Die falsche Zeugin

 
 
HarperCollins (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. November 2021
  • |
  • 592 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7499-5100-0 (ISBN)
 

Der atemberaubende neue Thriller der SPIEGEL-Bestseller-Autorin

Anwältin Leigh musste schon immer härter kämpfen als andere. Denn ihre Kindheit war geprägt von Gewalt und wurde vor Jahrzehnten durch ein brutales Verbrechen abrupt beendet. Seitdem sucht sie Schutz hinter der unauffälligen Fassade ihres gutbürgerlichen Lebens. Bis sie den Auftrag bekommt, die Verteidigung eines mutmaßlichen Vergewaltigers zu übernehmen. Der Fall könnte Leighs Karriere einen mächtigen Schub verpassen. Doch als sie dem Angeklagten gegenübersteht, wird ihr klar, warum er ausgerechnet sie als seine Anwältin auserkoren hat. Sie kennt ihn. Und er kennt sie. Und er weiß genau, wovor Leigh seit zwanzig Jahren davonläuft.

weitere Ausgaben werden ermittelt
Karin Slaughter ist eine der populärsten und gefeiertsten Schriftstellerinnen weltweit. Ihre Bücher erscheinen in 120 Ländern und haben sich insgesamt über 35 Millionen Mal verkauft. Sie hat 20 Bücher geschrieben, darunter die Grant-County- und die Georgia-Reihe. Ihr Thriller Cop Town war für den Edgar-Allan-Poe-Award nominiert. Die Bücher Pretty Girls, Die gute Tochter, Ein Teil von ihr und Die letzte Witwe waren allesamt Bestseller. Slaughter setzt sich als Gründerin der Non-Profit-Organisation »Save the Libraries« für den Erhalt und die Förderung von Bibliotheken ein. Die Autorin stammt aus Georgia und lebt in Atlanta. Ein Teil von ihr wird gerade für Netflix, die Grant-County- und die Georgia-Reihe werden fürs Fernsehen verfilmt.

SOMMER 1998


Callie hörte aus der Küche, wie Trevor an das Aquarium klopfte. Sie schloss die Hand fester um den Kochlöffel, mit dem sie den Plätzchenteig umrührte. Er war erst zehn. Sie vermutete, dass er in der Schule gemobbt wurde. Sein Vater war ein Arschloch. Der Junge war allergisch auf Katzen und fürchtete sich vor Hunden. Jeder Psychologe würde einem sagen, dass Trevor die armen Fische terrorisierte, weil er verzweifelt um Aufmerksamkeit buhlte, aber Callie konnte es nur mit Mühe ertragen.

Klopf-klopf-klopf.

Sie rieb sich die Schläfen, um die aufkommenden Kopfschmerzen zu vertreiben. »Trev, klopfst du an das Aquarium, wie du es nicht tun sollst?«

Das Klopfen hörte auf. »Nein, Ma'am.«

»Bist du dir sicher?«

Schweigen.

Callie klatschte Teig auf das Backpapier. Das Klopfen setzte wie ein Metronom wieder ein. Immer bei drei klatschte sie wieder einen Batzen Teig auf das Blech.

Klopf-klopf-klatsch. Klopf-klopf-klatsch.

Callie schloss gerade die Ofentür, als Trevor plötzlich wie ein Serienmörder hinter ihr auftauchte. Er schlang die Arme um sie. »Hab dich lieb.«

Sie drückte ihn genauso kräftig wie er sie. Die Anspannung, die ihren Schädel umklammerte, lockerte ihren Griff. Sie gab ihm einen Kuss auf den Scheitel. Er schmeckte salzig von der schwärenden Hitze. Er stand vollkommen still, aber seine nervöse Energie ließ sie an eine zusammengepresste Feder denken. »Willst du die Schüssel auslecken?«

Die Frage wurde beantwortet, bevor sie ganz gestellt war. Er zog sich einen Küchenstuhl an die Arbeitsfläche und führte sich auf wie Puh der Bär, wenn der den Kopf in einen Honigtopf steckt.

Callie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne war vor einer Stunde untergegangen, aber im Haus war es noch immer brütend heiß. Die Klimaanlage funktionierte kaum, und der Ofen hatte die Küche in eine Sauna verwandelt. Alles fühlte sich klebrig und feucht an, sie selbst und Trevor eingeschlossen.

Sie stellte den Wasserhahn an. Das kalte Wasser war unwiderstehlich. Sie spritzte es sich ins Gesicht, dann besprenkelte sie zu seiner Begeisterung Trevors Nacken.

Als er aufgehört hatte zu kichern, reinigte Callie den Kochlöffel unter dem Wasserstrahl und legte ihn zum Trocknen in das Abtropfgestell mit dem gespülten Geschirr vom Abendessen. Zwei Teller. Zwei Gläser. Zwei Gabeln. Ein Messer, um Trevors Hotdog zu schneiden. Ein Teelöffel für den Klecks Worcestersoße, den sie ins Ketchup gerührt hatte.

Trevor gab ihr die Teigschüssel, damit sie sie spülen konnte. Er zog den linken Mundwinkel hoch, wenn er lächelte, genau wie sein Vater. Er stand neben ihr an der Spüle und lehnte seine Hüfte an ihre.

»Hast du an das Glas vom Aquarium geklopft?«, fragte sie.

Er blickte auf. Sie bemerkte das intrigante Blitzen in seinen Augen. Genau wie bei seinem Vater. »Du hast gesagt, es sind Anfängerfische. Und dass sie wahrscheinlich sowieso nicht überleben.«

Eine gemeine Antwort, die ihrer Mutter würdig gewesen wäre, lag ihr auf der Zunge. Dein Großvater wird ebenfalls sterben. Sollen wir ins Pflegeheim fahren und ihm Nadeln unter die Fingernägel stecken?

Callie hatte die Worte nicht laut ausgesprochen, aber die Feder in Trevor spannte sich noch ein wenig mehr. Sie fand es immer verstörend, wie genau er ihre Gefühlsregungen erfasste.

»Okay.« Sie wischte sich die Hände an ihren Shorts ab und wies mit einem Kopfnicken zum Aquarium. »Wir sollten rausfinden, wie sie heißen.«

Er blickte misstrauisch drein, da er in ständiger Furcht lebte, einen Witz als Letzter zu verstehen. »Fische haben keine Namen.«

»Natürlich haben sie welche, Dummkopf. Die lernen sich doch nicht am ersten Schultag kennen und sagen: >Guten Tag, mein Name ist Fisch.<« Sie schubste ihn sachte in Richtung Wohnzimmer. Die beiden zweifarbigen Schleimfische schwammen eine nervöse Runde im Aquarium. Während des mühsamen Aufbaus des Salzwassertanks hatte Trevor mehrfach das Interesse verloren. Bei der Ankunft der Fische hatte sich seine Aufmerksamkeitsspanne auf die einer Fruchtfliege verringert.

In Callies Knie knackste es, als sie vor dem Aquarium in die Hocke ging. Der pochende Schmerz war erträglicher als der Anblick von Trevors schmutzigen Fingerabdrücken, die das Glas trübten. »Was ist mit diesem Kerlchen hier?« Sie zeigte auf den kleineren der beiden Fische. »Wie heißt er?«

Trevors linker Mundwinkel ging nach oben, als er ein Lächeln unterdrückte. »Köder.«

»Köder?«

»Ja, wenn die Haie kommen und ihn fressen!« Trevor brach in zu lautes Lachen aus und wälzte sich beinahe auf dem Boden vor Belustigung.

Callie versuchte, den Schmerz aus ihrem Knie zu massieren. Sie sah sich deprimiert wie immer in dem Raum um. Der fleckige Flauschteppich war schon irgendwann Ende der Achtziger platt getreten gewesen. Das Licht von der Straße strahlte um die Ränder der orange-braunen Vorhänge. Eine komplett ausgestattete Bar mit einem trüben Spiegel dahinter nahm eine Ecke des Zimmers ein. Gläser hingen von einem Gestell an der Decke, und vier lederne Barhocker drängten sich um das L der klebrigen Holztheke. Der ganze Raum war auf einen riesigen Fernsehbildschirm ausgerichtet, der mehr wog als Callie. Die orangefarbene Couch hatte zwei deprimierende Vertiefungen von ihm und ihr an jedem Ende. Die Rückenlehnen der braunen Clubsessel waren von Schweiß verfärbt. Schwelende Zigaretten hatten Flecken in die Armlehnen geschmort.

Trevor schob seine Hand in ihre. Er hatte ihre Stimmung wieder erfasst.

»Was ist mit dem anderen Fisch?«, versuchte er es.

Sie legte ihren Kopf an seinen und lächelte. »Wie wäre es mit .« Sie versuchte, sich etwas Gutes auszudenken. Ann Chauvie, Dschingis Karpf . »Mr. Dar-Sea?«

Trevor rümpfte die Nase. Definitiv kein Jane-Austen-Fan. »Wann kommt Daddy nach Hause?«

Buddy Waleski kam nach Hause, wann er eben kam. »Bald.«

»Sind die Kekse schon fertig?«

Callie stand mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, damit sie ihm in die Küche folgen konnte. Sie inspizierte die Kekse durch die Ofentür. »Noch nicht ganz, aber bis du aus der Badewanne .«

Trevor sauste den Flur hinunter. Die Badezimmertür fiel krachend zu. Sie hörte den Hahn quietschen. Wasser rauschte in die Wanne. Er fing zu summen an.

Ein Amateur hätte sich zum Sieger erklärt, aber Callie war kein Amateur. Sie wartete einige Minuten, dann öffnete sie die Badezimmertür einen Spaltweit, um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich in der Wanne war. Sie ertappte ihn, wie er gerade den Kopf ins Wasser tauchte.

Immer noch kein Sieg - nirgendwo war Seife zu sehen -, aber sie war erschöpft, und ihr Rücken schmerzte, und ihr Knie zwickte, als sie den Flur entlangging, deshalb konnte sie nichts anderes tun, als die Zähne zusammenzubeißen, bis sie die Bar erreicht hatte und ein Martiniglas zu gleichen Teilen mit Sprite und Captain Morgan füllte.

Callie beschränkte sich auf zwei kräftige Schlucke, ehe sie sich bückte und nach blinkenden Lichtern unter der Theke suchte. Sie hatte die Digitalkamera vor ein paar Monaten zufällig entdeckt. Der Strom war ausgefallen. Sie hatte nach den Kerzen für Notfälle gesucht, als ihr aus dem Augenwinkel plötzlich ein Blitzen aufgefallen war.

Ihr erster Gedanke war gewesen: Gestauchter Rücken, Wackelknie, und jetzt löst sich auch noch die Netzhaut ab. Aber das Licht war rot, nicht weiß, und es blinkte wie die Nase von Rudolph dem Rentier zwischen zwei der schweren Lederhocker unter der Theke. Sie hatte die Hocker zur Seite gezogen und beobachtet, wie das rote Licht von der Messingfußleiste blinkte, die sich unten um die Bar zog.

Es war ein gutes Versteck. Die Front der Bar war mit einem bunten Mosaik verkleidet. Spiegelscherben zwischen Bruchstücken von blauen, grünen und orangefarbenen Fliesen - all das zusammen machte das gut zwei Zentimeter große Loch unsichtbar, das zu den Regalfächern auf der Rückseite führte. Sie hatte den digitalen Camcorder hinter einem Pappkarton mit Weinkorken gefunden. Buddy hatte das Stromkabel im Regal überklebt, um es zu kaschieren, aber der Strom war seit Stunden ausgefallen, die Batterie war fast leer. Callie hatte keine Ahnung, ob die Kamera aufgezeichnet hatte. Sie war direkt auf die Couch gerichtet.

Was sich Callie eingeredet hatte, war Folgendes: Buddy hatte fast jedes Wochenende Freunde zu Besuch. Sie schauten Basketball, Football oder Baseball, und sie redeten über irgendwelchen Blödsinn, über Geschäfte und Frauen, und wahrscheinlich sagten sie Dinge, die Buddy ein Druckmittel verschafften: die Art von Druckmittel, die er später für einen Geschäftsabschluss verwenden konnte, und wahrscheinlich war die Kamera deshalb da angebracht.

Wahrscheinlich.

Sie ließ das Sprite bei ihrem zweiten Drink weg. Der aromatisierte Rum brannte ihr in der Kehle und stieg ihr in die Nase. Callie nieste und fing das meiste mit ihrem Unterarm ab. Sie war zu müde, um ein Papiertuch aus der Küche zu holen, und wischte den Rotz einfach mit einem der Barhandtücher ab. Das mit einem Monogramm versehene Wappen kratzte auf ihrer Haut. Callie betrachtete das Logo, das Buddys Art so ziemlich auf den Punkt brachte. Nicht die Atlanta Falcons. Nicht die Georgia Bulldogs. Nicht einmal die Georgia Tech. Buddy Waleski hatte sich dafür entschieden, die zweitklassigen Bellwood Eagles zu unterstützen - ein...

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