Der Klavierschüler

 
 
Kampa Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2019
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-311-70045-6 (ISBN)
 
Zürichsee im Vorfrühling 1986. Ein erfolgreiches Leben soll gewaltsam beendet werden. Begründung: Ausweglosigkeit. Da sabotieren ein paar Minuten Musik die Vollstreckung. Es beginnt eine Flucht ins Leben hinein. Ein Barpianist lotst den Mann,
den Schumanns Träumerei rettete, auf eine Reise in die Vergangenheit - zu dem angstvoll gehüteten Geheimnis eines Jahrhundertpianisten. 1937 hatte Vladimir Horowitz in der Schweiz eine Affäre begonnen, mit der er seine ganze Karriere und seine Ehe mit Toscaninis Tochter aufs Spiel setzte. Vor sieben Jahren stieß Lea Singer auf brisante unveröffentlichte Briefe von Vladimir Horowitz an einen jungen Schweizer namens Nico Kaufmann. Der begabte Sohn aus gutbürgerlichem Haus wurde 1937 sein erster Klavierschüler und sein Geliebter. Als Jude verfolgt, war Horowitz Ende der dreißiger Jahre zum Aufbruch ins Exil gezwungen. Ein Trauma, aber auch die Chance, sein Leben zu ändern, sich endlich zu sich selbst zu bekennen. Fünfzig Jahre später erzählt Nico Kaufmann, zu einem Barpianisten herabgesunken, einem Unbekannten von dieser Liebe und ihren nächtlichen Seiten. Er führt den Fremden zu den Luxushotels, in denen Horowitz mit ihm zwei Jahre lang seine Leidenschaft im Verborgenen lebte, und immer näher heran an die brennenden Fragen: Wie viel Mut fordert die Liebe? Und was geschieht mit dem, der seine Sehnsucht verleugnet?
  • Deutsch
  • 0,48 MB
978-3-311-70045-6 (9783311700456)
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II


Was die Bewohner vom Kreis 4 zusammenhielt, war der Aberglaube, der einzige gemeinsame Glaube: Jeder hier glaubte an Wunder. Vermutlich, weil ihnen nichts anderes übrigblieb, nachdem sich früher oder später der an die Gerechtigkeit erledigt hatte. Dass der Aberglaube nicht mit Millionen Kondomen, Jointfiltern, Kronkorken, künstlichen Fingernägeln, vom Teller gekratzten Spaghetti und schwarz geputzten Schaumstoffschwämmen im Müll gelandet war, hatte mit den Schutzengeln zu tun. Sie schwebten nicht über allen, sie lebten mitten unter den anderen vom Vieri das Wunder namens Erfolg. Da war einer, der es vom Psychiatriepfleger in Turnschuhen auf der geschlossenen Abteilung mit handbedruckten Seiden zum Liebling der Couturiers geschafft hatte, da gab es Künstler, die Kippen gesammelt hatten, deren Bilder nun Aktien waren, da waren Wirte, die aus den Bierkneipen und Hühnerbratereien der Eltern Restaurants gemacht hatten, wo sich Leute aus dem Kreis 1 vom Chauffeur vorfahren ließen und an einem Abend mehr Trinkgeld aufs Tischtuch legten, als die Großmutter in einem ganzen Monat an der Heißmangel verdient hatte.

Fast jeder, der im Vieri aufgewachsen war, kam irgendwann zurück, wenigstens auf Besuch, um zu schauen, ob der Wunderglaube dort noch immer wuchs, in den Hinterhöfen aus dem Beton zwischen rostigen Fahrrädern und Vespas, in den Rotlichtburgen aus den Bettritzen und vor den Wohnküchen aus den Rosmarintöpfen auf dem Fenstersims. Manche gaben zu, dass sie versucht hatten, den Vieri zu vergessen oder zu verleugnen, gelungen war es keinem.

 

Die einzige Pianobar im Kreis 4 lag an der Kanonengasse, und die Adresse schien ihr peinlich zu sein. Sie duckte sich eingeschossig hinter einem Mietshaus aus den Fünfzigern, pinkfarben angestrahlt, damit man ihre eigentliche Farbe nicht erkannte. Über dem Eingang verblasste der Schriftzug Kohlehandlung Egger.

Klaviere waren schon immer selten gewesen im Kreis 4, und wer keines kannte, der suchte auch keines. Warum in der ehemaligen Kohlehandlung eines stand, schwarz, gepflegt, gut gestimmt, Ibach stand in Goldschrift auf der Innenseite des Deckels, und wer es gespendet hatte, wusste keiner, aber als ein Exotikum half es beim Wunderglauben fast so gut wie eine Sternschnuppe.

Der Mann am Klavier saß mit dem Rücken zu den Gästen, einer Großfamilie aus Enttäuschten, die sich lieber nochmals enttäuschen lassen wollten, als den Glauben aufzugeben, diese Nacht werde sich ihnen etwas absolut Unerwartetes offenbaren.

Dass die meisten hinstarrten, als gegen Mitternacht ein Fremder hereinkam, entging dem Pianisten. Er blickte auf den Satinvorhang hinter dem Klavier. Beringte Hände mit langen glitzernden Fingernägeln teilten ihn und gaben den Blick frei auf einen Meter achtzig Sexappeal. Ihre Frisur stammte aus dem Hollywood der Sechziger, das Outfit mit Melone, Strapsen und High Heels in Schwarz aus den Siebzigern, die Figur aus dem Modelkatalog von heute. Bessere Beine hatte keine, Schulterpolster brauchte sie nicht. Ihre Stimme betörte mit Rauch und Metall und ihr Hüftschwung mit Lässigkeit. Als sie zum Schluss ein Lied über Tiger Lily brachte, jaulten die Gäste schon bei den ersten Takten auf.

Der Fremde hatte sich weit vorn an die Seite gesetzt, dorthin, wo es am dunkelsten war und der Blick auf den Rücken des Pianisten unverstellt. Auffallend gerade saß der vor den Tasten und auffallend ruhig. Seine Schultern blieben reglos, nur von den Ellenbogen bis zu den Fingern bewegte er sich. Für einen Barpianisten ungewöhnlich; auch dass er das Pedal nur sparsam bediente, nicht hämmerte oder mitsang. Sein Haar wurde vom Licht vergoldet, aber es war eindeutig weiß.

Als ihm eins der Sektgläser gereicht wurde, die der Fremde den beiden spendiert hatte, stand er auf, spähte blinzelnd in den Dämmer und lächelte verschwommen. Die starken Schneidezähne etwas vorstehend, der Mund geöffnet, ungewöhnlich voll und rosig für einen älteren Mann, sicher schon an die siebzig. Die hohen Wangenknochen traten, als er die Lippen auseinanderzog, hervor, die Augen wurden zu glitzernden Schlitzen. Er spielte allein weiter, verhaltener, als wollte er den Gästen das Zuhören freistellen. Keiner schaute mehr nach vorn, bis auf den Fremden. Tiger Lily kreuzte in der Bar auf, in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen, und setzte sich direkt neben den Fremden, eine Bierflasche in der Hand. Im Bartschatten klebten noch Make-up-Reste, in die Stirn hatte die Monroe-Perücke eine Rille gedrückt. Neu hier?

Der Fremde blickte unverwandt auf den Rücken des Pianisten.

Sie haben mir Sekt spendiert. Beim Sprechen klang Tiger Lily baritonal. Jeder hier weiß, dass ich nach dem Singen nur das hier trinke. Er setzte die Flasche an. Der Fremde beugte sich vor. Tiger Lily nahm das Glas des Fremden, hielt es gegen das Bühnenlicht und stellte es wieder hin. Wasser! Wasser um Mitternacht! Sind Sie denn schon durch alle Feuchtgebiete vom Vieri gekrault? Das Schweigen des Fremden war glattledern wie seine Jacke. Der spielt zu gut für eine Spelunke wie die hier, oder?, stichelte Tiger Lily. Der Fremde beugte sich noch weiter vor. Lily beugte sich mit, sein Mund war nun nah am Ohr des Fremden. Mein Lied, das hat er komponiert, der kommt von Beethoven und dem ganzen Zeug.

Nach der zweiten Flasche Bier gab Tiger Lily auf. Den Kopf nach hinten über die Lehne gekippt, die langen Beine ausgestreckt, saß er da, als nun der Fremde ihn ansprach. Kann er Schumann?

Ob er was kann?

Schumann spielen. Die Träumerei. Fragen Sie ihn bitte, ob er die Träumerei von Schumann spielen kann.

Tiger Lily lümmelte sich in die Senkrechte, murmelte etwas von Nazifilmmusik und schlurfte Richtung Klavier.

Der Pianist blieb sitzen, fragte Tiger Lily offenbar etwas, fragte wohl auch nach; dass hier ein solches Stück gewünscht wurde, musste ihn verblüffen. Reglos verharrte er dann noch, als müsste er sich erst zurechtfinden, wandte sich jedoch nicht um. Er wollte also offenbar nicht wissen, von wem der Wunsch kam, dieser Wunsch aus einer anderen Welt.

Einen Besenstiel in der Hand, stellte sich Tiger Lily in den High Heels von vorher auf die Bühne und stieß wie ein Tambourmajor auf den Holzboden, bis der Lärm verebbte. Es verging eine lange halbe Minute, bis der Mann am Klavier begann.

Der Fremde saß da, ohne sich anzulehnen, die Lider geschlossen.

Zögernd stiegen Töne auf, wie eine Erinnerung an etwas Fernes, aber nie Vergessenes. Der Pianist schien weniger zu spielen, als zu sinnieren und dem nachzulauschen, was seine Finger da erweckten. Diese Musik passte nicht hierher. Doch sie war so leise, dass jeder hinhörte.

Keinem fiel auf, dass der Fremde weinte. Nach wenigen Minuten war alles vorübergezogen. Was nachklang, verbot für ein paar Atemzüge jedes Geräusch. Niemand applaudierte. Erst als der Pianist sich erhob und unsicher, als hätte ihn etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, in die Richtung ging, wo Lily sich fläzte, begann es wieder zu lärmen.

Lily stand auf, drückte den Pianisten auf den freigewordenen Stuhl und schlackerte zum Stammtisch, hinter dem farbige Glühbirnen und Plastikrosen die Devotionalien berühmter Gäste rahmten.

Der Fremde saß zusammengesunken da. Seine Oberlippe bebte, sonst rührte sich nichts an ihm.

Das waren doch Sie, sagte der Pianist. Sie haben sich die Träumerei gewünscht, richtig?

Der Fremde wandte ihm sein Gesicht zu, ein olivfarbenes, verschlossenes Gesicht, soweit es bei der schlechten Beleuchtung zu erkennen war, ebenmäßig und unauffällig.

Wer sind Sie?, fragte der Fremde.

Der Pianist lächelte wieder auf diese Mädchenart, lockend und lieb. Wollen Sie wissen, wer ich bin oder wie ich heiße?

Der Fremde schwieg.

Antwort eins ist bei mir nie zufriedenstellend, ich weiß es nicht recht, keiner weiß es, vieles und irgendwie auch gar nichts. Also Antwort zwei: Kaufmann, Nico Kaufmann.

Die anderen waren zu sehr mit sich beschäftigt, als dass ihnen die stillen Männer an der dunkelsten Stelle der Bar aufgefallen wären.

Der Fremde hatte den Kopf wieder gesenkt, redete, aber mehr zu sich selbst. Das ist dreißig Jahre her mit der Träumerei, ja, es muss 1956 gewesen sein.

Sie also ein Teenager?

Fünfzehn, ich habe aber meistens behauptet, ich sei sechzehn, siebzehn. Mein Gott, so nah. Das ist die Musik - es ist Wahnsinn, so nah. Er verstummte. Madonna sang Like A Virgin. Kaufmann summte mit und wartete. Tiger Lily stellte zwei Gläser Rotwein auf den Tisch. Vom Haus, sagte er.

Der Fremde dankte nicht, trank nicht, umklammerte den Stiel seines Glases und schwieg weiter.

Als Kaufmann den Fremden fragte, was ihn hergeführt habe, in diese Gegend, in diese Bar, um diese Zeit, reagierte er nicht. Madonna sang noch immer Like A Virgin.

Kaufmann wiederholte seine Frage.

Der Fremde sah auf. Sind Sie katholisch?

Getauft, ja, sagte Kaufmann.

Todsünde, meine Mutter hat immer von sieben Todsünden geredet. Gibt es so etwas für Sie?

Darüber habe ich noch nie in einer Bar geredet. Kaufmann nahm den ersten Schluck Rotwein. Und wenn Sie darüber reden wollen, aber offenbar nichts trinken, er nahm den zweiten Schluck, warum gehen Sie in eine Bar?

Der Fremde rückte seinen Stuhl näher zu Kaufmann. Seit heute Mittag habe er in Zürich eine Pianobar gesucht, in dem irgendwer Schumanns Träumerei spielen konnte. Die Zeit im Ausland, der Wohnsitz außerhalb, er kenne sich hier nicht mehr aus, habe sich durchgefragt, mühsam: Hotelbars, Szenebars, Cocktailbars mit...

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