Was Erin entdeckt

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. März 2021
  • |
  • 308 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-5142-8 (ISBN)
 
Die verwitwete Luzerner Schriftstellerin Erin muss im Frühling 2019 als Einzelkind die Messie-Wohnung ihres verstorbenen Vaters räumen und seine Asche verstreuen, aber sie fühlt sich dieser Verantwortung nicht gewachsen. Das Angebot des mysteriösen Facebook-Bekannten Alexander, Journalist für Kunst und Kultur, der ihr eine kulturelle Gratisreise durch Europa vorschlägt, kommt ihr deshalb sehr gelegen. Als Novizin in Sachen Kunst akzeptiert sie seine Bedingung, sich von ihm bei der Begegnung mit Kunst beobachten zu lassen, damit er sein Handbuch für Kunstanfänger einfacher schreiben kann. Im Gegenzug soll sie ihm dafür nach der Reise einen bestimmten Wunsch erfüllen ...

Ein spannender Roman über zwei Schreibende, die über eine Reise in ihr Inneres und in die Kunst eine ganz besondere Bindung eingehen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,64 MB
978-3-7534-5142-8 (9783753451428)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Anja Siouda kam 1968 in Zürich zur Welt, wuchs in Luzern auf, heiratete neunzehn Jahre später in Sursee, zog darauf mit ihrem Mann in die Westschweiz und schloss 1995 an der Universität Genf ihr Studium der Arabistik, Germanistik und allgemeinen Linguistik ab. 1995 und 1997 gebar sie ihre zwei Söhne. 2007 begann sie ein Zweitstudium an der ETI der Universität Genf, das sie 2010 mit einem Master in Übersetzungswissenschaft abschloss. 2010 und 2013 erschienen die zwei ersten Teile ihrer spannenden interkulturellen, sozialkritischen Romantrilogie: «Steine auf dem Weg zum Pass» und «Ein arabischer Sommer». 2016 wurde «Tuttifrutti - Humoristische Erzählungen für jeden Geschmack» publiziert. 2017 erschien der Roman «Erdbeerzeit». 2018 kam erstmals «Berührte Blüten», der dritte Teil ihrer Trilogie, auf den Markt. Auch die beiden ersten Teile erschienen gleichzeitig in einer Neuauflage. Im Roman «Was Erin entdeckt», der seit dem Frühling 2021 erhältlich ist, beschäftigt sich die Autorin zum ersten Mal mit dem Thema Kunst. Seit 2001 lebt sie mit ihrer Familie in Frankreich, reist aber seit Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit regelmässig für Lesungen in die Deutschschweiz.

1


Das Wunderhorn


Als Erin sich mit der Urne auf dem Arm endlich einen Weg durch die kleine Dreizimmerwohnung gepflügt hatte und in den Raum gelangte, der eigentlich einmal eine Stube gewesen war, sah sie ihn zuoberst auf dem Regal liegen. Ein Gipsabdruck von den Zähnen ihres Vaters, der vor vielen Jahren für seine Zahnprothese hergestellt wurde, wäre ihr lieber gewesen! Zuoberst auf dem Regal aber lag sein Penis, aus weissem Gips und in voller Länge. Steif für alle Zeit und Ewigkeit. Dass es seiner war, wusste sie, weil er ihn ihr vor etwa zehn Jahren einmal stolz lachend als «bijou de famille», als Kronjuwel, entgegengestreckt hatte, als sie auf Besuch gewesen war. Vom Französischen konnte ihr Vater zwar nur ein paar Brocken, aber diesen Ausdruck hatte er einmal bei einer Freundin aufgeschnappt und nie vergessen.

Kurze Zeit bevor er sich mit seinem verewigten Phallus vor Erin brüstete, hatte er sich mit dem Gutschein, den sie ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, einen kreativen Migros-Kurs geleistet, wo er den praktischen Umgang mit Gipsbändern und Alginat gelernt hatte. Natürlich, so erklärte er ihr ohne jede Scham, wie es schon immer seine Art war, habe sich sein Penis nach Abschluss des Kurses als Modell bestens geeignet, stand er ihm im wahrsten Sinne des Wortes doch gratis und franko täglich zur Verfügung und liess er sich zu jener Zeit auch noch problemlos und innert Sekunden in die gewünschte Stellung bringen. Sie selber war damals Anfang vierzig gewesen, ziemlich abgebrüht, was die jahrelangen Extravaganzen ihres Vaters seit ihrer Kindheit in den 70er-Jahren betraf.

Sie stellte die Urne einen Moment auf das einzige freie Fleckchen vor ihren Füssen, stieg auf einen Schemel, von dem sie zuerst die meterhohe Zeitungsbündelschicht hatte entfernen müssen, und langte mit hochgezogenen Augenbrauen nach dem kalten, glatten aber leicht angestaubten Gips. Dieses Relikt ihres Vaters - mit einer Eichel so rund wie seine Glatze - konnte sie wirklich nicht in der Wohnung lassen, bis das Räumungsinstitut sich darum kümmern würde. Es reichte, wenn sie allein von dieser Peinlichkeit Kenntnis hatte. Am besten würde sie das Unding gleich zertrümmern und mit einem Teil des ganzen undefinierbaren, nicht recycelbaren Mülls für den Hauskericht bereitstellen, wofür die Räumungsfirma bestimmt mehrere Mulden brauchen würde, in einem Herkules-Abfallsack der Migros. Sie hatte in kluger Voraussicht extra mehrere Rollen davon mitgebracht. Oder sollte sie es mitnehmen und am gleichen Ort versenken wie die Urne? Sollte sie diese tatsächlich in der Nähe des Rütlis über der stillen Wasserfläche des Vierwaldstättersees ausschütten, wie es ihr Vater immer gewünscht hatte, und den Gipspenis - sie hörte im Geiste schon das «Plop» - ins Wasser plumpsen lassen? Möglichst im Winter, wenn keine Touristen in der Nähe wären ...

Sie steckte das Fossil ihres Vaters fürs Erste seufzend in ihre Handtasche, hob die Urne vom Boden auf und bahnte sich mit kleinen, vorsichtigen Schritten über die eingetrockneten Blut- und Urinspuren im Flur einen Weg in die Küche. Als sie es knapp schaffte, die Tür aufzustossen, wobei ihr zu ihrem Schrecken gleich eine Schar dicker Fliegen entgegenschwirrte, bemerkte sie sofort, dass das Chaos in diesem Raum etwas weniger gross, dass aber dafür der Schmutz und der Gestank umso krasser waren. Sie hielt sich automatisch die Nase zu und sah, vor Ekel geschüttelt, die bei der verkrusteten Arbeitsfläche auf vergammelten Essensresten wimmelnden Maden, die verdreckten Pfannen und die zerbrochenen Teller, Gläser und zerdrückten Joghurtbecher. Auf den Fliesen am Boden konnte sie kaum einen Fuss vor den anderen setzen, da dort die unzähligen leeren Wein- und Schnapsflaschen standen und weil sich in einer Ecke neben einem Wust von leeren Plastiksäcken geöffnete Konservenbüchsen mit nach oben gebogenen Deckeln und Verpackungen aller Art auftürmten. Erin standen die Haare zu Berge. Sie verliess die Küche rückwärtsgehend und schloss die Tür rasch wieder.

Eigentlich war sie nach dem Abholen der Urne im Krematorium im Friedental nur in diese schrecklich vermüllte Wohnung zurückgekehrt, weil sie noch einmal nach ein paar persönlichen Papieren ihres Vaters hatte suchen wollen, aber es ekelte sie nun doch, selber stundenlang in dem unvorstellbaren Chaos herumzuwühlen. Und sie musste auch wieder intensiv an den Schock zurückdenken, den sie erlitten hatte, als sie die Polizei vor zehn Tagen darum gebeten hatte, die Tür zur Wohnung ihres Vaters aufzubrechen, weil er auf ihr wiederholtes Klingeln hin nicht geantwortet hatte und auch per Telefon nicht erreichbar gewesen war. Ihr Vater hatte, nicht weit von der Eingangstür, im durch die Stapel von Zeitungen und allerhand Ramsch verengten Flur bäuchlings am Boden gelegen, sein Körper war schon erkaltet und seine Hände waren bläulich gewesen. Etwas Blut war ihm aus Nase und Mund gesickert und bei seiner Taille hatte es am Boden einen nassen Fleck gehabt. Die Augen waren halb geöffnet geblieben. Es sah nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall aus, jedenfalls konnte Erin sich nur etwas Derartiges vorstellen. Tatsächlich konstatierte der schnell herbeigerufene Arzt den Tod und die Autopsie, die wenige Tage später zwecks eindeutiger Klärung der Todesursache vorgenommen wurde, bestätigte, dass ihr Vater an einem Schlaganfall gestorben war. Für Erin war es eine Erleichterung gewesen, zu wissen, dass ihr Vater nicht lange hatte leiden müssen. Allerdings war er in der Stunde seines Todes ganz allein gewesen, das wiederum machte ihr zu schaffen. Sie hatte mehrere Nächte hintereinander Alpträume gehabt, in der sie immer wieder ihren tot am Boden liegenden Vater sah. Die psychologische Betreuung, die ihr die Polizei angeboten hatte, nachdem der Leichnam an jenem denkwürdigen Tag aus der Wohnung abgeholt worden war, hatte sie abgelehnt.

Als sie etwas erschöpft im Bus sass, der sie zum Bahnhof zurückbrachte, platzierte sie die Urne, die sie in eine Plastiktasche gestellt hatte, unter ihrem Jupe und zwischen ihren eleganten Stiefeletten auf dem Boden, damit sie nicht umkippte und versuchte, an etwas anderes zu denken, als an die Messie-Wohnung ihres Vaters, für deren Räumung sie als einzige Tochter verantwortlich war. Sie bedauerte wieder einmal, ein Einzelkind zu sein. Vor allem eine Schwester hätte sie in ihrer Kindheit gerne gehabt. So hätte sie jetzt zusammen mit ihr besprechen können, wie sich diese Räumung am besten organisieren und wie und wo sich die Asche ihres Vaters diskret verstreuen liesse. Auch mit der fehlenden Abdankungsfeier und dem befremdlichen Abholen der Urne im Krematorium - ihr Vater war überzeugter Atheist gewesen und hatte bereits in jungen Jahren immer betont, er wolle keine religiöse Feier und vor allem keinen Pfarrer, wenn dereinst seine Stunde geschlagen hätte und er nur noch Asche wäre -, hätte sie nicht allein zurechtkommen müssen. Sogar für den administrativen Kram, der sie nun erwartete, hätte sie Hilfe gehabt. Ihr Vater hatte sich nach seiner Pensionierung vor elf Jahren völlig abgeschottet, aber eigentlich hatte er auch schon vorher keinen einzigen Freund gehabt und hatte auch von den zahlreichen Freundinnen, die er in seinem Leben kennengelernt und beschlafen hatte, keine auf Dauer behalten können. Alle waren sie ihm davongelaufen. Wie auch ihre Mutter, Jahrzehnte zuvor.

Erin nahm ihr Smartphone aus ihrer Handtasche, aber dabei fiel ihr Blick wieder auf das peinliche Erbstück ihres Vaters. Am liebsten hätte sie es aus dem Busfenster über ihr geworfen, das trotz des kühlen Wetters schräg aufgeklappt war. Schliesslich nahm sie das Hermes-Seidenfoulard, das sie immer bei sich trug, und wickelte es im Innern ihrer Tasche um den Gips, nicht ohne sich vorher umzublicken, ob jemand in ihrer Nähe sass. Aber der Bus war zu ihrer Erleichterung fast leer, da er gerade erst die Endstation Matthof verlassen hatte. Nur etwas weiter vorne befanden sich zwei Passagiere: Eine junge Frau sass in Fahrtrichtung mit ihrem laut hechelnden schwarzen Hund auf dem Schoss hinter einem alten Mann mit schütterem Haar, der sich offenbar nicht vom warmen Hundeatem in seinem Nacken stören liess. Erin tippte, bei diesem Anblick erneut schaudernd, ihren Entsperrungscode in ihr Smartphone, checkte ihre Mails und ging kurz auf ihr Facebook-Profil. Es gab nur ein paar unwichtige Benachrichtigungen sowie eine persönliche Nachricht in Messenger. Neugierig öffnete sie sie, weil ihr der Name des Absenders nur vage bekannt vorkam. Ein Journalist, den sie nicht persönlich kannte, aber mit dem sie über eine Kulturgruppe vernetzt war, hatte ihr geschrieben. Als sie den ersten Satz las, dachte sie aber gleich, dass sie ihn als Kontakt wohl am besten blockieren würde. Plumpe Anmache war nicht ihr Ding, denn da stand: «Hallo Erin, möchten Sie eine Gratis-Reise mit mir machen? Näheres mündlich». Seine Telefonnummer hatte er ihr auch gleich daneben geschrieben. Sie würde sich hüten, ihn anzurufen. Es konnte auch irgendeine Masche eines Hackers sein, der das Profil des Journalisten missbrauchte, um an ihre Telefonnummer zu kommen oder der Journalist war...

Schweitzer Klassifikation
BISAC Classifikation

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Adobe-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose Software Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Adobe-DRM wird hier ein "harter" Kopierschutz verwendet. Wenn die notwendigen Voraussetzungen nicht vorliegen, können Sie das E-Book leider nicht öffnen. Daher müssen Sie bereits vor dem Download Ihre Lese-Hardware vorbereiten.

Bitte beachten Sie bei der Verwendung der Lese-Software Adobe Digital Editions: wir empfehlen Ihnen unbedingt nach Installation der Lese-Software diese mit Ihrer persönlichen Adobe-ID zu autorisieren!

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Adobe-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen