nachtgewächse älterer Zeiten, behaupteten sich als wiedergängerische Phänomene. Kaum hatte die Militanz ihre Arbeit aufgenommen, kam bei der Vertreibung der Dunkelheit eine Ironie zum Vorschein, kraft welcher das Vertriebene im Innersten der Vertreiber wiederkehrte. Die althergebrachte Erschleichung der Macht tauchte in den folgenden Generationen öffentlicher Charaktere ununterdrückbar erneuert auf. Als Lichtpolitiker waren die Delegierten des guten Neuen angetreten, um wenig später selber ins alte Zwielicht zu geraten.

Man hat in jüngerer Zeit die Geschichte der Aufklärung als die Geschichte des unvermeidlichen Umschlagens in ihr 34Gegenteil zu erzählen versucht. Auch hat man ihren Verlauf als die zunehmend offene Verwirklichung ihrer geschickt verhüllten totalitären Impulse verstehen wollen. Solche generalisierenden Deutungen können inzwischen als erledigt gelten; bei wohlwollender Lektüre darf man sie als abgelegte Übertreibungsübungen auf sich beruhen lassen.

Den Tatsachen der Ideengeschichte angemessener und für die Selbstverständigung der Human- und Sozialwissenschaften fruchtbarer könnte es sein, den Gang der Aufklärung von den Tagen Spinozas und Voltaires bis zur Postmoderne als eine Geschichte der Resignation vor der Heuchelei zu erzählen - allgemeiner gesprochen: als wachsende Einsicht in die an der Kultur als solcher haftenden Gebote der Verstellung. Nietzsches Wort von der »Ehrfurcht vor der Maske« deutet die Richtung des Übergangs an.[1]

Was psychologisch Resignation heißt, bedeutet in moralischer Sicht Neutralisierung von Streitsachen. Mit ihr werden vermittelnde Optionen zugänglich. Vor die abrupte Wahl zwischen immer verwerflicher Verstellung und immer löblichem wahrem Bekenntnis gestellt, mag es ratsam sein, fürs erste ins Reich der Zwischentöne auszuweichen.

Bei der Neutralisierung der Hypokrisie spielte die Philosophische Anthropologie, wie sie seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Konturen annahm, eine herausragende Rolle. Es war allen voran Helmuth Plessner, der mit seiner seit 1928 vorgetragenen Doktrin von der »exzentrischen Positionalität« des Menschen eine Plattform für die entspannende Einebnung der Heuchelei-Kritik konstruierte.[2] Auf 35ihr werden Zwischentöne erstmals wie explizite Kompositionen hörbar.

Plessner knüpfte auf zeitübliche Weise an die Diskurse über die Tier-Mensch-Differenz an. Hatte Nietzsche den Menschen als das »nicht festgestellte Tier« bestimmt, wagte er den Schritt zu der These, der Mensch sei das neben sich »gestellte« Lebewesen. Während die Tiere durchwegs in einer ihrer Natur gemäßen »Konzentrik« verharren und so in einem unverlierbaren Bei-sich-Sein inmitten ihrer Umwelten geborgen sind (obgleich auch gequälte Tiere »verrückt« werden können), sei für »den Menschen« die existentielle Exzentrik bezeichnend. Damit ist keineswegs eine Neigung zu kauzigem Auftreten oder manieriertem Verhalten gemeint, es sei denn in dem Sinn, daß die Menschengattung als solche einen exzentrischen Pol des Universums besiedelt: Seit sie ihre Toten begraben, mit dem Jenseits verhandeln, Bälle besuchen und über die Primzahlenreihe nachdenken, sind »die Menschen« ontologisch aus der Bahn geratene Geschöpfe.

Exzentrik als positioneller Wert im Plessnerschen Sinn markiert »den Menschen« durch die Struktur seines Bewußtseins: Er - hier herrscht noch das naive Masculinum vor - ist gleichsam a priori kraft seiner reflexiven Verfassung aus der Mitte des Daseins in eine Umgebung herausgerückt. Existieren bedeutet bei ihm soviel wie Herausfallen aus Umweltgrenzen. Was auch immer sein »Milieu« darstellt: Der Mensch geht, auch wenn er am Ort bleibt, über die umzäunende Wirkung des Horizonts hinaus. Er ist nicht hier, ohne dort zu sein. Den Grenzen der unmittelbaren Umwelt immer schon entlaufen, muß er, beim Versuch, zu sich zu kommen, sich als ein wesenhaft neben sich gerücktes Wesen entdecken. Wie durch ein unvermeidliches Jenseits verwundet, ist er aus nächster Nähe sich selber entfremdet. Nichtsdestoweniger vermag er »er selbst« zu sein, sofern es ihm gelingt, aus dem Neben-sich-Stehen auf sich zurückzukom36men. Das Mensch-Sein nimmt demnach die Form einer nie ganz zu bewältigenden Aufgabe an: Damit die Existenz gelingt, fordert sie von den Einzelnen, die Spannung zwischen exzentrischen und konzentrischen Tendenzen zu gestalten.

Man darf mit allem Respekt konstatieren, daß Plessner mit seiner kunstvoll elaborierten Doktrin vom positionell verdoppelten Dasein »des Menschen« eine Version des deutschen Idealismus zum halben Preis auf den Markt gebracht hatte. Originell war seine Lehre, sofern sie eine verräumlichte Deutung der »Selbstreflexion« vortrug. Sie klang überraschend, indem sie in der Horizontalen eine bis dahin unbemerkte Tiefe offenlegte. Was »die Menschen« bislang mit einer nach oben transzendenten Welt ausgehandelt hatten, sollten sie künftig als Geschöpfe einer entrückten Nachbarschaft zu sich erledigen. Wollte man Plessners Impuls mit einem Wort charakterisieren, könnte man sagen, er habe Feuerbachs Anthropologie aus der Vertikale...

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